Leserartikel-Blog

Reinstes d(OCUMENTA-(13)-Theater: Weder Konzept noch Künstlerliste - Wichtigtuerei der Agenten-BAKARGIEViade

Zum Stande der Dinge bei der dOCUMENTA (13) in Kassel hatte C.C.B. nicht viel mitzuteilen. Sie gab in Berlin am 29.10.10 im Hebbeltheater eine Pressekonferenz und sagte, sie wolle eine d-„AGENTIN“ sein, keine d-„Kuratorin“. Das verkündete die Solo-Leiterin der d13 Carolyn Christov-Bakargiev, die 2012 in der documenta-Stadt Kassel stattfinden soll. „Kuratorin“ löse „zu viele verunglückte Assoziationen aus. Ich finde den Ausdruck zu klebrig“, so die Macherin der BAKARGIEViade.

Und bei der d-Gestaltung folge CCB, so war zu erfahren, "nicht einem einzigen, übergreifenden Konzept, sondern führt, wie in einer Choreografie, vielfältige Materialien, Methoden und Wissensformen zusammen" (taz).

CCB, die – wie Jesus beim Abendmahl (Bild Leonardos) am langen Tisch sitzend - neben einem Quantenphysiker auch die Grande Dame der feministischen Cyborg-Theorie vorstellte, konnte kein Konzept und keine Künstlerliste vorlegen. Brigitte WERNEBURG (taz) sagte in „Noch ohne Titel“: CCB & Co wolle „AgentInnen heißen“ – habe doch „Kurator“ inzwischen einen reichlich schlechten Ruf. „Doch der wird bleiben. Denn nicht anders als der alte Kurator, so wurde am Freitag deutlich, lebt auch der neue Agent intellektuell über seine Verhältnisse. Er berät sich nicht nur mit SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und KulturwissenschaftlerInnen der Generation 2.0; zu seinen "Advisors" gehören auch Experten aus so ultracoolen Bereichen wie Molekularbiologie, Epigenetik oder Quantenphysik.“ Die Nebulösität, das Konzeptuelle betreffend, „folgt einer altbekannten Documenta-Dramaturgie, stellte „art“ fest.

Seit Gründung der documenta 1955 gibt die privatrechtliche documenta-Institution mit jeweiligen Ausstellungen, die früher auch „Museum der 100 Tage“ genannt wurde. An verschiedenen Orten in Kassel sollte ein Überblick auf das zeitgenössische Kunstgeschehen gegeben werden; eine „Förderung des allgemein Besten auf geistig-kulturellem Gebiet“ sollte jeweils erfolgen, was durch sträfliche Sorglosigkeit zumeist NICHT erfüllt wurde. Strafe verdienenden documenta-Willkür-Leichtsinn prangerte ich in vier d-Büchern an; die Unreformierbarkeit (geforderte documenta-Demokratisierung) ist auch im Internet dokumentiert. Die documenta 12 (BUERGELiade), die 2007 unter dem Motto «Ist die Moderne unsere Antike?» Furore machte, war ein Fiasko (siehe Web mit „Verrisse-Mahnmal“).

Am 9. Juni 2012 sollte es eigentlich erst soweit sein - die 13. Ausgabe der Documenta wird ihre Tore öffnen. Aber NEIN, sagte Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der Weltkunstausstellung: die documenta (13) habe längst begonnen. Carolyn Christov-BAKARGIEV (CCB) habe an Joseph BEUYS „ganz unbedingt“ gedacht, als sie bei Giuseppe PENONE (Turin) die Arbeit „Idee di Pietra“ (Ansichten eines Steins) „als erstes Kunstwerk der dOCUMENTA (13)“ in Auftrag gegeben habe, sagte C.C.B. gegenüber der Schweizer 3sat-Kulturzeit Moderatorin Andrea Meier im Interview. Kunst als „soziale Skulptur“ (BEUYS) sei ihr wichtig: ein kleiner lebender Baum werde neben dem toten Bronze-Baumstamm heranwachsen. „Utopische Ansichten“ gebe es zu diesem Punkt: In Zeiten der Krise – kaputter Zeiten - wäre Kunst wichtig. Mit dem 2-Bäume-Kunstwerk wolle C.C.B. „Absurdes und Surrealistisches“ darstellen. Zwei Jahre vor der offiziellen Eröffnung gehe die dOCUMENTA (13) also „ans Werk und pflanzt einen Baum im Park. Wie dieser Baum wird die dOCUMENTA (13) über die nächsten zwei Jahre hinweg wachsen.“ (1)

Arme-Kunst-&-BEUYS-Jüngerin CCB (…)

Wie ein wissenschaftliches Projekt wirke angeblich das dOCUMENTA (13) Werk „Meteorit – El Taco“. Dies glaubt Carolyn Christov-BAKARGIEV (CCB) zum arme-Kunst-&-Steine-Antikunst-WERK: Mit dem an den BEUYSismus erinnernden d13-Beginn will CCB „kein Wissen produzieren, lieber MISSTRAUEN PROVOZIEREN“, so argumentiert die Amerikanerin in einem SZ-Interview. Thema sei für sie „DE-Anthropozentrierung“. “Es ist heute eine unnütze Frage, was Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, was an ihnen spezifisch ist“, sagt die arte-povera-Enthusiastin; ob sie was gegen Naturwissenschaften hat? Und: „Unsere Definitionen, was das Leben ausmacht, stammen alle aus dem 18. oder 19. Jahrhundert“, will die BAKARGIEViade den SZ-LeserInnen weißmachen: Dümmer geht’s eigentlich nimmer (…)! (2) Sie hat keine Ahnung von den Bio-Wissenschaften & EVOLUTION! Ablenken will CCB von der „Aufmerksamkeit von der menschlichen Kultur“ - „oder von der Kunst, dann tut man der Menschheit etwas Gutes“, so provoziert die Anti-Kunsthistorikerin. Sie liebt es, „wenn große existenzielle Fragen berührt werden“.

Zu einer Meteoriten-documenta entwickelte CCB die d 13 danach weiter, wobei NICHT-Kunst als „Kunst“ akzeptiert werden sollte. Verwundert fragte Dirk Schwarze (HNA-Ex-Feuilletonist, documenta-Verteidiger): „Wird die dOCUMENTA (13) eine Ausstellung der Steine?“ Denn auch ein drittes documenta-Projekt habe mit Steinen zu tun, wenn der Künstler Francois Bucher auf einer Expedition in die Gebirgswelt Perus figurenhafte Steinformationen entdecken soll – ein wiederum arme-Kunst-Projekt; Förderung von Anti-Kunst (…). SCHWARZE: „Jetzt stellt sie sich neu und zugespitzt“ die Frage „WO IST DENN HIER DIE KUNST?!“ Zu den (von CCB als „Kunst“ präsentierten) zwei Hälften des Meteoriten “El Taco” meint D.S.: Die „Künstler“ hätten „weder die beiden Hälften bearbeitet noch haben sie irgendwelche Materialien oder Erklärungen beigefügt“. Die Besucher würden sich allein den beiden massiven Blöcken gegenüber sehen. (…) (2)
Die SZ verkündete zusammen mit dpa-Kassel Ende Oktober: Vernetze Kunst, Migration, Quantenphysik - die 13. documenta 2012 in Kassel wolle „auf ein einziges übergreifendes Thema verzichten und mit mehr als 100 Künstlern einer Vielzahl «roter Fäden» nachgehen“.

„Ohne vorgefasstes Konzept“ werde die documenta an das digitale Zeitalter und ihre unzähligen Netzwerke anknüpfen, das habe CCB jetzt in Berlin angkündigt: In Zeiten der drahtlosen Kommunikation könne eine Kunstausstellung als anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts empfunden werden. Die documenta müsse im 21. Jahrhundert die künftige Rolle von Ausstellungen hinterfragen, sagte die Amerikanerin CCB. (www.documenta.de.)

In Berlin versuchte die BAKARGIEViade-Alleinmacherin „die richtigen Fragen zu stellen“, schreibt die KUNSTMARKT-Presse. Darin sehe Carolyn Christov-Bakargiev „die eigentliche, die noble Aufgabe der bildenden Kunst“: „Übertriebene Verkopftheit, mangelnde Sinnlichkeit, einseitiges politisches Sendungsbewusstsein, übertriebene Nähe zum Kunstmarkt, Festival- oder Insidercharakter: Man traut der selbstironischen Kosmopolitin Carolyn Christov-Bakargiev zu, all diese gefährlichen Klippen, die einer Großausstellung wie der Documenta zur Gefahr werden könnten, souverän zu umschiffen.“ Und „ob die Vorschusslorbeeren gerecht sind?“ würde sich angeblich erst am 9. Juni 2012 herausstellen. (http://www.kunstmarkt.de/....)

D13-KRITIK – keine Fehlanzeige

Über Carolyn Christov-Bakargievs „gewagten Ansatz“ vermerkt die FAZ: „Roger M. Buerghel“ – bitte BUERGELiade googeln (ohne „h“) – „suchte 2007 mit seiner Documenta 12 nach dem alles entscheidenden roten Faden, der zur Erkenntnis über die Welt führen sollte. Das kam nicht überall gut an.“ Und „fast ein bisschen panisch“ wirkte in Berlin jetzt die Ankündigung von CCB, „jede Sinnsuche in geordneten Bahnen zu vermeiden“: Sie werde für ihre Documenta leider „auf ein übergreifendes Thema verzichten“ und mit mehr als hundert Künstlern einer „Vielzahl roter Fäden nachgehen“. Von der Digitalen Gesellschaft bis zu Fragen von Wissenschaft und Technologie solle alles Berücksichtigung finden, ein „offenes Konzept für die weltweit führende Ausstellung zeitgenössischer Kunst“. In der medialen Kunstwelt des 21sten Jahrhunderts, „in deren Fülle man eher unterzugehen droht, ist dieser Ansatz gewagt“, so „swka“ von der FAZ.

DER SPIEGEL: „14-köpfiges Team vorgestellt. Was all diese Menschen tun sollen, blieb zwar unklar, das Publikum (…) sprachlos“.

Die SPIEGEL-Autoren erinnerten zu Recht daran: Eigentlich hatte CCB (52) nach ihrer Wahl zur d-13-Chefin versprochen, sie wolle einige ihrer Pläne für Kassel öffentlich diskutieren. „Das hat sich die Amerikanerin schnell anders überlegt.“ Trotzdem gab CCB eine offizielle "Medienkonferenz" im Berliner Hebbel Theater. Sie wolle ihr Kuratoren- und Beraterteam vorstellen, hieß es in der Einladung.

Auf der Bühne saßen dann neben CCB neun ihrer Mitarbeiter – vergleichbar dem Bild von LEONARDOs „Abendmahl“: Das Gemälde "Das Abendmahl" von Leonardo da Vinci (1452-1519) zählt zu den bekanntesten Werken der Kunstgeschichte. Eine unter anderem bei Anthroposophen verbreitete Auffassung besagt, dass Leonardo, der sich intensiv mit mystischen und spirituellen Lehren befasst hat, mit den zwölf Aposteln auch eine symbolische Darstellung des Tierkreises geschaffen hat. (Siehe a&s-p.Malerei und http://de.wikipedia.org/w... ) Insgesamt hat die BAKARGIEViade elf "Advisors" und 14 "Agents" im Team. Das Wort "Kurator" mag die d13-Macherin nicht, sagt sie in Berlin. "Agent" etwa bedeute viel mehr, beziehe sich nicht nur auf den Kunstbetrieb, sondern gehe in verschiedene Richtungen.

Denn ihre dOCUMENTA (13) - so das neue Logo - folge nicht einem einzigen, übergreifenden Konzept, sondern führe angeblich "vielfältige Materialien, Methoden und Wissensformen" zusammen. Deshalb gehörten u.a. auch der New Yorker Entwicklungsbiologe Ali Brivanlou und der Epigenetiker Alexander Tarakhovsky zum Team. Frage: Wird CCB sich etwa mit „ars evolutoria“ (EST & ETOE) auseinendersetzen müssen?

Konkreter wurde Christov-Bakargiev nicht. CCB las auf Deutsch vor, um welche Fragen es auf ihrer Documenta gehen soll. So um die "individuelle und kollektive Emanzipation durch Kunst" beispielsweise, um eine Reihe "heterogener Ontologien", die die paradoxen Bedingungen des heutigen Lebens und der aktuellen künstlerischen Produktion hervorbringen.

„So delikat, man hüllt sich in Schweigen“ – Zwischentitel-Überschrift des SPIEGEL:

Für ihre Ausstellung werden mehr als 100 Künstler diese "heterogenen Ontologien und Faktoren" erforschen, und einige historische Kunstwerke werden dazu im gleichen Kontext ausgestellt werden. Die Documenta werde sowohl eine Ausstellung als auch ein "State of Mind" sein. „ALSO NICHTS NEUES“ = Spiegel-Fazit.

Zu den Beiträgen anderer Konferenz-Teilnehmer – siehe mehr auf der Webseite der Documenta. Auch, dass die Documenta schon jetzt an verschiedenen Orten begonnen hat, weil Christov-Bakargiev Vorträge hält, eine Baum-Skulptur des Altmeisters Giuseppe Penone in Kassel einweihte und Symposien wie das in Turin veranstaltet, an dem alle ehemaligen Documenta-Chefs sich trafen, sei bekannt – so DER SPIEGEL. Auch das Künstlerprojekt und Künstlerbuch "El Taco" (s.o.) erwähnt das Magazin online. Die Autoren weiter: „Anderes weiß man nicht - und wird man auch nie wissen. So gibt es beispielsweise Agenten, die im Verborgenen agieren, wie etwa ein Schriftsteller. Auch welche Funktion der anwesende Andrea Vitelli hat, sei so delikat, dass er darüber nicht sprechen könne. Sagt er. (…)“

Fazit: So erfuhren die Medien auf dieser Pressekonferenz „eigentlich wenig über Christov-Bakargievs Konzept. Auch nicht, nachdem sie aus einem Brief vorliest, den sie an alle richtet und den sie fortschreiben wird. Eher bleibt das Gefühl, einem Brainstorming beigewohnt zu haben, das noch ohne Ergebnis ist.“

Am Ende kommt keine einzige Frage aus dem Publikum. „Eine wirkliche Theateraufführung“ (…)!

LITERATUR / Links / Anmerkungen

(1) Siehe Werner Hahn in DIE ZEIT v. 25.06.2010: UNZEITgemäß: Erstes ARME-KUNST-dOCUMENTA (13)-Werk - BAKARGIEViade-arte-povera-Kunst.de 2012? (http://community.zeit.de/...). Mit 21 a&s-p-Bildern: http://www.myheimat.de/gl... .

(2) HAHN, Werner (2010): dOCUMENTA (13): Carolyn Christov-BAKARGIEV blamiert sich mit „armer NICHT-Kunst“ (v. 6/10/10) - http://community.zeit.de/... Auch in der „Gießener Zeitung“ mit 15 a&s-Bildern: http://www.giessener-zeit...