Leserartikel-Blog

LEBEN besiegt TOD: ALPTRAUM-Ende beim WUNDER in Chile ohne TRAUMA-Probleme?

1 Milliarde Zuschauer haben die Rückkehr der Bergleute über den Rettungsschacht aus der Erzbergwerktiefe über die enge Rettungskapsel an Fernsehbildschirmen mitverfolgt. Die 33 Männer – „Neugeborene“ – wurden frenetisch bejubelt; emotionale Momente. Das Wunder von dem Alptraum-Ende der Arbeiter der Kupfer- und Goldmine San Jose ist wahr geworden. Die Kumpel hatten 69 Tage in 700 Meter Tiefe verbracht. Die Menschen sangen die Nationalhymne. Präsident Sebastian Piñera, der während der gesamten Aktion am Ausgang des Rettungsschachtes ausgeharrt hatte, begrüßte die Kumpel mit den Worten: "Willkommen zurück im Leben."

"Wir waren schon Papst, Weltmeister oder Lena - und gestern nun also Chilenen", schreiben deutsche Pressevertreter; so die „Badische Neueste Nachrichten“. „Die bewegende Rettung der Bergleute hat auf beeindruckende Weise gezeigt, wie emotionale Ereignisse ganze Nationen zusammenrücken lassen." Der Bergbaunation Chile sollten wir Respekt zollen: Was die Chilenen bei dieser klug geplanten High-Tech-Rettungsaktion mit US-Hilfe geleistet haben, war eine technische Pioniertat, auf die wir alle stolz sein dürfen.

Erfüllung der Sicherheitsauflagen für das Erzbergwerk – Fehlanzeige?

Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ dämpft die Euphorie und mutmaßt, „dass das - psychische - Leid der Geretteten womöglich nun erst beginnt“. Es dürfe im Freudentaumel auch nicht übergangen werden, „wie es überhaupt zu der Katastrophe kommen konnte“. Doch werde diese Geschichte „kaum noch jemanden interessieren“, glaubt diese Zeitung. Dagegen schreibt der „General-Anzeiger“: "Der Stollen der Mine San José brach ein, weil die Besitzer des Bergwerks nicht die nötigen Vorkehrungen getroffen haben und von den Behörden nicht zur Erfüllung der Sicherheitsauflagen gezwungen wurden. Der hohe Weltmarktpreis für Edelmetalle, die Gier nach schnellen Gewinnen war stärker als das Verantwortungsbewusstsein, wie es die chilenische Abgeordnete Isabel Allende formulierte. Die Bergleute sind gerettet. Die eigentliche Debatte steht erst noch aus."

Wie steht es jetzt um die Gesundheit der Geretteten? Psychologische Betreuung ist wohl angesagt nach der Rettungsaktion.

Die meisten verschütteten Bergleute in Chile haben mittlerweile nach siebzig Tagen Gefangenschaft unter Tage gesund und munter die Erdoberfläche erreicht. Einer mit Freudentanz nach der Rettung, der den Alltag der Verschütteten unter der Erde gefilmt hat, als zweiter der Rettungsaktion. Für die Bergung der restlichen Kumpel waren zwei Tage veranschlagt; nun ging alles schneller.

Nach der Rückkehr der Helden von San José müssen sie auch mit der Flut der Medien - mit nun, nahe des Minengeländes, mehr als 1200 Journalisten im „Camp der Hoffnung“.

Zur Berichterstattung über die verschütteten Kumpel sagte der Gladenbacher Dr. Georg PIEPER (1)im ZDF spezial am 13.10., das Welt-Interesse habe den Helden „gut getan“; aber in Chile würden die geretteten Bergleute und Angehörigen sicherlich bald durch Medienvertreter „drangsaliert“: „Missgunst unter den Bergleuten“ könnten die Folge sein; wer kann Karriere machen, Geldverdienen mit Interviews (…). Trauma-Folgestörungen entwickelten sich erst, wenn eine Bewältigung (psychologische Verarbeitung) der erlebten Ängste nicht erfolgt, erklärte der Gladenbacher Fachmann im ZDF (siehe dazu a&s-Bilder - GIEßENER ZEITUNG online). „Die Männer in Chile werden viele Monate lang Hilfe brauchen.“

Witwen des Gruben-Unglücks von BORKEN (1988) hat Traumaexperte Pieper betreut, die es heute als „Gau für die Psyche“ empfinden würden, dass der BORKEN-Unfall damals verhinderbare, vorhersehbare Ursachen hatte! Pieper wurde 1988 als erster Psychologe hinzugezogen, als 6 Bergleute 3 Tage lang in einem Stollen im hessischen Borken verschüttet waren. Nach ihrer Rückkehr aus den Stollen warteten neue Anforderungen auf die Eingeschlossenen: "Wenn die Bergleute rauskommen, wird es schwierig", sagt der Traumaexperte Georg Pieper. Dann bräuchten die Männer unbedingt psychologische Betreuung.

Die Erfahrung von Todesangst und Trennung von Familie und Freunden werde unterschiedlich verarbeitet: "Der eine macht sein Testament, der andere ist unerschütterlich", so Piper. Im Anschluss an eine solche Erfahrung könnten sich laut Pieper Trauma-Folgestörungen entwickeln, wie Depressionen oder Klaustrophobie. Auch der Druck durch die Medien könne als Belastung erfahren werden.

Auch Enrique Chia, Psychologe an der katholischen Universität Chile, prognostiziert: "Das alte Leben ist vorbei." Das neue Leben der Kumpel berge eine Menge Risiken. "Wenn sich die Lebensbedingungen plötzlich ändern, muss man sich neu anpassen", sagt er. "Angesichts des Todes denkt jeder darüber nach, was er im Leben erreicht hat und was nicht", sagt Margarita Loubat von der Universität Chile. Auch bei diesem Prozess bräuchten die Männer Begleitung.

Wenn die Bergleute an die Oberfläche kommen, sollen sie zunächst zwei Tage im Krankenhaus untersucht werden. Sehschwierigkeiten beim Kontakt mit Tageslicht, Hautprobleme und Zahnschmerzen wurden bereits als mögliche Probleme erkannt. Die Regierung werde die Männer, die jetzt „Volkshelden“ geworden seien, nicht im Stich lassen, betonte der chilenische Gesundheitsminister Jaime Manalich. Er stellte den Bergleuten professionelle psychologische Unterstützung für mindestens sechs Monate in Aussicht.
Nach Ansicht des Psychologen Chia wird der Umgang mit der Außenwelt am schwierigsten sein. "Die Familie, die Gewohnheiten, die Realität des Landes - alles hat sich geändert", sagt er. Experten der US-Weltraumbehörde NASA, die die chilenischen Rettungstrupps im September berieten, hatten besonders auf die Auswirkungen der "hohen Bekanntheit im Land, den Druck durch die Medien und die Gesellschaft" hingewiesen. "Einige Bergleute werden mit TV-Angeboten bombardiert werden. Sie können sogar Karriere machen", sagt René Rios, Soziologe an der katholischen Universität. Das werde einige Monate anhalten.

„Rettungsanker für Hoffnungslose“

So titelte die SZ: Trauma-Therapeuten helfen Unglücksopfern, Kriegsleidenden und anderen seelisch Betroffenen aus ihrem emotionalen Leid. In der Süddeutschen Zeitung (19.11.2000)lesen wir „Akuttrauma" nennt sich die Phase der ersten vier Wochen nach einem schlimmen Vorfall, bei dem die Opfer besonderen Beistand brauchen. Das wichtigste sei es – so meinte Psychotherapeut Georg PIEPER (Gladenbach),den Opfern zu vermitteln, dass ihre Reaktion ganz normal ist. Unnormal sei die Situation, mit der sie nicht fertig werden: „Diese Menschen kommen mit ihrem Leben nicht mehr klar, können nicht mehr essen, schlafen, lieben. Sie stehen an einem Abgrund“, so die SZ. „Akut Traumatisierte würden nicht therapiert, sondern nur betreut“ – „Früher haben das oft Notfallseelsorger erledigt, allerdings nicht sehr professionell", sagt Pieper.

In dem Artikel erfährt der Leser: Der deutsche Psychotherapeuten-Verband beobachtet die Trauma-Therapie mit großer Aufmerksamkeit. "Der Trauma Markt boomt", sagte Pressesprecherin Karin Flamm.Etwa 300 Spezialisten für Akut-Traumata gebe es in Deutschland, schätzt sie 2000. An der Wirksamkeit der Trauma-Hilfe zweifle keiner: "Früher grübelte man viel über die Schwächen in der Kindheit. Heute ist das Trauma eine der häufigsten Diagnosen bei psychischen Auffälligkeiten", so Flamm.

Zu Georg PIEPER

Dr. Georg Pieper, Jahrgang 1953, Psychologischer Psychotherapeut - psychotherapeutisch tätig seit 29 Jahren, niedergelassen in eigener Praxis für Trauma- und Stressbewältigung -, war 1988 gefragt: Fünf Jahre betreute er Opfer, Angehörige und Einsatzkräfte des Grubenunglücks BORKEN.

Auch betreute er Betroffenen und Einsatzkräfte der Flugschaukatastrophe RAMSTEIN (1988) sowie Betroffenen des Tanklastunglücks HERBORN (1989) und seit 1998 die Betreuung der Opfer und Angehörigen der ICE-Katastrophe (Eschede). Seit 1999: Betreuung einer MEIßENER SCHULE nach der Ermordung einer Lehrerin, April 2002 arbeitet Pieper mit bei der Organisation der psychologischen Nachsorge nach dem AMOKLAUF eines Schülers in ERFURT (17 Tote) im Auftrag der Thüringischen Landesregierung.

Georg Pieper - Fachmann im ZDF spezial zur Rettung der Kumpel in Chile (13/10; siehe a&s-Bilder) und aktuell im Interview bei WELT Online (2):

Ebenda sagt PIEPER u.a.:

(...)
WELT ONLINE: Wonach sehnen sich die Männer am meisten?

Pieper: Nach ihren Ehefrauen, Kindern, Geschwistern und Eltern. Das wird eine hochemotionale Angelegenheit. Ich glaube, da kann sich jeder gut rein versetzen, wenn man so ungewollt abgeschnitten ist von seinen Liebsten, über Monate, und sie dann endlich wieder in die Arme schließen darf. Danach sehnen sie sich. Wahrscheinlich mehr als nach einem Bier.

WELT ONLINE: Kann die Euphorie für die Familie auch umschlagen. Vielleicht stellt mancher sich unter Tage seine Ehe heiler vor als sie letztendlich ist?

Pieper: Ja und nein. Es kann sein, dass jemand, der vorher sehr unzufrieden war, den Kleinigkeiten in der Familie oder Beziehung schon genervt haben, dass der jetzt für sich erkannt hat, wie schön es doch ist, Normalität haben zu können. Normalität heißt ja, normale Unstimmigkeiten in einer Familie durchzustehen und auch mal Spannungssituationen zu ertragen. Den Wert davon zu erkennen gelingt vielen erst, wenn sie in so einer dramatischen Situation wie die Bergleute sind.
(...)

Anmerkungen

(1) http://www.trauma-bewaelt...

(2) Siehe aktuell ein Interview mit Georg PIEPER in Welt Online: http://www.welt.de/vermis...