Leserartikel-Blog

Joseph BEUYS 2010: War er die REVOLUTION oder evolutionär? Düsseldorfer „Auferstehung“

Wie konnte es nur passieren, dass ein Künstler, der neben Andy WARHOL – Popism-All-Is-Pretty-Figur , „Alles-ist-schön-Ästhetik“ - als der bedeutendste der gesamten Kunstwelt galt, so sehr in Vergessenheit geriet? Zwanzig Jahre nach seinem Tod war es still geworden um den Kunstkommerz-Star Joseph BEUYS. Zu still. J.B. galt angeblich „neben Warhol als der bedeutendste und schillerndste der gesamten Kunstwelt“: Weil er es „in einem Zeitalter metaphysischer Obdachlosigkeit“ wagte, „sich als Heiland aufzuspielen“; nach der SZ begriff er sich „tatsächlich als Salvator“. Und der ehemalige „Wanderprediger Beuys“ sei als ein selbsterklärter „transzendentaler Arzt" (Novalis) durch seine „Erlösung der Welt durch Kunst“ eine AUFERSTEHUNG wert. Trotz Beuys’ „mythologischer und alchimistischer Anleihen“ blieb J.B. in den Augen seiner Jünger „eine Art Messias“, stellte Holger LIEBS (so Ex-SZ-Feuilletonist am 20.1.06 in der SZ) kunstkritisch fest. SZ-Artikel zum 20. Todestag: „Die Revolution war er“.

„Weltruhm für einen Scharlatan?“, fragte noch 1979 der „Spiegel“ mit einer Titelgeschichte; Anlass war Beuys' umfangreiche Retrospektive im Guggenheim-Museum, dem Olymp der Modernen Kunst. Das „Mekka der Kunst“ liege derzeit in Düsseldorf, behauptet jetzt die FAZ: Für die sog. „Quadriennale“ haben sich dort zehn Museen zusammengetan und zeigen, was die jüngste Geschichte der Stadt zu bieten hat: mit Joseph BEUYS (1921-1986), der zu Lebzeiten bei bestimmten Leuten außerordentlich beliebt war. Bei seinen Schülern, Sammlern und Anhängern. Noch immer gilt er als wichtigster Wegbereiter eines neuen Kunst-Verständnisses neben Andy WARHOL. Beuys war verhasst beim „Spießer“ ist zu lesen, der seine „Kunst“-Aktionen als Ärgernis empfand. Und auch bei Johannes RAU. Der als Minister dem Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie 1972 Hausverbot erteilt hat: weil er sich über eine Zulassungs-Beschränkung hinweggesetzt hatte und 268 statt 30 Studenten in seiner Klasse aufnahm. Beuys hat sich für „direkte Demokratie“ eingesetzt und ab 1979 für die Grünen kandidiert.

In Kassel lernte ich den freundlichen BEUYS persönlich kennen. Auf der SZEEMANN-documenta 1972 (d5): In meinem ersten documenta-Buch befasste ich mich mit dem Phänomen BEUYS: In Kap. V 2 „Kunst am Nullpunkt (in Nullform) - Basiskriterien für die documenta 9 durch Joseph BEUYS posthum?“ (S. 61-63) und Kap. V 3. „Ein Interview mit Joseph BEUYS: "documenta" und Kunstfreiheit, Jurierung, Auswahlkriterien, Manipulation, Kunstkritiker“ (S. 64-65). (1)

Als „Nicht-Spießer“ befasste ich mich auch in Artikeln und Kommentaren im Internet mit J.B.: Interessant ist für die Nachkriegs-Moderne und Gegenwartskunst, dass SCHMALENBACH der hohe Qualitäts-Maßstäbe angelegt hat:, als Museumschef in der Beuys-Stadt Düsseldorf die Anti-Kunst des Joseph BEUYS abgelehnt hat und dessen Objekte nicht gesammelt hat. Den BEUYS (mehrfacher documenta-Star) hielt er für einen „nicht talentierten Scharlatan“ (SZ v. 7.7.10.) Und BEUYS’sche „Kunst“ passte nicht in SCHMALENBACHs Konzept. Angesichts dürftiger „aktueller“ Kunst verließ der Kunstfachmann seinerzeit konsequent den Arbeitsausschuss der documenta 3: „aus Gründen der künstlerischen Überzeugung“. (2) Ich notierte ebenda: Miterleben kann/muss W.S. somit auch dies nicht mehr: Ab dem 11. September zeigt das K20 die Joseph-Beuys-Ausstellung "Parallelprozesse" mit 300 Rauminstallationen, Zeichnungen, Objekten, plastischen Bildern und Relikten von Beuys' Fluxus-Aktionen. In der Kunstsammlung NRW, K20, Grabbeplatz, Düsseldorf - www.kunstsammlung.de .

Am 11.10.2008 kommentierte ich als Nicht-Spießer einen FAZ-Beitrag kritisch so:

Der „schamanisch-depressiven Mythensucher“ Beuys und die LehrerInnen

Fakt ist, dass Beuys nicht für alle KUNST-LehrerInnen „wichtig“ war. „Parteien“-Unabhängige hatten NICHT „mit Beuys gegen ihre Lehrer gekämpft, die Beuys für einen Scharlatan hielten“. Den „erweiterten Kunstbegriff“ propagierten NICHT alle (Kunst-)-Lehrer, denn Bewusstseins-Bringen á la Beuys erkannten viele als nicht „korrekt“: Nicht-jeder-Mensch-ist-ein-Künstler. Beuys’ Gesellschaftsbild wurde durchschaut, durfte aber auf jeder documenta gepredigt werden. Gegen „L’art pour l’art“ hat sich Prof. Spies in seiner Kiefer-Laudatio ausgesprochen. Eine extreme Gegenposition zu der durch Spies laut SZ (20.11.) „hingerichteten“ klassischen abstrakten Moderne (damit auch der Postmoderne-Abstraktion) ist Spies’ Kunst-Auffassung mit zweckbestimmter, politisch-agitatorischer Zielrichtung (Beuys & Co). Der Mythomane und Beuys-Schüler Kiefer belegte auch mit seiner Dankes-Rede wiederum, dass er DER Mann der zeitgenössischen „L’art pour le mythe & la mystique“ ist. Dem „schamanisch-depressiven Mythensucher“ Beuys galt die Friedenspreis-Rede (posthum) ebenso. Beuys’ Werk war als „Anti-&-Nicht-Kunst“ musealisierbar und vermarktbar. Ob Meme seiner magisch-mythischen „Kunst“-Welt kulturelle Evolution (Erkenntnis) förder(te)n, ist die große Frage!

KUNST/KITSCH & qualitätsvolles Denken & BEUYS

Der Kulturkritiker Theodor W. ADORNO schrieb in seiner "Ästhetischen Theorie": Eines der Momente von KITSCH wäre die Vortäuschung nicht vorhandener Gefühle und damit deren Neutralisierung sowohl wie die des ästhetischen Phänomens. KITSCH wäre die Kunst, die nicht ernst genommen werden kann. Ebenso postulierte der US-Kunstkritiker Clement GREENBERG es gäbe nur "echte Kunst" und "Nicht-Kunst", den KITSCH, denn letzterer sei der "Inbegriff alles Unechten".

Geschmack ist eine Form von Sozialkompetenz: „kulturell und sozial bedingt“, sagt H.R.: GUTE Kunst wolle „begriffen und gedeutet werden“, sei eben „kein weichgespülter Mystizismus und keine privatmythologische Esoterik“ oder „Kryptizismus“ aus manierierten, unzugänglichen „Hirngespinsten“ etwa. Gute Kunst sei eine, „die den Betrachter zur Deutung einlädt, ohne gleich vollständig ausdeutbar zu sein“.

Hanno RAUTERBERG erwartet vom Kunst-Betrachter „qualitätsvolles Denken“ und beschreibt, „warum aus Kunst so leicht Kitsch wird“ (S. 187 ff. in „Und das ist Kunst?!“): H.R. fordert ein Nachdenken, Reflektieren über das Erblickte – „jede andere unbedachtere Form der Kunstbegegnung führt schnurstracks in den Kitsch“. KITSCH bedeute Spaltung der Persönlichkeit: „(…) Kitsch gibt vor, von seinen Käufern nichts außer ihrem Geld zu verlangen (…)“, so GREENBERG. Nur gefällig sein, nur schön tun und ohne tiefere Absicht, wollen die schwülstigen und (für mich) geschmacklosen Spielzeug-Welten des KOMMERZ-Duos KOONS & MURAKAMI. (3)

Zu BEUYS meinte der DIE ZEIT Kunstkritiker RAUTERBERG: Beuys – eine „Spezies (…) heute eher rar geworden“ - hatte den „Sozialorganismus“ im Blick. Er vertrat das angeblich unerschütterliche „Prinzip, dass unsere Kunst heute nicht mehr Kunst sein kann, wenn sie nicht ins Herz unserer vorgegebenen Kultur hineinreicht und dort transformierend wirkt …, eine Kunst, die nicht die Gesellschaft gestalten kann und dadurch auch in Herzfragen unserer Gesellschaft, letztlich in die Kapitalfrage hineinwirken kann, ist keine Kunst. Das ist die Formel.“ (Zitat nach Rauterberg aus Wolfgang ZUMDICK - „Über das Denken bei Joseph Beuys und Rudolf Steiner“; 1995.) Nach H.R.s Fazit hat Beuyssche Kunst „nicht die Gesellschaft gestalten“ können. (S. 245, „Und das ist Kunst?!“; ebenda S. 250 zur Geschichte der legendären „Fettecke“ von J.B., die 1988 von einer Putzfrau entsorgt wurde.)

BEUYS als „Homo politicus“ (Weltverbesserer) blendet aktuell eine große, für Beuys-Gegner & Freunde sehenswerte Beuys-Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen weitgehend aus. In dem von Direktorin Marion ACKERMANN und Isabelle Malz kuratierten „Quadriennale“-Beitrag steht der Bildhauer und (ANTI)Künstler Joseph Beuys im Zentrum (bis 16.1.2011).

Auf 3 000 Quadratmeter in drei Hallen sind 300 Werke aus eigenem Bestand und Leihgaben aus aller Welt ausgebreitet, aber KEINE Dokumentationen, KEINE Erläuterungs-Texte und nur fünf Filmaufzeichnungen von Aktionen. Das könnte alle jene Beuys-Anhänger ärgern, die die Aktionen für das Zentrum von Beuys’ Werk halten.

Die beiden Kuratorinnen versuchen in Düsseldorf in das facettenreiche Beuys’sche Werk einzuführen: Sie entwerfen die Chronologie von Beuys’ künstlerischem Denken und Handeln. Beim ausgestellten „Hasengrab“ (1962-67), das aus einem Brett mit abfallähnlichem Medizingerät, Fett und Farbe besteht, heißt es: „Aber hier bricht Beuys mit der bildhauerischen Tradition und dem geschlossenen Bildkörper“, so Ackermann. In seinen Zeichnungen, Skulpturen und Installationen ging es um Beuys’ Sorge um die Kreatur; sein Blick für Verletzungen, sein Wunsch nach Welt-Verbesserung.

Beispielsweise auf der Baby-Badewanne aus der Sammlung des Verlegers Lothar Schirmer kleben Heftpflaster – deutlicher Ausdruck der Sehnsucht nach Heilung. „In einem rhythmischen Wechsel aus Weite und vertiefenden Kabinetten führt die Ausstellung Beuys’ Beschäftigung mit Natur und Landschaft, dem menschlichen Körper, dem Bild vom Paar, vom Tier (Hase, Hirsch) und der Symbolform Kreuz ein“, lesen wir im „Handelsblatt“, für das BEUYS „neben Andy Warhol (…) als wichtigster Wegbereiter eines neuen Kunstverständnisses“ gilt. Ackermann hat die Ausstellung mit Beuys „Parallelprozesse“ genannt. Bildkünstlerisches Arbeiten und das Reden darüber bilden bei Beuys eine Einheit. „Aber auch die Überlagerung von Themen betrachten wir als Parallelprozesse“, so die Direktorin.

Auch bekannte Groß-Installationen werden präsentiert: „Das Rudel“ z.B., Produkt von 1969, als Beuys den gebrauchten VW-Bus seines Galeristen René BLOCK hinter 24 Sportschlitten (made in DDR) mit Fett und Filz gespannt hat. Deren Aufstellung ist nicht dokumentiert.

BEUYS HEUTE im Spiegel der Medien (Feuilleton – Kultur)

Swantje KARICH schreibt in der FAZ am 11.9.10:

„ (…) Wenn Beuys schließlich mit seiner Tonaufnahme „Ja Ja Ja Ja, Ne Ne Ne Ne“ von 1970 durchs Treppenhaus treibt, fangen sein Wolf und sein Hase trotz Klinikatmosphäre an, Richtung Olymp zu rennen. Trotzdem ist diese Ausstellung nicht der Höhepunkt. Denn sie ist nicht radikal. Das gilt auch für die zweite große Schau der Quadriennale, für Nam June Paik im Museum Kunst Palast. (…) Die Mutigen in Düsseldorf finden wir an anderen Orten. Denn sie ist wirklich ein Kunstfestival geworden, die Quadriennale. Zehn Museumsausstellungen plus diverser Partnerausstellungen und Skulpturen im öffentlichen Raum - Düsseldorf hat es geschafft, seine große, jüngste Geschichte wiederzubeleben.“

Das Kunstmagazin „art“ berichtet in Heft 9/2010 über

BEUYS: DIE HEIMKEHR – BEUYS-Boom?

Er sei der „berühmteste deutsche Künstler des 20. Jahrhunderts“ ist zu lesen, doch das Werk von Joseph Beuys drohte zuletzt zu verblassen. Nun werde J.B. von einer neuen Generation entdeckt, und seine Heimatstadt Düsseldorf ehrt ihn mit einer großen Schau.

Ralf SCHLÜTER schreibt bei seiner „Spurensuche“:
Der "Mann mit dem Hut" sei 24 Jahre nach seinem Tod noch immer der berühmteste deutsche Künstler. Nun sei das Interesse am Künstler neu erwacht – Berlin war erst der Anfang und die Pace Gallery brachte sein Werk im Frühjahr mit einer kleinen Retrospektive zurück nach New York. Das Museum of Modern Art (MoMA) widmet ihm seit kurzem eine Dauerpräsentation und dann die Stadt Düsseldorf, zelebriere nun „die Heimkehr ihres berühmtesten Künstlers“. "Parallelprozesse" heißt die Schau, mit der Direktorin Marion Ackermann „den Beuys-Boom auf die Spitze treiben will“: Im K20 soll "der ganze Beuys" gezeigt werden.

Der Professor und Parteigründer, Prediger und Medienprofi, Schamane und Aktivist – „mühelos spielte Beuys verschiedenste Rollen“, schreibt „art“. Verbunden war alles durch den "erweiterten Kunstbegriff" und eine Utopie des Kreativen: Beuys wollte die Kunst auf das Leben ausweiten und den Menschen bessern und steigern.

Beuys interessierte sich für „Urformen des Lebendigen“ heißt es im Artikel, „aber man hat nie das Gefühl, er habe deren Wesen fixieren wollen“. Stattdessen habe er „Zustände, Übergangsstadien, Verwandlungen“ gezeigt.

Dass Beuys sich im Alter von 20 Jahren freiwillig zur Luftwaffe meldete, ist bekannt. Aus dieser Zeit stammen die Mythen, die zur Künstlerfigur Beuys gehören und die – so „art“ - bis heute absurde Vorwürfe wie "ewiger Hitlerjunge" provozieren:

„Es scheint erwiesen, dass die berühmte Geschichte vom Absturz des Kampffliegers Beuys, den Tataren auf der Krim mit Fett und Filz gesundpflegten, so nicht stimmt. Fest steht, dass er als Bordschütze aktiv am Krieg beteiligt war; auch der Absturz ist belegt. Obwohl Beuys das Thema nicht mied, scheint kaum jemand wirklich nachgefragt zu haben, was genau er im Krieg erlebt und getan hat; Interviewer wichen an dieser Stelle meist zurück, und Weggefährten berichten übereinstimmend, das sei ‚so konkret nie Thema gewesen’".

Ein Essay, publiziert im amerikanischen Kunstmagazin „Artforum“, trug den Titel „Twilight of the Idol“, zu Deutsch: Götzendämmerung. Autor war der Kunsthistoriker Benjamin H. D. BUCHLOH. Ihn interessierte die Frage: Welches Verhältnis hat der als Schamane auftretende Beuys eigentlich zur deutschen Geschichte? Und welchen Glauben konnte man seiner Selbstmystifizierung schenken, allen voran der Legende vom Flugzeugabsturz auf der Krim im Jahr 1944?

„Ich erinnere mich an den Filz“, heißt es bei Beuys, „aus dem ihre Zelte gemacht waren, an den scharfen Geruch von Käse, Fett und Milch. Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrte, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält.“

Buchloh war in den achtziger Jahren der Erste, der an der Glaubwürdigkeit der Geschichte zweifelte und noch dazu ein Muster deutscher Geschichtsklitterung der Kriegsgeneration darin erblickte: Julia VOSS (FAZ): Aus dem Unteroffizier und Bordschützen Beuys, der für das nationalsozialistische Deutschland einen Einsatz flog, machte die Erzählung ein Kriegsopfer; das bombadierte Gebiet verwandelte sich in ein märchenhaft verschneites Niemandsland, jenseits von Politik und Besatzung, in dem ursprüngliche Menschenstämme nach der Art von Druiden Wunderheilmethoden praktizierten. 1996 erschien die Beuys-Biographie „Flieger, Filz und Vaterland“ von Frank GIESEKE und Albert MARKERT.

In den Akten des Krankenbuchlagers ließ sich nachschlagen, dass Beuys vom 17. März bis zum 7. April 1944 im mobilen Feldlazarett 179 gepflegt wurde. VOSS: Zwischen dem Absturz am 16. März und der Einlieferung am 17. März lagen also nicht zwölf Tage, sondern maximal vierundzwanzig Stunden. Mit der dubiosen Gründungslegende geriet das Gesamtwerk ins Rutschen: „Der Filz, nach Beuys ein Symbol für Schutz und Wärme, schien auf einmal nur noch ein Werkzeug in dem selbstgezimmerten Mythenraum zu sein, zu dem die eigene Vergangenheit umgebaut worden war. 2008 legte der Schweizer Kunsthistoriker Beat WYSS nach, indem er Beuys den ‚ewigen Hitlerjungen’ nannte und in seiner Kunst vor allem einen kryptofaschistischen Verblendungszusammenhang sehen wollte.“ (FAZ v. 28/12/2009.)

KÖLN – DÜSSELDORF – BERLIN & Kunstmetropolengehabe

Nicola KUHN berichtet in DIE ZEIT/Der Tagesspiegel:

Düsseldorf habe ein „neues Problem“. Es sei nicht länger Köln die ewige Konkurrentin, Düsseldorf habe Köln längst hinter sich gelassen, nach dem Einsturz des Stadtarchivs und dem Exodus von Künstlern und Galeristen. „Jetzt ist Berlin die große andere, über deren Kunstmetropolengehabe sich die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt ärgert“, wie der Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk ELBERS unumwunden eingestehe. KUHNs KRITIK an der „Quadriennale“:

Das Einzige, was man dieser Quadriennale vorwerfen kann: der „Hang zu alten Helden“. Zu diesem "Club der toten Künstler" passe der Festivalslogan "Kunstgegenwärtig" kaum!
KUHN bedauert: BEUYSsche Werke „sprechen nicht ohne weiteres zum Betrachter“: Und „die Ausstellung selbst enthält sich jeder Erklärung. Dafür soll die Lektüre des ausgezeichneten Katalogs sorgen.“

So scheine sich zu bestätigen, „was Liebhaber der Zeichnungen schon immer behauptet haben: Nur sie werden am Ende bleiben, ihre Zugänglichkeit überdauert die Zeit.“

Zu den Groß-Installationen des „Charismatikers“ J.B. vermerkt DIE ZEIT:

Die Palazzo-Installation sei als Finale ans Ende der großen Ausstellungshalle gerückt, in einer Phalanx mit den Hauptwerken Zeige Deine Wunde und Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch: „Aus der einstigen Grabeskapelle, zu der sich das Ensemble aus zwei Messingglasvitrinen mit den Klangbecken, Fellmantel, Eisenkopf sowie den sieben mit Firnis und Goldstaub überzogenen Messingtafeln an den Wänden vereint, ist nun durch die Vergrößerung der Raumdimensionen, das Auseinanderziehen der einzelnen Elemente eine gewaltige Kathedrale geworden.“ Joseph Beuys sei „heimgekehrt nach Düsseldorf“: Die Kunstsammlung zelebriert den großen Sohn der Stadt, angeblich „den wichtigsten deutschen Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Der Versuch einer Wiedererweckung wirkt wie ein Requiem.“

Die „Süddeutsche Zeitung“ informiert:

"So eine Installation ist ja keine Puppenstube", habe Marion Ackermann gesagt, die, wie ihre Co-Kuratorin Isabelle Malz, zu einer Generation von Museumsmenschen gehört, die den 1986 gestorbenen Künstler nicht mehr selbst erlebt haben. Ihrem Katalog-Vorwort stellen sie selbstbewusst ein Beuys-Zitat aus dem Jahr 1975 voran, „das ihnen gewissermaßen im Vorhinein Absolution“ erteile:

"Die Museen werden dadurch, dass andere Menschen hineinkommen, auch immer wieder anders mit den Dingen umgehen."

Catrin LORCH SZ zitiert:
"Die Abwesenheit seiner charismatischen, unermüdlich sich dem Dialog mit den Menschen hingebenden Persönlichkeit stellt die Kuratoren und Restauratoren vor brisante Entscheidungen", schreiben Ackermann und Malz, "dennoch hat Beuys wie kaum ein anderer Künstler seine Werke den Museen anvertraut. Im Vorgang des Ablegens gab er seinen Arbeiten jeweils eine neue Form und überführte sie in einen Zustand, in dem sie fortexistieren können."

Tatsächlich würden noch viele Generationen von Kuratoren sich mit dem 1921 in Kleve geborenen Künstler auseinandersetzen: Anders als bei vielen Kollegen aus dem Zwanzigsten Jahrhundert, bleibe die „Rezeption seines Werks lebhaft“, ja sie habe sich sogar schon „fundamental fortentwickelt“: seit Armin ZWEITE vor zwanzig Jahren an gleicher Stelle mit "Joseph Beuys. Natur. Materie. Form." den wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts nach Düsseldorf, wo er gelebt, gearbeitet und gelehrt hatte, zurückholte. (4)

EPILOG

Der Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Kunsttheoretiker, Politiker und Pädagoge Joseph Beuys setzte sich in seinem umfangreichen Werk intensiv mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie auseinander. Dies führte zu seiner spezifischen Definition eines erweiterten Kunstbegriffs und zur Konzeption der „Sozialen Plastik“ als Gesamtkunstwerk, in dem er Ende der 1970er Jahre ein kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft und in der Politik forderte. Beuys gilt bis heute weltweit als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Joseph BEUYS: Basalt-Steine für evolutionäre Prozesse oder REVOLUTION?

Ohne die DUCHAMP-Readymade-Ikone von 1913 wäre der Antikünstler BEUYS nicht in Berlin vertreten: Mit dem „einsamen“ DUCHAMP-Anti-Kunstwerk (Schemel & Fahrradreifen, 1913 - "Roue de bicyclette") wird Sammler-„Kunst“ (DADAISMUS z.B.) heute nicht plötzlich SUPER! Nicht-Kunst-Interessierte sollten wissen, dass Marcel DUCHAMP die ersten „Readymades“ der Kunstgeschichte ins Museum gebracht hat: Berühmt ist auch M.D.s „Fontaine“/ Brunnen/„Urinoir“ aus Sanitätsporzellan; sign. R. Mutt, 1917. Der DUCHAMPISMUS wird heute noch als „Durchbruch für die moderne Kunst“ gelobt. Den Skulpturen-Zwerg „Rad-Schemelchen“ in der nahezu leeren Haupthalle des HB hat M.D. selbst erst 1964 nach dem Original von 1913 gefertigt.

BEUYS werde in Berlin „aus seiner Erstarrung gelöst – dank Hubwagen“, lesen wir in einem Artikel in DIE ZEIT: Das BEUYSsche Werk „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ aus Basaltsteinen sollten Besucher, „wenn die Wärter mal nicht hingucken (…) ein wenig umgestalten“. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ – auch der Museumsbesucher (…).

„BEUYS. Die Revolution sind wir“ nannte der Hamburger Bahnhof 2008/09 eine Schau, die auch BEUYS’ Rolle des Heilsbringers & Erlösers dokumentierte. Die Polarisierung Kunst & Wissenschaft hat J.B. mit ANTI-Kunst nicht überwinden können. Als erstarrter „Endpunkt“ des „Erweiterten Kunstbegriffs“ (Motto: „Jeder Mensch ist ein Künstler“) können die 21 Basaltsteine der Installation „Ende des 20. Jahrhunderts“ (Sammlung MARX) interpretiert werden, die keinen evolutionären „Wendepunkt“ zur Kunst-&-Natur-Theorie darstellen. Auch wenn weitere 44 „installierte“ Basaltsteine heute in der Pinakothek der Moderne in München einen Raum „besetzen“.

Zur documenta 7 (FUCHS-d7 1982) rief Kult-Künstler J.B. die „Aktion 7000 Eichen“ ins Leben und stapelte 7000 Basaltsteine. BEUYS meinte dazu mystisch: „Es kam mir darauf an, dass jedes einzelne Monument aus einem lebenden Teil besteht, eben dem sich ständig in der Zeit veränderndem Wesen Baum, und einem Teil, der kristallin ist und also eine Form, Masse, Größe, Gewicht beibehält“. Kurator Eugen BLUME glaubt, BEUYS habe „seine von der Kunst her gedachte Idee einer radikalen Veränderung aller gesellschaftlichen Beziehungen als einen evolutionären Prozess“ verstanden.

Die Begriffe „EVOLUTION“ & der BEUYS’-Terminus „plastische Theorie“ sind nicht kompatibel.

Der BEUYSsche Ausdruck meint etwa fortwährende Formung der sichtbaren Welt; (auch) durch die Idee. Zu einer ERKENNTNIS-orientierten ARS EVOLUTORIA („science-art“; vgl. mehr dazu in meiner Homepage) stieß der Antikünstler nicht vor. Das BEUYSsche Werk „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ (1982-83, Sammlung Marx) ist m.E. heute zu einem Symbol für das BEUYSsche nicht wirkliche Erkennen dessen zu interpretieren, was „EVOLUTION“ und „EVOLUTIONISIERUNG“ (naturwissenschaftlich & kulturell-evolutionär) meint. J.B. war ein von vielen documenta-Machern staatlich geförderter REVOLUTIONs-Künstler – KEIN EVOLUTIONs-Künstler! Joseph BEUYS durfte in Kassel mit gängigen Traditionen brechen, z.B. vor der Ausstellungshalle 7.000 Basaltsteine aufhäufen, weil es die ideologisierten Kunstbetriebs-Lenker so wollten. Die documenta gilt heute – trotz dringender Reform-Bedürftigkeit („Demokratisierung“, die J.B. nicht wollte; Interview mit mir – vgl. (1)) – immer noch als die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Kann das Pflanzen von Bäumen „KUNST“ sein?

Eine gesellschaftspolitische, umweltbezogene Dimension sollte ein Keil aus 7000 Basalt-Stelen zu J. BEUYS’ „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stattverwaltung“ zur d7 vermitteln: Auf dem Friedrichsplatz vor dem Fridericianum gelegen, sollten sie wieder zum Verschwinden gebracht werden – durch „Pflanzung“ jeweils einer Eiche/Basaltstele. Die Aktion von J.B. sollte als „Wahrzeichen der FUCHS-d7“ akzeptiert werden. Postum war J.B. auf der d8 präsent (mit „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“). Zur d9 präsentierte J.B. sein Ensemble „Wirtschaftswerte“ – der siebente (!) Beitrag des Schamanen aus Kleve; auf der d5 interviewte ich den freundlichen Antikünstler ((1), S. 64f.)

J.B.s „Stadtverwaldung“ konnte die Stadtverwaltung der documenta-Stadt Kassel und zukünftige documentas NICHT im Sinn einer „Demokratisierung“ reformieren. In einer dubiosen Aktion – so Alfred NEMCZEK – hat J.B. die Kopie einer Zarenkrone in Kassel zu einem „Friedenshasen“ ungeschmolzen, der für 777.000 DM von einem Sammler gekauft wurde! Feuilletonist & documenta-Befürworter Dirk SCHWARZE berichtete, dass es „kaum noch vorstellbar“ sei – aus heutiger Sicht – wie viel Misstrauen und Widerstand die BEUYSsche Aktion hervorrief. Der „Unmut“ war riesig, weil „das Pflanzen von Bäumen doch keine Kunst sei“! Und: Die Bereitschaft, Baumpatenschaften für 500 DM zu übernehmen, sei „nicht sehr ausgeprägt“ gewesen. (D.S.: Meilensteine: 50 Jahre documenta. Berlin 2005.)

Revolutionär BEUYS & FLUXUS

U.K. meint zum BEUYSschen Werk der Anti-Kunst im H.-Bahnhof: „Neu präsentiert wird auch der bedeutende Werkkomplex von Joseph Beuys in den Räumen des Westflügels. Dieser weltweit einzigartige Bestand an Werken und Filmdokumenten zeigt eindrücklich Beuys' Bestreben, den Kunstbegriff zu erweitern. Mit seinen provozierenden Skulpturen aus ungewöhnlichen Materialien wie Fett und Filz und seinen filmisch überlieferten Aktionen und politischen Handlungen wird ein Einblick in die Gesamtheit des Denkens von Beuys vorgestellt.“

Wohlgemerkt: BEUYSsche „Kunst“ im staatlichen Museum ist SAMMLER-„Kunst“ (Kunst-Markt-Kunst): Auch die dort in heiligen staatlichen Hallen ausgestellte FLUXUS-„Kunst“: Udo KITTELMANN dazu: „Im Erdgeschoss des Hauptgebäudes werden die Bewegungen Fluxus und Happening vorgestellt. Fluxus, ‚das Fließende’, wandte sich gegen traditionelle Kunstvorstellungen und deren Materialwirkungen. Die Happening-Künstler wiederum bemühten sich, in komplexen theatralischen Aktionen neue gedankliche Impulse und veränderte Verhaltensweisen beim Zuschauer hervorzurufen.“ (5)

LITERATUR

(1) HAHN, Werner: Documenta IX - Willkür statt Kunstfreiheit!? : Eine Streitschrift zur Demokratisierung staatlicher Kunstförderung. Bad Honnef 1992. Gladenbach : Art & Science, 1995.

(2) HAHN, Werner: In http://www.giessener-zeit... (mit 15er a&s-Bildergalerie).

(3) Siehe hierzu die Diskussion zu W.H.-Artikel: DIE ZEIT Online
http://community.zeit.de/....

(4) Mehr dazu in der SZ v. 8.9. zur Ausstellung „Joseph Beuys. Parallelprozesse", bis 16. Januar 2011 in der Kunstsammlung des Landes Nordrhein Westfalen in Düsseldorf. Der Katalog kostet 49,90 Euro. Info: www.kunstsammlung.de - URL: http://sueddeutsche.de/ku...

(5) HAHN, Werner: In http://www.myheimat.de/gl... (mit 20er a&s-Bildergalerie).