Leserartikel-Blog

Otto MUEHL zum 85sten: Von PISS-Aktionen über Delikte zum museumsreifen „Wiener Aktionismus“

Der "Wiener AKTIONISMUS"-Künstler MUEHL hat sich einen Tag vor der Eröffnung einer Otto-Muehl-Ausstellung im Wiener LEOPOLD MUSEUM brieflich bei den Jugendlichen der Kommune Friedrichshof entschuldigt - für deren MISSBRAUCH er in den Neunzigern sechs Jahre im Gefängnis saß.

Zum GERICHTs-Fall:

Der Aktionskünstler Otto Muehl hatte 1970 eine Kommune gegründet, die in den folgenden Jahren den Friedrichshof im Nordburgenland zu ihrem Zentrum ausbaute und zeitweilig mehrere hundert Mitglieder umfasste. Das Prinzip der freien Sexualität sollte die "schädliche" Zweier-Beziehung ersetzen. Mitte der 80er Jahre wurde auf der Kanarischen Insel La Gomera ein weiterer Stützpunkt geschaffen. Im November 1991 war Muehl in Eisenstadt wegen einer Reihe von Sittlichkeitsdelikten, allen voran Unzucht mit Unmündigen, sowie Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Im Dezember 1997 kam er aufgrund einer Amnestie frei. (APA)

Mit einer Ausstellung zu verschiedenen Aspekten im Schaffen von Otto Muehl (auch: Otto Mühl) wurde in Wien ein ein wahrer Ausstellungsreigen zum kommenden 85. Geburtstag des umstrittenen Künstlers eröffnet. Am 10.6. startete eine Ausstellung im Leopold Museum. Die Pressekonferenz zur Muehl-Ausstellung im L.M. bot eine Überraschung. Muehl hat sich in einem Brief für jene Taten entschuldigt, für die er 1991 zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war.

Vertreter der „Gruppe re-port“, haben es sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit über Muehl zu informieren, seiner "Mystifizierung" entgegenzuwirken und zu "verhindern, dass Muehls Verbrechen zur Kunst erklärt und ausgestellt werden", ist im Standard zu lesen: http://derstandard.at/127....

Kritik an der gezeigten Kunst aus der Zeit der Kommune am Friedrichshof, wo Muehl "ein despotisches, demütigendes, unterdrückendes System" etabliert hatte, wurde laut: Man hatte erhebliche Bedenken gegen die Intention des Kurators, Leben und Werk von Muehl getrennt zu betrachten. Kurator Diethard Leopold meinte, man solle "die Bilder als Bilder ansehen und nicht als Illustration“ des Lebens von O.M.; er wolle mit der Ausstellung "einen unbefangenen, freien Blick auf die Kunst" ermöglichen.

Hier der BRIEF, den Muehl nun an die Leiterin des Muehl Archivs, Daniele Roussel, als „ENTSCHULDIGUNG“ (Rechtfertigungsbrief) geschrieben hat. Der an Parkinson erkrankte Muehl schrieb aus Portugal seiner Vertrauten D.R. u.a. im Wortlaut und in Original-Schreibweise am 8.6.10:

"liebe daniele,
„(…) plötzlich drehte sich die gesamte idee der kommune um. in den 80er jahren wurden wir so eine riesen-institution, und es wurde daraus ein staat im staat. die durch mich angekurbelte dynamik rutschte mir schließlich aus den händen. ich habe meine wirkung als sogenannter häuptling innerhalb der kommune unterschätzt. ich habe mit 7 jahren gefängnis bezahlt. ich habe es abgesessen.
dass ich mich öffentlich entschuldige, mache ich heute, weil ich auf keinen fall das gefühl hinterlassen möchte, dass es mich kalt lässt, dass ich menschen verletzt habe und dass sich menschen von mir verletzt gefühlt haben. ich bin auf alle kommunarden sehr gestanden. ich brauchte zeit, um zu verstehen, dass ich durch meine machtposition an den bedürfnissen meiner mitmenschen vorbei agierte, insbesondere an den bedürfnissen der jugend. die stellungnahme der jugendlichen damals im gerichtssaal machte mich fassungslos. ich wollte sie befreien und habe sie mit sexueller überschreitung stattdessen überrumpelt und gekränkt. es war auf keinen fall meine absicht. ich hoffe, dass sie mir verzeihen. ich gebe auch zu, dass ich manchmal zu den kindern der grosskommune, als übervater von 100 kindern wirkend, zu scharf war und schaden angerichtet habe, ohne bewusstsein über meine fehlentscheidungen. ich bereue es sehr. (…) liebe daniele, ich fühle mich durch dich gut vertreten. du kannst diesen brief einsetzen, wie du es für richtig hältst.
Herzlichst dein otto"

Wie soll man jetzt auf die Bilder MUEHLs sehen, fragt sich die FAZ („Muehls Kommunen-Kunst – Einfach nur widerwärtig“, Dirk Schümer am 13.06.10 FAZ.)

Nicht so, wie die Ausstellung, die die Kunst strikt vom Leben trennt: "Durch die bewusste Konzentration auf Muehl, den Maler, wirft man ihn in seine eigene Falle, die er 1976 formulierte: Wenn Künstler sich damit abfinden, nur Bilder, Skulpturen oder andere Kunstgegenstände zu produzieren, müssen sie als 'gartenzwerge der kf-konsumgesellschaft' (Kleinfamilien-Konsumgesellschaft) bezeichnet werden. Und wirklich: Ohne Verschränkung mit den Umständen, mit dem gescheiterten Lebensexperiment der Kommune, wirkt die Ausstellung nicht wie die eines ambivalenten Revolutionärs der Kunstgeschichte, sondern regelrecht gediegen". (SZ 14.06.10.)

Im Mittelpunkt der Ausstellung Otto Muehl – Sammlung Leopold steht Otto Muehls Kunst. Die Auswahl durch den SAMMLER Rudolf Leopold soll angeblich eine „Fokussierung auf Muehls ‚künstlerische Seite’“ ermöglichen. Bei der Zusammenstellung soll „die Qualität des einzelnen Werks das wichtigste Kriterium“ darstellen. Das Resultat: Die Schau umfasst an die 80 großformatige Öl- und Acrylgemälde sowie ca. 20 Arbeiten auf Papier aus den Jahren 1962-2000. Kuratiert und gehängt wurde die Schau im von Rudolf Leopold und von Diethard Leopold, seinem jüngeren Sohn. Danièle Roussel, Leiterin der Archives Otto Muehl von der art&life community in Süd-Protugal, wo der schwer an Parkinson erkrankte Otto Muehl heute lebt, „gab wertvolle Informationen zu Titel und Inhalt von Werken, siehe auch ihren Katalogbeitrag“, heißt es. Der Aktionismus-Experte des MUMOK und Leiter der Sammlung Friedrichshof schrieb ebenfalls einen Katalogbeitrag.

Gewährleisten wollte man, dass „keine Bilder, auf denen Opfer sexueller Gewalt aus den Jahren 1981-1989 dargestellt sind, ausgestellt oder im Katalog abgedruckt werden“. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Brandstätter.

Das Leopold Museum macht darauf aufmerksam, „dass die Otto Muehl-Ausstellung offen sexuelle Motive und Darstellungen von Perversionen sowie von brutalster Gewalt enthält, und darüber hinaus bei zwei Exponaten die Gefahr besteht, auch religiöse Gefühle zu verletzen“.

Anzumerken ist: Leopold fuhr immer wieder ins Burgendland zum Friedrichshof und kaufte MUEHL-Werke. Er lernte dort auch Danièle Roussel von der Kommune in Portugal kennen, die ihn zum Friedrichshof und in die Strafanstalt in Wien begleitete, wo Otto Muehl damals seine Haftstrafe verbüßte. (Quelle: http://www.leopoldmuseum.... )

Wann ist ein „Kunst“-Werk des Wiener Aktionismus „museumsreif“?

Guru MUEHLs „fröhliche Entgrenzung“ sei kein Fall fürs Museum, schreibt Dirk Schümer (FAZ). Die angefallenen Opfer waren „Muehl und seinen Adepten so egal, dass diese sogar für erotische Kunstwerke missbraucht wurden“. Schrankenloser Libertinismus in Gestalt zerstörter Lebensläufe und lebenslanger Traumata werden heute benannt. Dass Muehl nun trotzdem für museumsreif erklärt werde, wirke „einfach nur eklig“. Natürlich wird kein Sammler „kampflos“ von Muehls obszön-expressiver Kunst abrücken („Werteverlust“, ...). Aktionskünstler Otto MUEHL wird als einer der wichtigsten Vertreter des sog. „Wiener Aktionismus“ gesehen. MUEHLs Anti-Tafelbild-„Blutorgel“- Idee wurde 1963 zusammen mit Bürgerschreck Hermann NITSCH in einem „Fest des psycho-physischen Naturalismus“ radikalisiert. Happening- und Fluxus-„Kunst“ eroberten die Museen. Aktions-Veranstaltungen wie „Kunst und Revolution“, zu der etwa die Pissaktion Muehls gehörte - wobei drei nackte Männer um die Wette urinieren (…) - wurden "Kunst". Österreich hat NITSCH, die BRD KIEFER & Co als Staatskünstler. Nitschs „schwarze Messen“ werden neben A. Rainers Werk (mit Malerei vernichtenden Übermalungen), als „wichtigster Beitrag Österreichs zur Kunst der Gegenwart“ (K. Ruhrberg) gedeutet. (FAZ-Kommentar W.H.- 14/6/10.)

NITSCH der Bürgerschreck: Wie man mit Blut, Orgien und documentas Staatskünstler wird

Theatralische „Beerdigung“ der Malerei gehört auch zur Ideologie NITSCHs: Malerei wird zum Verschwinden gebracht durch Ertränkung des Bildraumes mit Blut und Tiergedärm; im „O.-M.-Theater“ durch Opfer-Aktionen wie Tierschlachtungen, die angeblich auf eine Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft hinwirken. NITSCHs Aktionen mit Tieropfern und Weihen sollen an archaische Kultrituale erinnern. Der Wiener „Aktionist“ war als „Künstler“ auf der Documenta 5 (1972) und 7 (1982) vertreten und konnte von 1971 bis 1989 an der Städelschule Frankfurt „lehren“!

Die ordentliche Verbeamtung wurde NITSCH verwehrt, er musste vorlieb nehmen mit dem Status eines „Gastprofessors“. „Kunstszene“-Vertretern der 60iger Jahre imponierten zur „Kunst und Revolution“ Happenings mit dem Absingen der Bundeshymne beim Onanieren in der Wiener Uni, Piss-Aktionen mit Otto MUEHL u.ä. NITSCH wurde wegen seiner Tier-Blut-Aktionen immer wieder ins Gefängnis gesperrt, musste in die BRD flüchten. Nichtsdestotrotz bekam NITSCH als „Künstler“ 2005 den Großen Österreichischen Staatspreis, weil er „in seinem Werk grundlegende Fragen des Menschseins thematisiert"! „Kunst“-Vermittler des Kunst-Markt-Betriebs applaudier(t)en. Heute sei NITSCH in Österreich „zum Idol geworden“, lobt Wieland SCHMIED den Mann der „Sinngebung mit Innereien“. Die „grenzenlose Bejahung“ (im Aktionismus) „alles Grausamen“ habe NITSCH zu Recht zum „bedeutendsten lebenden Künstler“ gemacht. Der Wiener Aktionismus sei „eine der bedeutendsten Kunstbewegungen der Nachkriegszeit“. Wer’s glaubt …
(Kunstzeitung 145, Sept. 08, S. 21.; „art“-Kunstmagazin-Kommentar W.H.)

TAZ und die NICHT (!) private Geschichte des Herrn Mühl

In der „taz“ heißt es zum 85. Geburtstag des Herrn MÜHL: Die intendierte Befreiung von den Zwängen einer kleinbürgerlichen, patriarchalen Moral verkehrte sich in den Aufstieg einer allmächtigen Figur: „eines despotischen, vergewaltigenden Urvaters, der alle Frauen (und Kinder) des Stammes sexuell ausbeutete“. "Es sind die fundamentalistischen Kritiker", schrieb Slavoj Zizek in ganz anderem Zusammenhang, "welche den Weg pflastern für neue totalitäre Führer, die Freuds obszönem Urvater haargenau gleichen." Jene Figuren, die eben das Genießen der Anderen verhindern, weil sie das ganze Genießen alleine auf sich ziehen. „Statt zur Befreiung hat dies zu einer Entmündigung geführt, die alle Kommunarden zu Kindern dieses Urvaters regredieren ließ.“
(http://www.taz.de/1/leben... (Isolde CHARIM).)

Und weiter lesen wir: „Diese Geschichte einer sexuellen Entgrenzung, einer dionysischen, rauschhaften, zügellosen Sexualität war eine kollektive Erfahrung der 70er Jahre. Das muss nicht heißen, dass sie jeder Einzelne wirklich gemacht hat. Dafür gab es Figuren wie Mühl, die öffentlich, gewissermaßen stellvertretend den Exzess gelebt haben.“
Genau deshalb sei dies auch nicht die private Geschichte des Herrn Mühl - weder der Exzess noch dessen Scheitern.

Was aber bedeutet das für uns heute?

TAZ: „Wir können weder hinter die sexuelle Revolution noch hinter deren Scheitern, weder hinter den dionysischen Sex noch hinter dessen Pervertierung zum Status quo ante zurück. Wir wissen um die Gefahren einer völligen Entgrenzung, sind aber nicht mehr bereit, einer restriktiven Sexualmoral zu folgen. (…) Selektive Ekstase und selektive Disziplinierung lautet die Parole der Postsexualrevolution. Nachts im Swingerclub, tagsüber im Büro. Kein leichter Spagat, den dieser nüchterne Hedonismus zwischen Dionysischem und Apollinischem versucht. Eines bedeutet er in jedem Fall: ständigen Schlafmangel.“

P.S.:

Als „Wiener Aktionismus“ wird eine Bewegung der sog. Modernen Kunst bezeichnet, in der eine Gruppe Wiener Künstler in den 60er und 70er Jahren das Konzept der amerikanischen Happening- und Fluxus-Kunst aufgriffen und auf äußerst provokante Weise umsetzten. Zentrale Protagonisten dieser Kunstrichtung waren besonders MUEHL & NITSCH. 1970/71 trennten sich die künstlerischen Wege der Gruppe. Mühl und Nitsch machen zwar sporadisch noch Aktionskunst, „die allerdings nicht mehr als Wiener Aktionismus bezeichnet wird“, stellt wikipedia fest. (http://de.wikipedia.org/w...)

Hinweis: Siehe auch bebildert: http://www.myheimat.de/gl...