Leserartikel-Blog

(ohn)MACHT ZEIGEN: „Kunst als Herrschaftsstrategie" (D.H.M.)

„Macht zeigen" im Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) demonstriert, wie und warum sich die Mächtigen gern mit „Kunst“ schmücken. Parallel zur Schau „Kunst als Herrschaftsstrategie" sollte über die Machenschaften der Herrschenden in Politik & Kunst-Kommerz diskutiert werden, die sich für Image-Kampagnen der Kunst bedienen.

An Beispielen will die Berliner Schau „Macht zeigen“ auf die Inszenierung von Macht mit Hilfe von Kunst hinweisen: „Wie Kunst dazu verwendet wird, ein breiteres Publikum zu befremden und zu verunsichern“. Und es geht in der Ausstellung im DHM darum, diejenigen, „die sich zu einem spröden Gemälde oder einer rätselhaften Skulptur bekennen, ungewöhnlich und erhaben erscheinen zu lassen“.

Vorbemerkung

MACHT/OHNMACHT: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Theodor W. Adorno)

Wer heute gegen den Strom im korrupten Kunstbetrieb samt Marktdominanz schwimmt, versucht vergeblich, dass dieser alsbald durch EVOLUTIONISIERUNG seine Richtung ändern wird. (Werner Hahn)

In einem der an den Wänden im DHM zu lesenden Sätze von Bazon BROCK heißt es, die Repräsentanten der Macht würden vor schwieriger (post)moderner Kunst "geradezu stolz" demonstrieren, "dass sie hinreichende psychische Stabilität besitzen, mit dem Chaos, dem Unsinn, den Beliebigkeiten in den Werken der Künstler spielend fertig zu werden". Wenn sich Mächtige für „Kunst“ mit Chaos, Unsinn, Beliebigkeit interessieren, heiß dies NICHT, dass es in deutschen Landen auch künstlerische Werke und Kunst-Theorien gibt, die Anti-Chaos, Anti-Unsinn und Anti-Beliebigkeit verkörpern und erkenntnistheoretisch für innovative transmoderne Kunst als „Kunst-Erneuerung“ (Beaucamp) plädieren. Die Debatte in der heutigen „Kunst-Krise“ interessiert weniger, ob Politiker „ihre hinreichende psychische Stabilität" unter Beweis stellen, mit „Kunst“-Chaos, -Unsinn und -Beliebigkeiten fertig zu werden. Das Thema Liebe zwischen Malerei und Politik sollte nicht oberflächlich behandelt werden.

(Bild Bazon Brock mit Zitat im DHM: http://blog.rebell.tv/fil... )

Kultur- und Kunst-Politik in der KRISE

Seit es Mächtige gibt, wird Kunst in Dienst genommen: Päpste, Kardinäle, kleine und große Fürsten, Despoten und Diktatoren nutzten Kunst, um ihre Herrschaft zu legitimieren und zu präsentieren. In Dienst genommen wird die Kunst auch von Politikern in unserer derzeitigen Demokratie. Ebenso von den sammelnden, an Statussymbolen und Wertsteigerung interessierten Banken-Managern und Wirtschafts-Bossen. Als „Kunstförderung“ genießt dies eine Minderheit von zumeist etablierten Kunst-Markt-Künstlern.

Für diese Künstler-Typen interessieren sich Politiker wie Manager gleichermaßen: Zeugnissen dieser Kunst-Mächtige-Allianz begegnet man aktuell im Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) in der erhellenden Ausstellung „Macht zeigen - Kunst als Herrschaftsstrategie". Die Schau will zeigen, wie die Wechselwirkung zwischen Politikern und Künstlern funktioniert. Wolfgang Ullrich, der Kurator, glaubt, die Selbstinszenierung der Mächtigen mit Kunst sei ein ausgeprägt deutsches Phänomen.

Der Kunstphilosoph Bazon BROCK höhnt in einem Wandzitat: "Mit Kunst im Rücken demonstrieren die Herren der Welt, dass sie hinreichend psychische Stabilität besitzen, um mit dem Chaos, dem Unsinn und den Beliebigkeiten in den Werken der Künstler spielend fertig zu werden."

KUNST: Zeichen undemokratischer Herrschafts-Strategien

Werke moderner und postmoderner „Kunst“ werden seit Jahrzehnten in Deutschland als Status-Symbole zur Image-Verbesserung der Herrschenden in Wirtschaft und Politik genutzt. Ex-Kanzler Gerhard Schröder machte sich m.E. lächerlich, als er sich mit der Baselitzschen Umkehr-„Kunst“-Masche identifizierte und vor derartiger „charakterverstärkenden“ „Kunst“ posierte. Mein Bildergalerie-Bild (a&s-Mutante) zeigt Schröder im Kanzleramt am Schreibtisch vor Baselitz' stürzendem Adler. Das Motiv ist eine starke Machtgeste: Schröder nimmt sich heraus, gegen die Konvention zu verstoßen, in dem er so seitlich lässig dasitzt. Interessant ist es zu lesen, was Medien zum Bild schreiben:

Die FAZ (1) schreibt zum Foto mit Ex-Kanzler Schröder:

„Schröder posiert in imperialer Sitzhaltung vor Baselitz’ expressiv gemaltem, wie immer kopfüber baumelndem Adler.“ Das Bild betone „Schröders energisches, elbflutstoppendes Macher-Wesen – seht her, scheint das Bild zu sagen, ich akzeptiere nichts, was mir als gegeben vorgesetzt wird, die Atomkraft nicht und die Notwendigkeit des Irak-Krieges nicht und die Gewerkschaften mit ihrem Gejammer auch nicht; wenn es sein muss, erwürge ich auch den Bundesadler und hänge ihn euch kopfüber ans Fenster, wie hier auf meinem Bild.“

Diese „Inszenierung politischer Virilität“ habe wenig später Jörg Immendorff mit seinem „imperialen Goldschröder-Porträt geradezu ins Camphafte“ gesteigert.

Die Frankfurter Rundschau äußert kritisch (Arno Widmann am 25.2.10) zum Gazprom-Berater Schröder:

„Wer freilich daran erinnert werden möchte, dass Gerhard Schröder sich gerne mit Immendorf und Lüpertz umgab, der kommt hier auf seine Kosten. Wer den Kanzler Schröder auf den Baselitz-Adler hinter seinem Amtsschreibtisch blicken sieht, der mag sich Gedanken darüber machen, dass der auf dem Kopf stehende Adler einer sein könnte, der sich nicht anmerken lassen möchte, dass er abstürzt. Ob Schröder jetzt russische Maler in ihren Ateliers besucht? Die Blauen Nasen gar? Oder doch lieber Ilja Glasunow?“

Und 3sat-Kulturzeit registriert zum „Kunst-Kanzler“ Schröder:

„Kunst macht mächtig: Keiner hat so darauf gebaut wie Altkanzler Gerhard Schröder. Nur Baselitz’ ‚König der Lüfte’ durfte ihm im Nacken sitzen, und das Porträt von Jörg Immendorff vergoldete seine Aura als Kunst-Kanzler.“

Deutschlandfunk dradio.de-Kultur zum „überjovialen Künstlerfreund“ SCHROEDER, „der mit Immendorff, Baselitz und Lüpertz verkehrt und sich über deren provokative Zumutungen immer unbändig zu freuen scheint“: „Schröder ließ sich beispielsweise einen mit Fingerfarben hingeschmierten Adlerflügel von Baselitz in sein Dienstzimmer hängen: das Staatswappentier tot, verkehrtherum und wüst gestaltet - gröber konnte die Konventionsverletzung kaum ausfallen. Aber souverän ist eben, wer Konventionsverletzungen weglacht.“ (20.2.10.)

"DIE WELT" zur „Botschaft“ des Schröder-Herrschaftsbildes (23.2.10 – Online, Eckhard Fuhr):

„Dem Baselitzschen Adler hat die Machtepisode im Kanzleramt gut getan. Er ist zu einem Emblem der Berliner Republik geworden, in deren rot-grüner Gründungsphase sich die Rebellen von einst in den Geschichtskulissen der alt-neuen Hauptstadt einrichteten und nach bildlichen Ausdrucksformen für ihre neue Mission suchten - und zwar möglichst jenseits der Konventionen. Der Regierungschef wählte das abstürzende Staatsymbol und zeigte damit jedem, dass er die Macht hat, mit Konventionen zu brechen. Der Kanzler stellt sich in die preußische Tradition und biegt sie gleichzeitig um.
Man fühle sich, wenn man durch die Ausstellung geht, zeitlich um etwa zehn Jahre zurück versetzt. Nicht nur, weil Schröder, der "Kanzler der Künste" in ihr eine zentrale Rolle spielt. Man könne laut Fuhr auch sagen: „Die Ausstellung kommt zu spät. Sie behandelt ein Thema, das nicht mehr so aufregend ist wie in jenen Anfangsjahren der Berliner Republik, in denen die Künstler demokratisch zu Hofe gingen. Etwa Markus Lüpertz, der nicht nur die Skulptur der "Denkerin" für das Foyer des Kanzleramtes schuf, sondern auch ein Farbprogramm für dessen Innenanstrich entwarf. Jörg Immendorf porträtierte Schröder für die offizielle Kanzler-Galerie.“ Und Ex-Kanzler Schröder sei „beim herrschaftsstrategischen Gebrauch der Kunst besonders kühn gewesen“. „Allein war und ist er nicht. Die Nähe zu zeitgenössischer Kunst wurde in jenen Jahren für viele Politiker und Manager zu einem Modernitätszeichen“, bekennt der Kunstkritiker, der über das WELT-„Feuilleton“ Kunst hat mitlenken können.

Krisen werden in den Bildern mit den Mächtigen ausgeblendet: Krise des Parteiensystems bzw. Demokratie-Krise, generelle Werte-Krise, Finanzkrise, Resourcen/Energie Krise, Bildungs-Misere/Notstand, Kunst-Krise u.a.m.

Nach den Nazis waren (kunst)politische Symbole belastet, so dass man Ersatz-Symbole in Werken der bildenden Kunst suchte und fand. Das spiegele sich auch in der Geschichte der documenta-Institution wider, kommentierte ich in der FAZ am 24.2.10. Die privatrechtlich organisierte und staatlich ideell und materiell geförderte documenta-Institution wurde medienwirksam zu einer Autorität hochstilisert: Weltoffenheit, Dynamik und die Fähigkeit, Qualität zu erkennen, wurden ihr angedichtet. Bundespräsidenten und Politiker Hessens und des Bundes (z.B. Kunst-Sammler Guido Westerwelle) zeig(t)en sich stolz auf documenta-Events.

Als zukunftsorientiert, risikofreudig, innovativ und entscheidungsfreudig lässt man sich zusammen mit etablierten Kunstmarkt-Stars feiern. Kunst, Nicht-Kunst bzw. Antikunst und Kommerz avancierten zu einem der stärksten Statussymbole der Gegenwart und stellen „keine Opposition zu den herrschenden Verhältnissen mehr dar“ (Kurator Wolfgang Ullrich). Fazit: DEMOKRATISIERUNG tut not.

BRD-Kulturpolitik: „Kunst“- Adel aus Stars, Reichen und Mächtigen

Unternehmer, Spitzenmanager und Politiker präsentieren sich gerne zusammen mit Gemälden, einer Skulptur und Kunst-Markt-Stars. Als Freunde (post)moderner Kunst wollen sie Eindruck machen. Zahlreiche Unternehmen & Banken legten – auch kunstlenkend - eigene Kunst-Sammlungen an. Umgangsformen mit der Kunst sind zu beobachten, die an die Zeit der großen Höfe erinnern: „Macht zeigen“ (Berlin, D.H.M.) schreibt: „Etliche Künstler tragen mittlerweile zum Glamour und zur Prominenz eines neuen Adels aus Stars, Reichen und Mächtigen bei; ihre Werke verheißen Event und exklusiven Lifestyle.“ Besonders angreifbar machte sich unlängst Innenminister SCHÄUBLE: Er unterstützte mit 100.000 Euro die tendenziöse Privat-Ausstellung "60 Jahre - 60 Werke" im Berliner Martin-Gropius-Bau. In einem Katalogbeitrag schwärmte W.S. vom angeblich „hohen Stellenwert von Kunst und Geistesleben für eine freiheitliche Demokratie“. Angela MERKEL hielt die Eröffnungsrede und nobilitierte damit die Vernissage der Skandalschau zum Staatsakt. Die Kanzlerin MERKEL betonte: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Subjektiv-fehlerhaft sagte sie: „Und das war die Grundlage dafür, dass die Kunst entstehen konnte, die hier gezeigt wird.“

Kunstpolitik: „Kunst“- Höflinge in einem un/freien Land mit Super-Reichen

Unterstützt durch den Möchte-gerne-Medien-„Kunst-Papst“ der BILD-Zeitung (Chef Diekmann) wurde in "60 Jahre/60 Werke" ein schiefes, unwahres Bild des künstlerischen Wirkens gezeigt. Der staatlich subventionierten Schau haben Kunstkritiker eine „niederschmetternde Schlichtheit“ (LIEBS) attestiert und SOMMER („art“-Chefredakteur) stufte die misslungene Schau als „armselig und unreflektiert“ ein. Gut so! Auch E. BEAUCAMPs Kritik in „KUNSTSTÜCKE“ (FAZ 05.06.09) stimmte: „Netzwerker“ mit „verzweigten Einflüssen bis in die auswärtige Kulturpolitik“ konnten „erfolgreich verhindern“, dass DDR-Kunst Beachtung fand. Die westliche KUNSTFREIHEIT „bedarf dringend der Überprüfung“, mahnte E.B: Auch im Kunstbereich habe sich manches verzerrt: „Wie frei und chancengleich ist die Kunst noch in einem freien Land? In der Epoche des fast totalen Markts sind der Erfolg und die Qualität, die Preise und die Bedeutungen auseinandergefallen, konstatierte E.B. Nachlesen sollte man E.B.s Kritik an den 60X60-„Netzwerkern“ als „Kunstunternehmern“ - Kritik an Machern privater Sammlungen und Stiftungen sowie Banken-Zuträgern im Kunstbetrieb. Markt-Klüngel aus Händlern/Galeristen mit Galerien-„Künstlerclans“ und Großsammler-Beratern; E.B. nennt sie „Höflinge“.

STAATS-Künstlertum in BRD & DDR kritisch diskutieren!

Unerträglich: Die Parade der Kunst-MARKT-Führer wird/wurde bevorzugt vom KULTUR-Staat der BRD gefördert. Auch der umstrittene Buchhandels-Friedenspreisträger KIEFER gehörte zu den 60/60-Schau MARKT-Vertretern, die eine „staatstragende“ deutsche Kunst- und „Kultur“-Landschaft mitgeprägt haben. Oft NICHT zum Guten! MERKEL sollte als „Staatskunst“-Fachfrau wissen, dass es in BRD & DDR auch Persönlichkeiten gab/gibt, die die deutsche Kunst/Kultur-Landschaft entschieden mitpräg(t)en. Die als Unabhängige von Staat&Markt Großes leiste(te)n. 60/60 zeigte einen „Kanon“ der „Ästhetik der Sieger“, schrieb ein Kunstkritiker. Wurden etwa die „Kunstwerke“ der bizarren 60/60-PROPAGANDA-Schau nur unter den „Bedingungen des Grundgesetzes“ (Art 5 Abs. 3 – GG-Kunstfreiheitsgarantie) geschaffen? Die These, dass allein „freie Kunst“ (Staatskunst) auch „gute Kunst“ sei“, ist zu widerlegen. Staatskunst-Formate schufen auch STAATS- Propagandisten in „Ostblock“-Staaten. Gegenständlich malende Staatskünstler bekamen Aufträge von DDR-Regierung und SED. Die ach so freie Kunst der BRD war und ist nicht selten von ästhetischen Dogmen beherrscht; vgl. documentas. Kultur gehört als Staatsziel ins GG. Die Kunst-„KRISE“ ist durch „Staat im Geist“ zu überwinden.

Zur Kultur-und-Kunst-KRISE/Misere

Mehr „Staat im Geiste“ benötige das Museum heute, forderte DIE ZEIT. „Qualitätsmaßstäbe“ seien zu „überdenken“ - eine dringende Alternative zu mehr Staatsgeldern und zu privater Einflussnahme durch mächtige Sammler. Ein Problem sei z. B. das misslungene Dauerleihgabe-Verfahren durch ein Sponsoren-Zurückziehen; Beispiel Kunsthalle Hamburg - „Galerie der Gegenwart“.

Eine innovative Museums-KULTUR – das KUNST-Sammeln als „intellektuelle Subversion“ sollte wieder ein „Zeichen der Subversion“ werden. „Die Sammlungen und frühen Museen der RENAISSANCE waren voll von Neuem“, kritisierte BLOM in dem ZEIT-Artikel „Schafft die Museen ab!“ (2). „Staat im Geiste“ (ZEIT) sollte m.E. meinen, dass die Macht der Macher des heutigen Kunstbetriebs transformiert und unterminiert werden. Dazu benötigt die Kunst-Szene eine reformierte, NICHT-private neue (seriöse) öffentliche Museums-KULTUR.

Verschwinden muss die Dominanz des/r „Ewig-Gestrigen“ aus der „Kunst“-Vermittlung – NICHT das Museum! Das „Wunderbare“ (schön oder hässlich) soll NICHT aus der Welt (dem Museum) verbannt werden. „Gegenstände, die Rätsel aufgeben“ (ERKENNTNIS-Kunst) gehören – der kulturellen Evolution wegen – gefördert, ausgestellt.

Glauben wir doch an die Herrschaft des Geistes, die so unverdächtig sein kann wie es die Schönheiten der Natur (natura naturans) sind!

Hanno RAUTERBERG beklagt in DIE ZEIT v. 05.02.09 (Nr.07) unter Kulturpolitik: „Die Krisenchance“ (http://www.zeit.de/2009/0...)

Selbst wenn sich die ganze Welt in ein Finanzloch stürzte, bleibe die Schönheit, die Geschichte u.a.m. - im Museum. Museen benötigten nicht nur mehr Staatsgeld, „sie brauchen vor allem mehr Staat im Geiste“, sagt H.R. In der aktuellen Krise sollten Museen ihre Qualitätsmaßstäbe überdenken. Das Museum „müsste neu definieren, was eine gelungene Ausstellung ausmacht und wie die Kunst für die Besucher fruchtbar wird“. Und wer weiß, „vielleicht könnte es sogar seine Bestimmung wiederfinden: als ein Ort, an dem bleibt, was uns wichtig ist“.

Dass keineswegs nur einige Banken, „sondern auch die Museen dringend verstaatlicht gehören. Jawohl, verstaatlicht!“ konstatiert der Kunstkritiker. Obwohl die meisten Museen dem Staat gehören, hätte sich „vielerorts die Privatisierung eingeschlichen. Und mit der Privatisierung die Krise“. Museen seien abhängig von der Liquidität der Sponsoren. Der Staat bezahlt zwar Personal und Heizung, „doch wenn es um Wechselausstellungen, gar um Kunstankäufe geht, stiehlt er sich oft aus der Verantwortung. Das sollen doch bitte schön Privatleute bezahlen. Je bereitwilliger diese aber spenden, desto weiter meint sich der Staat zurückziehen zu können“.

Privat-Sammler & institutionelle Vermittler: Kunstlenkender Einfluss auf die Kunst-Evolution

Der Historiker Phillipp BLOM beklagte (1) zu Recht „die letzten Zuckungen einer ideenleeren Avantgarde“ mit „Massenkommerz“. Ja: „Eine goldene Zeit kultureller Institutionen ist eben leider keine goldene Zeit der KULTUR.“ Es gibt indessen goldene „Träume der Vergangenheit“ die wir NICHT „neutralisieren“ müssen, indem wir sie „verkitschen oder analytisch unterwandern“: Dazu lieferte ich kunstkritische Plädoyers im Web.

Hanno Rauterbergs kluge Einsichten über „ERKENNTNIS-Kunst“ im Buch „Und das ist Kunst?!“ könnten tatsächlich Wege aus der QUALITÄTs-Krise der KUNST (samt Anti- und Nicht-KUNST-„Kunst“) weisen und die ästhetische Werte-Debatte (auch zur d13 nach dem BUERGELiade-Fiasko und dem BAKARGIEViade-Drohen) beleben.

Im KUNST-ERKENNTNIS-Denken beleben sich idealerweise Phantasie (Einbildungskraft) und Verstand (Wissenschaftlichkeit) gegenseitig, so dass ästhetische Weiterbildung erfolgt. Die Museen sollten heute „stärker auf gute ERKENNTNISkunst setzen“ fordert Rauterberg. (Zu einem „Modell für eine objektivere Kunstbeurteilung“ meinerseits bitte Googeln.)

Viele „Kunst“-Manifestationen des Zeitgeistes von heute (auch der Anti- und Nicht-Kunst) sind es nicht wert, gesammelt zu werden. Eine Pauschal-Verdammung der staatlichen Museen ist absurd. WICHTIG: Geeignetere nicht-konservative Kuratoren müssen in der institutionellen Kunstvermittlung (ohne Sammler/Händler-Verbindungen!) angestellt werden, die sich nachweislich mit dem Thema QUALITÄT (der Kunstbeurteilung – verbindlichen Kriterienkatalogen) in der bildenden Kunst intensiv befass(t)en. Eine andere Ausstellungs-Politik der Museen wird von Hanno Rauterberg zu Recht gefordert (Buch „Und das ist Kunst?!“), so dass „Kunsterkenntnis weit mehr zählt als bisher“! Das Kunst-System könne via ERKENNTNIS-Kunst befreit werden „von den Zwängen der Verwertbarkeit und Beschleunigung, von vordergründigen Sammler- und Händlerinteressen“.

Der Wert der Kunstmarkt-„Kunst“ (von Kunst, Nicht-Kunst-als-„Kunst“ & Antikunst) der Sammler mit Geltungsdrang & Zeigestolz (MARX & FLICK), sollte hinterfragt werden (2).

Ebenda beschrieb ich, wie „KUNST wieder SUPER“ werden kann. Dazu sei ein „Kampf für Kunstfreiheit und Willkürverbot im Kunstbetrieb“ erforderlich, müssten „kunstfeindliche Kritiker, Händler und reiche Sammler“ in die Kritik kommen. In meiner KRITIK am zeitgeistlastigen BRANDHORST-Museum stellte ich u.a. dar, wie Reiche und Neureiche sich mit möglichst spektakulärer „Kunst“ schmücken, um mit der Kreativität anderer ihre eigene Einfallslosigkeit und Einfältigkeit zu überdecken. Skandalös sei, dass der Staat die Lust einer geringen Minderheit der Bevölkerung mit den Steuer-Geldern aller zur allgemeinen Staats-Kultur erhebt.

Der ZEIT-Kunstkritiker Hanno RAUTERBERG hob richtig hervor, Museen sollten sich nicht zu sehr auf einen Sammler konzentrieren: Denn sonst könnte es passieren (so wie geschehen), dass ein Ausstellungs-Betrieb zusammenbricht, wenn ein Sammler seine Bilder aus dem Museum abzieht und auf dem Kunstmarkt anbietet. In FRANKFURT z. B. hatte der Sammler BOCK dem Frankfurter Museum für Moderne Kunst einen Großteil dessen Sammlung entzogen, so dass der Direktor KITTELMANN (heute mächtiger Mann der Berliner Museen) plötzlich halbnackt dastand. Der Wert der BOCKschen Bilder hatte sich gesteigert; dank institutioneller Kunstvermittlung. Dass immer mehr SAMMLER dazu tendieren, eigene PRIVAT-MUSEEN zu gründen, hielt RAUTERBERG für eine bedenkliche Entwicklung: die Rolle der Museen als öffentlich zugängliche Häuser verändere sich dadurch.

Entflechtung von Kunst und Kommerz

Ich forderte ebenda in (2) die Berufung geeigneter, innovativer Ausstellungsmacher, damit die Museen (als Unabhängige!) nicht länger ein Spiegelbild des Kunst-Markts mit seinen Preis-Explosionen sind. Dabei Vorsicht vor Sammlern, Leihgebern und Stiftern, vor einem „Kultur-Sponsering“, das über private Geldgeber-MACHT Einfluss und Abhängigkeiten schafft. Siehe den SKANDAL mit falschen sog. „Mäzenen“; vgl. auch den Fall des Peter LUDWIG.

Durch Reichtum konnte sich Peter Ludwig zum leidenschaftlichen Kunstsammler entwickeln. Er fand in seiner Frau Irene Monheim eine Lebensgefährtin, die diese Leidenschaft teilte. Die Erbin des großen Schokoladen-Unternehmens („Trumpf“ und „Lindt“) brachte ein zweites „finanzielles Standbein“ für die Sammel-Leidenschaft mit. Peter und Irene Ludwig organisierten mit den Beständen ihrer Sammlung Museums-Projekte, Schenkungen und Initiativen zur Verbreitung und umstrittenen privaten „Förderung“ (Lenkung) der modernen Kunst.

An anderer Stelle (3) forderte ich zur „EVOLUTION der KULTUR-POLITIK“:

Von moderner demokratischer Kulturpolitik wird die Transparenz ihrer Entscheidungen erwartet: SUBVENTIONs-Geber, also die ÖFFENTLICHE Hand, wie auch SUBVENTIONs-Empfänger und -Empfängerinnen (Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen) sind gehalten, über die vergebenen, respektive erhaltenen Mittel, RECHENSCHAFT abzulegen. Hierbei dient EVALUATION – die Auswertung (Recherche, Ermittlung) von negativen und/oder positiven Erfahrungen - nicht nur der LEISTUNGs-Überprüfung, sondern auch der QUALITÄTs-Sicherung, also der Optimierung, der Strategie und Planung sowie dem Wissens-Zuwachs.

Zu fordern sind gerade heute Qualitätsentwicklung und Evaluation (Selbst- und Fremd-Evaluation): Damit Ausstellungs-Häuser dazu in der Lage sind, ist der Aufbau eines institutionellen Qualitäts-Managementsystems (auch in HAMBURG!) erforderlich, das alle Bereiche des Ausstellungswesens in den Blick nimmt. Die EVALUATION ermöglicht es dabei, mittels geeigneter Verfahren und Instrumente (siehe weiter unten das Schulbeispiel der Stadt ZÜRICH) bestimmte Aspekte kunstbetrieblicher Wirklichkeit untersuchen, beurteilen und weiterentwickeln zu können.

Entbehrlich-Schlechtes gegen Qualitätsvoll-Innovatives austauschen

Aufgabe eines Kunst Museums ist natürlich das Bewahren und Aufspüren des kunst-erneuernden Innovativen. Der Bestand sei „Bürgerbesitz“ liest man (4): Institutionelle Kunstvermittler haben indessen vieles am Kunst-Markt teuer erworben, was des „Bewahrens“ nicht wert ist und Bürger stört. Es ist nicht „absurd“, Möglichkeiten zum Bewahren von Kunst dadurch zu schaffen, dass man schlechte Kunst verkauft: „Entbehrliche und dennoch gewinnbringende Werke aus der Sammlung“ sollte man - nach Stellen der Qualitätsfrage – durchaus auflisten, um diese danach auf den Kunst-Markt zu bringen. Gut ist der Gedanke, mit Verkäufen qualitätsvolle Neuerwerbungen finanzieren zu wollen. Ich meine nicht, dass etwa Picassos oder Noldes Werke verkauft werden sollten. Dass die Bewertung von Kunst stark vom Zeitgeist abhängig sei, ist richtig. Kennerschaft ist vonnöten bei Kunstbeamten: Es gibt „Kunst“ (auch Nicht- und Anti-Kunst) heute in Museen, die von ideologiefreien Experten gering geschätzt wird. Sie wird auch morgen nicht wieder neu entdeckt und wertgeschätzt. JA: Eine Kultur-Gesellschaft benötigt dringend positiv-kulturelles Wachstum; nicht Negativ-KULTUR! Nach GG-Art. 5 Abs. 3 hat der Kulturstaat ein freiheitliches Kunstleben zu erhalten und zu fördern.

Zerbrechende Kunst-MARKT-Welt und schlechte Kulturpolitik

Die Kulturpolitik in Hessen hat desaströs versagt: „Kulturpolitiker“ (die es offensichtlich hier gar nicht gibt) reagieren auf eine nötige documenta-Institutions-Reform (der Privat-GmbH) nicht. Die Macht der Kunstbetriebs-Macher ist zu transformieren, zu unterminieren; DEMOKRATISIERUNG statt Willkür wird gefordert. Eine reformierte, NICHT-private NEUE (seriöse) öffentliche Museums-KULTUR muss her. Der Macher der „Kunstzeitung“ (Karlheinz SCHMID) leidet daran, dass „sämtliche Kriterien-Kataloge für Kunst überholt sind“. Bildende KünstlerInnen sollten „selbst in die Rolle des Kritikers schlüpfen“. Eine „anspruchsvollere Kunstkritik“ wird gefordert. FAZ-Kunstkritiker E. BEAUCAMP sieht dies ebenso: in FAZ- „Kunststücke“ v. 8.1.10. Die Qualitäts- & Markt-KRISE haben etwas Gutes!

Der Kunsthistoriker Johannes GRAVE sprach davon, es gebe „tatsächlich gute Gründe, die Geschichte der Kunstgeschichte auf Versäumnisse, Blindstellen und problematische Verengungen hin zu befragen“. Echte Kunst-„Wissenschaftler“ haben nichts zu verlieren, nur die Kunst-Spekulanten. Gute KUNST-Kritiker könnten sich als Beförderer und Geburtshelfer der evoluierenden New Art History erweisen und die „Risse im Bild“ (Hanno RAUTERBACH;“HR“) beseitigen. WERTE-FRAGEN sind hierbei ins Spiel um INNOVATIONEN & ORIGINALITÄT zu bringen. HR erörtete Werte-Kriterien wie ikonografischer Erfindungsreichtum, Wert der intellektuellen Durchdrungenheit, Erkenntniswert. Im WEB publizierte ich ein „Modell für eine objektivere Kunstbeurteilung“. HR, BEAUCAMP und ich fordern einen „neuen Streit“ um KRITERIEN und QUALITÄTsfragen - um den besten „Stil“, die sinnvollste Ästhetik. Er sollte auch in die KUNST-AKADEMIEN mit ihrer „Trostlosigkeit“ („Freie Kunst“) getragen werden. Sog. „Kunst“-Professoren behaupten (noch), KUNST sei angeblich nicht lehrbar, weil alles Kunst ist; BEUYS lässt grüßen! Kulturprozesse sind hier – analog zur documenta - auch an sich selbst abschaffenden Akademien der Gefahr von Cliquenbildung & Selbstbedienungsmentalität ausgesetzt.

Epilog

800 geladene Gäste kamen zur Vernissage der Schau „Macht zeigen“, um sich die Eröffnungsrede des Philospophen Peter SLOTERDIJK anzuhören. Autorität und Kunst seien untrennbar, kommentierte 3sat-„Kulturzeit“.

„Doch belegen diese Bilder eine gültige Strategie oder eine gleichgültig hingenommene Routine?“, fragt man sich. Die Kunst bekomme den „Musenkuss von Politik und Wirtschaft“ und werde so zu deren Herrschaftsinstrument. Das werde im DHM eindringlich dokumentiert. Trotzdem: „Eine Frage bleibt allerdings, ob Kunst zum bloßen Werkzeug der Mächtigen degradiert, überhaupt noch vieldeutig sein kann.“

»Etliche Künstler tragen mittlerweile zum Glamour und zur Prominenz eines neuen Adels aus Stars, Reichen und Mächtigen bei, ihre Werke verheißen Event und exklusiven Lifestyle«, sagte der Präsident der DHM-Stiftung, Hans Ottomeyer, vor der Eröffnung der Schau in Berlin (ddp). Ich ergänze: Reich gewordene Künstler“-Stars sind gemeint, die durch fehlgeleitete Kunstpolitik zum „Glamour und zur Prominenz eines neuen Adels aus Stars, Reichen und Mächtigen“ beigetragen haben. Ich erinnere an das undemokratische, dringend zu demokratisierende FALL-Beispiel „documenta Institution“! Siehe hierzu ein Internet-Mahnmal: Link „Verrisse-Mahnmal“ zur BUERGELiade in meiner HP art-.and-science.de.

LITERATUR - Anmerkungen

(1) MAAK, Niklas: Kunst verstärkt den Charakter (FAZ v. 23.02.2010) und Ausstellung „Macht zeigen“. Berlin, Deutsches Historisches Museum, bis zum 13. Juni. Ebenda in der FAZ Kommentare von mir.

(2) Philipp BLOM in Die ZEIT Nr. 02 v. 03.01.08: „Schafft die Museen ab!“

(3) HAHN, Werner: DIE ZEIT Online v. 04-10-09:
http://community.zeit.de/...

(4) HAHN, Werner (2008): Zum DARWIN-Jahr: Kulturelle EVOLUTION, Paradigmen-Wechsel, Kultur- & Kunst-Förderung und Qualitäts-Sicherung. In: ZEIT Online v. 29.11.2008.

(5) Kulturpolitik: „Sammlungen sind kein Finanzpolster“. Feuilletonbeitrag der F.A.S. v. 30-01-2010.

PS: Bilderstrecke zum Artikel: http://www.giessener-zeit...