Leserartikel-Blog

Erfinder Georges SEURAT: Evolutionärer PIXELISMUS in Frankfurt (Teil 3)

Georges Seurat ist der Erfinder der wissenschaftlich fundierten Methode, durch mosaikartig nebeneinander gesetzte Farbtupfen neue Farbwirkungen zu erzielen. Die Malweise fand nach 1883 viele Anhänger. In einer aufschlussreichen Tripel-Untersuchung wird die spannende evolutionäre Entwicklung des „Neoimpressionismus“ (Pointillismus) in all seinen Facetten mit Bildern auf den Punkt gebracht. Die 3 Aufsätze in DIE ZEIT gehen zudem vergleichend auf die „neo-pointillistische“ Phase der ars evolutoria ein: „Atomismus“ als eine mutierte neue Punktismus-Malweise. Die Termini dynamogener Pixelismus bzw. Dotismus.werden in Teil 3 näher erörtert.

Als der Franzose Georges Seurat (1859-1891) erstmals mit seinen von Farbpünktchen übersäten Leinwänden hervortrat, feierten ihn die einen als den Erfinder einer vollkommen neuartigen Malerei. Andere taten diesen Malstil als belangloses Bildkonfetti ab; heute noch spricht dpa – nicht witzig - von Konfetti-Malerei. Dieser als Neo-Impressionismus und Pointillismus bezeichneten Kunstrichtung wird höchste Wertschätzung entgegengebracht. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle bietet uns das seltene Vergnügen einer Ausstellung von Seurats Bildern. Die erste deutsche Schau des Punktismus (Pixelismus, Dotismus) seit 30 Jahren hat viel zu bieten. Die meisten der ausdrucksstarken Zeichnungen in der Schirnschau waren mir unbekannt: Mit Vorliebe zeichnete Seurat auf körniges Michallet-Papier (auch Ingres-Papier genannt), den Stift aus Conté-Kreide (in verschiedenen Härtegraden) über das faserige Strichgewebe führend. Typisch für das Papier sind die unregelmäßigen Büttenränder des handgeschöpften Michallet. Meinem dritten Teil des Tripel-Essays gingen voraus auch einführende bebilderten Artikel (GZ (4)).

Georges Seurat zählt zu den Malern mit kleinem Oeuvre und großer Bedeutung für die Kunstgeschichte. Ihm blieb wenig Zeit: 1878 trat er 18-jährig in die Pariser École des Beaux-Arts ein, 1891 starb er im Alter von 31 Jahren an Diphterie. Sein Werk umfasst rund 400 Zeichnungen, sechs Skizzenbücher, 170 Ölstudien, Croquetons genannt, und etwa 60 Gemälde, darunter seine sechs großformatigen Hauptwerke. Diese sechs Bilder gelten als extrem empfindlich und werden von den glücklichen Museen, die sie besitzen, nur ungern oder seit 40 Jahren nie mehr ausgeliehen. Schon deshalb ist jede repräsentative Seurat-Ausstellung ein seltenes Großereignis des Kunstbetriebs. Der Wert der ausgestellten Bilder ist enorm; daher auch das totale Fotografierverbot - selbst für die Presse - in Frankfurt: Vieles ist ja nicht mehr auf dem Markt. Seurats wunderbare neuartige Zeichnungen bewegen sich im sechsstelligen Bereich. Nur 3 Werke hat Seurat zu Lebzeiten verkaufen können. Dank der Eltern wurde Seurat ein finanziell unabhängiges Künstlerleben ermöglicht – obwohl sich die Elteren wenig für Seurats Kunst interessiert haben.
Der Züricher Kunsthausdirektor und Kurator Christoph Becker erklärte, warum der Pointillist mit seiner Variante der Farbzerlegung in die Kunstgeschichte einging: Diese Meinung des Direktors über das Genie Seurat teile ich nicht: „Seurat war weder Revolutionär noch Genie. Aber er besaß ein Gespür für Veränderung und trieb diese konsequent und energisch voran.“ Wie Zeitgenosse Darwin war auch Seurat ein wissenschaftlicher „Revolutionär“, der die Naturwissenschaften mit Kunst (Zeichnung & Malerei) brückenbildend-modern (siehe Teil 1) verknüpft hat. Auch die These „Seurat war kein Sinnsucher“ ist unzutreffend: http://www.zueritipp.ch/s... .

Hat denn Kurator Becker nicht den Katalog zur Seurat-Schau gelesen?

In „Über das Geistige in der Kunst“ von 1911 schrieb Wassily Kandinsky (1866-1944) über die Neuerungen des Neoimpressionismus: „Nach den realistischen Idealen kommen diese ablösenden impressionistischen Bestrebungen in der Malerei. Die letzteren enden in ihren dogmatischen Formen und rein naturalistischen Zielen in der Theorie des Neo-Impressionismus, welcher zur selben Zeit ins Abstrakte greift: Seine Theorie ist (…), nicht das zufällige Stück Natur auf der Leinwand zu fixieren, sondern die ganze Natur in ihrer Glanz- und Prachterscheinung zu bringen.“ (Kat. S. 42.) Vgl. W.Hahn vom 28/02/09 in http://www.myheimat.de/gl... Auch: HAHN, Werner (2008): Rückkehr zur Renaissance: Kandinsky und Malewitschs Kunst-Evolution (Mutationen). STIL-Fragen. In: ZEIT Online v. 15.11.2008. (http://community.zeit.de/... )

SEURAT: Ein wissenschaftsorientierter Kunst-und-Natur-„Harmonie“-SINN-Sucher

In der Schau vor Ort war zu sehen, dass Seurat keinen schwarzen Punkt in seine Gemälde tüpfelte. Weißanteile gibt es indessen sehr viele – besonders in den blassen Bildern, etwa beim unvollendeten „Zirkus“-Spätwerk. Seurat habe die pointillistischen Regeln häufig verletzt, hebt Becker hervor: Man könne durchaus das Prinzip der Farbzerlegung mit Pixeln vergleichen. Das Moderne an Seurat sei aber „die enge Verknüpfung von Konzept und Durchführung - gleichzeitig sehr intellektuell und sinnlich und, ja doch, auch unterhaltsam. Viele Moderne, etwa Picasso oder Matisse, begeisterten sich für ihn“. Die Fauves, die sich auch auf Seurat beriefen, fanden seine Pünktelei aber auch sehr buchhalterisch und allzu technisch.

Zu Seurats Bildern lesen wir heutzutage in der Kunstkritik: „Es waren Kunststücke aus der Zukunft. Darum staunen wir damals noch Künftigen auf den ersten Blick womöglich gar nicht mehr so sehr. Bildbearbeitungs-Programme hätten das Doppelauge „an eine dreidimensionale Wirkung jenseits einer naturalistischen Malerei gewöhnt (Seurat sprach von der Kunst, "eine Oberfläche auszuhöhlen"), ebenso an Pixel- und Schleiereffekte oder künstlich intensivierte Farben“ (FR vom 3.2.10 zur Retrospektive J. v. Sternburg). Wie leicht heute Frau Sakorzy als „stehenden Akt“ analog zu Seurats Zeichnungstechnik (Conté-Kreide auf rauem Papier) darstellbar ist – siehe in der Bildergalerie von mir. „Atomismus“-Zeichen in der ars evolutoria vollzieht sich NICHT durch Bildbearbeitungs-Programme!

Pixel - dot – Pointillismus: Pixelismus & Dotismus

Der Impressionist versuchte das Licht wiederzugeben, während Seurat im Pointillimus dies theoretisiert hat und wissenschaftlicher arbeitete: Die Bilderzeugung in der künstlerischen Stilrichtung des Pointillismus, welche auf Grund eines sehr theoretischen Ansatzes in einigen Quellen auch als technisch betitelt wird, hat Stefan Borchert mit der Bilderzeugung im Druck und in Monitoren verglichen: Mehr hierzu in http://www.stefan-borcher... . Siehe ebenda über Pixel: Je nach Bildschirmtyp (Röhrenmonitor oder Flüssigkristall-Bildschirm) wird dieses Pixel auf verschiedene Art und Weise erzeugt, besteht jedoch immer aus den 3 RGB-Farben (Rot, Grün, Blau), welche nach dem Prinzip der additiven Farbmischung zu allen Farben kombiniert werden können. In einem Schlusswort sagt der Autor: „Große Ähnlichkeit in der Technik und der Kunst belegen, dass die Künstler, welche der Stilrichtung des Pointillismus folgten, sehr viel über die Auflösungsmöglichkeiten des menschlichen Auges gewusst haben und die Technik durch dieses Wissen, das sie in ihren Bildern fixierten, beeinflusst haben könnten.“

Auch in der nächsten Display-Generation werde sich an der optischen Farbmischung nicht viel ändern, sodass diese im Bezug auf die Bilderzeugung in der Technik eine der wichtigsten Entdeckungen bleiben wird. Über „Rasterbilder“ siehe auch: http://www.teialehrbuch.d... Ebenda wird erläutert, dass Papierbilder oder Dias mit elektronischen Rasterbildern einige Gemeinsamkeiten haben: Beide sind hervorragend dazu geeignet, feine Strukturen und Farbverläufe sowie eine hohe Anzahl an Farben und Graustufen darzustellen.

Rasterbilder bestehen aus rechteckigen PIXEL (Picture Elementen, Bildelementen), denen eine bestimmte Farbe zugewiesen ist. Pixel sind die kleinsten Einheiten in der digitalen Bildverarbeitung und haben eine feste, nicht veränderbare Größe. Auch die meisten Ein- und Ausgabegeräte wie Scanner, Monitore und Drucker basieren auf der Verarbeitung und Interpretation solcher Pixel. Bei diesen wird jedoch nicht der Begriff Pixel, sondern "dot" (englisch für (Bild-)Punkt) verwendet, wobei Bildpunkt und Pixel äquivalent sind. Heute kann man Seurats Kunst durchaus als Schau eines Punktismus als Pixelismus und Dotismus bezeichnen. Seurat zu Ehren!

Seurat und der Goldene Schnitt

Die Frage „Haben Seurats Gemälde auch einen anderen Gehalt als «nur» den pointillistisch-technischen?“, antwortet Direktor Becker: „Für mich steht der formale Aspekt klar im Vordergrund. Natürlich hat Seurat zahlreiche Einzelfiguren abgebildet, und man könnte von der Vereinsamung des Menschen in der Gesellschaft sprechen. Man sollte aber nicht zu viel in die Bilder hineininterpretieren. Seurat war kein Sinnsucher.“ Natürlich war er ein wissenschaftsorientierter Kunst-und-Natur-„Harmonie“-SINN-Sucher; siehe die Teile 1 & 2 des Essays! Bewusst hat Seurat wie schon früher Dürer & Leonardo den Goldenen Schnitt zur Bildgestaltung eingesetzt. Inwieweit die Verwendung des Goldenen Schnittes in der Kunst zu besonders ästhetischen Ergebnissen führt, sei letztlich eine Frage der jeweils herrschenden Kunstauffassung, wird gesagt. Für die generelle These, dass diese Proportion besonders ansprechend und harmonisch empfunden wird, gibt es keine gesicherten Belege. Wie ich in meiner EST nachweise, ist der Goldene Schnitt als Naturprinzip nicht wegzudiskutieren. Siehe zur Biologie und Geschichte des GS auch im Web: http://de.wikipedia.org/w... - auch mein EST-Essay in (3) und auf meiner HP im Internet.

Unsinnig wäre es, Seurat als politischen oder sozialkritischen Künstler betrachten zu wollen. Für ihn standen ästhetische Fragen im Vordergrund. Seurats Bilder vermitteln vor allem eins: Ein großes Glück des Sehens - und die Schirn präsentiert sie im besten Sinne als kulinarisches Kunsterlebnis. Neben dem Botticelli-Blockbuster im Städel (für den die Besucher selbst im Schnee vor dem Eingang Schlange stehen) eine neue „Ausstellungs-Sensation, die Frankfurt parallel anzubieten hat“ (Die Welt).

Wie im ersten Teil des Tripel-Artikels betont: Die Farb-Bilder Seurats – mit Punkte-Malerei, die heute zeitgemäß zu Ehren Seurats Dotismus un/oder Pixelismus zu bezeichnen ist, bestehen aus unzähligen kleinsten Farb-Fragmenten, die über das (Doppel)Auge aufgenommen und durch die sensorische Fähigkeit der menschlichen Farbwahrnehmung wieder zusammengesetzt werden. Um eine geordnete harmonische Welt zu zeigen, setzte Georges Seurat seine Farbtheorien und Erkenntnisse über die symbolische Bedeutung der Linienführung („geometrisches“ Gerüst aus horizontalen und vertikalen Komponenten – Raumgliederung; siehe Bilderserie, Bild mit Skizze – Tripel-Artikel Teil 1) in seinen Gemälden konsequent um.

Seurats EIFFELTURM-Gemälde – Aufbruch in die Moderne

Den Original-Eiffelturm in Paris und den in Las Vegas lernte ich vor Ort kennen. Nicht den berühmten kleinen SEURAT-Turm als „Eiffelturm“:

Das um 1889 gemalte kleine Bild – den Turm 1 Jahr bevor der Eiffelturm eingeweiht wurde darstellend (31jährig starb GS 1891) -, ist mit dem Titel „Der Eiffelturm“ ein besonderes Highlight in Frankfurt. Das Gemälde mit dem breiten Rahmen „La Tour Eiffel“, Öl auf Holz, 24,1 x 15,2 cm (Fine Arts Museums of San Francisco – siehe meine Konfetti-Installation in der Galerie), dokumentiert bestens Seurats farbenprächtige Tupfen-Technik. Sie passte gut zum Motiv des Turmes aus bunten Emaille-Farben; vgl. Fotodokumentation zur Turm-Errichtung. Im Gemälde ist der Turmbau noch nicht abgeschlossen gemalt und die Zukunft "offen". Mein Turm-Ausschnitt-Bild offenbart: Punkt für Punkt setzte der innovative Maler auf kleine Flächen Farbtupfer. Bei großen Gemälden musste Seurat auf einer Leiter stehend Punktieren; er zeichnete sich auf der Leiter stehend 1884: „Der Maler bei der Arbeit“ (Conté-Kreide 31,1x23,2 cm). (Vgl. S. 4 in Hajo Düchting: Seurat. Köln 1999 – Taschen.)

Dass die unzähligen ungemischten winzigen „Punkte“ das Eiffelturm-Holztafel-Bild immer mehr verdichteten, ist nachvollziehbar. Im zitierten Heft „ab 12 Jahren“ der Schirn wird in Bild-Nr. 25 eine Fotodokumentation zum Bau (1887-1889) gezeigt; den Turmbau muss den Maler Seurat beeindruckt haben.

Kein besseres Emblem als das Gemälde des Eiffelturms konnte die Seurat-Ausstellung des Kunsthauses Zürich im Jahr von Seurats hundertfünfzigstem Geburtstag (2009) wählen. Das aus San Francisco nach Zürich und jetzt Frankfurt gekommene kleine Gemälde ist ab 4. Februar 2010 bis 9. Mai in der Schirn Kunsthalle zu bewundern. Der 300 m hohe Eiffelturm aus 12000 Metallstücken - für die Weltausstellung von 1889 gebaut, die zur Feier des hundertsten Jahrestages der Französischen Revolution stattfand -, war von Gustave Eiffel als Monument des wissenschaftlichen Zeitalters gedacht.

Der vor einem hellblauen Himmel rötlich flimmernde Eiffelturm schmückt die Vorderseite des Katalogs und ist das einzige der in Zürich & Frankfurt ausgestellten Werke, das mit einer eigenen Beschreibung gewürdigt wird: Becker spricht S. 138 im „Nachwort“ bezüglich des Turms von einem symbolträchtigen „Triumph exakter Wissenschaften“. Becker konstatiert zu den Flecken des Bildes, dass es die Farben Kupferrot, Orange, Gelb, Hellblau und Dunkelblau sind die das Bild ohne Lineatur und Schwarz aufbauen, wobei eifrig mit Weiß getüpfelt wird, das teilweise doch Farbe-Mischungen zur Folge hat: z.B. Hellblau, Hellgrün, Hellorange und Rosa; auch gelbgrüne und blaugrüne Töne sind vereinzelt wahrnehmbar. Symbolisch löst sich die Turmspitze im Flecken-„Blau“ des Himmels auf; das Bildganze ist in einem pointillistisch gemalten Rahmen komponiert.

Das Kunsthaus Zürich schrieb zur Seurat-Schau: „Der Weggefährte von Cézanne und van Gogh erfüllte die vom freien Farbauftrag lebende Malerei mit wissenschaftlicher Präzision. Wo nichts war als Licht und Atmosphäre schuf er rationale Dialoge zwischen Figuren und dem sie umgebenden Raum. Von dieser Leistung zeugen die mehr als 70 hochkarätigen Gemälde und Zeichnungen, die aus bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen aus London, Paris, New York und Washington den Weg ins Kunsthaus Zürich angetreten haben.“ (http://www.kunsthaus.ch/d... .) Für Frankfurt (Schirn) siehe Presse-Text und Download-Bilder in http://www.schirn-kunstha... . Zum Katalog der Ausstellungen siehe (1).

Der originellste Meister des Pointillismus – SEURAT - sei in europäischen Museen kaum vertreten, ist zu lesen. Seurat ist einer der 4 Väter der Modernen Kunst – so urteilte Werner Hofmann: der „vier patres des 20. Jahrhunderts“ (neben Gauguin, van Gogh, Cézanne (2)). Das Kunsthaus schreibt zur wissenschaftlichen Präzision: „Wo nichts war als Licht und Atmosphäre schuf er rationale Dialoge zwischen Figuren und dem sie umgebenden Raum. Van Gogh, Gauguin und viele andere Maler seiner Generation waren von Seurats Farbpalette und pointillistischen Technik fasziniert. Später schwärmten die Künstler des Bauhauses von diesen ungewöhnlichen Bildkompositionen, den Geometrisierungen der Figuren wie der Landschaft. Aus dem großen Kreis der impressionistischen Künstler hat Seurat wie kein zweiter die Kunst und ihre Rezeption beeinflusst.“

Der Text des Ausstellungs-Kataloges enthält vier Aufsätze, die auch kritisiert wurden: „Sollte eine solche Zusammenführung erlesener Leihgaben nicht Anlass für eine Zusammenschau und Revision des Wissens über den Künstler sein - zumal die Kunstwissenschaft in der Beschäftigung mit Seurat sich selbst begegnet, in der problematischen Gestalt einer Naturwissenschaft des Sehens, einer Physiologie der rezipierenden Bildkonstituierung?“, fragt die FAZ. Man bekäme in Zürich „keine Vorstellung vom philologischen Aufwand der Seurat-Forschung, der gerade im Erfolgsfall vor die Frage führt, was der Nachweis des Studiums optischer Traktate für das Verständnis der Bilder erbringt“, wird kritisiert.

Und: Der Eiffelturm eigne sich „prächtig zur Demonstration von Seurats Verfahren, dem sogenannten Pointillismus. Aus reinfarbigen Punkten setzt sich die Bildfläche zusammen. Hier scheint ein Descartes des Sehvermögens am Werk, der die Wahrnehmung des Bildes in elementare Operationen zerteilt. Tatsächlich brachte Seurat sein Vorgehen auf den denkbar einfachsten, cartesischen Begriff: „ma méthode“. Erst im Auge des Betrachters verbinden sich die Farbflecken zu Linien.“ (So Patrick Bahner, 02.12.09 - ein FAZnet-Beitrag mit Bilderserie.)

Das Farbfernsehen - Seurats wegweisende Erkenntnisse

Zum Bild des Eiffelturms von Seurat habe ich in der Bilder-Galerie eine Aufnahme des nächtlich beleuchteten Las-Vegas-Eiffelturms abgebildet: In einer Ausschnitt-Vergrößerung zu diesem Bildschirm-Foto zeige ich, dass die Farbwahrnehmung beim Farbfernsehen auf einer additiven Farbmischung von drei Farbpunkten bzw. Rechtecken – Rot, Grün, Ultaramarinblau (Phosphortripel verteilt über den gesamten Bildschirm) – beruht; im Gegensatz zur Farbmischung bei einem Farbdruck/Farbfilm (= subtraktiv; siehe dazu viel mehr in (3).

In Kapitel 11.6.8. berichtete ich „Zur polaren Struktur der Farbwahrnehmung“ – ebenda auch mehr über die 3 optischen Grundfarben, die paarigen Mischfarben gelb, purpurrot und cyanblau sowie zum ars-evolutoria-Farbenkreis (Fig. 511; vgl. Galerie-Bilder). In (3) auch mehr zu Goethes Farbenlehre mit „richtigem“ Farbkreis, Kanten-Spektren-Untersuchungen von Goethe und mir im Experiment. Zur Evolution des Farbensehens die Abschnitte 11.6.9. und 11.7. mit Experimenten, die auf das Symmetriegerüst des weißen Lichtes schließen lassen. In Kapitel 5.4. dokumentierte ich die (auch symbolische) Farbgebung in ars-evolutoria-Bildern (Brief an Werner Hofmann v. 7.8.1975: ebenda zu harmonischen Farbenklängen – Farbkonstellationen mit 5 Abbildungen und mit zahlreichen symmetrischen Farbenkreis-Varianten. Siehe auch die Doppelspiegel-Experimente.

Seurat und die Helmholtz`schen Erkenntnisse zur Theorie des Sehens

Aufschlussreich ist Michelle Foas Katalog-Erörterung „der raum in der malerei und in der wahrnehmung. Seurat und helmholtz“ ((1), S. 113-123). Hier geht es u.a. um das Verhältnis Seurats zur Wissenschaft und den Einfluss von Helmholtz auf das Schaffen des Malers: Theorien zur Tiefenwahrnehmung, das Doppelauge-Sehen (Binokularsehen) und Wheatstones Stereoskop-Erfindung, Perspektive-Wahrnehmung und stereoskopisches Sehen, das Tiefeneindruck-Erzeugen in einem Gemälde.
Seurat wird zitiert: Malerei sei „die Kunst, eine Oberfläche auszuhöhlen, das heißt die Kunst, auf einer flachen Leinwand einen Eindruck von Tiefe zu erzeugen“ (Definition Seurats gegenüber dem Dichter Gustave Kahn).

Die Bild-Bühne für Seurats „Der Zirkus“ war ursprünglich leer, der Künstler baute mit Hilfe der Pixel/Dot-Maltechnik scheinbar wirkliche oder unwirkliche „Räume“ („Tiefe“, illusionistische Dreidimensionalität) durch „Aushöhlen“ in die ungegenständliche Leinwand-Fläche hinein. Seurats Kunst des schöpferischen Prozesses liegt nun darin, die Leerfläche zu „besetzen“; nicht durch ein planlos-mosaikartiges „Bestreuen“ mit bunten Konfetti-Flecken, wie dpa noch heute scherzt. Statt Konfettismus sollte wissenschaftlicher Pixelismus die „Räumlichkeit“ mit Perspektive(n) aufbauen. Seit inzwischen über 120 Jahren gibt es jene berühmte Definition der Kunst des französischen Malers Maurice Denis: Man muss daran erinnern, schrieb er 1890 (in der Augustnummer der Zeitschrift Art et Critique), „dass ein Bild bevor es ein Schlachtross, eine nackte Frau oder eine beliebige Anekdote wird, seinem Wesen nach eine ebene, in einer bestimmten Anordnung mit Farben bedeckte Fläche ist.“ „Madame Sarkozy“ als Akt-Zeichnung, die ich pointillistisch in der Galerie darstelle, war bevor sie als nackte Frau abzubilden war, eine leeres Fotopapier, das sekundär belichtet wurde und danach von mir a&s-Mutationen ausgesetzt worden ist. Heute kann man selbst mit dem Computer „gut malen (…) Richtige Farbe an richtigen Ort setzen“ (Paul Klee über „gutes Malen“ in seinem Bauhauskurs über „Das bildnerische Denken“ (1921/22).)

Michelle Foa, die Seurats Marinezyklen als „erkenntnistheoretische Auseinandersetzung mit den Prozessen“ verstehen will, „die uns in die Lage versetzen, die Welt um uns herum zu verstehen und uns darin zurechtzufinden“, sollte die umfangreichen neuen Erkenntnisse meiner ars evolutoria – Natur-und-Kunsttheorie in der EST, experimentelle Arbeiten zum Doppelspiegelsehen in (3) - studieren, um kunstwissenschaftlich Neuland (auch zu Seurat) zu beschreiten. Zu Seurat kann auch mein Buch-Kapitel „Zur Farbwahrnehmung, Raum- und Gestaltauffassung bei operierten Blindgeborenen und Säuglingen (11.8.4.) in den Diskurs um Malerei-Neuland einbezogen werden.

Eine analoge Empfehlung geht an Wilhelm Genazino, der im Katalog (1) über „Schwindel“ in (Neo-)Impressionismus-Bildern mit „schaukelnden Strichen“ oder Dot/Pixel-Arbeiten fabuliert (S. 63). „Schwindeleien“ bekämpft mein „Neo-Chromoluminarismus“. Der Auflösung der Kontur im Bild folgte die Renaissance der Kontur mit erneuertem Perspektive-Sehen. (3) Genazino grübelt: „Es hat den Anschein, als hätte Seurat, wenn er hätte weitermalen können, die Punkte-Manier vielleicht aufgegeben, um – wohin zu gelangen?“ Heute würde Seurat sicherlich – könnt er es erleben – Befürworter und Anhänger von Evo-Devo-Art sein. Eine Kunstkritikerin sieht in Seurat einen „konzeptuellen Denker“. Sein Werk mit nicht „flüchtiger, vorübergehender, subjektiver“ Malerei sei „in der Kunstgeschichte wie eine große Sandburg, deren Weiterbau man sich ähnlich sanftkörnig imaginiert. Oder lieber nicht (…)“. (SZ: Catrin Lorch v. 5.2.10)

(Neo)Pointillismus (innovativer Atomismus) und veralteter Taschismus – EVO-DEVO-Taschismus?

Während die Pointillisten mit dem Pinsel einzelne Farb-Punkte komplementärfarben oder kontrastierend nebeneinander fügten, gliederten die Divisionisten (z.B. Giovanni Segantini (1858-1899, der „Dichter“ alpiner Landschaften) die Farbflächen eher durch einzeln nebeneinander gesetzte Striche und Linien (weniger auch Punkte) auf.

„Pointillismus“ heißt Punkt-um-Punkt-Malerei, „Tachismus“ Fleckenmalerei. Während der Pointillismus ein alter, historischer Ismus ist und der Tachismus ein eher neuer, noch nicht historischer, aber antiquierter Ismus ist, stellt der „ATOMISMUS“ der ars evolutoria in Syntax und Semantik eine völlig neue Malweise dar:

Während der Tachismus ein Äußerstes an Freiheit oder Disziplinlosigkeit, Spontaneität, Temperament, Subjektivität oder Unbewusstheit beinhaltet, bedeutet/e (war) der alte Pointillismus und ist der neue atomistische "Neo-Pointillismus" zu all den genannten Eigenschaften weitgehend - die Farben-Setzung/Wahl betreffend - das Gegenteil. Auch im Tempo des Malens unterscheiden sich die Ismen. Das tachistische Bild entsteht in Stunden, Minuten oder Sekunden. Alter und „Neuer Pointillismus“ (ars-evolutoria-Atomismus) kann in derartiger Kürze der Zeit nicht entstehen. Beweis: Bild „Nachurknall-Seinshaftigkeiten“ – (3) Abb. 688-689c (1985). Siehe aber auch neu den schnellen a&s-Pixelismus-Dotismus im Bild „Madame Sakorzy als Akt“ (7/2/2010).

In einer demonstrativen a&s-Bild-Beispiel-Reihe wird in Mutanten doziert, dass „EVO-DEVO-Taschismus“ eine Stil-Variante der ars evolutoria sein kann. Auch ein EVO-DEVO-Futurismus (Neo-Futurismus neben Neo-Taschismus) kann kreiert werden. Siehe im WEB und auf meiner Homepage auch zum a&s-Stil-Terminus „Neo-Expressionismus“, der EVO-DEVO-Expressionismus („Expressionistischer Evolutionismus") genannt werden kann (bitte googeln). (Siehe z.B. dazu Bilder im Link mit 43 Bildern: http://www.myheimat.de/gl... .)

Der Erfinder Georges Seurat brauchte für ein großes Gemälde normalerweise ein Jahr, manchmal etwas mehr; Atomismus-Bilder entwickeln sich Punkt-um-Punkt (nach Vorstudien) in Wochen und Monaten. (Siehe dazu Bildbeispiele.) Der neue "ATOMIST" pünktelt wie der "alte Pointillist" aus Gründen einer streng wissenschaftlich orientierten und logisch durchdachten Theorie.

LITERATUR & Anmerkungen

(1) Georges SEURAT - Figur im Raum. KATALOG-Publikation anläßlich der Ausstellung "Georges Seurat. Figur im Raum", Kunsthaus Zürich, 2. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 4. Februar bis 9. Mai 2010. Hrsg.: Zürcher Kunstgesellschaft, Kunsthaus Zürich]. - Zürich [etc.] : Kunsthaus Zürich [etc.], c2009. - 151 S. : Ill., z. T. farbig ; 28,5 cm.

(2) HOFMANN, Werner: Grundlagen der modernen Kunst. Eine Einführung in ihre symbolischen Formen. Stuttgart 1966. Zu Seurat: S. 190 – 196.

(3) HAHN, Werner (1989): Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst. Königstein. Gladenbach: Art & Science, 1995. HAHN, Werner (1998): Symmetry as a developmental principle in nature and art. Singapore. (Übersetzung des Originalwerkes von 1989, ergänzt durch ein 13. Kapitel – mit erweitertem Sach- und Personenregister sowie Literatur- und Abbildungsverzeichnis.) HAHN, Werner / WEIBEL, Peter (Hrsg.) (1996): Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme. Stuttgart. Anthologie mit Beiträgen von 19 Autoren; mit Essay von Werner Hahn: „Evolutionäre Symmetrietheorie und Universale Evolutionstheorie. Evolution durch Symmetrie und Asymmetrie“.

(4) Bild-Strecken siehe in

a) http://www.giessener-zeit... e-von-kunst-and-wissenschaft-georges-seurats-pointillismus-un d-der-atomismus-der-ars-evolutoria-teil-1/

b) http://www.giessener-zeit... -dynamogener-punktismus-in-frankfurt-umfassende-retrospektive -mit-kleinodien-2-teil/

c) http://www.giessener-zeit... ulaer-erfinder-seurat-brilliert-punktgenau-mit-pixelismus-dot ismus-in-frankfurt-teil-3/