Leserartikel-Blog

Kultureller SYMMETRIE-Bruch in KUNST gefordert: Eduard BEAUCAMP (FAZ)

Weitere Evolutionisierung der Koch(en)-als-„Kunst“-Bewegung?! - Kochrevolutionär Adrià sucht neue Inspiration

Ferran Adrià wurde 2007 als documenta-„Künstler“ gefeiert: Nicht-Kunst konnte die documenta-Institution als „Kunst“ verkaufen. Der Katalane hat ein d12-„elBulli" auf der Buergeliade-documenta nicht eröffnen wollen. Kompromiss: Stattdessen lud das Trio Buergel-Noack-Adrià zur (gescheiterten) d12 täglich zwei Besucher der d12 ins elBulli ein. Zu früh freute sich damals der ZDF-aspekte-Chef Wolfgang Herles, der den CICERO-Lesern weißzumachen versuchte, dass Kochen KUNST sei: In seinem Artikel „Warum Kochen Kunst ist“, behauptete der ZDF-Redaktionsleiter, Kochen sei wie „Kunst“ stets „elitär“ und „politisch“ wie „jede Kunst“. Und Kochen stehe „an der Schwelle zur abstrakten Malerei“! ZDF-Kultur & -Ethos wurde Opfer von R.M.B.s Gehirnwäsche. Kein Wunder, wenn E. Beaucamp in FAZ-KUNSTSTÜCKE heute einen „neuen Weltgeist“ fordert. Angesichts von „Kommerz & Rummel“ vermisst E.B. Kunst-Kennerschaft. Die Herlessche These trug zur Selbstauslöschung der Kunst bei. Der "Papst der Molekularküche" hat nun 2 Jahre Zeit nachzudenken, was er auf der documenta 13 - BAKARGIEViade-Schau - als "Künstler" ausstellt! Er lese E.B.s Artikel, der eine Kunstszene-Ethos-Erneuerung fordert. Koch(en)-als-„Kunst“ kann evoluieren: Molekularküche-Qualitäts-Denken. (Siehe DIE ZEIT: dpa – Newsticker: http://www.zeit.de/newsti... (

Neues KUNST-Jahrzehnt: EVOLUTION der Kunst zu einem „radikalen Neuanfang“

Die „Resteverwertung der Moderne“ muss aufhören, wünschte sich Eduard BEAUCAMP in „KUNSTSTÜCKE“ (FAZ – (1)). Ein „Bruch“ müsse her; Naturwissenschaftler sprechen von Symmetrie-Brüchen, wenn evolutionär Neues entstehen soll. Der FAZ-Kunstkritiker verlangt eine „substantielle, individualistische und emanzipatorische Kunst“ und will Aufklärer, denkende Künstler, Begründer einer fundamentalen Ästhetik unterstützen. Gefordert wird (fast missionarisch) ein „neuer Weltgeist“. Angesichts von globalem „Kommerz & Rummel“ und vermisster Kunst-Kennerschaft im Kunstbetrieb - eine ehrenhafte Absicht. Der Evolutions-Weg zum Ziel starte - nach Selbstbefreiung und Selbstauslöschung der entzauberten Kunst - mit Gewissensforschung & Kassensturz: Folgen müssten Kunstszene-„Ethos“-Erneuerung, Reformwille mit Qualitäts-Denken und eine konstruktive Kunst-Erbe-Kritik. Die ästhetischen Energien des 20. JHs (der „heroische Moderne“) seien heute verbraucht: einer „launischen“ Post-Moderne preisgegeben. Die „Metamorphose“ müsse sich über „experimentelle Phantasie“ zu einem „radikalen Neuanfang“ entwickeln; durch „Bruch“. Das geforderte „Einzigartige und Außerordentliche“ ist m.E. nur über eine „l’art-pour-la science“ (evolutionisierende Erkenntniskunst) möglich.

Wie sich die „Moderne“ im Kreis drehte und End-Punkte erreicht hat

Die „Ermüdung einer kämpferischen Moderne“ habe sich seit langem abgezeichnet, diagnostizierte Eduard BEAUCAMP (FAZ-Kunstkritiker) in „Die moderne Kunst am Ende ihres Jahrhunderts“. (2)

Die Kunst der Zeit nach 1945 lebte von vielen Revivals – „der Ideen mehr als der Stile“. Zeitweise hätte sich sogar der Rhythmus der Abfolge der klassischen Moderne wiederholt: „Diese Feststellung relativiert nicht die Leistungen der Nachkriegskunst. Ihr gelangen neue Radikalisierungen und Sinngebungen, neue Entgrenzungen und Sublimierungen. Bereits in den fünfziger Jahren sprach man vom Anbruch einer zweiten Moderne.“

Man habe es inzwischen mit einer „dritten Moderne“ zu tun: Bei den Malern und Objektmachern der achtziger Jahre hätten wir den Expressionismus, Dadaismus und Konstruktivismus „in dritter Auflage, als Phänomen einer dritten Generation“ erlebt.

Kunsthistorisch betrachtet sei früher das Neue oft aus einem erneuerten Alten hervorgegangen. So erlebte die Romantik im Symbolismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch einmal eine mächtige Renaissance. Und aus einem „wirklichkeitsflüchtigen, esoterischen Symbolismus „wurden zentrale „Impulse und Ideen der modernen Abstraktion“ geboren. Derartige Erneuerungen und Gegenbewegungen würden sich in unserer „Spätmoderne nicht (oder noch nicht) erkennen“ lassen. Die Moderne drehe sich im Kreis: Sie genieße in einem selbstgefälligen, „vom Kunstmarkt ermunterten und geprägten, vom zeitgeschichtlichen Kontext weitgehend abgesonderten Kunstbetrieb ihre eigenen Mythen und Revivals“.

Wir hätten uns daran gewöhnt, dabei - etwas bequem - vom „Pluralismus der Postmoderne“ zu reden, meint E.B.. Angebahnt habe sich mittlerweile ein allgemeiner Umschwung der Stimmung und des Lebens-Gefühls.

Eine „Abwendung von den Erwartungen und Idealen der Moderne“ sei zu beobachten. Stichworte wie "Grenzen des Wachstums" und der Zweifel am Fortschritt seien „die ersten Warnungen vor jedem Expansionsdenken“. Und beispielsweise erlebten wir heute eine „Aufwertung von Geschichte“ und „eine neue Naturbewegung“.

Eduard Beaucamp bilanziert, dass in den Lagern der "Avantgarden" Ernüchterungen und ein „fast vollständiger Stillstand“ eintraten:

„Die Künstler verloren jedes eindeutige und lineare Geschichtsbewusstsein und damit auch den Zukunftsbegriff. Eine Krise war unvermeidlich. Sie wurde noch dadurch verstärkt, dass die verschiedenen Programme und Tendenzen der Moderne auch immanent zu einem natürlichen Abschluss gekommen waren.“

E.B. diagnostiziert, dass in den Imaginationen und Abstraktionen der Künstler allmählich alle Differenzen aufgehoben worden seien: „Damit aber hob sich auch der Kunstbegriff auf und machte sich überflüssig“: Evolutionär gesehen verlief der Prozess der Auflösung des Kunstbegriffs und Abschaffung der Kunst nach Ansicht des FAZ-Kunstkritikers so:

„Dem ersehnten, fiktiven Ende der Kunst strebten in der Nachkriegszeit noch einmal die spätesten Metamorphosen der ‚konkreten’ Kunst zu, besonders die seriellen Strömungen und die Tendenzen zur Monochromie als einem idealen Endzustand der Malerei. Endpunkte waren ferner erreicht mit einer im Environment wiederhergestellten Einheit des Raumes, mit einer in der Kinetik oder im Film wiederhergestellten Einheit der Zeit, mit einer im Happening und in der Aktionskunst wiedereroberten Einheit des Lebens, mit der Aufhebung des Sonderstatus des Kunstwerks und seiner Ersetzung durch die Realität und die banalen Dinge des täglichen Lebens, dann mit der Concept-Art, mit ihrer Entmaterialisierung der Kunst und der Freisetzung einer absoluten, mithin beliebigen Phantasie, der sich die Welt nur noch als Wunsch und Wille darstellte.“

Kunstkritiker BEAUCAMP: Kunstbetriebler & Lobbyisten irren als "Höflinge"

„In Berlin feiert die Kunst ein trauriges Jubiläum“, konstatierte Eduard BEAUCAMP in „KUNSTSTÜCKE“ (FAZ v. 05.06.09, S 33). Es ging um die SKANDALSCHAU 60 Jahre & 60 Werke, die ich heftig kritisiert habe. „Netzwerker“ mit ihren „verzweigten Einflüssen bis in die auswärtige Kulturpolitik“ hätten „erfolgreich verhindern“ können, dass Kunst aus der DDR Beachtung findet. Die westliche KUNSTFREIHEIT „bedarf dringend der Überprüfung“ mahnte E.B.: „Auch im Kunstbereich hat sich manches verzerrt. Wie frei und chancengleich ist die Kunst noch in einem freien Land? In der Epoche des fast totalen Markts sind der Erfolg und die Qualität, die Preise und die Bedeutungen auseinandergefallen. Erfolg und Freiheit sind heute eine Frage der Vernetzung, für die der Kreis der Berliner Veranstalter ein gutes Beispiel abgibt. Unter diesen Netzwerkern sind Kunstunternehmer, die privaten Sammlungen und Stiftungen aufgebaut oder im Dienst einer Bank, die Kunst zu Werbe- und Geldanlage-Zwecken nutzt, gearbeitet haben. Sie stehen Galerien und ihren Künstlerclans hilfreich mit Wort und Tat zur Seite, sie umschwärmen beratend Großsammler und sonnen sich wie Höflinge in ihrem Glanz.“

Das FAZIT des Kunstkritikers im BRD(West)-DDR(Ost)-Kunststreit: „Die Kunst der DDR wird zu Unrecht geschnitten.“ E.B. vermisst „souveräne Autoritäten“ - wie Werner SCHMALENBACH, Werner HOFMANN oder Dieter HONISCH.

BEAUCAMP warf „modernen Künstlern“ (pauschal) vor, dass sie sich im „Zeitalter der Avantgarden gebärdeten (…) als Rebellen, Anarchisten, radikale Weltverbesserer, als Ideologen, Autokraten und Absolutisten und in der Aufbruchszeit auch als Vordenker und Zuarbeiter der Jahrhundertdiktaturen“. Die KünstlerInnen hätten aber HITLER, „der seinen Hass auf die Moderne früh genug herausbrüllte“, nicht erlegen. Als aufreizend, taktlos und beleidigend interpretiert E.B. insbesondere, dass die heftig attackierten Berliner Skandal-Macher den „Alleinvertretungsanspruch und die Kaltekriegsthese“ durchsetzten: sie behaupteten, die „irrelevante Kunst aus der DDR“ gehöre „nur ins historische Museum“. DDR-Kunst sei aber „vielfach spannender als die satte, selbstgefällige, innovationsarme und marktkonforme Produktion der letzten Jahrzehnte im Westen. Der Katalog zur Schau „60 Jahre / 60 Werke" zum Geburtstag der Bundesrepublik stelle Kunst aus der DDR abfällig als „ein ästhetischer Zoo“ dar, die bald „verdunste“. Sie „sei nicht gleichrangig und dürfe nicht nachträglich rehabilitiert werden“ behaupteten die moralisierenden „Netzwerker“ aus „rheinischen Nostalgievereinen“. (3)

Zu Eduard BEAUCAMP siehe durch googeln

http://de.wikipedia.org/w...
PDF: Laudatio auf E.B. von Gustav Seibt
PDF: E.B. Dankesrede

Interessant für die Kunst-SYMMETRIE-Bruch-Debatte auch: E.B. in KUNSTSTÜCKE:
Grenzen im Kopf – Die West-Seilschaften der Kunstszene (02/10/09)
Künstler als Kunstkritiker (04/09/09)
Kunst ist lehrbar (01/08/08)
Global heißt nicht universell (07/12/07)
Mäzene küsst man doch (05/10/07)

Literatur/Bilder-Hinweis:

(1) BEAUCAMP, Eduard (2010): Wir brauchen den Bruch. Die Resteverwertung er Moderne muss aufhören. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.01.2010, S. 34.

(2) BEAUCAMP, Eduard (1999): Die moderne Kunst am Ende ihres Jahrhunderts. In: Hans Thomas: Die Lage der Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts. Lindenthal-Institut 1999. S.27-44.

(3) HAHN, Werner (2009): „Zur 60-Jahre/Werke-SKANDAL-Ausstellung (Gropiusbau): Kunst-MARKT & Kultur-STAAT“. In: ZEIT Online v. 04.05.2009. Siehe auch Werner Hahn in der SZ: Kommentar v.08.06.09 (zu Gustav Seibt: Kunst in der BRD. Die Verfassung der Kunst (http://www.sueddeutsche.d...) AUCH: In „art“ – Das Kunstmagazin – 13 Kommentare: http://www.art-magazin.de...

SOWIE im TAGESSPIEGEL (5 Kommentare): http://www.tagesspiegel.d...

UND zum Skandal-Thema mit BILDER-Galerien (Jahresrückblick 2009):
HAHN, Werner (23.12.09): http://www.myheimat.de/gl...
(9 Bilder)

Wissen sollten Kunst-Interessierte zum Jahreswechsel , dass „60 Jahre/60 Werke" als größte Enttäuschung 2009 kritisiert wurde: Bei der Kritiker-Umfrage in Nr.1/2010 der Kunstzeitschrift „art“ (Kunstmagazin) ist die Skandal-Ausstellung "60 Jahre/60 Werke" (Berlin) mehrfach negativ qualifiziert worden: „Am meisten enttäuscht oder geärgert“ hat 2009 "60 Jahre/60 Werke" den Kunstkritiker der Süddeutschen Zeitung Holger LIEBS, der 60x60 u.a. „niederschmetternde Schlichtheit“ attestiert. Und Tim SOMMER (Chefredakteur der „art“) stuft die misslungene Schau als „armselig und unreflektiert“ ein. Gut so.

Zum Thema vgl. auch:

HAHN, Werner (13.08.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (15.06.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (11.06.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (28.05.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (15.05.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (13.05.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (11.05.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (04.05.09): http://www.myheimat.de/gl......
HAHN, Werner (03.05.09): http://www.myheimat.de/gl......