Leserartikel-Blog

Kopfunter-Malen: BASELITZ. Dpa als Kunst-Experten?

Fragen stellen sich, wer in Zukunft die Demokratie im Kleinen schützen soll, wer die Mächtigen der Republik in Zukunft kontrollieren soll. In Deutschland scheinen die Zeiten, in denen Journalisten eine gut informierte, kritische Kontrollinstanz gewesen sind - in der sie auch Zeit hatten, nachzudenken und zu recherchieren -, bald der Vergangenheit anzugehören.

Hintergrundberichte und Analysen seien heute in der Presselandschaft selten, stellte ich fest (1). Hier ein Beispiel zum verarmenden Kunst-Journalismus, der seriös und konstruktiv Kritik am bösen korrupten Kunst-Markt-Betrieb üben sollte.(2)

Im Bereich des Kultur-Ressorts (Feuilletons) der Zeitungen und Zeitschriften wird dies auch augenfällig: Wenn z. B. Artikel über dpa von sog. dpa-„Kunst-Experten“ weit verbreitet in der Presse publiziert werden. Dpa-Kassel, die regelmäßig über die documentas berichteten, sind ein Beispiel; hier wurde verzerrt berichtet und teilweise auch nachweislich im nicht positiven „RTL-Stil“.

Wenn jetzt selbst DIE ZEIT Artikel von dpa übernimmt (zu BASELITZ: DIE ZEIT: 20.11.09 http://www.zeit.de/newsti...), ist das m.E. schon sehr bedenklich (Übernahme von Baden-Baden (dpa)). Informiert wird der Leser im Artikel über Baselitz-Ausstellungen, dass bis zum 14. März im Museum Frieder Burda und in der benachbarten Staatlichen Kunsthalle rund 140 Kunstwerke „eines der bedeutendsten Gegenwartskünstler präsentiert“ werden - darunter rund 80 Gemälde, mehr als 40 Zeichnungen sowie Skulpturen von den Anfängen bis heute. In Baden-Baden sei „die Vielschichtigkeit des Einzelgängers zu bestaunen“. Baselitz, der heute 71-jährige, zeige „auf dem Kopf stehende Akte“ (dass viel mehr kopfüber gezeigt wird, fehlt im dpa-Bericht), mit der Kettensäge bearbeitete Skulpturen, “zerteilte Menschenbilder und der letzte Rest vom männlichen Heldentum aus dem offenen Hosenschlitz“. G.B. habe „eine Vorliebe für Brachiales und Provokation“, wird richtig erkannt.

Dpa empfiehlt, was der Kurator Götz Adriani „sicherheitshalber als eine Gebrauchsanweisung mit auf den Weg“ gegeben habe: Betrachter müssten „sich zunächst beeindrucken lassen“ und dürften „vielleicht auch Abscheu empfinden“. Götz ADRIANI: „Aber er muss das Gespür haben, dass ihn etwas bewegt.“ Ein Bild – so verbreitet es dpa -, das keine Emotionen hervorruft, habe „für den Kunstexperten keine Qualität“. Welch ein unzeitgemäßes, überholtes und unkritisches Kunstverständnis!

Zu dieser These einer "EMOTIONEN-Qualität" sollte man sich Bilder und Skulpturen im WWW ansehen, z.B. die 22-teilige Bilderstrecke zu Baselitz-Kunst in art: http://www.art-magazin.de... Und auch lesen, was der zugehörige art-Artikel (mit kritischem Kommentar von mir) beinhaltet: http://www.art-magazin.de...

Was die Ausstellungsmacher selbst verkünden und propagieren liest man hier zur den Ausstellungen bis 14. März in der Kunsthalle Baden-Baden und im Museum Frieder Burda, (Lichtentaler Allee 8a und 8b: Di-So 10-18 Uhr). Bilder und Info:
www.sammlung-frieder-burd... sowie http://www.museum-frieder... UND www.kunsthalle-baden-bade... sowie http://www.kunsthalle-bad...

Wer kurz und quasi nichts-sagend informiert werden will, lese bild.de:
Tina Gaedt schreibt für bild.de, wo der „große Bildhauer“ und „berühmte Maler“ kurz im BILD-Stil gewürdigt wird: „Baselitz sägt mit Sti(h)l“ In: http://www.bild.de/BILD/r...) Und BILD liefert zugleich online Werbung für Stihl-Kettensägen.

Marotte: "Kopfunter" malen, das Oberste zuunterst (Baselitz-„Kunst“)

Im „3satText“ las man unter „Kultur Nachrichten“ eine Notiz über BASELITZ: zum angeblich „bedeutendsten Erneuerer der zeitgenössischen Malerei seit 1960“. Eine Ausstellung in der Kunsthalle Würth (Schwäbisch Hall) widmete dem Maler, Grafiker und Bildhauer eine umfassende Werkschau, zu der Ex-Bundeskanzler SCHRÖDER eine Lobrede hielt. Ein ganz besonders berühmtes "umgedrehtes" Werk von BASELITZ hing einst im Kanzleramt hinter dem Schreibtisch des BASELITZ-Bewunderers Gerhard Schröder (SPD): ein auf dem Kopf stehender Adler. Rätselhaft für mich: Warum nur wurde Georg BASELITZ 2004 der „Nobelpreis der Künste”, der Praemium Imperiale der Japan Art Association, zuerkannt?! Rund 50 Werke der Würther Ausstellung stammten aus der Sammlung des Hohenloher „Schraubenkönigs" und „Kunst“-Förderers Reinhold Würth. Qualitätskriterien von „Kunst“ sind gegenwärtig (mehr als früher) in erster Linie der Exzess, die Schockierung, die Provokation, die Verblüffung. Mit Effekthascherei operierte auch die kläglich gescheiterte BUERGELiade 2007 (d12). Begriffe wie "Kunst" und "Qualität" erscheinen obsolet; NICHT-Kunst, ANTI-Kunst werden staatlich gefördert. Der Staatskünstler BASELITZ propagiert/e in der „Kunst“-Szene das Hässliche anstatt das Schöne. Kunstmarkt-Künstler kann man heutzutage dadurch werden, dass man sich durch eine Staatsanwaltschaft Bilder als Pornografie beschlagnahmen lässt: Male ein onanierendes Rumpelstilzchen à la B. mit grotesk verlängertem Genital! Ist man bekannt, dreht man seine Werke kurzerhand auf den Kopf (Masche). Erstling der „Kopfstand-Bilder“ war ein 1969 gemaltes BASELITZ-Waldmotiv. Diese „Verdrehung“ (180-Grad-Drehung) wurde „Kunst“-Markt-Markenzeichen. Am Ende der „Karriere“ erfindet man ein Konzept des „Remix“; so einfach macht es sich Hans-Georg Bruno Kern.

In einer Kunst-Kritik der FR (Peter IDEN am 23.11.2009) ist zu lesen:
Baselitz gehöre zu einer Star-Gruppe mit Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Markus Lüpertz (derzeit ausgestellt in der Bonner Bundeskunsthalle): Als „antreibendes Motiv“ teilten die vier Kunstmarkt-Stars „gegen die Dominanz der abstrakten Kunst im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg“ die „Herausforderung durch die (von der Kunst der beiden deutschen Diktaturen diskreditierte) gegenständliche Wiedergabe der Welt und der Gestalt des Menschen“. Das früheste der Bilder von Baselitz jetzt in Baden-Baden, "Win.D" von 1959, zeige ein Gesicht, das fast bis zur Unkenntlichkeit überströmt sei von Farbe, die zum unteren Bildrand hin zerfließt wie in einem Dripping Jackson Pollocks. Die Konturen von Kopf und Schulter sind verschwimmend noch präsent, aber doch nur ein Anlass für die freie, autonome Entfaltung der Farben.

Dieses frühe Bild malte Baselitz als Hans-Georg Bruno Kern; er war einundzwanzig. Schon bald wurde KERN wegen "gesellschaftspolitischer Unreife" von der Ost-Berliner Kunsthochschule gewiesen und wechselte zu Anfang der sechziger Jahren in den Westen Berlins. Mit dem Gemälde "Die große Nacht im Eimer", der (in Baden-Baden nicht vertretenen) Darstellung eines Onanierenden, erregte KERN, der sich „Baselitz“ nannte, einen „heute kaum mehr nachvollziehbaren Skandal“ – so IDEN: G.B. wurde angezeigt und das Bild von der Berliner Ordnungsbehörde vorübergehend beschlagnahmt.

Zu den „Kopfunter“-Bildern und „Remix“-Arbeiten des G.B. schreibt der FR-Kritiker (ehemals Feuilleton-Chef der Frankfurter Rundschau):

Ende der 1960er Jahre stand die Welt Kopf: Die Idee, Akte, Stillleben oder Landschaften «verkehrt» herum darzustellen, brachte den G.B. den internationalen Durchbruch. „Ich wollte etwas machen, das das Bildsystem aushebelt“, behauptet der Künstler zu seinem nicht originellen aber Kunst-Markt-geeigneten Einfall. In Baden-Baden sind so (was dpa nicht berichtet, s.o.) riesige kopfüber hängende Akte, Tulpen, Adler oder expressive Diptychons zu sehen.

IDEN meint zum Verfahren, Menschen, Tiere, Bäume "kopfunter" zu malen, das Oberste zuunterst: „Über die Beweggründe ist viel spekuliert worden, Baselitz selbst hat wiederholt wissen lassen, er habe mit der Umkehrung von oben und unten eine Art von Ablenkung erreichen wollen: Der Betrachter solle von der Wahrnehmung vordergründiger Bildmotive abgebracht werden - zugunsten der Einlassung auf die Eigendynamik der Farben. Es drängt sich auf, darin jenes Widerspiel von autonomer Farbentfaltung und einer figurativen, dem Gegenstand verpflichteten Malerei repetiert zu finden, das Baselitz schon in seinen Anfängen thematisiert hatte.“

In einem Text für den Katalog bemerkt Baselitz: "Aber wenn Maler nicht rechtzeitig aus dem Fenster springen, werden sie einfach alt, und sie müssen sehen, wie sie den Rest der Zeit füllen und was sie tun". IDEN dazu: „Die Antwort sind Baselitz´ (nicht unumstrittene) ‚Remix’-Bilder aus jüngster Zeit: Wiederaufnahmen von Motiven des Frühwerks, seltsam heller umgesetzt“. Noch einmal male der 70jährige im Rückgriff auf die sechziger Jahre den "Modernen Maler", „hockend vor einem Gespinst roter Farbspuren, ratlos wie einst der Hirte ohne Herde - war es das?, war das alles?“.

Zu den Figuren und Köpfen aus Holz schreibt der Kunstkritiker u.a.:

„Es sind ungeschlachte, sich zu grober Monumentalität bekennende Skulpturen, sehr nachdrücklich in ihrer Präsenz.“ Im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 1980 war G.B. noch weitgehend auf Ablehnung gestoßen: „Auch weil die Unterwerfungsgeste einer liegenden Figur mit ausgestrecktem rechten Arm, jetzt auch in Baden-Baden zu sehen, als Huldigung an Hitler missverstanden wurde.“ Aus dem Abstand der Jahre wirkten die Skulpturen heute für P.I. „als durchaus eigenständiger Spannungswert des Oeuvres: herausfordernd mit einer wuchtigen Entschiedenheit, die in der neueren Geschichte der Skulptur ihresgleichen“ – angeblich – „ nicht hat“.(3)

FAZIT

KERN alias BASELITZ ist ein Künstler, der die provokante Geste liebt. Er erlaubt es sich, seine Kunst angeblich „neu“ zu erfinden - selbst wenn er, wie in seinem jüngsten "Remix"-Zyklus, seinen alten Bildthemen frisches Leben einhaucht. Seine schmutzfarbene Inszenierung onanierender Knaben war in den frühen Sechzigern nicht nur ästhetisch ein kunstmarkt-dienlicher Affront. Die Marotte, Gemälde-Umkehrbilder zu installieren (mit Skulpturen-Kopfunter befasste sich G.B. nicht - warum eigentlich?!), mag für den Künstler persönlich ein „Akt der Befreiung“ gewesen sein. Evolutionistisch-kunsthistorisch gesehen verkünden diese Bilder keine Innovation und sind un-originell aber kunstmarkt-freundlich. Dorthin, wo der damalige (linke) Kunsthallenchef Klaus GALLWITZ, einer von Baselitz' frühen Förderern in seiner Ausstellungsreihe "14x14" die erste große Werkschau zeigte, kehrt G.B. heute zurück. NICHT-Kunst & ANTI-Kunst werden weiterhin staatlich und durch Sammler gefördert.

Der umstrittene Joseph BEUYS hat sich einmal negativ zu G.B. geäußert: Zum "Modell einer Skulptur", Baselitz' so überraschender wie umstrittener Beitrag für die Biennale 1980, soll BEUYS gesagt haben: „Nicht mal erste Klasse Kunstakademie". Der vermeintliche Hitlergruß entstammte (angeblich) allerdings der schwarzafrikanischen Kunst. (So zu lesen in DIE WELT - Stefan Tolksdorf am 14. Dezember 2009.) Als Künstler der ars evolutoria erlaube ich es mir, Georg Baselitz’ "Modell für eine Skulptur", 1979 – 1980, Lindenholz und Tempera, 178 x 147 x 244 cm in der Fotografie MUTATIV für diesen a&s-Performance-Beitrag zu verwandeln:
Titel „Verkehrter skulpturaler Hitlergruß“ (W.H.-22-12-09); siehe Bilder-Galerie.

Literatur – Links - Anmerkungen

(1) HAHN, Werner: Gießener Zeitung http://www.giessener-zeit...

(2) HAHN, Werner; a) http://www.myheimat.de/gl... UND b) http://www.myheimat.de/gl... SOWIE c) http://community.zeit.de/...

(3) Erstaunlich: Prof. Peter Iden (70), Kunst- und Theaterkritiker, Gründungsdirektor des Museums für Moderne Kunst, Frankfurt/Main; ehemaliger FR-Feuilletonchef erläutert in BILD (http://www.bild.de/BILD/n...) die Kunst von BASELITZ als Macher der von mir im WEB vielerorts heftig kritisierten Skandal-Ausstellung "60 Jahre/60 Werke" : “BILD und RWE zeigen Werke, die Westdeutschland zum wichtigsten Kunstland nach dem Krieg machten“. Zum Werk „Der Hirte“ (1966) erklärt P.I. den BILD-Usern das „Erkennungszeichen des inzwischen zu internationalem Ruhm gekommenen deutschen Malers, dass er die Figuren in seinen Bildern auf den Kopf stellt“, so: „Der Mensch, könnte das heißen, ist in seinem Verlangen nach Halt und Heimat mit dem Kopf der Erde näher als mit den Beinen. Der Hirte steht noch aufrecht. Aber wie die Verhältnisse sind – nicht mehr lange.“ Wissen sollte man, dass „60 Jahre/60 Werke" als größte Enttäuschung 2009 kritisiert wurde: Bei der Kritiker-Umfrage in Nr.1/2010 der Kunstzeitschrift „art“ (Kunstmagazin) ist die Skandal-Ausstellung "60 Jahre/60 Werke" (Berlin) mehrfach negativ qualifiziert worden: „am meisten enttäuscht oder geärgert“ hat 2009 "60 Jahre/60 Werke" den Kunstkritiker der Süddeutschen Zeitung Holger LIEBS, der 60x60 u.a. „niederschmetternde Schlichtheit“ attestiert. Und Tim SOMMER (Chefredakteur der „art“) stuft die misslungene Schau als „armselig und unreflektiert“ ein. Gut so.Vgl. auch http://community.zeit.de/...