Leserartikel-Blog

Zur Krise der D-Print-Medien: Gratis-Mitmachzeitung und/oder Bezahl-Internet?

Ein Revolutionsjahr, Jahr der großen Transformation sei mit 2009 vergangen, liest man über Zeitungen und Zeitschriften in DIE ZEIT (Nr. 49/2009: http://www.zeit.de/2009/4...): „Einige wurden eingestellt, einige trotzten der Krise, andere arbeiten an neuen Strategien. Auf dem Spiel steht unsere Meinungsvielfalt“. Diskutiert wird die große Frage, was nach diesem Krisen-Jahr von der Presse übrig bleibt, wo es trotzdem noch journalistische Erfolgsgeschichten gibt. "Mehr als ein Jahr gibt es die Gratiszeitung inzwischen, die Anzeigenkunden mögen sie. Eine Zeitung ohne Distanz, ohne Probleme, ohne Skandale" - so hat die Wochenzeitung DIE ZEIT in ihrem jüngsten Dossier "Deutschland, entblättert", positiv über die „GIEßENER ZEITUNG“ geurteilt. Ist die Krise in Deutschlands Print-Landschaft zu bewältigen? (1)/(2)

Verlage schließen (lokale) Redaktionsbüros oder verkleinern sie: „In bislang nicht gekanntem Umfang entlassen Zeitungsverlage ihre Leute, schließen ganze Redaktionen, lagern sie aus, ersetzen fest angestellte Redakteure durch billige Leihkräfte.“ Auch werden Redaktionen von Zeitungsverlagen zusammengelegt. Das Monopol werde dazu benutzt, noch mehr zu sparen.

Die Presse solle zwar die Mächtigen kontrollieren - so will es das Grundgesetz, das sie deshalb unter besonderen Schutz stellt -, doch jetzt sehe es so aus, als „ob sich die Presse ihrer Freiheit selbst beraubt“. Wegen der Wirtschaftskrise schalten die Unternehmen erheblich weniger Anzeigen, Geld, auf das die Verlage angewiesen sind. Und dann gibt es da noch das Problem „Internet“, wird gesagt. Kostenpflichtiger Universaljournalismus hat keine Zukunft“, wird der Medienberater Alexander Kahlmann zitiert.

In Zukunft sollen weniger „teure Redakteure“ angestellt werden, wird gesagt: dafür mehr Content-Manager, die dann auch filmen, twittern, bloggen, podcasten müssten. Die Zeiten, in denen Journalisten eine gut informierte, kritische Kontrollinstanz gewesen sind - in der sie Zeit hatten, nachzudenken und zu recherchieren -, scheinen vergangen zu sein. Hintergrundberichte und Analysen seien selten. Die Fragen stellen sich, wer in Zukunft die Demokratie im Kleinen schützen soll, wer die Mächtigen der Republik in Zukunft kontrollieren soll.

Fakt sei: „Nur die Hälfte der freien Journalisten können von ihrer Arbeit leben“. Journalismus sei heute vielerorts „Material und damit ein Kostenfaktor“. Der Leser habe das lange ausgehalten. Heute muss er es nicht mehr: „Er gewöhnt sich daran, Nachrichten im Internet zu lesen. Er führt ein Onlinetagebuch, stellt Filme bei YouTube ein, informiert über Twitter und kommentiert, was ihn erregt.“ Die ZEIT-Autoren fragen: „Waren es nicht ganz normale Menschen, iranische Männer und Frauen, deren Berichte und Videos von den Unruhen in Teheran um die Welt gingen? Braucht es noch unbedingt Journalisten, um die Welt abzubilden?“

Wer sich täglich ein Bild von der Vielfalt der Welt machen will, sollte weiterhin die Möglichkeit haben, in den Medien Rundfunk, Fernsehen und der Presse (Zeitungen, Zeitschriften, Internetportalen, Presseagenturen etc.) von „echten“ Journalisten, die das journalistische „Handwerk“ gelernt haben, als kompetenten Medien-Machern in einer mehrdimensionalen Medienwelt unterrichtet zu werden. „Kulturjournalismus“ beispielsweise – ein Feld auf dem ich mich als unabhängiger freischaffender „Bürgerreporter“, der „Kostenloskultur“ liefert, bewege – muss man aber nicht unbedingt Journalistik „studiert“ haben (auf einer Hochschule für Medien und Kommunikation z.B.) , wenn man über Literatur, Kunst, Musik, Theater und Medien fachkundig und engagiert berichten will. Journalistische Grundkompetenzen kann man sich selbst aneignen und in die Themenkomplexe wie Kulturwissenschaft, Kulturpolitik und Kulturmanagement kann man sich via Internet wohl besser einarbeiten, als einem „Professor“ an der Hochschule „dienen“ zu müssen. Als freier Kulturschaffender kann ich mich mit dem Bezahljournalismus (s.w.u.) nicht anfreunden. Meine Artikel sollen gelesen werden!

Die Autoren Blasberg und Hamann von der ZEIT kommen in ihrem Dossier "Deutschland, entblättert" auf die „Gießener Online-Community“ zu sprechen, in der der „Ton untereinander (…) höflich“ sei, „manchmal hemmungslos liebevoll“.

Und „Schmähkritik, die viele Orte im Internet so unwirtlich macht“, werde in der „GIEßENER ZEITUNG“ aussortiert; die GZ wird nicht als solche namentlich aufgeführt und von den konkurrierenden beiden Gießener Tageszeitungen (Allgemeine und Anzeiger) ist keine Rede. Über „Gießens Onlinegemeinde“ wird feuilletonistisch geplaudert (eine Pilotin, eine Bibliothekarin) und berichtet, dass all die Bürgerreporter-Fotos und Berichte „ein regionaler Verlag für sich zu nutzen“ suche; der „druckt zweimal in der Woche die besten Berichte und Fotos in der Gießener Zeitung: kostenlos erstellt von (…) und 3200 anderen sogenannten Bürgerreportern“. Mehr als ein Jahr gebe es die „Gratiszeitung“ inzwischen, „die Anzeigenkunden mögen sie. Eine Zeitung ohne Distanz, ohne Probleme, ohne Skandale. Eine Zeitung fast ohne Journalisten.“

Die Autoren behaupten: Nachrichten verbreiten sich nicht mehr über Zeitung und Fernsehen, „sie sind einfach überall: bei Google, in Sozialen Netzwerken. Die meisten Verlage reagieren darauf anders als in Gießen und veröffentlichen, was ihre Journalisten schreiben, kostenlos im Internet“.

Bezahl-Internet á la Bezahl-Fernsehen als Lösung
In einem anderen ZEIT Artikel (Die Zeit Nr. 52), schreibt Götz Hamann „Umsonst ist zu billig“ (http://www.zeit.de/2009/5...): „Zeitungshäuser erkennen: Ihre Blätter überleben nur, wenn Leser im Internet für Journalismus bezahlen. Die Chancen dafür stehen gut.“ Nicht das Internet sei schuld daran, dass es vielen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen wirtschaftlich so schlecht gehe, habe Rupert Murdoch geschrieben. Der erfolgreiche Medienunternehmer der Welt und Besitzer von mehr als hundert Zeitungen („Wall Street Journal“, Londoner „Times“) meint, nicht dem Journalismus drohe der Untergang, so Murdoch, sondern jenen, die das Internet weder begreifen noch beherrschen. Auf sie schaue er mitleidlos herab, schreibt Hamann. Und: „Um heute auf der richtigen, also auf Murdochs Seite zu stehen, muss ein Verleger daran glauben, dass Leser für exklusive Recherchen, Analysen und Kommentare auch im Internet bezahlen (was sie bisher nur an wenigen Orten müssen).“

Verleger in den USA würden überlegen, gemeinsam eine Software zu entwickeln, damit Leser im Internet leicht und bequem einzelne Artikel kaufen können. Mit einem Knopfdruck. Für ein paar Cent. In Deutschland wolle die „Süddeutsche Zeitung“ im Lauf des nächsten Jahres die Texte aus der gedruckten Zeitung nicht mehr im Internet bei sueddeutsche.de veröffentlichen. Weil die Werbeeinnahmen im Internet nicht ausreichen würden, „muss der Vertrieb revolutioniert werden“.

Vorläufiges Fazit ist, dass allgemeine Nachrichten wie auf Pressekonferenzen verbreitete Neuigkeiten weiter kostenlos sein werden. „Aber das, was exklusiv ist, wird ein paar Cent kosten. Auf Papier. Auf dem Handy – und im Internet.“ Dass dies Praxis der FAZ ist, wird nicht erwähnt; die Frankfurter Allgemeine bietet viele Artikel in www.faz.net für Geld an: 2 Euro.

„Bild und Welt“ sollte jeder wahrnehmen: diese Zeitungen hätten „nach wenigen Tagen (…) die „meistverkauften deutschen Nachrichtenangebote“ auf dem iPhone“ verkauft. Der Fall zeige: „Es gibt sie tatsächlich, die Leser, die für Journalismus im Digitalen zahlen.“ Für Artikel z. B. aus den Ressorts Politik, Wirtschaft, Feuilleton/Kultur, Sport, Gesellschaft, Finanzen, Reise, Wissen, Auto, Computer, Beruf, Kunstmarkt, Immobilien (FAZ-Ressorts).

In einem Leser-Kommentar wird richtig festgestellt: „Bleiben die Angebote im Netz kostenfrei, bezahlen wir alle das in letzter Konsequenz mit einer immer minderen Qualität und letztlich auch mit einem weiteren Arbeitsplatzabbau. Eines darf man nicht vergessen: Auch Journalismus, Kreativleistungen, Entwicklung sind eine Ware, deren Produktion, also die Menschen dahinter, finanziert sein wollen. Die Voraussetzung dafür ist aber nicht nur ein funktionierendes Payment. Es ist vielmehr die Qualität, die in Teilen erst wieder geschaffen werden muss, die in der Vergangenheit sehr stark litt.“ ( Tiefscharf“ a.a.O.) – Ein anderer User meint (siehe auch weitere Kommentare zu beiden ZEIT-Artikeln): „Mit bezahlbaren Onlineinhalten wird man in D-land Schiffbruch erleiden, als Vergleich sei dort auch das Bezahlfernsehen zu nehmen. Was im Anglo-Raum funktioniert klappt in D-land nicht. Man wird dann auf freie alternativ Angebote ausweichen.“ Ein anderer ZEIT-Nutzer bemerkt u.a.: „Die Realität wird aber sein: sollte ich z.B. die ZEIT online nicht mehr lesen können, würde ich es bedauern. Aber andere werden an die Stelle treten. Es steht nur nicht mehr ZEIT darüber.“

Literatur & Links

(1) Bei der GZ stellte ich einen Artikel ins Netz, der sich mit dem für die EVOLUTION von der „Giessener Zeitung“ wichtigen Themenkreis MEDIEN & WEB-EVOLUTION, Medien-DEMOKRATISIERUNG, REFORM-Journalismus und Ombuds-Mann/Frau befasst. Die Frage: „Democracy Now“(?) wird in diesem Zusammenhang diskutiert. Interessierten GS-Usern (Bürger-ReporterInnen) wollte ich zur weiteren Erörterung (zum Meinungs-Austausch, zur Aussprache) Diskussions-Material vorschlagen, das helfen kann, die GZ weiterhin POSITIV weiterzuentwickeln. Siehe http://www.giessener-zeit... Ebenda siehe auch Kommentare von mir: Zur schnellen Meinung - Freiheit der Dilettanten - dem "Ins Datenuniversum-Erbrechen"; und Andy WARHOLs Spruch vom "15-Minuten-Weltberühmtsein": Reform-Journalismus-Bewegung. BOULEVARDisierung als Web-Evolution? UND: Zur „Demokratisierung der Demokratie“ - Der Beitrag LEGGEWIE / Christoph BIEBER: „Demokratie2.0 Wie tragen neue Medien zur demokratischen Erneuerung bei?“ (Google-Bücher) – mit Links.

(2) Hierzu auch einen zweiten Artikel von mir, der das Thema „Streit-Kultur“ und Mediendemokratisierung diskutiert - mit Link-Hinweisen: http://www.giessener-zeit...