Leserartikel-Blog

Zeit-Geist 09: GEOMETRISIERUNG und EVOLUTIONISIERUNG – Vasarelys Op Art (2)

Zusammenfassung: Die Natur als Lehrmeisterin von Evolutionisierung der KUNST ist, erkenntnistheoretisch betrachtet, kein Mythos – aber Neuland: Künstlerisches Wissen über EVOLUTION in der Natur kann kunst-technisch umgesetzt werden. Der Künstler, der von der Natur lernen will – der evolutionäre Kunst aus ihr „herausreißen“ will (Dürer) -, kann durch die Op Art des Victor Vasarely dazu motiviert werden, kreative Anregungen über ästhetische Erfahrungen zu gewinnen, die auf eine Evo Art zielen (ars evolutoria, art-evo-devo, science art etc.). Schlüsselwörter: Darwinjahr 2009, Geometrisierung, Symmetrisierung, Evolutionisierung, Evolutionäre Ästhetik, Evolutionäre Erkenntnis-Ästhetik, Vasarely, Mathematikum, ars evolutoria, Optical Art, Evo-devo-art, Evolutionäre Symmetrietheorie, Evolutionäre Geometrie, Dürer, Leonardo.

In einem ersten Artikel zur VASARELY-Schau im Gießener MATHEMATIKUM (DARWIN-Jahr: VASARELY überrascht mit OP ART im Giessener MATHEMATIKUM (1)) wollte ich zeigen, dass es die Lust am Experiment war - die unbedingte Begeisterung für das Neue, Ungeahnte, noch nie Dagewesene -, aus der sich die Optical Art Vasarelys speiste. Op Art zielte in erster Linie zunächst darauf, allein durch Farben sowie geometrische Formen, Licht und „Bewegung“, die Grenzen unserer optischen Wahrnehmungs-Fähigkeit auszuloten und bewusst zu machen. Zum Wegbereiter und Star der Bewegung entwickelte sich der in Ungarn geborene Franzose Victor Vasarely. Viele Protagonisten der Op Art wollten – wie VASARELY - nicht mehr als Künstler, sondern eher als Forscher betrachtet werden. Sie experimentierten mit den Gesetzen des Lichts, der Optik und der Gestalt-Wahrnehmung.

„Offene Kunstwerke" (Umberto ECO) wurden geschaffen, die keine endgültige, definitive Form mehr kannten, sondern sich - je nachdem wie sie betrachtet wurden -, veränderten und den Betrachter so zum Mitwirkenden, zum Ko-Produzenten des Werks machten. VASARELYs Beitrag zu einer „Evolutionären Ästhetik“ (im Stammbaum der Kunst-Entwicklung) ist beachtlich. Wenn auch Vasarely und die Op Art eine EVOLUTIONISIERUNG der KUNST im Sinne des bildkünstlerischen und kunsttheoretischen Aufgreifens des Themas der EVOLUTION, so wie sie im DARWIN-Jahr gefeiert wird, noch nichts hat beitragen können.

Daher konnte VASARELY auch nicht in der Frankfurter SCHIRN-Ausstellung vertreten sein. Pamela KORT (die unabhängige Kuratorin der erfolgreichen DARWIN-&-Kunst-Schau) hat mir am 7.10.09 geschrieben:
“In answer to your question about an exhibition dealing with your Ars Evolutoria, we can only respond that such a show at the Schirn after “Darwin” would not be possible for me to realize. At the moment funds are short (…) Your interesting book: Thank you for letting me glance through it and in the last months spend more time with it. Quite impressive! I wish you all the best with your work and very much appreciate your compliments about the Darwin exhibition.” (Zur Schau schrieb ich mehrere Artikel mit Bildmaterial – vgl. mehr (1).)

Warum Vasarely nicht als Vertreter von „EVO-DEVO“-Kunst zu sehen ist

Evolutionäre Kunst (Evolutionistische Kunst) – ars evolutoria (Evo-Art, evo-devo-art, evolutionary art, evolving art, Evolutionistic Art, evolutionism, Science Art/art-science, R/Ev0-art, R/Evo-devo-art (…)) ist eine vergleichsweise neue Kunst-Form: Sie wird mit neuer „Evolutionärer Geometrie“ nicht durch Computer generiert. Evo-Art stellt keine Fraktale-„Kunst“ – mit elektronischen Iterationen; nach Mandelbrots fraktaler Geometrie - dar. Grund-Idee hinter evolutionärer Kunst der ars evolutoria ist, dass der Künstler in der Lage ist, die Entwicklung einer Arbeit (im 2- bzw. 3-Dimensionalen) über eine bestimmte Form von „Auslese“ (Selektion) analog zur natürlichen Auslese (Darwinsche Evolutionstheorie) entstehen zu lassen. So entstehen „morpho-mutativ“ durch bestimmte Bifurkationen (geometrische Verzweigungen) über Evolutions-Faktoren (z.B. Symmetrisation & Asymmetrisation) Ableitungen, d.h. Kunst-„Kinder“-Ketten über Zwischenformen.

Von Generation zu Generation wird bildgestaltend stets erneut selektiert, so dass kreativ neue Entwicklungsformen produziert werden. Den (oft biomorphen) Gestalten sieht man es an, dass sie voneinander abstammen und verwandt sind. Bei EVO-Art handelt es sich demnach um „genetisch-organische Kunst-Systeme“: organic-evolutionary-art-systems („organic art“). Mehr hierzu in Bildern mit anschaulichen Entwicklungsreihen sowie Bildlegenden in (1) & (2) sowie art-and-science.de (W.H.-Homepage). Zur Evolutionistischen Kunst der ars evolutoria gehört eine Evolutionisierung anstrebende Kunst- und Natur-Theorie: Terminus „Evolutionäre Symmetrietheorie“ – „Evolutionäre Natur-und-Kunst-Ästhetik“ (2); bitte googeln.

Was der Maler und Grafiker der Optical-Art - der Künstler Victor VASARELY (1908-1997) – mit dem DARWIN-Jahr zu tun hat, diskutierte ich schon in Teil 1 meines Doppelartikels. Fazit: Als Künstler suchte V.V. nach unerschöpflichen VARIATIONS-Möglichkeiten seiner gestalterischen "zellen"-artigen Grundelemente: Er entwickelte „Nicht-evolutionäre-Metamorphosen“ mit sog. „plastischen Einheiten“ („unités plastiques“). Ich stellte fest: V.V. gestaltete in den Abfolgen von Form- und Farbe-Kombinationen seiner Gemälde oder Serigrafien keine „mutierenden“ (evolutionär-bifurkativen) Ordnungs-Prinzipien - mit Bild-„Mutationen“, in denen sich potentielle Bifurkationen als echte „EVO ART“ (evo-devo-art; evolutionary-developmental-art) weiterentwickelten.

In der Biologie ist eine neue Disziplin entstanden, die zwischen der Entwicklungs- und der Evolutionsbiologie eine Brücke schlägt: „Evo Devo“ - ein Begriff aus dem Englischen für evolutionäre Entwicklungsbiologie, den ich in diesem Artikel erstmals in den Bereich KUNST transponiere. Vgl. auch im Internet: 880 mal gelesen wurde http://www.myheimat.de/gl... UND 200 mal gelesen wurde (bis 4.11.09) http://www.myheimat.de/gl...

Mit Theorien vom evolutionären Sinn der Kunst befasste ich mich auch in anderen (Internet-)Artikeln. Victor Vasarely erschuf seine faszinierenden OP-ART-Werke nicht allein um der Kunst willen und für den Kunstbetrieb. V.V.s Kunst-Instinkt trieb den Künstler-Forscher auch dazu, Kunstwerke zu produzieren, um neue Täuschungs-Wirkungsweisen des irritierenden „Schönen“ mit komplexesten Gebilden zu dokumentieren und sie zu erklären.

Zeitgenössisches Nicht-Kunst-Wollen als „Kunst“ zu erklären, lehnte V.V. ab (s.w.u.). Widerwillen erregten für die Künstlerforscher Vasarely und Albrecht Dürer sowie Leonardo das Un-Schöne: das Missgestaltete, Widerliche, Grauenhafte, Hässlich-Unansehnliche, Entstelltes, Ekel erregendes, Verunstaltetes, Abstoßend-Grässliches u.a.m. Negativ-Schönes, das heute en vogue ist.

Vasarely arbeitete in seinem universalen Kunst-Verständnis, das mit imaginativen und intellektuellen Fähigkeiten sicherlich auch in evolutionärer Absicht agiert hat. Indessen noch NICHT bewusst daran, eine „Darwinistische Ästhetik“ (Evolutionäre Erkenntnis-Ästhetik) zu entwickeln; eine Theorie von Kunst mit EVO ART (s.w.o. und unten). V.V.s Theorie der Kunst mit einem universalen Grundgefühl entwickelte sich - bei aller Virtuosität und Individualität – mutmaßlich unbewusst auf DARWIN und die Evolutions-Theorien zu.

VASARELY, der Kunst in den Alltag integrieren wollte (z.B. durch Porzellan mit geometrischem Design; vgl. Bilder Teil 1) war kein Künstler, dem es – gesteuert durch seine Erbanlagen und die Summe seiner „Kunst“-Erfahrungen – nicht um „Wahrheit“ gegangen ist. Er wollte, dass Wissenschaft und Kunst näher zusammenkommen; auch durch die Darstellung von „Lügen“ in seinen Kipp-Bildern/Skulpturen. Zum Thema EVOLUTION(s-Theorie) hat sich V.V. allerdings nicht geäußert. Die Evolutions-Theorien sind ein grundsolider Beitrag, die Entwicklung des Lebens und auch der KUNST des Menschen zu verstehen („Evolutionäre Ästhetik als Erkenntnisästhetik“). Das Komplexer-Werden der Kunst hat Vasarely mit seinem kreativen Kunst-Schaffen nachweislich gefördert. Sein Kunst-Schöpfungs-Glaube war nachgewiesenermaßen NATURwissenschaftlich-evolutiv geprägt. Und V.V. hat sich in der Kunst-Evolution (gefördert auch besonders durch den Kunst-Markt-Betrieb) als einer der „Fittesten“ der OP ART durchgesetzt. Dies verdankt V.V. nicht allein seinen „künstlerischen“ Gen-Anlagen. Vasarelys Kunstschaffen setzte m.E. in gewisser Hinsicht Kunstforschung der Renaissance fort:

Vorbild Renaissance-Kunst/Künstler: DÜRER & LEONARDO

In Teil 1 meines Artikels habe ich hervorgehoben, dass sich schon Renaissance-Künstler wie Albrecht DÜRER und LEONARDO da Vinci mit „Strukturproblemen“ befasst haben, um „Dinge von Grund aus“ kennen zu lernen. Von „trasmutazione di forme“ sprach Leonardo und GOETHE entwickelte später seine anschauliche Metamorphosen-Lehre. Dass sich DÜRER mit irrationalen Körperdarstellungen, kubistischer Flächenzerlegung an Köpfen, Metamorphose-Studien (an Köpfen, Kissen und Händen), Schneckenlinien-Untersuchungen sowie Proportions- und Perspektive-Studien befasst hat, veranschaulichte ich eindringlich in (2) 1989/1998, Fig. 33-35, 286, 559, 569, 616, 627, 634 und 635a. „Simmetria – „fergleichung …, das yst schön“, erkannte der Künstler-Forscher schon damals; Symmetrie deckt sich mit Dürers Begriff der „Vergleichung“ (3.3.2.).

Während Vasarely Biomorph-Figürliches nur am Rande interessiert hat (vgl. Zebra- und Tigerbilder, Harlekin etc.) hat Albrecht Dürer (1471-1528) 32 Jahre lang Bilder zu Flora & Fauna geschaffen: Hier chronologisch geordnet (von 1494-1526) - Löwe, Pfingstrosen, Krabbe, Tanne, Nebelkrähe (Flügel), Feldhase (1502), Grasbüschel, Rasenstück, Hirschkopf, Schwertlilien, Hirschkäfer (1505), Schleiereule, Blauracke, Fischreiher, Rhinozerus (1515), Hund, Löwe(n), Walross-Kopf, Stiefmütterchen-Schlehe-Sternkraut, Akeleien (1526), 3 Lindenbäume (1526). Darstellungswürdig sah A.D. Landschaften, einen Steinbruch, (Selbst)-Bildnisse, Hände- und Kissen- sowie Faltenwurf-Studien u.a.mehr. Auch „Traumwerk“ (zoomorphe Mischwesen), „Knoten“ (analog Leonardo, mit Universums-Symbolik?), Schneckenlinien und Siamesische Zwillinge (Mensch & Schwein), fand A.D. interessant zum Abbilden und Nachdenken. (Vgl. auch Hahn 1989/98 Abb. 33, 559, 569, 575a, 286, 590, 616, 620, 621, 627, 633, 634, 635a.)

Was „Ungestalt“ ist, wusste der Forscher-Künstler A.D. In den geometrischen Verhältnissen der Natur-Gestalten trachtete der Gestaltforscher der Renaissance, göttliche Gedanken aufzuspüren; bekannt sind seine Proportions-Studien. Künstler sollten die in der Natur steckende Kunst „heraus reißen“, empfahl A.D. Im Holzschnitt von 1529 – „Der Zeichner des liegenden Weibes“ (vgl. Abb. 559 in (2) ) stellte A.D. die Perspektive als Mittel der sehbildlichen Wiedergabe der menschlichen Umwelt dar: Über Netz-Rahmen und Diopter erzielte er naturgetreue Abbildungen, was er dokumentiert hat. Leonardo nutzte die Camera obscura; belegt 1482.

Wie kein anderes Medium, hat die Dürer unbekannte Fotografie die künstlerische Wahrnehmung seit deren Entdeckung beeinflusst und damit grundlegende Veränderungen in der bildenden Kunst bewirkt. Das Fotografieren als Hilfsmittel für Malerei zu nutzen, ist ein legitimes Vorgehen; bekannte Zeichner, Maler und Bildhauer profitierten von diesem Hilfsmittel. Es dient/e der präzisen Natur-Beobachtung und als eine Art Korrektiv der menschlichen Wahrnehmung bei der Wiedergabe von Formen, Licht und Perspektive. Für viele Künstler war es eine Selbstverständlichkeit, Fotoarchive anzulegen, die Darstellungen aus sämtlichen Anwendungsbereichen enthielten, um sie für ihre Malerei zu nutzen.

Ich bin mir sicher, Dürer und Leonardo hätten meine Bemerkungen in Teil 1 – „EXKURS: Von der BOSHEIT der Ur-Völker zur BÖSARTIGKEIT Hoch-Zivilisierter“ befürwortet:
Erkenntnisse zur Organisationsweise des Gehirns hätten beide garantiert interessiert. Und KUNST-Widerspiegelungen des Schönen und Schrecklichen zu untersuchen (durch NEURO-Ästhetiker), wäre von Interesse auch für andere Kunst-Forscher der Renaissance gewesen.

EKEL als Ursprungsekel und kulturell erlernt

EKEL-Darstellungen waren Vasarely und Dürer & Leonardo fremd:

Ihre Werke sollten KUNST-REICH sein: künstlerisch, meisterhaft, formvollendet, stilvoll, perfekt, gekonnt, ästhetisch, kreativ, erfinderisch, einfallsreich, fantasievoll, kunstreich, originell, ideenreich, schöpferisch, kunstvoll, kunstsinnig, repräsentativ, gut aussehend, unbeschreiblich, attraktiv, imposant, staunenswert, ansehnlich und überdurchschnittlich.

EKEL-Kunst-Künstler könnte interessieren:

Ekel-Forscher haben festgestellt, dass der EKEL (z.B. vor Spinnen) sich in der Evolutionsgeschichte als sinnvoller Schutz vor Gefahren (Vergiftungen z. B.) herausgestellt hat. Ekel ist als „Ursprungsekel“ angeboren. Doch gibt es auch die sekundäre Form des erlernten kulturellen Ekels. Auch das BÖSE & SCHRECKLICHE scheint als „Ursprungsböses“ wohl primär angeboren zu sein und wird kulturell sekundär erlernt: Als genetisch programmierte Schutzfunktion hilft die Angst vor Bösem/Schrecklichem schon dem Kind, nicht blindlings in Gefahren zu laufen. Die Mimik des Bösen hat – wie Ekel - einen großen kommunikativen Wert. Artgenossen kann z. B. durch eine „Mimik des bösen Blicks“ und durch „Gestiken des Bösen“ verdeutlicht werden, sich von bestimmten Dingen, Vorgängen und Personen doch besser fern zu halten.

Experimentelle Neuroästhetik kann über einen Kernspintomographen, der neuronale Aktivitäten widerspiegelt (z.B. durch stärkere Hirn-Regionen-Durchblutung bei Ekel), Ekel-Reaktionen „messen“. Weltweit löst Böses und Ekel Abwehrreaktionen aus; das gilt schon für Kleinkinder und übrigens auch im Tierreich (Mimese & Mimetik). Neben funktioneller Magnetresonanztomographie werden EEG sowie Verfahren wie EMG, EKG bei Untersuchungen eingesetzt; US von „Idealem BÖSEM“ bzw. idealem EKEL“ neben ("idealer") SCHÖNHEIT. Zur EKEL-Forschung mehr in „streifzug“ 11/09 sowie HPage Bender Institute of Neuroimaging (BION) Gießen: http://www.bion.de/index....

Damit keine Miss-Verständnisse auftreten:

Die Darstellung des Bösen, Schrecklichen, Grauenhaften sowie des Ekels in bildender KUNST (Malerei etc. vgl. z.B. BACONs Kunst – Teil 1 oder Pablo PICASSOs Anti-Kriegs-Bild „GUERNICA“) hat seine Berechtigung (ist aber „Geschmacks-Sache“): Das Mensch-Sein hat zu tun mit (den zumeist negativen Eigenschaften) wie z.B. - um nur einige Adjektive zu nennen; für Neuro-Ästhetik-Forschung interessant -:
bitterböse, boshaft, bösartig, feindlich, garstig, gemein, gemeingefährlich, heimtückisch, herzlos, lieblos, unfreundlich, scheußlich, fürchterlich, horrend, infernalisch, Grauen erregend, grausig, verheerend, grässlich, furchtbar, katastrophal, gespenstisch, schaurig, erschreckend, heillos, verhängnisvoll, düster, schauervoll, entsetzlich, schrecklich, grauenvoll, missgestaltet, widerlich, hässlich, unansehnlich, abschreckend, fies, scheußlich, entstellt, Ekel erregend, fürchterlich, verunstaltet, abstoßend, grässlich, abscheulich, eklig, schauderhaft, irrwitzig, sinnwidrig, abwegig, hirnrissig, absurd, blödsinnig, hirnverbrannt, sinnlos, aberwitzig, dumm, lächerlich, fratzenhaft, kriegerisch, angreiferisch, rabiat, streitsüchtig, kampflustig, martialisch, liederlich, schamlos, ungehörig, ungesittet, obszön, unrühmlich, unmoralisch, unziemlich, unsittlich, ungebührlich, sittenlos, wüst, sündhaft, lügenhaft, hinterrücks, betrügerisch (…).

Macht Mathe Mathematikum-Besucher „glücklich“?

Schön wäre es, wenn sich das MATHEMATIKUM in einer neuen Folge nach dem DARWIN-Jubiläum 2009 mit VASARELY-Bildern einmal das Thema Mathematik/Geometrie & EVOLUTION aufgreifen könnte. Mit Herrn Prof. Dr. BEUTELSPACHER sprach ich bereits darüber. Albrecht Beutelspacher wurde als „Deutschlands populärster Mathematiker“ beurteilt: „Mathematik ist eine Art, die Welt zu sehen, Schönheiten zu entdecken. Symmetrie. Ordnung. Selbst die Fliesen im Badezimmer sind Mathematik“, stellte der Professor in einem Interview fest. A.B. ist Kolumnist bei „Bild der Wissenschaft“ und moderiert auf BR-alpha die Sendung „Mathematik zum Anfassen“. Als Kind hat B. mit Bauklötzen „völlig symmetrische Gebilde erschaffen“, erinnert sich der Mathematiker. (Ein lesenswertes Interview siehe in http://www.welt.de/kultur...
MATHEMATIK gelte „für die meisten Menschen als eines der unbeliebtesten und am schlechtesten verstandenen Schulfächer, liest man. Mit Albrecht Beutelspachers Konzept der experimentellen Darstellung von „Mathe“ präsentiert der Mathematiker im Mathematikum Anschauungs-Objekte (s. Bilderserie) oft ohne erklärenden Text und mit hohem Unterhaltungswert. Er zeige „Mathematik ohne Formeln, Gleichungen und Symbole und ohne jeden ‚Geruch’ von Schule“, sagte der Mathe-Professor; spätestens wenn sie das Mitmach-Haus verlassen, würden die Besucher sagen: „Mathe macht tatsächlich glücklich“. Zu Victor VASARELY (V.V.) meinte B.: „Vasarelys Bilder sind einerseits stark geprägt durch Überlegung, Planung und Konstruktion. Andererseits kommt natürlich das ungreifbare‚ gewisse Etwas hinzu, das ein Kunstwerk über eine Konstruktion erhebt.“

Das „Zusammenpassen“ von VVs elementaren geometrischen Formen (Quadraten, Rauten etc.) sei eine „grundlegende mathematische Erfahrung“, meint der Mathematiker im Interview mit dem Monats-Magazin „FRIZZ“ (10/09, S. 12). Strukturiertes, analytisches bzw. mathematisches Denken sei für Kreativität z.B. beim VV-Bild-Komponenten-Aufbau und beim „Zusammenpassen“ der Bild-Elemente hilfreich: „Denn mit mathematischen Werkzeugen kommen wir über unseren unmittelbaren Erfahrungshorizont hinaus, und ein Künstler kann dann von diesem Standpunkt aus neue Gebiete erschließen“, so urteilt Beutelspacher.

Das „Zusammenpassen“ der „Zellen“ in den Wachstums-Formen der Flora und Fauna - in den Entwicklungsstufen von Ontogenese und Phylogenese der lebendigen Natur (mutativen Veränderungen) – ist ebenfalls ein Problem grundlegender mathematisch-geometrischer Erfahrung: Dies diskutierte ich in einer neuen (in Lehrbücher von „Mathe“ noch fehlenden) Bifurkations-Geometrie, die EVOLUTION darstellt: „EVOLUTIONÄRE GEOMETRIE“ - siehe ars evolutoria – LINK http://www.wernerhahn-gla... - ebenda S. 9f. (261f.) und (2).
Gemalte Zebras – Serigraphien von Zebra-Paaren in blau und silber/rot – von 1987 sind in der mittleren Etage des „Mitmach-Museums“ zur VV-Schau zu sehen: Hier sind beide Zebras mit Kopf und Halsbereich verschränkt dargestellt, wobei sich das Bild allein aus alternierend aneinander stoßenden Flächen aufbaut, ohne Linienzeichnung. Auch ein Ganz-Körper-ZEBRA-Paar in analoger Kompositionsweise ist ausgestellt; vor einem Quadratflächen-Muster. Schon 1950 experimentierte V.V. mit Zebras als Streifenbild: ein schönes Gemälde (92 x 116 cm) mit einem Zebra-Paar auf schwarzem Grund: Bildelemente nur in weiß. 1938 schon hatte V. in Öl ein interessantes dynamisches mehrfarbig gestreiftes TIGER-Paar gemalt. (Abb. vgl. Holzhey, S. 20/21 in (3))
Evolutionäre Geometrie als Bifurkations-Geometrie
Neue „Tier“-Bilder & „Pflanzen“-Bilder zur evolutionären „Animalisierung“ der zeitgenössischen KUNST entwickelte „ars evolutoria“, schrieb ich im Artikel „Wie man den Prozess der Evolution bildkünstlerisch darstellen kann“: http://www.myheimat.de/gl...

Dass sich die Gestalt eines Pferdes (ein Haupt-Thema MARCs) als Form der objektiven Wirklichkeit zeichnerisch leicht aus allen möglichen, mehr oder weniger elementaren Punkt-Mengen darstellen lässt, habe ich mit Beispielen visualisiert (Hahn 1989 & 1998 Abb. 217, Kap. 8.2. – vgl. (2) und Bild in der Bilderstrecke zu meinem Doppel-Artikels. Die Frage der natura naturans (Proportionsschlüssel) in der natura naturata wurde auf der Basis der neuen evolutionären Bifurkations-Geometrie von mir ausführlich diskutiert.

Mit diesem Bild aus meinem Symmetriebuch stellte ich auch in der Bild-Legende dar, wie Pferde-Gestalten aus elementaren Punktmengen (weißen/schwarzen Punkten) aufgebaut z verstehen sind. Neben einem Pferd von Franz MARC (1912) war in der 9-teiligen Bilder-Gruppe auch ein ZEBRA-Bild Vasarelys abgebildet (von 1939): mit im weißen Rechteck diagonal verlaufenden, (alternierend) schwarzen (und weißen) gekrümmten Linien als Bild-Elementen; Abb. auch als Negativ-Bild. Die Bildstruktur des VV-Zebras erzielt eine fiktive Räumlichkeit, die surreal-überräumlich bezeichnet werden könnte.

Linie. Fläche und Körper leiten sich vom Punkt her (PLATO-LEONARDO-KANDINSKY). Dies habe ich ausführlich erörtert im Artikel „Wassily KANDINSKY: Transformationen abstrakt - absolut – konkret – biomorph/figurativ“. In: ZEIT Online v. 28.02.2009: Linie als lineare Punktmenge, Kreis als Ebenen-Punktmenge etc.. Immer schon vom Punkt (der „Urzelle“) asymmetrisations- & symmetrisations-gesetzlich abgeleite potentielle Punktmengen machen die KUNST-Wirklichkeiten & und KUNST/FARBE-Möglichkeiten eines ars-evolutoria-SCIENCE-ART-Geschehnis-Ganzen aus: Von mir früher auch „Evolutionismus“ & „Symmetrismus“ bezeichnet - im Sinne einer EVOLUTIONISIERUNG der bildenden Kunst. (Vgl. (4) und siehe Neo-Pointillismus / Atomismus-Bild der ars evolutoria in der Bildergalerie.

Vasarelys Täuschungs-Op-Art KUNST-Schaffen begeisterte documenta-Besucher

Anders arbeitete VASARELY beim Bilder-Schaffen: Er experimentierte mit farbformalen Konstanten, Kreisen, Quadraten und Rechtecken und ihren räumlichen Verschiebungen zu Ellipsoiden und Rhomboiden; auch mit Dreiecken und angeschnittenen Kreisformen. Bekannte optische Phänomene wurden genutzt und verarbeitet, um TÄUSCHUNGs-Möglichkeiten des AUGEs auszuloten. Noch ganz ohne Computer experimentierte V.V. mit Farben und Formen, wobei in den 60er und 70er Jahren Arbeiten entstanden sind, die momentan im Umfeld der geometrischen und mathematischen Phänomene des Mathematikums ihre ganze Ausdruckskraft und Wirkung bestens entfalten.
OPTICAL ART Art ist eine Bewegung, die zwischen Wissenschaft und Kunst steht; ein Arbeitsfeld auf dem auch ich in der „ars evolutoria“ gearbeitet habe (vgl. Bilder). Wie die Künstler der OP ART machte auch ich mir die Analyse des Sehens zur Aufgabe. Um eine VERSCHRÄNKUNG von KUNST-Schaffen und Wissenschafts-Erkenntnis ging es auch den Op-Art-Künstlerforschern, die das Thema „EVOLUTION“ indessen nicht im Blickfeld hatten; eine EVOLUTIONÄRE GEOMETRIE war ihnen unbekannt, noch nicht entdeckt! (5)

Der Blick in ein Bild von „OP ART“ kann seine Richtung aus den Augen verlieren und Farbspiele vermögen die Sinne zu täuschen. In einem Wechselspiel visueller Eindrücke kann der eigene Standpunkt gänzlich aus dem Gleichgewicht geraten. In unserem Alltag verläuft der Prozess der visuellen Wahrnehmung von Eindrücken und Reizen mehr oder weniger unbewusst. Wie leicht wir uns als Ausstellungs-Besucher täuschen lassen, führt uns die Auseinandersetzug mit der Kunst VASARELYs „vor Augen“. In späteren Lebensjahren kritisierte V.V. die Entwicklungen innerhalb der abstrakten Kunst mit den bekannten Worten: „Die Kunst ist zum Niemandsland geworden. Jeder kann sich zum Künstler oder gar zum Genie ernennen. Jeder Farbenfleck, jeder Kritz und jeder Kratz kann zum Kunstwerk im Namen des heiligen Subjektivismus erklärt werden.“

Mehr als vierzig Jahre nachdem sie ihre Hochphase erlebte, kehrte OP ART nach einer größeren Überblicks-Schau in Frankfurt 2007 (5) auf die deutsche Ausstellungsbühne zurück: Im Gießener Mathematikum hat nun Vasarelys Kunst einen starken Fürsprecher gefunden. Versucht wird durch Museumschef Herrn Beutelspacher, die VV-Optical Art“ auch vom Makel eines lediglich dekorativen und unterhaltsamen Spiels zu befreien. Im Mitmachmuseum haben junge und alte BesucherInnen ihre helle Freude im visuellen Experimentieren und in der Interaktion mit den ausgestellten Werken.

Der Betrachter wird in der OP-ART-Kunst nicht allein zum Gegenüber des Kunstwerks - er kann zum Bestandteil desselben werden; er wird überrascht, vereinnahmt und beteiligt. Dieses physische und psychische Raum-Erobern ist ein Haupt-Anliegen auch des Ausstellungs-Konzeptes des mittelhessischen „Mitmach-Museums“, das gerne von Schulklassen aus der Region Hessen besucht wird. In diesem Museum gibt es zwar ohnehin vieles (neu) zu Entdecken, aber ein intensives ästhetisches Erleben durch die nunmehr ausgestellten VASARELY-Bilder vermag sicherlich zur SchülerInnen-„Horizont-Erweiterung“ beizutragen.

Herrn Beutelspachers Engagement für KUNST im Mathematikum ist zu begrüßen. Derartige Ausstellungsprojekte des gesamten Teams des Mathematikum sind förderungswürdig, was Kulturpolitik(er) (Kulturdezernenten) und andere Kreise (aus der Wirtschaft, Finanzwelt z.B.) wissen sollten.

Die Ausstellung im Mathematikum zeigt über 80 Grafiken und seltene Original-Entwürfe mit zum Beispiel Vasarelys erstem Werk der OP ART „Zebra“ in verschiedenen Varianten. Bilder aus allen Schaffens-Perioden sind noch bis zum 15. November in der Reihe "Kunst im Mathematikum" in Gießen zu sehen. Die These, dass KUNST für Gefühl und Intuition und MATHEMATIK für kühlen Verstand stehe, möchte das Mathematikum in Gießen widerlegen. Schon lange, bevor die ersten dreidimensionalen Grafiken am Computer entstanden, experimentierte der französische Maler und Grafiker Victor Vasarely erfolgreich mit Farben und Formen.

Die künstlerische Richtung "Op Art" (optischen Kunst) hat viele Vertreter (5), wobei VASARELY wohl als bekanntester und berühmtester Vertreter dieser „Mode“ der Moderne gilt. Viele kennen V.V. über das offizielle Logo in Spiralform der Olympischen Spiele 1972 in München - es stammt von Victor Vasarely. Und bis heute tragen die Autos des französischen Herstellers Renault das von ihm geschaffene Signet.
Der 1908 in Pècs (Ungarn) geborene Maler und Grafiker erforschte schon früh und systematisch den optischen und emotionalen Einsatz verschiedener grafischer Mittel. Nach seinem Studium in Budapest ging er 1930 nach Paris und arbeitete als Werbegrafiker. Ab 1944 verschrieb er sich ganz der Malerei. Schachbrettmuster, sich widerstrebende Muster und figürliche Motive zeigte er in seiner ersten Einzelausstellung. Drei Jahre später verlegte er sich konzentriert auf geometrische, abstrakte Motive. Er wurde zum Pionier der OP-ART, indem er mit den Gesetzen der Wahrnehmung spielte. Geometrische Flächen und Körper-Formen ordnete er in leuchtenden Farben mosaik- und puzzleartig so an, dass für das menschliche Doppel-Auge der illusionäre Eindruck von Raum und Bewegung entsteht.

Beachtlich ist, dass Werke von VASARELY schon auf den ersten vier Documenta-Ausstellungen (1955 bis 1970) in Kassel vertreten waren. V.V. gewann zahlreiche Kunst-Preise. Im Gießener Mathematikum wurde das Werk „Biga" (1978) zum Symbol für die Ausstellung bestimmt: Es zeigt einen Würfel, der sich nach hinten zu verzerren scheint. Es demonstriert, wie Vasarely Körperform & Flächen mit Farben zu einer scheinbaren plastischen Einheit verschmelzen lässt.

LITERATUR & Anmerkungen

(1) Hier 3 Beiträge von mir zur DARWIN-Ausstellung in der SCHIRN, die Bilder zum Thema bis Mitte des 20. Jahrhunderts gezeigt hat:

HAHN, Werner (2009): VERGESSEN im DARWIN-Jahr?: Ernst HAECKELs 175. Geburtstag & J.-B. LAMARCK - erster Begründer der EVOLUTIONSTHEORIE. In: ZEIT Online v. 16.02.09.

DOPPEL-Artikel:

HAHN, Werner (2009): EVOLUTIONÄR (Teil 1): Wie Künstler EVOLUTION malen – Kunst-EVOLUTIONISIERUNG. In ZEIT ONLINE v. 25.04.2009. Siehe dazu auch im WEB von Werner Hahn analog, aber mit 20 BILDERn: http://www.myheimat.de/gl...

HAHN, Werner (2009): EVOLUTIONÄR (Teil 2): „DARWIN – KUNST UND DIE SUCHE NACH DEN URSPRÜNGEN“. In ZEIT ONLINE v. 28.04.2009. Siehe dazu auch im WEB von Werner Hahn analog, aber mit 34 BILDERn: http://www.myheimat.de/gl...

(2) HAHN, Werner (1989): Symmetrie als Entwicklungsprinzip in Natur und Kunst. Königstein. Gladenbach: Art & Science, 1995. HAHN, Werner (1998): Symmetry as a developmental principle in nature and art. Singapore. (Übersetzung des Originalwerkes von 1989, ergänzt durch ein 13. Kapitel – mit erweitertem Sach- und Personenregister sowie Literatur- und Abbildungsverzeichnis.) HAHN, Werner / WEIBEL, Peter (Hrsg.) (1996): Evolutionäre Symmetrietheorie: Selbstorganisation und dynamische Systeme. Stuttgart. (Anthologie mit Beiträgen von 19 Autoren; mit Essay von Werner Hahn: „Evolutionäre Symmetrietheorie und Universale Evolutionstheorie. Evolution durch Symmetrie und Asymmetrie“. )

(3) HOLZHEY, Magdalena: VASARELY 1906-1997. Das reine Sehen. Köln 2005 ( Verlag Taschen).

(4) http://community.zeit.de/...
Mit Bild (455 mal gelesen bis zum 01.11.09):
http://www.myheimat.de/gl...

(5) KATALOG „OP ART“: Hrsg. WEINHART & HOLLEIN. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Verlag der Buchhandlung Walther König.

PS: Eine Bildergalerie (36 Bilder) zum 2. Teil des Doppelartikels über Vasarely im Mathematikum Gießen siehe in:
http://www.myheimat.de/gl...