Leserartikel-Blog

Kampf gegen ungesühnten Völkermord an kanadischen Indianern

Von Ursula Tillmann

Der kanadische Pastor Kevin Annett (53) gibt keine Ruhe zum verschwiegenen “Völkermord” an Indianern in seinem Heimatland. Er will wissen, wo die Grabstätten der mehr als 50 000 toten indianischen Schüler kirchlicher Internate sind, und dass die noch lebenden Schuldigen des Genozid endlich vor Gericht gestellt werden. Unter den Indianern von West-Kanada ist Annett, den sie als “Eagle Strong Voice” (Laute Stimme des Adlers) offiziell adoptiert haben, ein Held.
Er hat den Indianern die letzten zehn Jahre geholfen, dass zumindest die kanadische Regierung im Herbst letzten Jahres eine Entschuldigung zu den Untaten in kirchlichen Internaten veröffentlichte. Mehr als zwei Milliarden Euro hat die Regierung inzwischen für die geschädigten Indianer bereitgestellt. Sogar Papst Joseph Ratzinger hat Ende April eine Gruppe von kandischen Indianern in Rom empfangen und sich bei ihnen entschuldigt.
“Einen Völkermord kann man nicht mit Geld wieder gutmachen. Die Entschuldigungen der Kirchen bedeuten überhaupt nichts, wenn die Schuldingen, die noch leben, nicht vor Gericht gestellt werden,” erklärt Pastor Annett im Interview. Er will, dass alle Grabstätten zudem von den Kirchen identifiziert werden, und dass die Toten endlich ihren Familien für eine würdige Beerdigung übergeben werden. Weiter verlangt er, dass alle Archive zum Genozid an den Indianern von Staat und Kirche offen gelegt werden. “Der Internationale Gerichtshof” muss die Verfahren gegen die Schuldigen führen, verlangt Annett.
Doch der Pastor, der 1992 von der St. Andrews United Church in Port Alberni in British Columbia angestellt wurde und nur drei Jahre später durch seinen Arbeitgeber seines Amtes wieder enthoben wurden, hat derzeit nur die klagenden Stimmen der Indianer auf seiner Seite. Staat und Kirche schweigen zu seinen Forderungen, die Polizei ist stets auf seinen Fersen. Seine Wohnung wurde durchsucht, er wird von der Polizei beobachtet.
Seine Stimme für die rund 85 000 noch lebenden Indianer dieser kirchlichen Schulen verstummt im Sumpf der Grosstädte wie Vancouver, wo jedes Jahr mehr als 350 Indianer an Drogen oder Selbstmord sterben. “Das sind die Nachwehen dieser kirchlichen Internate,” klagt Annett. Und weist zugleich auf unzählige indianische Kinder-Prostitutionsringe in der Olympiastadt 2010 Vancouver hin. Die Polizei, so sagt er, weigert sich, Nachforschungen anzustellen. “Die seelische und körperliche Vergewaltigung der Indianer geht weiter. Selbst in diesem Moment, während wir uns unterhalten,” klagt Annett.
Der gefeuerte Pastor hat inzwischen auch einen Dokumentarfilm und zwei Bücher zu dem Thema “Hidden from History: The Canadian Holocaust” (Von der Geschichte versteckt, der kanadische Holocaust), publiziert. Derzeit befindet sich Annett auf einer Vortragsreise durch Städte in Nord-Amerika, im Herbst wird der rebellische Pastor in deutschen Städten sprechen. Die Deutschen, so sagt er, mussten durch einen Entnazifizierungsprozess gehen. Und er weisst auf die Gerichtsverfahren in Nürnberg hin.
In Kanada, so sein Vorwurf, bleiben die Schandtaten ungesühnt, die Täter werden von Kirche und Staat geschützt. Es wird keinerlei Gerichtsverfahren geben. Und dass ist per Gesetz amtlich, klagt Annett.
Die kirchlichen Internate für die “Wilden”, wie die Regierung die Indianer um die Jahrhundertwende noch bezeichnete, wurden per Gesetz in 1920 etabliert. Rund 250 000 Indianer im Alter von sieben bis 15 Jahren wurden per Indianischer Verordnung aus ihren Dörfern geholt und in diese christlichen Wohnschulen gesteckt. Die indianischen Eltern konnten sich dagegen nicht wehren. Und falls sie ihre Kinder vor dem Zugriff der Kirchen versteckten, drohte ihnen Haftstrafe. Damit die Kirchen Freiraum für die Umerziehung der Indianer in die Tradition der Weissen hatten, wurden die Indianer gezwungen, ihre Vormundschaft aufzugeben. Unzählige Dokumente zu dieser Tatsache liegen vor.
In den Schulen sind nach Archiv-Unterlagen der Regierung bis 65 Prozent der Kinder gestorben. Mord, Vergewaltigung, Misshandlungen, Sterizilation und medizinische Versuche sind nur einige der Grausamkeiten, von denen die heute noch Überlebenden Indianer berichten. Selbst deutsche Mediziner kamen in 1936 nach Kanada, um den Kirchen bei ihren “Versuchen” zu helfen. All dies ist dokumentiert und inzwischen auch nicht mehr dementiert. Das letzte Indianer Internat der Kirchen wurde erst 1996 in Saskatchewan geschlossen.
Pastor Annett hat die Indianer in vielen Dokumentationen in seinen Radiosendungen und Videos über ihre Erfahrungen in den Kirchen-Internaten selber sprechen lassen. Die Erinnerungen der jetzt 60- bis 70jährigen sind erschütternd. Sie sprechen von täglicher Prügel durch Nonnen und Priester, von sexuellem Missbrauch, von der Sterilization junger Mädchen und vom Tode ihrer Freunde. Die Erinnerungen sind für diese Indianer zeitlos, sie sprechen, als sei es gestern passiert. Sie sprechen mit kleinlauter Stimme und weinen, während sie ihre Geschichten auf Tonband sprechen.
Warum gab es diese Internate? Der Staat benötigte das Land der Indianer für den Strom der Einwanderer aus Europa, sagt Pastor Annett. Und die Indianer standen dem im Wege. “Ein Völkermord,” behauptet Annett. Und der Pastor, der einst an die Westküste von Kanada ging, um das Wort Gottes zu predigen, dann aber der Wahrheit näher kam, als seiner Kirche lieb war, ist jetzt der Verfolgte.