Leserartikel-Blog

INklusion statt OUTismus - Gedanken zu Martin Spiewak "Die Not ist riesengroß". Psychisch auffällige Kinder stellen die schwierigste Herausforderung für ein gemeinsames Lernen mit anderen dar (...) 4.11.2010

Bin dankbar für den Artikel zu den Schwierigkeiten in Deutschland in der Realisierung der UN-Konvention zur Integration, besser noch Inklusion. Aber da fehlt doch ein Beispiel des Gelingens. Für mich ist es eine gewaltige Enttäuschung, wenn nur ein Exempel eines nicht integrierbaren Asperger Autisten statuiert wird, was die beschämende und skandalöse Dominanz der Abschiebung von Behinderten in Sonderschulen in Deutschland zu rechtfertigen scheint. Raus aus dem Verkehr ziehen neuerlich als zwingend? Mich erinnert das an die Verbotsschilder für Hunde vor der Metzgerei: Behinderte müssen an dieser Schule leider draußen bleiben.

Was wir brauchen sind rigorose Schritte zur Einlösung der Integration, finanzielle Unterstützung, ein manifestes Angebot an Lehrer und Sonderpädagogen und Erzieher zur Fortbildung und praktischen Einarbeitung plus Unterstützung - nebst Modellen, die gelingen, die nachahmenswert sind.

Teil 1): das Beinahe-Scheitern:
Sie wissen, dass ich - und andere - in Bonn Teilnahme an Schulausschusssitzungen, Bürgerbegehren, Debatten mit Schulräten und Dezernten im Interesse meiner autistischen Tochter und ähnlich Betroffener durchstehen mußte, weil kein Wahlrecht der Eltern für die Schule umgesetzt werden sollte. Bonn war weniger, heißt: besser schlechter als der Rest in NRW, das sollte reichen. Selbst den Oberbürgermeister - langjähriger Direktor einer Integrativen Schule - mußte ich persönlich beschimpfen, weil er nur auf das Recht zur Klage, das Recht zur gerichtlichen Auseinandersetzung verwies. Neben Joscha 211 Kinder wohlgemerkt, bei denen die zustehenden Plätze fehlten.

Und das, nachdem das Kind / die Kinder das Assessment-Center namens AO-SF-Verfahren - unzählige Gutachten und Tests zur Erlangung eines Berechtigungsscheins zur Aufnahme in einer Regelschule - ohne Zweifel bestanden hatte(n). Das Recht auf die Umsetzung der Aufnahme in einer Nicht-Abschiebe-Förderschule, die damit doppelt bestätigt war, eben durch UN-Konvention und individueller Überprüfung, sollte in unserem Fall dann letztlich scheitern an dem, O-Ton, "Kriterium der Wohnortnähe". Wir haben dummerweise keine Schule in der direkten Umgebung, die zur Integration bereit ist, und andere Kinder haben dann halt das Vorrecht, paragraphisch verbindlich für die Schulleiter. - Dann melden Sie ihr Kind jetzt doch auf einer Förderschule an, in Dreigottesnamen, forderte das Schulamt.

Teil 2): Das Doch-Gelingen:
(Herzliche Einladung, Martin Spiewak, schauen Sie es sich doch an.)
Joscha geht seit 31.08. in die Robben-Lernfamilie der Kettelerschule in Bonn-Dransdorf. Die Direktorin dieser Schule besteht seit fünf Jahren auf konsequenter, von allen Beteiligten einzuhaltenden Inklusion. 25 Kinder, davon vier Förderbedürftige. Klassenlehrerin, Sonderpädagogin. Es gibt Lernfamilien, heißt: Schüler der ersten bis vierten Klasse lernen teilweise zusammen. Dort eben, wo beispielsweise Viertklässler jüngeren Kindern hilfreich zur Seite stehen können in der Eingewöhnungszeit, die das weitere Grundschuldasein deutlich beeinflusst. Aber auch bei Wissensinhalten. (Das oftmals vorgetragene Argument gegen Inklusion, die älteren Kinder würden missbraucht als Ersatzlehrer oder auch, Hochbegabte blieben ungefördert: schlichtweg hanebüchen.) Manche Kinder bekommen einen Tutoren aus der Gemeinschaft der Kinder, der verantwortungsbewusst ein bißchen achtgibt auf das "Schwesterchen" auf dem Schulhof.

Im Vorfeld gab es Fortbildung für das Lehrerteam inklusive der Direktorin (diese eigentlich in Mutterschutz, aber aus eigenem Interesse (!) mit von der Partie) - einfach, weil man sich dort auf das Neuland "Autismus" vorbereiten wollte. Das war die Basis für die Vorbereitung der Lernfamilie. Es gab darüber hinaus einen kundigen Lehrer einer anderen Schule, der die Finten beim Einstieg besonderer Kinder kannte. Ziel: Vermittlung allgemeiner und individueller Kenntnisse: Wer oder was ist aspergerautistisch, wie äußerst sich das bei diesem Kind: Letzteres wurde realisiert durch Stippvisiten des Kindes im Unterricht des laufenden Schuljahres und durch einen angeforderten "Wunschzettel" der Mutter. Ich notierte also eine Art "Bedienungsanleitung" für mein Kind, wie: spezifische akustische Überreizungen vermeiden, wie die von elektronischen Spielsachen, Ruhepausen gönnen bei Gruppenarbeit usw. Es war hierbei auch Raum genug, neben alledem, was man gemeinhin Schwächen, wenn nicht gar Defizite, nennt, eben die außerordentlichen Fähigkeiten meiner Tochter zu präsentieren, die gewürdigt sein wollen, einfach damit die Betonung nicht auf Entwicklungsverzögerungen liegt: Joscha kann lesen, seit sie drei ist, sie kann zwar nicht mit der Hand schreiben, aber geschwind tippen auf dem Laptop und versiert surfen, sie ist in Deutsch bei der Einschulung auf dem Stand der 2., 3. Klasse, wenn man eben diese meines Erachtens ziemlich entbehrlichen Lehrpläne als Maßstab nimmt, sie kann saugut englisch...

Vernetzung ist ein Zauberwort bei der Realisierung des Zauberworts Inklusion.
Vernetzung: mein Schulkind, die anderen Schüler, Lehrer, Sonderpädagogen, Erzieher für die Freizeit am Nachmittag (Offene Ganztagsschule), Schulbegleiter und Eltern. Alle in einem Boot. Selbst im Sekretariat weiß man Bescheid, auch der Hausmeister ist im Bilde.
Kinder unterschreiben einen Vertrag zur Friedlichkeit, zum fairen Umgang. Sie werden gefordert, sie werden wahr- und ernstgenommen. Sie haben Rechte, nicht erst ab 18.
Schulbegleitungen assistieren "nur". Sie helfen in Not-Situationen des Kindes, ziehen es für kurze Zeit aus dem Verkehr. Sie spielen Brücke in der Kommunikation mit Kindern und Lehrkräften. Sie haben trotz aller angemessenen Zurückhaltung genug zu tun.
Pro Lernfamilie vier Kinder mit Förderbedarf - bei Hospitationen eine witzige Aufgabenstellung für die Eltern: Welche Mädchen, welche Jungen könnten es sein? Richtig, die Förderwürdigen oder zu Förderbedürftigen degradierten Kinder sind kaum zu ermitteln, kaum jemandem gelingt es, selbst nach vier Unterrichtsstunden zu ermitteln, welche es sind. All inclusive. Oftmals erlebt man andere (als normal gesund normierte Kinder) als weitaus verhaltensauffälliger.

Die Kettelerschule bugsiert sich hoch, an die Spitze, sie ist belobigt und preisgekrönt, sie wird bundesweit als Vorbild gesehen, sie wird von Stiftungen als förderwürdig, als nachahmenswürdig erkannt, leider bei weitem noch nicht genug.
Ungemeiner Erfolg, ungeheure Zustimmung, obwohl hier das Projekt Inklusion bei weitem nicht auf dem Fundament einer Eliteinstitution ins Leben gerufen wurde - im Gegenteil. Der Stadteil der "Zielgruppe" (!) der Schüler galt / gilt als problemübersät, Alkoholismus, Drogen, multikulturelle Migration mitsamt Sprachproblemen, Scheidungskinder, Wohlstandsverwahrlosung u. ä. - alles keine Fremdwörter.
Nur: Egal woher und wie und mit welchem Herkunftspolster und mit welchem kulturellen Unterbau auch immer die Kinder hier an den Start gehen, sie bekommen alles an Chance, die man einem sechsjährigen Erwachsenen geben kann. Das Lehrerteam ist hochengagiert, mehr aus Überzeugung als aus Pflicht.
Übrigens: Auch mit deutlich nach Urin müffelnden Suffköpfen kann man sprechen am Elternsprechtag wie mit allen anderen Eltern auch, die ihre Verletzungen und Schwierigkeiten nicht so offen zu Tage tragen.

Das Ergebnis dieser Basis: Lernen, das funktioniert, miteinander, aneinander, durcheinander. Lernen, das Spaß macht, das strukturiert ist, das Sicherheit gibt, das auch die Lehrenden und Betreuenden nicht überfordert an nicht zu bewältigenden Aufgabenstellungen. Fröhliche und freundliche Kinder.

Es geht. Für mich ist es ein Wunder: Joscha, meine kleine Teilzeitautistin, geht gerne zur Schule, Sie verbringt die Zeit dort relativ entspannt, obwohl die Anforderungen an Konzentration und Einhalten von Umgangsformen nicht gering sind. Sie hat ihre Angst vor Jungs wie Mädchen halbwegs ausgeschwitzt, weil diese eben nicht nur schnell, lautstark und rücksichtslos und unberechenbar um sie herum schwirren. - Die Lernfamilie hatte am Anfang gelernt, welche Besonderheiten Joscha hat. Die Kinder halten sich gerne an bestimmte Regeln, trotz Joschas "Regelverstößen", sie überwältigen mein Kind mit Akzeptanz, mehr noch: mit Zuneigung. Joscha zeigt in der Schule auf, sie getraut sich zur Tafel, auch wenn sie motorische Schwierigkeiten hat. Dann bittet sie halt um Hilfe. Sie liest anderen aus der Klasse vor. Sie wird bewundert. Ich sehe mein Kind auf dem Schulhof, wo es sich interessiert neben zwei Mädchen aus der Gruppe der Robben stellt. Sie sagt nichts, aber sie hört zu. Sie gehört dazu. Sie macht irrsinnige Fortschritte im Sich-Einlassen auf andere Exemplare dieses so genannten Homo sapiens. Es geht ihr gut. Es tut ihr gut. Uns auch.

Joscha ist mehr und mehr ein Kind wie alle anderen auch. Stärken, Schwächen, Vorlieben, Abwehr. Mitmachen, dabeisein. Sie wird in dieser Schule vom Autismus nicht geheilt. Aber sie wird einen, ihren Weg finden zur Teilhabe an dem, was wir ohne Bedenken meist normales Leben nennen.

Vorauseilende Verteidigung: Einzig-artige Erfahrung, Idealisierung, Heroisierung? - Nein, das Leben an dieser Schule ist für alle Beteiligten mit Sicherheit kein Idyll. Inklusion ist viel Arbeit. Wie alles Gute, was wir uns leisten.

Teil 3) Literatur:
Es boomt: Viele Fach- und Sachbücher über gelingende Inklusion.

Hier die Inklusions-Tipps (unter besonderer Berücksichtigung (!) der Asperger) für die Schule - ich bin überzeugt, dass sie auch für den Kindergarten hilfreich sein können.

Allen voran: Nicole Schuster („Ex-Aspergerin): Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen. Eine Innen- und Außenansicht mit praktischen Tipps für Lehrer, Psychologen und Eltern. Kohlhammer 2010

Hilfreich finde ich ebenso:

Reinhard Stähling: Du gehörst zu uns. Inklusive Grundschule. (Das ist eine Art Bibel für die Inklusion).

Brita Schirmer: Schulratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Ein Leitfaden für LehrerInnen. (Hier sind insgesamt die Bedürfnisse für Inklusion aufgezeigt, nicht nur für autistische Kinder).

Es gibt jede Menge anderer Bücher, die toll sind: Sozialtraining ..., ein Praxisbuch (Melanie Matzies). Alltags- und Lerngeschichten ...

Für Sie vielleicht am ehesten spannend: Gelingende Schulen. Gemeinsamer Unterricht kann gelingen. Schulen auf dem Weg zur Inklusion. Herausgegeben von Lucia Schneider. (Darin gehts vor allem um Praxisbeispiele, viele aus unserer Region, Bonn, Köln, Rhein-Sieg.)

Und jetzt für mich noch eine wichtige Publikation: Markus Dederich et al.: Inklusion statt Integration. Heilpädagogik als Kulturtechnik. Psychosozial-Verlag 2006

Zuguterletzt: Werbung in eigener Sache: Beim WDR Preis für Kinderrechte, Projektideen aus den Einsendungen zum WDR-Kinderrechtepreis 2010 habe ich zwar leider nicht den Preis bekommen. Aber ich bin immerhin bei den "nachahmenswerten Projekten". Darüber gibt es eine Broschüre (kostenlos bei der WDR-Öffentlichkeitsarbeit über die Hotline 0221-56789-555 zu bekommen in beliebiger Stückzahl).

Mein ganzer Stolz: Beim Familientag des WDR hat Joscha Röder, sechs Jahre alt, bei über 500 eingesandten Gedichten, die Anerkennung und Achtsamkeit erlangt, dass ihr Gedicht im Stile Ernst Jandls neben 25 anderen ausgewählt wurde fürs Radio, vorgelesen von Schauspielern.

.. Sonja Röder
.. Adolfstr. 54
.. 53111 Bonn

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