Leserartikel-Blog

Folge 1 - Der wahre Weg des Kriegers - Hell und Dunkel

Der Abend schoss durch den Horizont der untergehenden Strahlen der Sonne, die durch die breiten Fenster der Eingangshalle hindurchdrangen. Alles hüllte sich in den scharlachroten Schein der untergehenden Scheibe. An den Rändern dieser Aufstellung sah man tropische Pflanzen um ihr Überleben ranken, sie verdeckten den meisten Raum der Einrichtung. Eine Figur die vollkommen im Schatten dieser Szene verschwand starrte auf diesen Sonnenuntergang. Das Bild war überflutet von Licht, es war als ob es keinen anderen Ausweg aus dem grellen, flammendrotem Licht gäbe... verloren in Erinnerungen.
Man konnte spüren wie die alte hölzerne Uhr, die aussah wie der Londoner Big-Ben, im Vordergrund des Bildes ihre Sekunden schlug.
Schon jetzt wusste er, dass es kein Entfliehen mehr gab, vor dem jetzt und vor dem Vergangenen. Zwei im Licht schimmernde Tropfen begossen den hölzernen Boden der Einrichtung, die Tür hinter Sebastian stand weit offen. Eine leichte Brise streifte sein schwarzes Haar und ließ sein Gesicht vor Schmerz verzerren und dennoch blickte er weiterhin auf dieses jene Licht. Ein Schmetterling flog sachte durch den Saal. Es sah aus, als wäre er nicht von dieser Welt, ein bunter, blauer, er erinnerte sehr an die tropischen Insekten, die sein Vater einst gesammelt und für viel Geld in Sammlungen verkauft hat. Eine Art Hobby. Allein beim Gedanken an sein Gesicht schoss es Sebastian kalt den Rücken hinunter. Es war als hätten ihn alle Blitze der Erde gleichzeitig getroffen. So steif, kalt und leblos wie er nun dalag, als wäre alle Schönheit gemeinsam mit dem Leben verschwunden, als gäbe es keine wahre Schönheit ohne Leben, keine Seele… Das Ziel seines Vaters
war es immer, jene Schönheit im Inneren zu wahren, sodass das Schöne, die Seele im Körper gefangen bleibt. Sodass das Schöne erhalten bleibt und gemeinsam mit dem leblosen Körper fortexistiert.
- Er hat es nicht geschafft - dachte Sebastian - er hat versagt, daran gibt es gar keinen Zweifel.
Der Schmetterling landete gemächlich auf dem eisernen Tisch vor dem breiten Wintergarten, der nun nicht mehr als bloße Silhouette zu sehen war.
Hinter Sebastian erhob sich eine Wendeltreppe, die zum zweiten Stock führte und sich immernoch nur als Schatten hervorhob.
-Eine Welt voller Hell und Dunkel, Schatten und Licht, dachte Sebastian, als er dem flammendroten Licht der untergehenden Sonnenscheibe entgegensah.
Er senkte seinen Kopf, nachdenklich, langsam. Ein verzücktes Lächeln bildete sich in seinem Gesicht, fast hämisch grinste er dem parkettierten Boden entgegen, der ihm kalt und leblos zurückstarrte.
Der weit offen stehenden Eingangstür, die nun komplett in das Dunkel der Abenddämmerung gehüllt war, eilte eine Gestalt entgegen, eine Frau, nein ein Mädchen in der Blüte ihrer Jahre. Sie war erst siebzehn, aber ihr Gesicht offenbarte eine große, nein unermessliche Erfahrung und Leid, das vielleicht nicht einmal einem Erwachsenen jemals widerfahren ist. Ihre Augen rot und wundgeweint vor Kummer, ihre Furisode verdreckt vom Schmutz der Straße. Aber Hoffnung erstrahlte über den verdunkelten Raum. Eine uneingeweihte Person würde eine solche Art von Hoffnung nicht kennen, sie würde geblendet sein vom Schein dieser Hoffnung, dieses grellen Lichts, das sich der Dunkelheit entgegensetzt und sie verjagt.
Sebastian schreckte auf. Auch er war von dem hellen Licht geblendet.
-Laura... - zwang er aus sich hinaus, wieso tun sie uns das an, wieso haben sie nur eines im Sinn. Was haben wir ihnen eingetan...
Auf einmal erhob er sein Haupt und schaute direkt in die blauen, hoffnungstragenden Augen seiner Schwester.
-Wieso...

Laura eilte ihrem Bruder entgegen. Sebastian fiel auf seine Knie, sie fing ihn auf.
-Können diese Leute einen Grund haben? Glaubst du wirklich man braucht einen Grund, um das Leiden anderer zu erblicken?

- Laura...

-Ja ich fühle es. Glück wird es ihnen nicht bringen. Was hat unser Vater uns immer beigebracht? Was war sein geheimes Ziel? Was für eine Freude empfand er dabei.

-Er ist tot, Laura sieh es endlich ein. Es gibt kein Zurück mehr.

-Vielleicht... - eine kurze Pause trat ein. Laura schaute aufmerksam auf das Gesicht ihres Bruders und streifte über sein schwarzes Haar.

-Vielleicht kein Zurück mehr, aber es gibt einen Weg in die Zukunft. Glaub an diese Zukunft, Sebastian, Glaub an sie - bekräftigte sie ihn.

Ein lautes Hupen ertönte vor der Tür und eine raue Männerstimme dröhnte über den eingeschalteten Motor hinweg:
-Wir müssen abfahren. Herr und Frau Kurokawa... Es wird Zeit.

-Bald ist das alles Geschichte, bald werden wir uns hinwegsetzen über das Geschehene, Sebastian, verstehst du das? - Sie starrte in die leblosen Augen ihres Bruders. Es war diese Leere, die eine Person erblickte, die den Abgrund des Lebens gesehen hatte und jegliches Vertrauen verloren geglaubt hatte.

Der Lastwagen gab ein fast kreischendes Hupen von sich und riss die beiden aus ihrer Trance. Es war Zeit zu gehen.

Dieser hupenden Misere entgegen eilte ein schwarzes Auto. Die Fenster des Autos waren völlig verdunkelt. Kein Licht drang nach außen. Langsam näherte sich der BMW der Auffahrt. Mit einem Ruck riss Laura Sebastian von sich los und stopfte ihn auf den Beifahrersitz des Lastkraftwagens.
Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss. Der brummende Motor dieses gewaltigen Werkes menschlicher Schöpfung erhob sich über die Stille des Abends.

- Hinterher... - hallte es von Außen.
- Wenn ihr ihn haben wollt, dann müsst ihr erst an mir vorbei. - ertönte die schrille Stimme Lauras.
Vier Männer in schwarzen Anzügen jagten dem Lastwagen hinterher. Er war zu schnell für sie. Sie konnten ihn unmöglich einholen.
Wie in einer Art Trance schleifte dieser die nächtlichen Straßen entlang. Dem Ungewissen entgegen.
Der Fahrer, sichtlich erschrocken verfiel in eine Starre, die auf den ersten Blick nicht zu brechen war. Doch nun war es zu spät. Es gab kein zurück mehr. Sebastians Schicksal war besiegelt.
Langsam griff er in seine Tasche und ertastete ein kleines Stück Papier, einen Umschlag aus Papier, einen Fūtō. Überrascht holte er ihn hervor und entfaltete jenen.
Durch das spärliche Licht des Lastwagens im Abteil sah er eine zerflossene Aufschrift in Rōmaji-Schrift. Das Manuskript war von Blut befleckt und ganz und gar schlecht leserlich. Sebastian nahm es in seine Linke Hand und hielt das Stück Papier ans Licht. Aus dem Seitenfenster sah er den scharlachroten Schein. Wie jenen, der den Sonnenaufgang schmückte. Doch diesmal war der Schein ein anderer. Das purpurrote Licht war dunkel und kalt im Inneren. Dort, aus der Richtung, aus jener Sebastian gerade gekommen war entsprang ein glühendes Feuer und erhellte die Umgebung in grelles Licht. Sebastians Pupillen weiteten sich, als er das wallende Feuer erblickte. Es war der Vorabend des Sturms.

Jener Vorabend, jenseits von Hell und Dunkel.

Sasuke Yamamoto

Zur nächsten Folge:
Der wahre Weg des Kriegers - Jenseits von Gut und Böse.
Erscheinungsdatum: 31.05.2010