Leserartikel-Blog

Bildungsferne: Versuch einer Definition.

Im Zusammenhang mit der Bildungsmisere werden die Kinder, die die Schule als Analphabeten verlassen, das sind laut PISA zwischen 20 und 25%, häufig als Angehörige bildungsferner Schichten bezeichnet.
Zwei Leser dieses Forums hingegen hielten „bildungsfern“ für einen geeigneten Kandidaten zur Wahl der Unworts des Jahres 2008, weil erstens nicht klar ist was denn dann bildungsnah sein soll und zweitens lediglich der einfache Umstand, daß diese Kinder und ihre Eltern ungebildet sind, euphemistisch verbrämt werden soll (Wikipeda).
In den Kommentaren zum einem Leserartikel wurde der Begriff bevorzugt als Synonym für „arm“ oder Hartz IV-Empfänger gedeutet.
Ich selbst habe Politiker in einem Kommentar zum Zeitartikel Vom Segen der Krise als bildungsferne Schicht bezeichnet, das brachte von einigen Lesern fünf Sterne und von der Redaktion den Hinweis “Bitte tragen Sie zu einer sachlichen Diskussion bei.“ ein.
Es besteht also offensichtlicher Klärungsbedarf bezüglich dieses „Neusprech“: Wen oder was bezeichnet „Bildungsferne“ zutreffend?

Die Wikipediadefinition erscheint ungeeignet, denn erstens gibt es durchaus ungebildete Eltern, die Wert auf Schule legen (s. h. Das vietnamesische Wunder) und zweitens fällt es schwer den Begriff als beschönigend einzustufen, suggeriert er doch, daß die Betreffenden nicht nur nicht gebildet sind, sondern sich auch letztlich willentlich von Bildung fernhalten, obwohl es aus allen Ecken schallt, daß diese der Schlüssel zum Erfolg sei. Aber tatsächlich fällt bei problematischen Kindern auf, daß ihre Eltern an der Schule nie in Erscheinung treten, weder an Sprechtagen noch in der Elternpflegschaft, sie also quasi wortwörtlich fern von Bildung bleiben.

Dieses sich willentlich Fernhalten von Bildung halte ich für ein geeignetes, kennzeichnendes Merkmal des bildungsfernen Milieus.

Ein weiterer Vorschlag waren, wie schon erwähnt, Arme bzw. Hartz IV-Empfänger. Das es dort große Überschneidungen geben mag, will ich nicht in Abrede stellen, aber erstens gibt es nicht nur arme oder Hartz IV empfangende Akademiker, die auch bei ihren Kindern großen Wert auf Bildung legen, sondern z. B: auch die oben schon genannten armen ungebildeten Immigranten. Die synonyme Verwendung des Begriffs ist mir persönlich weder aus den Medien noch aus dem Schulalltag bekannt. Einen Anklang davon findet man allerdings in der Verwendung der Begriffe Prekariat und Bildungsferne. Das Kennzeichen des Prekariats ist die dauerhafte Abhängigkeit von staatlicher Alimentation, und die geht Hand in Hand mit Bildungsdefiziten, die allerdings nicht nur schulischer Natur sind, sondern z. T. auch elementare Kulturtechniken betrifft wie z. B. Kochen oder zeitig aus dem Bett aufstehen und Frühstücken.

Kochen könnte und wird auch in der Schule unterrichtet, rechtzeitiges Aufstehen nicht. Letzteres würde in den Bereich der Fürsorge fallen und hat mit schulischer Bildung nichts mehr zu tun.
Damit lautet die Definition von Bildungsferne abschließend: Das willentliche Fernbleiben von schulischer Bildung.
Bildungsfern sind auf Empfängerseite also die Familien, die schulischer Bildung keinen hinreichenden Wert beimessen, ihr z. T. wortwörtlich fernbleiben und nicht bereit sind für sie Zeit noch finanzielle Mittel aufzuwenden.
Aber so wenig Sinn es macht, das Drogenmilieu auf Junkies zu begrenzen (zum Drogenmilieu gehört auch Dealer, Schmuggler, Chemiker etc.), so sinnlos ist es Bildungsferne ausschließlich bei ungebildeten Familien zu suchen. Wer aber muß also sinnvoller weise zur bildungsfernen Szene gerechnet werden - auf Anbieterseite?

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Die Hoheit in Kulturfragen haben die Länder. Das Personal wird aus Länderkasse bezahlt, die Gebäude müssen Städte und Gemeinden stellen.
Für Familien heißt dies, daß sie nicht nur hinnehmen müssen überhaupt ihre Kinder in eine Schule zu geben, sondern auch wie diese Schule auszusehen hat.
Es können nicht die geringsten Zweifel bezüglich der Verantwortlichkeiten aufkommen.
Daß die Politik Zeit und finanzielle Mittel in ausreichendem Maße für schulische Bildung zur Verfügung gestellt hätte, ist kein Eindruck der sich irgendwo aufrängen würde. In Bochum und Witten werden Schulen eher abgerissen als renoviert. Die Essener Bruchbuden haben bei Plasberg schon Fernsehberühmtheit erreicht. Dortmund steckte lieber jährlich eine sechsstellige Summe in eine Schwarze Kasse zur freien Vergabe an Günstlinge statt in die Bildung. Diese Liste kann fast jeder mit Beispielen aus der eigenen Region erweitern.
Schulbildung war kein politisches Thema, unsere Volksvertreter sind dem mit ideologischen Strukturdebatten verminten Gebiet eher ferngeblieben. Widersinniger Weise ist die Strukturdebatte und damit überhaupt Schule erst nach PISA wieder aufgeflammt.
Die Budgets zur Lehrerfortbildung sind peinlich niedrig. In NRW hielt es die Landesregierung z. B. für eine prima Idee, die Schuleingangsstufe fundamental neu zu organisieren und gleichzeitig alle Mittel für eine diesbezügliche Fortbildung zu streichen.
Die unzureichende Lehrerausbildung wird seid Jahren beklagt. Meines Wissens hat bis heute nur Baden-Württemberg Konsequenzen gezogen und die Lehrerausbildung grundlegend reformiert.
Für jeden Meter neuen Radweges findet sich ein Politiker, der sich begeistert ablichten läßt, in einer baufälligen Schule wäre jede Suche vergebens. Wie manche Eltern bleiben auch zuständige Volksvertreter den Schulen fern und verhalten sich genauso wortwörtlich bildungsfern. Allerdings ist Bildung jetzt angeblich das politische Megathema und natürlich sehen wir in der Schule - wen? Die Kanzlerin, die gar nicht zuständig ist.
Politik und Bildungspolitik im besonderen gehören somit definitionsgemäß zum bildungsfernen Milieu.
Es ist aber nicht zu leugnen, daß die Politik in Bewegung gekommen ist, - man wird sehen.

Gibt es bildungsferne Lehrer? Zumindest ein Lehrer hat hier im Forum von sich behauptet, er hätte nur faule und desinteressierte Schüler und Schülerinnen gehabt. Diesem Lehrer ist es also nach eigenen Angaben niemals gelungen auch nur ein Kind mit seiner Materie anzusprechen. Ein derartiges Arbeitsergebnis ist wohl nur durch allein physische Anwesenheit zu erklären.
Es besteht natürlich Grund zu der Annahme, daß die Einlassungen dieses Lehrers nicht ganz ernst genommen werden dürfen, zu befürchten ist aber auch, daß auch die Schüler genau dies über ihn dachten - mit den entsprechenden Konsequenzen.
Wir wissen mittlerweile sicher, daß ein nicht unerheblicher Teil der Lehrerschaft den falschen Beruf ausübt (Spiegel). Diese Risikogruppe hat Unkündbarkeit, eine interessante Vergütung und die im Vergleich zum Urlaub vielen Ferientage im Blick wenn Sie den Lehrerberuf anstrebt. Die praktische Erfahrung lehrt, daß sie ihren Beruf auch genauso ausüben: unkündbar, teuer und die Ferien im Blick.
Richtig teuer zu stehen kommen diese Lehrer den Kindern, die auch zu Hause keine Ressourcen vorfinden um die sich auftuenden Bildungslücken zu schließen. Teuer aber auch, weil diese Lehrer spätestens, wenn sie vor pubertierenden Jungendlichen stehen, von diesen fertiggemacht werden und dann regelmäßig die Flucht in Krankheit und schlußendlich Frühpensionierung antreten. Teuer, weil sie teamunfähig sind. Teuer weil Fortbildungen für diese Lehrer und Lehrerinnen natürlich nur während der Unterrichtszeit stattfinden dürfen.
Ein Lehrer, der nur minimalen Anforderungen genügen will und sich soweit es geht dem Schulbetrieb zu entziehen sucht, verhält sich bildungsfern und gehört zur entsprechenden Szene.

Diese drei Gruppen befinden sich nicht im luftleeren Raum, sondern haben ein Umfeld, das im Dunstkreis der bildungsfernen Szene ist.
Es gibt in Deutschland eine Verband, der empfahl noch Ende der 90’er Jahre den Eltern sich nicht in die Schulbildung ihrer Kinder einzumischen, der Lehrer sei der Profi und weiß was er tut. Eben dieser Verband ist auch der Überzeugung, daß Fort- und Weiterbildungen natürlich während der Unterrichtszeiten stattzufinden haben. Er war nach der ersten PISA-Studie mitverantwortlich dafür, daß nicht über Bildung geredet wurde, sondern eine Strukturdebatte losbrach. Wer Eltern aus der Schule verweist, Lehrerbildung sich nur im Zusammenhang mit Unterrichtsausfall vorstellen kann, lieber bürokratische Strukturdebatten führt und bei all dem konkretes Bemühen um den Bildungsalltag vermissen läßt, den kann man meines Erachtens zur bildungsfernen Szene rechnen. Der Verband heißt GEW. Zu Recht wird hier mancher einwerfen wollen, daß inhaltliche Fragen nicht von formalen Fragen zu trennen sind und außerdem seien die Schulen des Testprimus Finnland Gesamtschulen. Nur sind Einzelwerte keine Statistik und wer mit solchen Einzelwerten argumentiert offenbart sich als stochastischer Analphabet. Tatsächlich ist der PISA-Studie keine Präferenz für irgendeinen Schultyp zu entnehmen. Auch die Lehrstandserhebungen in NRW, die etliche Restschulen, also Hauptschulen, ein höheres Bildungsniveau als Gesamtschulen testieren, widerlegen die Gesamtschule als Allheilmittel in Bildungsfragen. Es gibt ohne jeden Zweifel sehr gute Gründe für Gesamtschulen, die PISA-Studie gehört aber nicht dazu.
Die Qualität der Lehrerausbildung ist schon länger ein Thema, geändert hat sich meisten Teils nichts. Statt dessen wurde an den Hochschulen jahrelang eine Pädagogik gelehrt, die nichts mit der Wirklichkeit an deutschen Schulen zu tun hatte, und sie zeigte auch keinerlei Drang die eigenen Thesen zu validieren. Die Ausbildung und die Ausbilder unserer Lehrer kann man als bildungsfern bezeichnen.
Wie lange sind Schulen ein Bild des Jammers? Seid wann ist dies für die Medien ein Thema? Wie wird dieses Thema diskutiert, als Strukturdebatte oder unterrichtsnah?

Bildungsfern sind im Ergebnis also all die, die maßgeblich daran mitgewirkt haben, daß unsere Schulen versagen. Ein Viertel bis ein Fünftel aller Schulabgänger sind Analphabeten, ein schulischer Totalverlust. Dies ist ein vollkommen inakzeptables Ergebnis für zehn Jahre Arbeit. Zustande gekommen ist es dadurch, daß an jeder Stelle, die Schule betrifft, ein unglaubliches Ausmaß an Nachlässigkeit und Schlamperei Einzug gehalten hat. Das Leistungsniveau unserer Schulen scheint unter das der Kaiserzeit und der damaligen Reformpädagogik gefallen zu sein. Die Bekämpfung der Mißstände wird von erheblichem Widerstand begleitet sein, der aus allen genannten Gruppen kommen wird. Die Unterstützung für eine „Bildungsoffensive“ ist aber ebenfalls in allen diesen Gruppen, Eltern, Lehrern, Politik und Medien zu finden.
Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.