Leserartikel-Blog

Die Willkür des Marktes

Das Top-Thema Nr. 1 in Europa und an den Finanzmärkten ist derzeit Griechenland und seine Staatsfinanzen. Die Staatsschulden sind zwar schon seit vielen Jahren auf einem Niveau, das viele für besorgniserregend halten. Doch das war lange Zeit vielen egal. Solange die Kapitalmärkte dem Land vertrauten, war auch seine Refinanzierung gesichert und eine Staatspleite in weiter Ferne. Eine Rolle spielt dabei, dass der Gesamtschuldenstand des Landes im Vergleich mit anderen Ländern noch niedrig ist.

Diese Ruhe hätte ruhig noch viele Monate bis Jahre so weitergehen können. Eine volkswirtschaftliche Begründung, warum sich ausgerechnet seit etwa Anfang Dezember die Risikoaufschläge für Griechenlands Schulden erst langsam und dann drastisch erhöht haben, gibt es nicht. Es blieb also dem "Zufall" überlassen, ob Griechenland nun 2010, 2011, 2012 oder später Probleme mit seiner Refinanzierung bekommt.

Der Zufall wollte es, dass die Ratingagentur Fitch am 8. Dezember 2009 die Kreditwürdigkeit des Landes von "A-" auf "BBB+" herabsenkte. Jeder neutrale Beobachter hätte sich diese Ratingänderung vielleicht angesehen, dies aber sicher nicht zum Anlass genommen, das Risiko eines Ausfalls von Griechenlands Schulden als höher als vor dem 8. Dezember einzustufen.

Schließlich sind Ratingagenturen bei weitem keine verlässlichen Institutionen, wie sie spätestens durch die Finanzkrise bewiesen haben. Und zweitens variiert die Bewertung von Ausfallrisiken zwischen den Ratingagenturen mitunter so stark, dass man die Veränderung eines einzelnen Ratings einer einzelnen Ratingagentur tatsächlich ignorieren könnte. S&P bewertete Griechenland immer noch als "A-Land".

Und doch brachte die Ratingagentur Fitch einen Stein ins Rollen. Griechenlands Bonität begann zu sinken, die Risikoaufschläge auf die Staatsanleihen des Landes stiegen. Und noch wichtiger: der Außenwet des Euros begann zu sinken, und im Gegenzug stieg der Dollar an. Man muss sich das einmal vorstellen: durch die Willkür bestimmter Ratingagenturen ändert sich die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften.

Doch bleiben wir beim Thema Staatsfinanzen. Durch die Herabstufung Griechenlands erst durch Fitch, später auch durch weitere Ratingagenturen, muss das Land natürlich höhere Refinanzieurungskosten, sprich signifikant höhere Zinsen zahlen. Das allein verschlechtert die Lage der Staatsfinanzen zusätzlich, erhöht den "Konsolidierungsdruck" und führt letztlich auch zu einer nochmals sinkenden Bonität.

In gewissem Masse entsteht ein Teufelskreislauf. Das ist mittlerweile allgemein bekannt. Doch welche Konsequenzen werden daraus gezogen? Keine. Dabei geht es hier um die Zukunft ganzer Volkswirtschaften, nicht mehr nur um die einiger Banken und Spekulanten. Am Kapitalmarkt werden die Risiken einzelner Länder in letzter Zeit entweder krass überbewertet oder krass unterbewertet.

Es ist zwar nicht ausgemacht, dass aus der Griechenland-Krise selbst sich noch ein Flächenbrand entwickeln wird. Die Märkte lassen sich noch zu schnell wieder beruhigen. Doch die Panik dauert diesmal schon länger an als im letzten November, als plötzlich Dubai Probleme mit der Refinanzierung hatte. Sowohl Euphorie als auch Panik werden an den Kapitalmärkten mit der Zeit immer schlimmer. Das kann nicht gutgehen.

Die Stunde der Wahrheit für ein irrationales, fast schon psychotisch reagierende Weltfinanzsystem wird irgendwann schlagen.