Leserartikel-Blog

Heimjahre sind keine Kinderjahre

Orpheus kleine Geschichten

Heimjahre sind keine Kinderjahre ?

So in etwa sollte man glauben wäre es für die Kinder, die viele Jahre elternlos, oder weitab von der elternlichen Umgebung verbracht haben.
Weit gefehlt, denn nicht immer ist der große Einschnitt in das Leben eines Kindes, mit seelischem Schaden verbunden.

Fast drei Jahre war ich ein Heimkind, das war von 1961 bis 1963.
Mein kleiner Bruder und ich wurden förmlich aus einer Familie gerissen, denn unsere Eltern wurden in der damaligen DDR eingesperrt.
Mein kleiner Bruder kam in ein Kleinkinderheim nach Bad Lauchstätt und ich wurde in dem Kinderheim Ermlitz untergebracht.
Zu Beginn brannte in mir ein übergroßes Heimweh.
Und ich hatte auch ein starkes Mitleid mit meinem kleinen Bruder.
Ich war dabei als der kleine dort abgegeben wurde und ich werde das Bild des Abschieds niemals aus meinem Kopf bekommen.
Er stand auf dem Treppenabsatz drehte sich um und winkte mit seiner kleinen Hand. Er war damals zwei Jahre alt.
Mir schnürte es die Kehle zu, denn ich liebte meinen Bruder von Beginn seiner Geburt an.

Das Kinderheim in Ermlitz war für damalige DDR Verhältnisse und aus meinen heutigen Erinnerungen gesehen ein schönes Kinderheim.
Es war ein ehemaliges Herrengutshaus oder so was ähnliches.
Viele alte Freskenmalereien an den Wänden, schöne große Räume und etwa 60-80 Kinder.
Unser Heimleiter der Herr Pudelko war ein typischer Patriarch, er war ziemlich streng , aber er tat auch sehr viel für seine Kinder. Seine Frau arbeitete auch im Heim und dazu noch einige Erzieherinnen und Erzieher, zwei Köchinnen und zwei, oder drei Schneiderinnen.

Erinnere ich mich heute an dieses Kinderheim, kommen mir nie Erinnerungen auf eine politisch ausgerichtete Erziehung.
Bei uns lief keiner mit Pionierhemden oder so etwas herum.
Wir hörten das erstemal die Beatles im Radio, wir feierten Nikolaus mit Knecht Ruprecht und Weihnachten war wie bei den meisten zu hause.

Viele Bauern des Dorfes unterstützten das Heim und waren bei den Feierlichkeiten fast immer anwesend.

Es war ein gutes Heim, alles war sauber, wir hatten eine eigene Rodelbahn auf dem Heimgelände, viel Rasen, viele Bäume und die Weiße Elster vor der Tür. war der Fluß im Winter zugefroren hatten wir unsere beste Schlittschuhbahn.

Das Essen war ausgezeichnet, ich habe keine schlechte Erinnerung.
Hatte ein Kind Geburtstag gab es immer einen großen Kuchen und ein kleines Geschenk.

Das allerwichtigste für mich im Nachhinein war, dass sich meine schulischen Leistungen stark verbesserten.
Der Durchschnitt stieg an, irgendwann lag ich bei einer sehr guten 2 .

In der ganzen Zeit gab es nur einen negativen Vorfall.
Ein Erzieher wurde abgeholt und verhaftet, weil er einen Jungen mißbrauchte, so jedenfalls wurde es erzählt.

Nach der Haftentlassung meiner Mutter kehrte ich nach hause zurück.
Und heute bereue ich irgendwie, dass ich nicht freiwillig dort geblieben bin.

Vieles zukünftige wäre mir sicherlich erspart geblieben.

Es war ein so normales Kinderheim, ohne diesen DDR Anstrich, vielleicht denke ich deshalb heute so.
Vielleicht waren die Zustände auch noch nicht so radikal, wie in den Siebzigern und Achtzigern des Honecker-Staates.

Im Jahre 2002 fuhr ich mit meinem Truck einen Umweg und tat das, was ich schon immer mal machen wollte, ich besuchte das Heim.
ich wurde herzlichst begrüßt, die Erzieherinnen waren begeistert, dass ich nach vier Jahrzehnten dieses Heim besuchte.
Kurze Zeit später wurde das Kinderheim Ermlitz aufgelöst und die restlichen Kinder wurden in einem Heim in Halle an der Saale untergebracht.

Schade eigentlich.

Orpheus