Leserartikel-Blog

Die Organisation des deutschen Repressionsapparates in Frankreich 1940-1944

Lassen Sie mich zunächst einmal mit einem sehr schmerzhaften Teil der Besatzung beginnen. Es ist nicht so, dass wir hier die Deutsche Besatzungsmacht auf der einen Seite und auf der anderen Seite die gesamte französische Bevölkerung im Widerstand gehabt hätten. Nein, die Besatzung und die französische Bevölkerung bildeten zu einem hohen Prozentsatz eine Einheit. Man arrangierte sich, so gut es eben ging mit den ‘Boches’. Die Judenverfolgung wurde weitgehend achselzuckend zur Kenntnis genommen. Der Antisemitismus hatte auch in Frankreich durchaus Tradition. Denunziationen kamen allerdings nach neuesten Forschungen eher selten vor.
Alle Macht ging vom deutschen Militärbefehlshaber Frankreich in Paris aus. Seinen Sitz hatte er im Hotel Majestic in der Avenue Kléber in Paris 16ème Arrondissement. Ihm war die deutsche Wehrmacht und deren sämtlichen Truppenteile, sowie der Höhere SS und Polizeiführer mit seinen gesamten Unterorganisationen unterstellt. Es wäre also eine Geschichtsklitterung, zu glauben, dass auf der einen Seite eine saubere deutsche Wehrmacht und auf der anderen Seite, völlig losgelöst von der Wehrmacht ein verbrecherischer SS- und Polizeiapparat gearbeitet habe. Die Deutsche Wehrmacht verfügte über seine Truppenteile, die sie rücksichtslos zur Unterdrückung der französischen Bevölkerung nutzte. Der Militärbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht in Frankreich war von 1940-1942 General Otto von Stülpnagel, von 1942-1944 ein entfernter Verwandter von ihm, General der Infantrie Carl-Heinrich von Stülpnagel. Letzterer war Mitverschwörer beim Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944, wurde dafür vor den Volksgerichtshof gestellt, von seinem Vorsitzenden Roland Freisler zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Wehrmacht waren bis zum Jahre 1942 auch die Geheime Feldpolizei ( GFP) unterstellt. Der Chef der Geheimen Feldpolizei unterstand dem Oberkommando der Wehrmacht, nämlich der Abteilung III des Amtes Ausland/ Abwehr des Admiral Canaris. In Paris hatte sie ihr Kommando im Hotel Lutetia auf dem Boulevard Raspail im 7ème Arrondissement. Ihre wichtigste Aussenstelle war Dijon. Die GFP agierte in kleinen Kommandoeinheiten von etwa fünfzig Mann und war hauptsächlich zur Bewachung der höheren Militärs und zur Jagd auf die Mitglieder der Résistance eingesetzt. Ab dem Jahre 1942 wurde sie dem SD und damit dessen Führers, SS- Brigadeführer Walter Schellenberg im Reichssicherheitshaupt-amt (RSHA) unterstellt und stand daher ab diesem Datum unter der direkten Kommandostruktur des Höheren SS- und Polizeiführers für Frankreich, SS-Obergruppenführer Karl Oberg, der wiederum dem Militärbefehlshaber Frankreich direkt unterstellt war. Die Wehrmacht besass aber noch ein weiteres Repressionsinstrument, das gegen die Résistance eingesetzt wurde. Es war die Abteilung III des Amtes Ausland/ Abwehr, die Spionageabwehr der Wehrmacht mit seiner Unterabteilung Gegenspionage. Die Abwehr Wehrmacht unterstand dem Oberkommando der Wehrmacht in Berlin und wurde unter der Abteilung III F geführt. Leiter dieser Abteilung in Berlin war eine zwielichtige Gestalt, ein Admiral Wilhelm Canaris. Der war zwar kein Anhänger Hitlers, jedoch in der Weimarer Republik ein rechtsreaktionärer Freikorpskommandant, dessen Freikorps im Verdacht stand, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet und in den Landwehrkanal geworfen zu haben. Überhaupt ist diese Abwehr Wehrmacht eine interessante Truppe. Der Stabschef, ein General Oster, wurde wegen Weibergeschichten zunächst aus der Reichswehr ausgestossen, dann wieder reaktiviert und war insgesamt ein etwas schwieriger Charakter. Die Offiziere der Abwehr Wehrmacht waren eine bunt gewürfelte Truppe. Fanatische Nazis, viele Juristen, Reserveoffiziere, besonders sprachgewandte Gymnaliallehrer, auch dem Nazi–System eher reserviert gegenüberstehende Männer und jede Menge Spezialisten aus Polizei – und Juristenkreisen, also Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte. Die enge Verzahnung der Abwehr Wehrmacht in Frankreich mit der Geheimen Feldpolizei sieht man auch an ihrem gemeinsamen Dienstsitz, dem Hotel Lutetia in Paris auf dem Boulevard Raspail. Die wichtigste Aussenstelle der Abwehr Wehrmacht hatte ihren Sitz in Dijon. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde die Abwehr Wehrmacht dem Reichsicherheitshauptamt (RSHA) unterstellt und war daher ein Teil der SS unter der Leitung des SS-Brigadeführers und Generals der Polizei Walter Schellenberg. Dieser Walter Schellenberg war ein brillanter Kopf. Er war mit seinen 31 Jahren jüngster SS – General des III. Reiches und nach dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler und SS- Gruppenführer Kaltenbrunner der dritte Mann in der SS – Hirarchie. Er wurde in Saarbrücken geboren und studierte Jura und Medizin in Bonn. Danach war er Rechtsanwalt in Saarbrücken, wechselte aber bald hauptberuflich in die SS. Er war während des II. Weltkrieges Chef der SIPO und des Sicherheitsdienstes (SD) im RSHA. Schon ab dem Jahre 1943 spielte er ein doppeltes Spiel. Er verhandelte nämlich auch über mögliche Waffenstillstands-abkommen mit der OAS in Bern unter der Leitung von Allen Dulles. So wurde er von der Besatzung nach dem verlorenen Krieg pfleglich behandelt und trat sogar als Kronzeuge gegen Ernst Kaltenbrunner im Nürnberger Kriegsverbrechertribunal auf. Das ist ein Treppenwitz der Geschichte ! Dem Militärbefehlshaber Frankreich unterstanden also als Repressionsapparat gegen die französische Bevölkerung nicht nur die regulären Truppenteile der Wehrmacht, die Geheime Feldpolizei (GFP) und die Abteilung Abwehr im OKW (Oberkommando der Wehrmacht) zur Verfügung. Ihm unterstand auch der Höhere SS- und Polizeiführer (HSSPF) SS – Obergruppenführer Karl Oberg. Er ist am 27. Januar 1897 in Hamburg geboren und starb am 3. Juni 1965 in Flensburg. Er war schon Offizier im Ersten Weltkrieg und Mitglied des rechtsreaktionären Freikorps Kapp, dessen Korps anlässlich des sogenannten ‘Kappputsches’ zum Sturze der Reichsregierung führen sollte. Er war massgeblich an der Ermordung der gesamten SA – Führung und dessen Stabschefs Röhm beteiligt. Sein Dienstsitz in Paris war 57 Boulevard Lannes. Ihm unterstanden also ab dem 9. März 1942 die Truppen der Waffen – SS im besetzten Frankreich, des Sicherheitsdienstes SD unter der Leitung von SS - Standartenführer Helmut Knochen mit dem Sitz 72, Avenue Foch, die GESTAPO unter der Leitung von SS-Obersturmführer Kurt Lischka, sowie die Ordnungspolizei (Orpo) unter der Leitung von SS-Standartenführer von Schweininchen mit dem Sitz 44-49, rue de la Faisanderie in Paris. Karl Oberg führte den ‘Judenstern’ in Frankreich ein und liess hauptsächlich von der französischen Polizei über 100.000 Juden und Mitglieder der Résistance verhaften und in die Vernichtungslager nach Ausschwitz deportieren, wo sie dann ermordet wurden. Deshalb nannte man Karl Oberg auch “Den Schlächter von Paris”. Am 11. November 1942 wird die französische freie Zone von der deutschen Wehrmacht besetzt. Lyon und die Umgebung wird von den Deutschen besetzt. Für zahlreiche jüdische Flüchtlinge, die bis dahin in der freien Zone relativ sicher sein konnten, da sie hauptsächlich von italienischen Streitkräften mehr schlecht als recht verwaltet wurde, mussten wieder flüchten. Sie flohen entweder über Marseille nach Nord-oder Südamerika, oder auf abenteuerlichen Wegen zu Fuss über die Pyreneen nach Spanien oder Portugal. Schon im September 1942 lässt sich ein Sonderkommando der SIPO SD in der freien Zone in Lyon nieder. Die SS-Leute liessen sich im Kasino des Charbonnières nieder. Sie begannen sofort damit, Juden zu verfolgen und den Funkverkehr der Résistance abzuhören. Dann kam die GESTAPO nach Lyon. Sie errichtet ihr Hauptquartier im Hotel Terminus hinter dem Bahnhof von Parrache. In verschiedenen Sektionen aufgeteilt, lässt sich die GESTAPO auch am Place de Bellecour und in der Ecole de Santé Militaire in der Avenue Berthelot nieder. Unter den sechs Sektionen ist eine besonders gefährlich für die Juden: Die von SS – Hauptsturmführer Klaus Barbie geleitete Sektion IV ist für die Verfolgung von ‘Staatsfeinden’ zuständig. Die Sektion IV ist die Abteilung, die sich um die Jagd nach Juden und Widerstandskämpfern kümmert, sie foltert und deportiert. In der Sektion IV sind auch die Spionageabwehr, der Sicherheitsdienst und die Abteilung für den Umgang mit Agenten zu finden. Wenn auch SS-Standartenführer Dr. Knab Regionalkommandant von Lyon war, so verfügte die GESTAPO unter der Leitung von Klaus Barbie über grosse Unabhängigkeit, insbesondere wenn es um die Jagd auf Widerstandskämpfer geht. Barbie bekam gewisse Aufträge von Karl Oberg aus Paris, dem er persönlich berichtete. Klaus Barbie wurde nach dem Krieg unter Lebensgefahr von Maître Serge Klarsfeld und seiner Ehefrau Beate durch ganz Südamerika gejagt, wo der Naziverbrecher als Oberst des Geheimdienstes des Diktators General Banzer in Bolivien tätig war. Die CIA war auch in diesem Fall sein Auftraggeber. Nach der Wahl François Mitterand wurde Barbie auf Betreiben von Serge Klarsfeld nach Frankreich ausgeliefert und in Lyon vor Gericht gestellt. Sein Verteidiger war Maître Jacques Vergès, die Nebenklage (Partie civile) vertrat Maître Serge Klarsfeld. SS-Hauptsturmführer Klaus Barbie grösster Nebenbuhler war die Abwehr Aussenstelle der Wehrmacht in Dijon, genannt Dienststelle “Ast”. Der Leiter der Abteilung Gegenspionage war ein Reserveoffizier der Wehrmacht mit dem merkwürdigen Rang eines Sonderführers – S der Abwehr Wehrmacht. Das waren wenig gediente Reservisten, die einfach zu sogenannten Schmalspur – Leutnants befördert wurden. Man nannte sie so, weil sie schmalere Schulterstücke als ein regulärer Leutnant der Wehrmacht hatten. Das war aber unerheblich, diese Spezialisten traten nämlich sehr selten in Uniform auf und trugen in der Regel Zivil. Sie hatten eine höhere Macht als mancher hohe Wehrmachtsoffizier und setzten sich hauptsächlichh aus besonders linientreuen Richtern, Staatsanwälten und Rechtsanwälten zusammen. Der Leiter der Abteilung Gegenspionage in Dijon war mein Vater, Walter Kähni. Er war bei Kriegsbeginn Rechtsanwalt am Landgericht Konstanz, gehörte in der Weimarer Republik dem rechtsreaktionären Freikorps “ Der Stahlhelm” an, war dann SA – Truppführer und leistete gelegentlich seine militärischen Reserveübungen bei der Wehrmacht ab. Er wurde am 26.11.1902 in Aselfingen/Schwarzwald geboren, war humanistisch gebildet und sprach fliessend latein, alt-Griechisch und französisch. Er wurde auf Empfehlung seines engen Freundes, des SS-Brigadeführers Walter Schellenberg 1940 zum Leiter der Abteilung Gegenspionage der Dienststelle “Ast” in Dijon befördert. Sein Wahlspruch war natürlich gemäss seiner humanistischen Bildung ‘Amor patriae nostra lex’ (Die Liebe zum Vaterland ist unser Gesetz). Das Hilfsorgan der GESTAPO und der Abwehr Wehrmacht Aussenstelle Dijon war die französische Miliz unter dem Kommando von Paul Touvier. Er organisierte die Razzien gegen die Juden und gegen die Mitglieder der Résistance, folterte die Gefangenen, übergab sie der SS und der Abwehr Wehrmacht und leitete die Deportationen in das Sammellager von Drancy, Beaune-la Rolande, Pithiviers und Compiegne. In seine Zeit fallen die Deportation und die Ermordung von über 7.000 Juden alleine aus dem Raum Lyon und Dijon. Insgesamt hat die Miliz 80.000 Tote, Juden, Widerstandskämpfer und Kommunisten zu verantworten. Nach der Invasion der Alliierten in der Normandie drehte sich der Wind. Viele Nazi- Kollaborateure wollten die Seiten wechseln und wendeten sich vom Vichy – Regimes des Marchall Pétain ab. Die Miliz nahm fürchterliche Rache und erschoss tausende von ehemaligen Kollaborateuren, die zur Résistance wechseln wollten, darunter auch den Sprecher der Vichy – Regierung Philippe Henriot. Allein in Macon bei Dijon erschoss die Miliz sieben Personen in ihren Häusern. Die Miliz von Lyon residierte im Impasse Catelin. Neben den Milizen als ausfürendes Organ der Vichy-Regierung sind als herausragende Helfer der deutschen Besatzung der Premierminister von Marchall Pétain, Pierre Laval, der französische Polizeichef Bousquet, der Präfekt von Bordeaux Maurice Papon und der Chef der französischen Miliz und enger Freund des SS – Obergruppenführers Karl Oberg, Aimé-Joseph Darnand zu nennen. In der Vichy – Regierung leitete das Judenreferat (Commissariat général aux questions Juifs) ein gewisser Darquir de Pellepoix.

So also sahen die Repressionsstrukturen der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg aus. Es kann also keine Rede davon sein, dass die Besatzung in eine saubere unideologische Wehrmacht auf der einen Seite und in eine verbrecherische, fanatisierte SS - und Polizeieinheit andererseits zu unterscheiden wäre. Die soeben dargelegten Befehls- und Kommandostrukturen, sowie die neueste wissenschaftliche Forschung sprechen eine deutlich andere Sprache. Die Wehrmacht mit seinen Repressionsinstrumenten der Abwehr und der Geheimen Feldpolizei standen in ihrem Eifer, Juden und Résistancekämpfer zu vernichten, den Einsätzen der Waffen-SS, der SIPO, des SD und der GESTAPO in nichts nach und arbeiteten Hand in Hand.

* Auszug aus meinem Buch "Commissaire Carlucci:TOSCA"