Leserartikel-Blog

Tibet, China, Dalai Lama und einige Medien und Genossen zum Thema

Ich habe mit starker Verwunderung den Stern Beitrag zu Tibet und dem Dalai Lama zur Kenntnis genommen und auch einige Diskussionen hier in Zeitblogs und an anderen Stellen im Internet.

Ich bin erstaunt mit wie viel Halbwissen und kultureller Arroganz mittlerweile "berichtet" und "beleuchtet" wird.

Aktuell las ich Sir Charles Bells „Der große Dreizehnte. Das unbekannte Leben des XIII. Dalai Lama von Tibet.“ Diese Abhandlung Bells, der 10 Jahre politischer Beauftragter der indischen Zivilverwaltung für Sikkim, Bhutan und Tibet war, wurde 1946 veröffentlicht, sie hat aber offensichtlich nichts an Aktualität eingebüßt. In Deutsch ist sein Buch 2005 bei Bastei Lübbe erschienen.

Anbei ein paar Auszüge zum Nachdenken...

Zu Leben, Kultur und Religion der Tibeter

Wie nahm Bell die tibetische Gesellschaft wahrnahm?

„Sie sind glücklicher und sorgloser als die Völker Europas oder Amerikas.“ (S.250) Bell vermerkt, das obzwar feudal, hatte Tibet jedoch auch demokratische Elemente, was gar nicht anders gegangen wäre bei so einem eigensinnigen Volk. „Die Regierenden erkennen ihren Eigensinn bei sich und bei ihrem Volk an, und so ist zu erklären, dass ihr Feudalismus ein gutes Maß an Demokratie enthält.“ (S. 21) (Das ganze erste Kapitel schildert die Tibeter und ihr Land so wie es Bell zur Zeit des 13. Dalai Lama kennen lernte. Er betont an anderer Stelle, dass Tibeter durch und durch religiös sind, wie es sicher bei keinem anderen Volk anzutreffen ist, und wie sehr verschieden sie von den Chinesen und ihrer Kultur sind.)

Eine andere bemerkenswerte Feststellung: „Tatsächlich hat es seit 800 Jahren, seit der Buddhismus mit seiner Lehre des Friedens von ihnen Besitz ergriffen hat, nie mehr eine Nation außerhalb seiner Grenzen angegriffen. Das Land möchte unabhängig sein und sein eigenes Leben führen. Es war unsere Pflicht es dabei zu ermutigen und im Rahmen unserer Möglichkeiten zu unterstützen, ohne dabei natürlich unsere nationalen Ressourcen zu überfordern.“

Als der Buddhismus nach Tibet kam, so fasst Bell es zusammen, traf diese Religion „auf eine Kriegernation, die große Teile Turkestans und Indiens überrannt hatte und nicht zuletzt auch China, wo sie die chinesische Hauptstadt in ihre Gewalt gebracht und viele Jahre Tributzahlungen aus diesem Land erhalten hatte. Zu jener Zeit war Tibet eine der stärksten Militärmächte in Asien. Dann kam vor mehr als 1000 Jahren der Buddhismus. Seit dieser Zeit haben die Tibeter ihre militärischen Eroberungszüge eingestellt und nie wieder eine anderen Nation angegriffen; sie waren nicht einmal in der Lage, ihr eigenes Land zu verteidigen. Sie erlebten genau genau die radikale Kehrtwende, die in Großbritannien und Europa so viele Frauen und Männer auf den Lippen führten, die aber nie ihre Herzen erreicht hat. Dem Buddhismus ist in Tibet gelungen, was das Christentum, trotz seines hehren moralischen Anspruchs, bei den europäischen Nationen nie erreicht hat. Man könnte sagen, dass die Völker Europas schon immer zu aggressiv und kriegerisch gewesen seien. Doch das waren die Tibeter auch, bis sie sich zum Buddhismus bekehrten.“

Das soll natürlich nicht berechtigte Kritik an Fehlentwicklungen in Tibet unterwandern, aber die Beiträge des Stern, Goldner, Trimondis & Co, sind einfach unerträglich. Dass deren extreme Sichtweisen sich in Junge Welt und Neues Deutschland verbreiten ist ja noch verständlich, dass aber auch TAZ und Stern auf diesen Zug aufspringen und sich diese schrägen Ansichten wie in Zeitblogs verbreiten, ist für mich mehr als verwunderlich; und es ist, meines Erachtens, peinlich daneben!

Es ist sicher nicht korrekt Tibet als Paradies zu beschreiben, aber es war auch keine theokratische oder feudale Hölle oder musste „befreit“ werden. Einzelbeispiele, wie sie der Stern in seiner Titelgeschichte „Die zwei Gesichter des Dalai Lama - Der sanfte Tibeter und sein undemokratisches Regime“ aneinanderreiht sehen ganz anders aus, wenn man sie in den Kontext der Ereignisse und der generellen Entwicklung stellt und sorgfältig betrachtet. Z.B. hat der XIII. Dalai Lama die Todesstrafe abgeschafft und Verstümmlungen waren verboten. Ein Mönch, Lobsang Gyatso, vermerkt aber in seiner Autobiographie, dass Machtlücken des Dalai Lama ausgenutzt wurden, um das zu unterwandern. (Insgesamt ist es noch ein wenig komplexer, man muss eben den Gesamtkontext betrachten und nicht wie der Stern beliebig Beispiele an eine Schnur reihen, um eine gewünschte ideologische Sicht zu bestätigen…)

Ich finde, man sollte eine so andere Kultur mit einer so anderen Wertevorstellung erst einmal mit Offenheit und Unparteilichkeit begegnen und vor allem mit Wissen! Ein Trost für mich in den letzten Tagen, war Bells Werk zu lesen. Sir Charles Bell ist ein Kenner Tibets und seiner Kultur und Religion, ebenso der ganzen diplomatischen und politischen Landschaft seiner Zeit. Das Buch ist direkt, offen, beobachtet gut und es ist meines Erachtens sehr zu empfehlen. Bells Kunst ist haarscharfe Beobachtung, differenzierte Analyse, Einfühlungsvermögen, Sympathie, weitgehende Unparteilichkeit und vor allem Respekt vor einer so andersartigen Kultur und Nation. All das fehlt natürlich leider einigen Schreibern der letzten Zeit.

Im 53. Kapitel „China“ zeigt Bell auch auf, wie die meisten Nationen, vor allem Amerikaner und Europäer, aus „bequemer Konstruktion“ heraus geneigt sind, Tibet als Teil Chinas zu betrachten und urteilt – sicher treffend: „die ausländischen Nationen wollen sich einen satten Anteil an diesem Handel sichern, und zu diesem Zweck machen sie sich bei China lieb Kind. Doch es ist ein Skandal, dass sie Tibet verkaufen würden, um ihre eigene Profite im Handel mit China zu steigern.“

Wahrheitsfindung, Wahrheitserfindung

Auf Seite 493 findet man folgendes Resümee Bells: „Die tibetische Darstellung liegt näher an der Wahrheit. Aber China kann seine Sicht der Dinge in der Welt verbreiten; Tibet kann es nicht. Also hört die Welt nur die Beweisführung der einen Seite und urteilt entsprechend.“

Bell zitiert eine Lüge des chinesischen Gesandten Mr Wu Tshung zur Inthronisierung des XIV. Dalai Lama und fasst zusammen: „Doch die Chinesen haben das Ohr der Welt und können sich später auf ihre Presseberichte berufen und eine Darstellung der historischen Ereignisse präsentieren, die vollkommen unwahr ist. Tibet besitzt keine Zeitungen, weder in englischer noch tibetischer Sprache, und verfügt daher über keine Mittel, diese Verfälschungen zu entlarven.“ (Seite 559)

In seinem Kapitel zu China (S. 488ff) stellt Bell fest: „Die tibetische Regierung hält sich an die Wahrheit. Sie kann langsam, widerspenstig und geheimniskrämerisch sein, wenn sie mit Ausländern zu tun hat, aber sie besitzt eine große Achtung vor der Wahrheit. Doch die chinesischen Behörden geben von Zeit zu Zeit Meldungen heraus, die bewusst unwahr sind.“ Bell gibt Beispiele dafür an, u.a. wie die Chinesen erst nach Präsentation eines Beweisfotos von ihren Lügen in Bezug auf einen Sachverhalt ablassen. Er bemerkt ebenso: „Die Chinesen sind viel grausamer als Tibeter. Bei ihren Versuchen, tibetische Gebiete zu erobern, pflegten sie jeden Kriegsgefangenen, dessen sie habhaft werden konnten, hinzurichten, obwohl dessen einzige Verfehlung darin bestand, sein Heimatland militärisch zu verteidigen. Wenn die Tibeter chinesische Kriegsgefangene machten, schickten sie sie einfach nach China zurück.“

Bell fasst zusammen: „Man würde ein höheres Maß an Wahrheitsliebe, Barmherzigkeit und Dankbarkeit von den Regierungsbehörden einer Nation erwarten, die sich mit einer 5000 Jahre alten Kultur brüstet.“

Na ja hier in Deutschland reichen Colin Goldner und Trimondis der chinesischen Staatspropaganda das Wasser und es gibt genügend, die ungeprüft auf ihren Zug der Verdrehungen aufspringen. Mein Blogbeitrag soll das etwas ausgleichen.

Als passende Reaktion auf den STERN sei Martensteins Zeit Kolumne empfohlen: Martenstein "Der Dalai Lama hatte Sex mit Barack Obama" und als würdige Rezension Colin Goldners "Fall des Dalai lama" sei Klaus Natrops Rezension in der FAZ empfohlen: Schwarzmalerei soll erhellen.