Leserartikel-Blog

Was macht man mit einem Philosophie-Studium?

Zur Zeit gibt es in meinem Leben zwei Orte, die die Herzen meines Daseins ausmachen. Meine kleine 25qm Wohnung in einem 118-Parteien-Haus am Rhein und das Philosophische Seminar unweit des Neckars. Bin ich an keinem der beiden Orte anzutreffen, gibt es eigentlich nur noch eine weitere, realistisch anzunehmende Möglichkeit: Ich bin unterwegs, vom Einen zum Anderen oder andersherum. Hin und wieder treibt es mich dann aber doch auch mal in andere Richtungen, nach Hause zum Beispiel. Und hin und wieder treffe ich dort auf Menschen, die wissen wollen, was ich denn so mache. Studieren. Was ich denn studieren würde? Philosophie. Aha. Pause. Respekt, das wäre nichts für mich.
Und was macht man damit, wenn ich fragen darf?
Meine Antworten werden mit der Zeit souveräner, dennoch kann ich, das muss ich zugeben, oft nicht umhin, mich von dieser Frage berühren zu lassen. Was macht man damit? Seit Neuestem geht mir die Frage dermaßen auf den Geist, dass ich Dinge antworte wie: Brezelbäcker. Oder Diktator. Bombenleger. Oder Taxifahrer. Dabei habe ich nicht einmal einen Führerschein. Geschweige denn, dass ich wüsste, wie man Bomben baut oder Brezeln bäckt. Da würde das mit dem Diktator noch am ehesten hinhauen. Ich werde darin ausgebildet, vielleicht gar besser als die meisten anderen, die Dinge zu interpretieren. Nicht dieses oder jenes Ding, das ich gerade vor mir habe, sondern „die Dinge“ oder, wenn man es anders will, „die Welt“ als die Gesamtheit aller Dinge. Ich werde darin ausgebildet, Thesen aufzustellen und zu begründen, also nach logischen Prinzipien möglichst schlüssige Argumente dafür zu finden, was ich behaupte. Oder auch andersherum: Darin, alles Behauptete durch fiese Eingriffe von außen zu unterminieren, auch Skeptizismus genannt. Dort, wo ich studiere, schaut einen keiner blöd von der Seite an, wenn man die Frage in den Raum wirft, wie es sein kann, dass die Ewigkeit von der Ständigkeit verschieden ist, wenn doch beide im Ideenreich aneinander teilhaben. Oder wenn man behauptet, es sei nach Platon nur konsequent, sich auf der Stelle aus dem Fenster zu stürzen, da Philosophieren doch hieße „sterben lernen“. Man muss nur erklären, was man meint, und seine These schlüssig begründen können.
Ich fürchte, dass solche und ähnliche Beispiele auch mit der Grund dafür sind, warum man mich außerhalb des Seminars einerseits bewundernd, andererseits bemitleidend ansieht, wenn ich erzähle, ich würde Philosophie studieren. Wieder die Frage: Was macht man damit?
Bleiben wir beim Diktator: Was macht so ein Mann? Er interpretiert die Welt, stellt irgendwelche Thesen auf und versucht, seinen Untertanen zu erklären, wieso es richtig ist, genau das zu tun, was er sagt und nichts anderes. Ich rede nicht von der Sorte Diktatoren, die im besten Fall ganz gute Rhetoriker sind und die Leute mit schlechter Dialektik in Weltkriege treiben. Nein, ich denke, ich wäre ein Guter. Ich würde versuchen, den Leuten Stück für Stück zu erklären, was ich meine, bis es auch der Letzte verstanden hat. Ich wäre meinen Leuten wohlgesonnen, würde mir ihren Widerspruch anhören und versuchen, darauf zu reagieren, indem ich ihnen die Welt einfach noch einmal ein bisschen besser erkläre, als ich es zuvor getan habe. Ich würde mich durch gute Gegenargumente überzeugen lassen und einfach noch mal von vorne anfangen, über dies und jenes nachzudenken. Würde ich die Philosophie zur größtmöglichen Perfektion bringen, wäre ich mit Sicherheit auch der bestmögliche Herrscher über ein Land, was rede ich, die ganze Welt!
In meiner Welt gäbe es keine besseren und schlechteren Menschen mehr, sondern nur noch schlechtere und bessere Argumente. In meiner Welt gäbe es auch keine Kriege mehr, sondern Diskussionen. Echte Diskussionen, nicht sowas, wie man den halben Tag auf Phoenix beobachten kann. Kein Wunder, dass das zu Kriegen führt, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.
Ich glaube, um hiermit zu schließen, dass ich als guter Philosoph auch ein guter Diktator wäre und mit mir die Welt eine Bessere sein könnte. Alles hängt also daran, dass ich meinem Studium mit aller nötigen Leidenschaft und Hingabe nachgehe, Tag für Tag diszipliniert über meinen Büchern und meinen Gedanken sitze und hin und wieder ausbreche, um auf die Frage: Was macht man mit Philosophie? guten Gewissens antworten zu können: Ich werde die Welt beherrschen! Und ihr?