Leserartikel-Blog

Macht die Kinder nicht verrückt

In dieser Diskussion sollte man ein paar Dinge nicht vergessen: es sind nicht die Kinder, die dabei sind, diese Welt zu ruinieren. Eine Welt, die Erwachsensein im wesentlichen durch das Vergessen der Kindheit definiert, kann vielleicht viel mehr von den Kindern lernen als umgekehrt. Seit Anbeginn der Menschheit projizieren die Erwachsenen ihre Probleme in die Welt der Kinder, diagnostizieren sie dort und versuchen sich auf Kosten der Kinder zu heilen. Das hat nie funktioniert und so stehen Psychologen und andere Therapeuten auch heute, vor allen Dingen ohne Verständnis der Zusammenhänge, auf vollkommen verlorenem Posten.
Hinter der gnadenlose Erfolgsorientierung dieser Gesellschaft steckt im wesentlichen eine Mischung aus Hilflosigkeit und Dummheit. Denn Erfolg ist nichts anderes als gesellschaftlich bewertete Leistung. Ohne Werte, die diese Bezeichnung auch verdienen, bleibt nichts übrig, was auch nur eine Diskussion wert wäre. Dass es dieser Gesellschaft an Werten mangelt, machen nicht nur die Ackermänner und Schmidts fast tagtäglich deutlich. Es fehlen schon Ansätze eines gemeinsamen Verständnisses, wie ein menschliches bzw. gesellschaftliches Wertesystem entstehen kann. Die Diskussion um Begriffe wie Leitkultur hat dazu beigetragen, die Suche nach Patentrezepten für die Erlangung von Wertesystemen in die Welt von Naivlingen und Scharlatanen zu verbannen. Kultur ist eben nicht im wesentlichen die Quelle von Bildung, die sich in Verdummungsspektakeln wie „wer wird Millionär“ vermarkten lässt. Sie ist vor allen Dingen das Spiegelbild der Verwurzelung von Menschen in einer Geisteswelt, die nur durch das lebenslange Ringen jedes einzelnen um individuelle Wahrheit und kollektive Werte entsteht.