Leserartikel-Blog

Sinnfreie Analyse

In diesen Tagen erscheint mit "Kasino-Kapitalismus" ein weiteres Buch zur Wirtschafts- und Finanzkrise. So wortreich wie -gewandt versucht Prof. Sinn seine altbekannten Thesen zu untermauern. Am Ende des Buches aber wird im wesentlichen eines klar: hier wird der taugliche Versuch unternommen, die Volkswirtschaft aus dem Kanon der Wissenschaften zu verabschieden. Denn Sinns Argumente sind so zahlreich wie reich an Widersprüchen. Vor allen Dingen leidet die Klarheit und Schärfe der Analyse unter der eigenen Fixierung auf das unterschwellige Motto des Buches: "ich habe es ja schon immer gesagt". Laut Prof, Sinn gibt es zwei wesentliche Quellen der derzeitigen Wirtschaftskrise; den Kapitalmarkt und den Arbeitsmarkt.
1. Der Kapitalmarkt. Die Darstellung ist so richtig wie trivial. Die Kurzform: am Finanzmarkt agierende Menschen haben riskante und spekulative Anlageformen gewählt, weil das Finanzsystem die für sie richtigen aber für die Allgemeinheit falschen Anreize geliefert hat. Aber kann diese Tatsache wirklich verwundern? Ist es nicht viel erstaunlicher, wie viele volkswirtschaftlichen Experten diesem Spiel und Treiben jahrelang ohne entsprechenden Aufschrei zu gesehen haben. Den Versuch jedes Gezeter in der Volkswirtschaft der letzten Jahres zu einem Aufschrei zu deklarieren, wirkt billig. Wie wäre es, wenn die führenden Volkswirte ihre Prognosen von vor ein, zwei oder gar drei Jahren aus dem Schrank holen und nochmal mit der realen Entwicklung vergleichen würden. Mit der Fähigkeit aus der biblischen Apokalypse die Atombombe herauszulesen kann man natürlich dort auch Spuren der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise identifizieren. Aus meiner Sicht sind das aber eher homöopathische Spuren.
2. Der Arbeitsmarkt. Natürlich ist der Arbeitsmarkt für Prof. Sinn die zweite Säule der Krise, denn das hat er schon vor Jahren gesagt. Aber was genau? Laut Prof. Sinn war Deutschland vor sechs Jahren ohne radikale Reformen nicht mehr zu retten. Hat das damals tatsächlich gestimmt? Eindeutige Belege bleibt er schuldig. Man kann sich darüber streiten, ob die Arbeitsmarktreformen nicht radikal genug gewesen sind, aber sollen sie total nutzlos gewesen sein? Es bleiben mehr Fragen als Antworten offen. Meiner Ansicht entspringt der Zusammenhang zwischen Arbeitsmarkt und Wirtschaftskrise nur magischen Denken. Der nächste Autor korreliert die Wirtschaftskrise wahrscheinlich mit den Klimadaten und wird erstaunliche Parallelen feststellen.
Der aus meiner lächerlichste Abschnitt befasst sich mit den Lösungsansätzen. Wie nicht anders zu erwarten, sind Regulierungen das Allheilmittel der Wahl und Stunde. Unabhängig vom Thema stellen sich bei mir die Nackenhaare senkrecht, wenn ich Menschen über Regulierung schwadronieren höre, die nicht einmal zwischen Steuerung und Regelung unterscheiden (vermögen). Zum Thema Steuerung und der Implementierung von Regelkreisen wäre viel zu sagen, nur leider hat das wenig mit der "Logik des Misslingens" ala Sinn zu tun.

Herr Sinn werden Sie Politiker oder überlassen Sie Dieter Bohlen solche Veröffentlichungen. "Bildzeitung kann Bohlen besser."