Leserartikel-Blog

Der deutsche Muttermythos

Die „Krippenschlacht“ der Gluckenmaffia

Das langgepflegte Bild der alles könnenden Vollzeitmutter, ist aus dem Bewusstsein der deutschen Volksseele nicht zu entfernen. Selbst die linken Intellektuellen haben diesen Mythos übernommen. Nirgendwo ist der ideologische Streit über Kinderkrippen so heiß entbrannt wie in den deutschen Landen. Die Einen meinen, die Kleinen würden zu psychiatrischen Langzeitfällen - Wissenschaftler erklären, so viel Mama braucht das Kind gar nicht!

Wem soll man glauben, denn fast jeder kommt mit angeblich beweiskräftigen Aussagen oder Fakten. So hat z. B. Frau Christa Müller, die Ehefrau von Oskar Lafontaine ein Buch mit dem Titel „Dein Kind braucht Dich“ herausgebracht. Dieses Werk bricht eine Lanze für das Mutterglück und attackiert auf das Heftigste den „Zwang zur Fremdbetreuung“. Nach Frau Müller ist die zu frühe Krippenbetreuung eine seelische Verletzung, die schlimmer sei, als die grausame Beschneidung afrikanischer Mädchen. Nun, ein sehr interessanter Vergleich! Diese Argumentation reiht sich ein in die recht eigenartigen Bemerkungen zur Krippenerziehung des Bischofs Mixa, der ja offensichtlich ein Experte in Sachen Kindererziehung ist. Auch der Kriminal-Experte Christian Pfeiffer, Ex-Justizminister Niedersachsens, hatte ja vor Jahren festgestellt, das die Krippenbetreuung in der DDR und dabei besonders der Zwang gemeinsam aufs Töpfchen zu müssen, die Jugendlichen in den NBL dem Rechtsradikalismus in die Arme getrieben hat. So einfach erklären sich soziale bzw. gesellschaftliche Zusammenhänge.

Den Vogel schießt allerdings die 82-jährige Kinder-Psychotherapeutin Christa Meves ab, eine wortgewaltige Gegnerin der Krippengegner. Sie spricht von einer „Ideologie der Entmutterung“ und „Denaturierung der frühen Lebensjahre“. Sie prophezeit, dass durch die „Dressur in Massenbetreuung“ Heerscharen bindungsgestörter Kinder entstehen, die unter „Schizoidie, Borderline-Syndrom, Panickattacken und anderem seelischen Elend“ leiden werden. Ich meine, noch schlimmer kann es kaum einer darstellen, aber ich sehe diese Symptome eher bei den Kindern, die sozial schwachen und bildungsfernen Schichten entstammen.

Der Streit um dem Krippenausbau tobt (wie ums „Turbo“-Abitur), besonders in den alten Bundesländern. Der Streit hat sich zum Glaubenskampf ausgeweitet – es geht nur noch um Ideologie: eifernde Krippengegner und Mütterverehrer stehen den Befürwortern der Krippenerziehung unversöhnlich gegenüber. Jeder fühlt sich als Experte, jeder weiß genau was dem Kindeswohl zuträglich ist. Es ist ein Glaubenskrieg: „Gluckenmafia gegen Karrierehühner“ wie die Autorin Tanja Kuchenbecker in ihrem gleichnamigen Buch schreibt.

Die Frage was ist eigentlich wirklich gut fürs Kind scheint nur am Rand zu stehen. Im Verlauf der letzten Jahrzehnte haben Wissenschaftler aus Versuchen, Studien und Umfragen zur Kinderbetreuung und zur Mutterbindung viele neue Erkenntnisse gewonnen. Wie einige Kinderpsychologen erklären, hatte die Bindungstheorie den größten Einfluss auf die Kinderpsychologie. Die Bindungstheorie besagt, das die Mutter-Kind-Bindung den größten Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes habe. Die Mutter ist zwar der primäre Bezugspunkt jedes Säuglings oder Kleinstkindes. Sie brauchen ihre Mutter, aber es gibt auch noch andere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, wie die Verhaltenspsychologen und Anthropologen inzwischen festgestellt haben. Deshalb muss eine Krippebetreuung nicht die Hölle sein, die ihnen die Krippengegner zuordnen, in der die Kinder seelisch verkrüppeln oder sogar zu Rechtsradikalen mutieren, trotzdem man sich dort um sie fürsorglich kümmert! Krippenerzieherinnen sind auch keine Ersatzmütter, das wissen die Kleinen schon ganz genau zu unterscheiden. Sie sehen in den Betreuerinnen eher eine Spielkameraden, der sich mit ihnen beschäftigen und sie lernen relativ schnell, sich in einer Gemeinschaft einzuordnen und sozial zu verhalten.

Übrigens wie flexibel das Bindungssystem zwischen Mutter und Kind ist zeigen andere Völker und Kulturen, die noch teilweise in Großfamilien leben. Da übernehmen Verwandte Großeltern, Tanten oder Onkel die Betreuung. In jedem Volk werden die Kinder anders erzogen – die Kultur bestimmt die Kinderbetreuung, denn die Kultur ist die Natur des Menschen! Das mütterliche Betreuungsmonopol, wie es in Deutschland praktiziert wird, ist weltweit eine Ausnahme. Schauen wir uns doch nur in unseren Nachbarländern Frankreich, Dänemark oder Schweden um: Ganztagsbetreuung vom Kleinstkindalter an: Mütter und Kinder sind zufrieden!

Deswegen sollte man sich bei der „Fremdbetreuung“ von Fakten leiten lassen und sich nicht an falsche Idylle oder an Ideologien hängen. Lassen wir noch einmal Wissenschaftler zu Wort kommen: „Der Muttermythos der letzten 50 Jahre beruht auf der überholten Annahme, dass allein die sichere Bindung zur Mutter, die entscheidende Basis für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist - Mütter können auch viel zerstören“, meint der Schweizer Kinderarzt und Autor Remo Largo. Die Kleinkindforscherin Heidi Keller meint sogar, dass die Bindungstheorie gefährlich ist, weil sie den Eindruck erwecke, jede Mutter wisse, was das Beste für die Kinder sei - „das ist eine westliche Mittelschichtsphilosophie!“

Noch drastischer sagt es die amerikanische Anthropologie Sara Blaffer Hrdy in ihrem Standardwerk zur Soziobiologie „Muther Nature“ - „der Mutterinstinkt ist bei den höher entwickelten Lebensformen weder instinktiv, noch allen Müttern eigen, er muss sich soziologisch und kulturell angeeignet werden“.

Ich sehe es aus eigener Erfahrung - meine beiden Töchter waren auch Krippenkinder - dass es von großen Vorteil ist, wenn die Kinder in die Krippengemeinschaft sozial eingebunden werden. Viele Mütter sind m. E. auch gar nicht in der Lage, besonders alleinerziehende, ihre Kindern die intellektuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, die das Bildungsprogramm von Krippen und Kindergärten bieten. Ein prägnantes Beispiel ist meine Enkelin, sie kam kurz nach ihrem ersten Geburtstag in die Kinderkrippe, dort wo mein sechsjähriger Enkel auch in den Kindergarten geht. Sie wurde über Babytreff und Schupperstunde eingeführt und fühlte sich von Anfang an wohl. Neulich als meine Tochter und ich sie abholen wollten, machte sie sich gar keine Mühe uns zu begrüßen – bei der "Tante" und den Kindern war es viel schöner - sie wollte weiter spielen! Wir haben hier in den NBL sicherlich auch Glück mit den Kindereinrichtungen, die auf eine lange Tradition, seit DDR-Zeiten zurückblicken können. Hier geben sich die Betreuerinnen viel Mühe mit den Kinder, das Ergebnis: die Kinder gehen gerne hin. Aber offensichtlich geht in der Frage der Krippenbetreuung die Grenze immer noch quer durch Deutschland!

Quelle: Spiegel, Fachliterarur, Internet

Buhad 29/07/2009