Leserartikel-Blog

Vergessene Helden- Männer des 20. Juli

„Vergessene Helden“
 
Männer des 20.Juli 1944
 
Eine Fahrt nach Rattey im Mecklenburgischen , fast mittig zwischen Friedland und Woldegk gelegen und noch dazu am Himmelfahrtstag im Wonnemonat Mai, hat  durchaus seine eigenen Reize.
Das satte Grün des Frühlings , fröhliche Radfahrgruppen und noch dazu das Park Hotel Schloss Rattey mit seinem gepflegten Park, den 700 Jahre alte Gutseichen und den nördlichsten Weinanbaugebiet in Deutschland, laden zur Erholung ein. Wer möchte kann hier den Start ins Eheglück vollziehen. Der Standesbeamte kommt ins Haus und das Restaurant bietet gute Küche.
Zwischen 1996 und 1998 wurde das ehemalige Herrenhaus der Familie von Oertzen aufwendig saniert und hat, wie viele der Gutshäuser im Mecklenburgischen,  seine eigene Geschichte.
Hier verbrachte Hans-Ulrich von Oertzen - Major im Generalstab der Heeresgruppe Mitte - seine Kindheit. Mit einer Gewehrsprenggranate nahm er sich im Alter von 29 Jahren am 21.Juli 19944 das Leben, nachdem seine Beteiligung an dem Attentat auf den Führer Adolf Hitler kurz vor der Aufklärung stand.
Es ist schon wahr : „An den Kreuzwegen der Geschichte stehen keine Wegweiser, höchstens Kreuze.“
Aber selbst diese fehlten lange in Mecklenburg. Erst am 05.09.1992 fand in der kleinen Feldsteinkirche in Rattey unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ein Gedenkgottesdienst für den Offizier, der im Aufstand gegen Hitler sein Leben gab, statt.
An diesem Tag wurde eine schlichte Gedenktafel in der Kirche unter einem gotischen Fenster enthüllt, welches von der Familie des Widerstandskämpfers gestiftet worden ist.
Gesehen habe ich sie leider nicht. 16 Jahre sind  seit dem Gedenkgottesdienst in das Land gezogen.
„Ach wissen Sie , die alte Dame, welche einen Schlüssel für die Kirche hat, ist schon über 85 Jahre und sonst ist niemand  da.“ Da wollte ich dann auch nicht stören , denn von den vielen 100 Besuchern an diesem Tage war ich der einzige, welcher  Einlass in die Kirche begehrte. Von einem Hans-Ulrich von Oertzen hatte so gut wie niemand etwas vernommen .
Vielleicht wird es am 20. Juli anders sein, dachte ich mir, aber so richtig glauben
konnte ich es eigentlich nicht .
Es ist das Verdienst des in Berlin lebenden Journalisten und Autors Lars-Broder
Keil, das Leben des im Zentrum  der Verschwörung gegen Hitler stehenden Hans-Ulrich von Oertzen aufgespürt und in einem mitreißenden Buch gestaltet zu haben.
Dieser adlige Offizier schrieb mit Claus Graf Schenk von Stauffenberg die wichtigen Walküre-Befehle, half den Sprengstoff für das Attentat zu besorgen und inspizierte von Berlin aus die Einsatzbereitschaft des Ersatzheeres, welche die Machtzentren nach dem Attentat besetzen sollte.
Es kam bekanntlich anders. Der aus Neubrandenburg stammende Kommandeur des Wachbataillons Berlin - Major Otto Ernst Remer -  vereitelte maßgeblich den Staatsstreich , der so unendlich viele Opfer an Menschenleben und sinnlose Zerstörungen vermieden hätte.
Auf der anderen Seite stand mit Hans-Ulrich von Oertzen sein mecklenburgischer Landsmann aus Rattey. Für einen winzigen Augenblick standen beide am Kreuzweg der Geschichte. Damals am 20. Juli 1944 schien sich die Waage für Major Remer entschieden zu haben. Die Geschichte kennt aber keine Wegweiser !
Erst 50 Jahre nach dem Ende eines barbarischen Krieg kommen die unbekannten Helden zu ihrem Recht.
 Zugegeben zu einem recht ärmlichen Recht und von der Mehrzahl der Bevölkerung gar nicht bekannt . Aber überzeugend und mutig sind die Worte Henning von Tresckow im Juni 1944 überliefert worden:
 
„ Das Attentat muss erfolgen.... Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen
   Zweck an , sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der
   Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden
   Wurf gewagt hat.“
 
Der britische Premierminister Winston Churchill schrieb viele Jahre später :
 
„Diese Männer kämpften ohne eine Hilfe von innen oder außen - einzig getrieben von der Unruhe ihres Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns
unsichtbar und unerkennbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden.“
 
Der 20. Juli bleibt vor allem deshalb in Erinnerung, weil bei aller hiermit verbundenen Tragik ein Signal für ein besseres Deutschland ausgegangen ist.
Männer wie Hans-Ulrich von Oertzen haben dafür mit ihrem Leben bezahlt.
 
 
 
Lieps
 
 
  Lars-Broder Keil
„Hans-Ulrich von Oertzen
  Offizier und Widerstandskämpfer“
 Lukas Verlag