Leserartikel-Blog

Die bösen "Vermögenden" und deren Nöte

Ich kann mir die gegenwärtige Hetzkampagne gegen die Mitbürger, die sich nur durch Ersparnisse oder Erbschaften von der Misäre am Arbeitsmarkt retten können, nicht mehr anhören. Neid ist zwar menschlich, aber solche Gedankengänge sind geradezu pervers: "wer von Kapitalerträgen statt Lohnarbeit lebt, entzieht sich komplett der Finanzierung des Solidarsystems"
Ist grober Unfug, da:
1. Die Kapitalerträge heute so erbärmlich sind, dass man Euro-Millionär sein sollte, um sich "der Finanzierung des Solidaritätssystems" entziehen zu können.
2. Auf Kapitalerträge wird eine Quellensteuer erhoben.
3. Wenn jemand, wie ich, vorwiegend (nicht nur!!!) von Kapitalerträgen lebt, der muss einen Mindestbeitrag von 528 Euro/Monat für 2 Personen an die KV entrichten. Wer, wie ich, Schwerbehindert ist, bekommt keine Privatversicherung (ich würde sie auch aus solidarischen Gründen nie wählen).
4. Kapitalerträge sind Erträge auf versteuertem Einkommen und daher überhaupt nicht anrüchig, wie es von Ignoranten gelegentlich behauptet wird.
5. Wer von Kapitalerträgen lebt, der entwendet dem Sozialstaat keinen Pfennig und nimmt auch keinem Arbeitslosen die Stelle weg. man beachte, dass man als Rentier gar nicht zufrieden auf Wolke Sieben lebt, sondern man stets vor dem quälenden Dilemma steht, ob man so einen Anspruch auf Eingliederung in der Gesellschaft hat. Man muss sich ständig rechtfertigen, man genießt nicht einmal die Achtung des Ehepartners... Ich wurde arbeitslos mit 50 und diese wunderbare kapitalistische Gesellschaft grinste mir kaltschnäuzig ins Gesicht, als ich es wagte, einen Arbeitsplatz zu begehren. Ich hatte während der 27 Jahre meiner Berufstätigkeit genug gespart und meine Eltern hatten es auch getan, so dass ich es mir leisten konnte, dem unsicheren Beruf des Schriftstellers und Übersetzers nachzugehen. Soll ich nach Canossa gehen, weil ich mich nicht mit Playstations, Riesenbildschirmen, Luxusvillen, joints und freizügigen Lokalrunden in Kneipen verschuldet habe? Trotz meiner Vermögensverhältnisse muss ich jeden Pfennig zweimal umdrehen und würde niemals der Gesellschaft zu Last fallen.
Dazu 528 Euro im Monat für die Krankenversicherung...

Kinnes, wißt Ihr überhaupt wovon Ihr redet bei dem Geschwafel über Vermögen? Ist es nicht viel schlimmer, dass die Herren Görg und Ackermann mit deren Millionen-Einkommen Tausenden von potentiellen Arbeitnehmern die Stelle wegnehmen? Und dass sie sich vom solidarischen Kranken- und Rentenversicherungssystem ausklicken können, und dass sie evtl. nur Beiträge bis zu einer lächerlichen Beitragsbemessungsgrenze bezahlen würden? Und dass das Grundgesetz ausdrücklich die Pflicht enthält, als Besserverdienender mehr für die Gemeinschaft zu leisten?

Niemand wäre glücklicher als ich, wenn ich eine normal bezahlte und geistig nicht abstumpfende Arbeit finden würde.