Leserartikel-Blog

Was glauben Atheisten? Leserbriefe in der ZEIT Nr. 39 vom 23.09.2010

Mit Erschrecken habe ich die Leserbriefe in der ZEIT vom 23.09.2010 gelesen. Die meisten offenbaren ein von jeder Kenntnis ungetrübtes Bild des christlichen Glaubens und der Religion insgesamt. Die jüdisch-christliche Glaubenstradition entstand wie wohl auch alle anderen religiösen Weltanschauungen aus der Frage, warum wir leben, wenn wir doch sterben müssen oder anders ausgedrückt aus der Frage, warum es diese Welt und in ihr Leid gibt. Auf diese Frage antwortet die Bibel mit mythologischen Erzählungen. Die religiöse Grundüberzeugung ist doch, dass es außerhalb der mit unseren Sinnen wahrnehmbaren Welt eine Kraft gibt, die als deren Urgrund anzusehen ist. Diese Kraft muss nach den Gesetzen der Logik größer und stärker als unser Vorstellungsvermögen sein, denn sonst hätte sie unseren Geist nicht entstehen lassen können. Der Mythos ist daher die korrekte Form, um sich dem Undenkbaren mit sprachlichen Mitteln anzunähern. Die Interpretation eines Mythos als naturwissenschaftliche Wahrheit ist damit ein völlig unsinniges Unterfangen; die Konstruktion eines Widerspruchs zwischen Mythos und wissenschaftlicher Erkenntnis wird beiden Ausdrucksformen des menschlichen Geistes nicht gerecht.
Die jüdisch-christliche Tradition bezeugt Gott als den Unvorstellbaren, Undenkbaren. Damit muss unser Reden über diesen Gott immer unvollständig bleiben, denn würden unsere Begriffe ausreichen, ihn zu beschreiben, wäre er nicht Gott. Dieses Paradox macht den Zweifel zum legitimen Vater des Glaubens. Zweifel ist daher nicht nur der Ursprung aller Wissenschaft sondern auch des Glaubens. Christlicher Glaube kann daher auch nur tolerant gegenüber jeder anderen Form sein, in der sich Glaube ausdrückt – nimmt er sich ernst, muss er um seine Unvollkommenheit in dem Versuch wissen, das Undenkbare zu denken. Jede Form des Fundamentalismus ist der Versuch, Gott auf die Größe der Vorstellungskraft des Fundamentalisten zu schrumpfen.
Die Naturwissenschaft sagt heute, dass es am Anfang eine Einheit von Energie, Materie und Schwerkraft gab, deren ungeheure Dichte sich in einem Augenblick, dessen Grund wir nicht kennen, entfaltete und das Universum werden ließ. Diese Aussage steht in keinerlei Widerspruch zum christlichen Glauben an den dreieinigen Gott als Schöpfer der Welt, dessen wir als Menschen teilhaftig sind. Das, was sich im Urknall entfaltete, muss ja heute noch in jedem Atom unseres Körpers in irgendeiner Weise enthalten sein.
In einem Winkel dieses Universums gibt es nun einen Himmelskörper, auf dem sich chemische Voraussetzungen und die Temperatur so ein stellte, dass ein ganz besonderer Stoff – H2O – sich an der Oberfläche in flüssiger Form ansammeln konnte und gemeinsam, mit Kohlenstoff die Entstehung dessen ermöglichte, was sich durch Prozesse der organischen Chemie als Leben bezeichnen lässt. Diese naturwissenschaftliche Erkenntnis deckt sich mit der hohen mystischen Verehrung des Wassers, die sich im christlichen Glauben in der Taufe ausdrückt.
Die ersten Lebewesen waren – soweit ich die Forschung verstehe – Bakterien, die sich in einer schwefelhaltigen Atmosphäre entfalteten und so erfolgreich vermehrten, dass ihr Ausscheidungsprodukt Sauerstoff diese Atmosphäre „umkippen“ ließ. Damit wurde erst Leben in seiner heutigen Form möglich. Auch mit der Selbstvergiftung der ersten Organismen nahm das Leben auf der Erde nicht sein Ende, vielmehr ließ eine Kraft, über die wir keine andere Aussage treffen können als das sie war, ist und sein wird, neue Lebensformen entstehen, die an die sauerstoffhaltige Atmosphäre angepasst werden. Die Lebensformen im Übergang zwischen einer schwefeligen und einer sauerstoffhaltigen Atmosphäre kann die Naturwissenschaft bis heute nicht befriedigend beschreiben geschweige denn erklären. Die Evolution nahm erst richtig Fahrt auf – und ließ sich auch durch weitere Klimakatastrophen nicht aufhalten. Die Idee des Lebens war stärker als alle externen und hausgemachten Katastrophen. Dies ist für mich der Kern der christlichen Botschaft von Gott, der die Erde liebt und dafür sorgt, dass das Leben auch nach der größten Katastrophe weitergeht. Allerdings glaube ich nicht daran, dass sich diese Zusage exklusiv auf die Spezies Homo Sapiens Sapiens bezieht – die Geschichte unseres Planeten lehrt uns vielmehr, dass durch exogene Schocks ein neues biologisches Gleichgewicht hergestellt wird, wenn eine Spezies zu übermächtig wird und die Lebensgrundlagen der restlichen Wesen zu bedrohen beginnt (z.B. Dinosaurier). Selbstbeschränkung auch in der Fortpflanzung ist daher eine wesentliche Grundlage des langfristigen Überlebens. Genau das drückt die christliche Botschaft (wie die meisten Religionen) mit ihrem Aufruf zur Mäßigung der Sexualität aus. Wissenschaftliche Erkenntnis und christliche Botschaft kommen wieder einmal zu denselben Ergebnissen.
Etliche Schocks später entstand durch genetische Zufälle und natürliche Selektion eine Lebensform, die wir Mensch nennen. Diese Spezies zeichnet sich durch eine extrem lange Brutpflege aus. Obwohl sie individuell schwach ist, kann sie durch Kooperation erstaunliches vollbringen und selbst wesentlich stärkere Fressfeinde besiegen. Diese Erfahrung wird in den blutrünstigen Mythen des Alten Testaments über die Landnahme Israels theologisch nacherzählt. Wo ist der Widerspruch zwischen biblischer Botschaft und naturwissenschaftlicher Erkenntnis?
Zudem zeichnet sich diese Spezies dadurch aus, dass sie – wie andere Lebewesen auch – gelernt hat, dass Egoismus nur teilweise der Arterhaltung und den eigenen Fortpflanzungschancen dienlich ist. Genauso wichtig ist die Fähigkeit zur Empathie, also der gegenseitigen Fürsorge. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ drückt das Neue Testament die Sinnhaftigkeit dieses Gleichgewichts aus. Empathie entwickelt sich z.B. im Ameisenstaat rein durch ein biologisches „Programm“. Die Evolution hat dem Menschen aber nun insofern einen Streich gespielt, dass er sich als nicht allein hormonell gesteuert erlebt sondern seine Handlungen als zumindest teilweise autonome Entscheidungen empfindet. Damit diese Autonomie vereinbar mit der Notwendigkeit zur Kooperation bleibt, hat Gott? Die Evolution? uns das Mit-Leid eingepflanzt. Da wir uns den Schmerz des Anderen vorstellen können, bleiben wir hinreichend kooperationsfähig. Leid und Schmerz sind damit notwendige Voraussetzungen für das Überleben der Spezies Mensch. Diese Erkenntnis erzählt die Bibel mythologisch mit der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies; „Erbsünde“ ist ein weiterer theologischer Begriff hierfür. Wer die Bibel als das liest, was sie sein will, nämlich als mythologische Erzählung einer als Urgrund begriffenen Kraft und deren kontinuierlichen Wirkung in der wahrnehmbaren Welt, wird wiederum keinen Konflikt zwischen ihr und der naturwissenschaftlichen Erkenntnis finden.
Das Christentum – wie alle religiösen Systeme – kennt eine Reihe von Regeln, die vor allem dazu dienen, das Zusammenleben der Menschen in Gruppen für möglichst Viele möglichst erträglich zu gestalten. Selbstverständlich bedürfen solche Regeln der religiösen Überhöhung nicht; daher können auch Atheisten „gute Menschen“ sein. Aber den christlichen – oder irgendeinen anderen – Glauben auf diesen Randaspekt zu reduzieren, ist ungebildet und respektlos.

Holger App
Dipl. Volkswirt und Prädikant in Ausbildung in der Hessisch-Nassauische Landeskirche
Frankfurt am Main