Leserartikel-Blog

Das tragische Ende einer modernen finnischen Saga: — Ior Bock —

Am Samstag, den 23. Oktober 2010, tagsüber, ist der 68-jährige, bei sich zu Hause weithin bekannte, finnische Exzentriker Ior Bock (von Geburt her namens Bror Holger Svedlin) jählings in seiner Wohnung in Munkkiniemi, einem Vorort von Helsinki, der Hauptstadt Finnlands, ermordet worden. Als der Tat dringend verdächtig ist ein 1982 geborener Inder in Haft genommen — einer von zwei Gesellen, die Bock seit ungefähr zwei Jahren als Gehilfen in seinem Haushalt beschäftigt hatte. Der von einer vormaligen Messerattacke her bereits teilgelähmt gewesene Bock, der in früheren Jahren seine Winter im indischen Goa zu verbringen pflegte, hatte offensichtlich einst jene zwei Männer selbst aus Indien mitgebracht. Bock ist zum Schluß nun durch multiple Messerstiche, die ihm mit einem langen Brotmesser beigebracht wurden, brutal getötet worden.

Laut dem zuständigen finnischen Gericht wird in der Sache am 27. Januar 2011 strafrechtliche Anklage erhoben.

Der grausigen Bluttat war ein schwerer Zwist zwischen dem Opfer (1942 - 2010) und dessen ausländischen Hausgehilfen vorausgegangen. Die genaueren Umstände, die zu der tragischen Tat führten, konnten vorerst nicht herausgefunden werden.

Ior Bock hatte sich ursprünglich in Finnland einen Namen gemacht als Tour-Guide auf Führungen durch die mittelalterliche Burg Suomenlinna. Äußerst engagiert hatte Bock auf der Helsinki vorgelagerten Festungsinsel von 1968 bis Anfang der 1990er Jahre Rundgänge abgehalten.

In den 1980ern stieg Bock zwischendrin zu noch größerer Bekanntheit empor - als Exzentriker, der einen heidnischen Glauben pflegt. Im Jahre 1987 begann er in seinem Heimatort Sipoo mit Ausgrabungen, bei denen ein antiker Tempel ans Tageslicht befördert werden sollte, dem Lemminkäinen geweiht, einer altfinnischen Sagengestalt, der im Nationalepos der Finnen, dem Kalevala, als Weiberheld und frühen Emanzipisten eine zentrale Rolle zufällt. Eine Lemminkäinen GmbH und die Sparkasse von Sipoo finanzierten die Grabungen, gefunden wurde allerdings nichts.

Ein guter Freund sagt über Ior Bock, er sei als Mensch einzigartig gewesen. Es wäre einmal ein Videofilmchen mit ihm zusammen gedreht worden, wie sich der Freund auch erinnert.

Das Video war verblüffend. Unterwegs im Auto nach Sipoo zu den Grabungen um den Tempel des Lemminkäinen erzählt Ior Bock die Saga seiner Familiensippe. Mittendrin kommt das Fahrzeug von der Fahrbahn ab und im Straßengraben zu stehen. Die Bilderfolge reißt ab.

"Gewiß irgend so ein Spike, damit wir ein wenig länger verblieben, damit wir ja alles sehen würden, was da passiert", wie Bock ein Weilchen später, zum Reporter des A-Studios der finnischen Radio- und Fernsehanstalt gewandt, die Dinge auslegt.

Man schreibt das Jahr 1990, und der damals noch braunbärtige, anmutig jovial dahinplaudernde Bock ist überzeugt von der Existenz eines Tempels, versteckt im Erdreich auf den seiner Sippschaft angestammten Ländereien.

Einige Zeit davor war aus Bock bereits eine bunt schillernde Medienpersonalie geworden: auf seinem Werdegang war er allemal höchst beliebter Leiter von Führungen durch Finnlands einmalige historische Trutzburg, Goa-Besucher, Mythologe, Berichterstatter einer eigenen Saga, Pfeifenraucher, einer, der Samenflüßigkeit aufsabbelt und ein gemeiner Hurenbock gewesen.

Von derart eigenwilligen Rauschebärten sind kaum viele andere mehr in Finnland übriggeblieben.

"Er brachte ein mythologisches Weltbild mit seinem eigenen Leben in Einklang. In jener Hinsicht war er weltweit einmalig", sagt Jogalehrer Juha Javanainen aus, Bocks langjähriger Freund und Verleger von dessen Buch.

"Privat war er liebevoll und mit Konturen versehen. Er besaß ein angespitztes Bewußtsein und hatte eine scharfe Beobachtungsgabe, was in der Öffentlichkeit gar nicht so richtig zur Kenntnis genommen wurde."

In den 1980ern fing Bock damit an, die Saga seiner Familie zu erzählen, mit der "die Geschichte der ganzen Menschenheit" erklärt werden könne, und in der die alte Sagenfigur Lemminkäinen, aber auch der auf einem Rentiergespann übers Land reisende Weihnachtsmann als abenteurliche Zeitgenossen von vormals auftreten.

In den darauffolgenden Jahren nahm die Legendenbildung zusehends Form an: den Angaben Bocks zufolge hätte in der näheren Umgebung von Gumbostrand bei Sipoo, in einem Felsen eingeschlossen, tausend Jahre ein Tempel des Lemminkäinen begraben gelegen. Von überall her bekam Bock Anhänger, und schon bald wurde der Felsen in die Luft gesprengt. Auf dem Höhepunkt der Ereignisse waren bei den Ausgrabungen Dutzende von hilfreichen Aposteln, sowie die Baufirma Lemminkäinen mit von der Partie gewesen.

Bergab begann es zu gehen, als die Polizei damit anfing wegen eines vermuteten Handels mit Drogen auf dem Anwesen Nachforschungen anzustellen. Die Schar der Gefolgschaft wurde lichter, und auch der Posten als Tour-Guide war in Mitleidenschaft gezogen.

Im Jahr 1999 war Bock gerade einmal daheim bei sich im Haus gewesen, als ein von Goa und von Partys her ihm bekannter Mann in sein Haus einzudringen versuchte.

"Ich gab ihm zu verstehen, er könne jetzt nicht hereinkommen, und ging zurück, um meinen Tee zu trinken. Zwischenzeitlich aber verschaffte sich der Kollege nun gewaltvoll Zutritt. Er schlug mir viermals mit einem Finnendolch in den Rücken", hatte dann später ein gelähmter Bock in der monatlichen Sonderbeilage der Helsingin Sanomat berichtet.

Aufgrund der Lähmungen an allen vier Extremitäten konnte Ior Bock auch nicht mehr in seinen Saunaknoten gehen.

Der "Saunaknoten" ist eine Körperstellung, bei der, während man auf dem Rücken liegt, die Füße angehoben, hinter den Nacken geführt und gekreuzt werden. Hinterher werden sodann oft noch die Hände hinterm Rücken zusammengetan. In der Tradition des Joga ist die Stellung unter der Bezeichnung Yoganidrâsana bekannt. In früheren Zeiten hatte Bock die Angewohnheit, mit Hilfe von dieser Stellung vor einem Publikum zu demonstrieren, was es heißt, gelenkig zu sein. Zugleich hatte er sich für die Stellung einen finnischen Namen ausgedacht - saunasolmu [solmu = Knoten]. Er ließ überdies wissen, 'Saunaknoten' rühre daher, daß es zu früheren Zeiten in Finnland Brauch gewesen sei, in der Sauna in ebendiese Stellung zu gehen - solange die Muskeln angewärmt waren.

Bocks Familiensaga gibt des weiteren davon Kunde, wie den Knaben in der heidnischen Zeit, als diese sieben Jahre alt wurden, die Saunaknoten-Stellung beigebracht worden sei. Das Erlernen der Stellung hätte für die Jungen von damals ein Übergangsritual zwischen Kindheit und jugendlichem Alter dargestellt.

In erster Linie hätte die Joga-Stellung der Vorbeugung gedient vor Altersproblemen mit dem Rücken, vor Steifheit des Oberkörpers, hätte aber ebenso der Dickleibigkeit entgegengewirkt.

Auch bei der Selbstbefriedigung könne zudem die Stellung hilfreich sein. Es lasse sich, dergestalt körperlich verknotet, relativ leicht das eigene Sperma aufnehmen, um so den hochwertigen Erguß nicht verschütt gehen zu lassen.

In der heutigen Zeit eigne sich als Übung für derlei Zwecke zum Anfang aber auch das normale Sitzen mit verkreuzten Beinen (Schneidersitz), um eine vom allzeitigen Herumsitzen auf Stühlen herkommende körperliche Steifgliedrigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Nach dem Anschlag auf Ior Bock Ende der '90er wurde das Anwesen der Bock'schen Sippe im Jahre 2000 zwangsversteigert. Die Grabungsrechte kaufte Juha Javanainen im Namen der Astangajoga-Schule auf.

In den letzten Jahren war es in dem Steinbruch ruhig geworden. "Einzelne Forscher haben noch hin und wieder vorbeigeschaut, und wir haben uns deren Schätzungen angehört", wie Javanainen anmerkt.

"Es gibt noch keine konkreten Pläne, aber wir werden weitermachen. Das ist ein großer Verlust, [der Todesfall], die Legendenbildung ist in eine neue Phase übergegangen.

Viele Finnen in mittlerem Alter werden sich sicher noch an die eine Talkshow erinnern, die vor etlichen Jahren im finnischen Fernsehen lief, in der Ior Bock als Gast beim beliebten Talkmaster Sarasvuo nackend (!) verlautbart hatte, er würde jeden Tag den Saunaknoten machen.

(nach Berichten aus den Medien Finnlands, übersetzt aus dem Finnischen)

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