Leserartikel-Blog

Habermas als "Weltmacht" in der ZEIT

Zur „Weltmacht Habermas“ in Die ZEIT Nr. 25 vom 10.06.2009

Ach, du liebe ZEIT: „Weltmacht Habermas“ – auf der Titelseite und in unübersehbaren Lettern als wollten diese - mit dem Namen der ZEIT darüber - gemeinsam um unsere Aufmerksamkeit buhlen! Illustriert mit dem Kopfbild eines sorgenvoll dreinblickenden Jubilars, der nicht recht zu wissen scheint, wie er mit einer solchen Ehrung umgehen soll. Zumal der gewaltige Bücherdom hinter und vor allem über ihm als ziemliche Bedrohung erscheint. Als Metapher gar für ein Gefängnis, einen fast hermetisch abgeschlossenen (Elfenbein-?)Turm aus Büchern. So dass der Betrachter sich unwillkürlich fragt, wie es der so Geehrte geschafft hat, „uns heute die Wirklichkeit“ außerhalb dieses Turms zu erklären und als „Deutschlands einflussreichster Intellektueller auf allen Kontinenten gefragt“ zu sein, wie uns die Titeltexter der ZEIT so selbstgewiss verkünden.

Und jawohl: Sogar eine Antwort ist bildlich angedeutet! Die Rettung naht – wie kann es anders sein – von oben, wo zumindest eine lichtdurchlässige Öffnung zu sein scheint, die das Haupt des greisen Geburtstagskindes sanft erleuchten lässt – fast wie seinerzeit bei der Ausgießung des Heiligen Geistes, deren Überlieferung in der Bildsprache der abendländisch-christlichen Ikonografie hier nur geringfügig säkularisierend fortgesetzt wird.

Eine kaum überbietbare Ehrung also. Aber nur für den Geehrten? Hätte der, wenn er gefragt worden wäre von denen, die sich hier die Ehre geben, ihn so zu ehren, einer solchen Ehrung zugestimmt? Wäre ihm nicht der wunderbar ambivalente „Titel“ von Thomas Assheuer (viel später im Feuilleton auf Seite 51 erst) möglicherweise viel lieber gewesen: „Der Vorwärtsverteidiger“, der u. a. auch an jenen kühn-edlen Ritter Don Quijote de la Mancha denken lässt?

Wäre unabhängig davon dieser Titel dem Geehrten nicht viel gerechter geworden? Nicht nur nach dessen Selbstverständnis als eines Theoretikers „des kommunikativen Handelns“, der die „diskursiven ‚Spielräume’ kommunikativer Vernunft erweitern“ wollte, doch gerade mit seinem Kommunikationsmittel, seiner Sprache, wohl nicht immer erweitert hat (weshalb die ZEIT ein „Habermas-Glossar“ zu Recht für unerlässlich hielt)? Sondern auch den Ausführungen seines Laudators Thomas Assheuer zufolge, der respektvoll-kritisch und wünschenswert-klar „auch die offenen Flanken seines Werkes … inzwischen überdeutlich“ findet, so dass vielleicht nicht „einer“ nur wie er „uns heute die Wirklichkeit erklären kann“?

Und hätte nicht all das auch besser zu den von der ZEIT gewünschten Lesern gepasst, die nun schon auf der Kinderseite lernen, wie man „ums Eckchen“ denkt? Gab es schließlich nicht auch eine Zeit, in der sich die ZEIT selber über Schlagzeilen im Stil der BILD-Zeitung lustig machen konnte: „Wir sind Papst!“ – zur Bestärkung des eigenen Selbstverständnisses ebenso wie zur Verdeutlichung des Niveauunterschiedes vor ihrem Leserpublikums, mag dies auch deutlich kleiner sein?

Um nicht missverstanden zu werden: Hier erfolgt kein subversiver Angriff auf die „Weltmacht Habermas“. Sondern nur ein – im Sinne Nietzsches – ‚fröhlicher’ Vorschlag diese „Weltmacht“ zu relativieren – auch und gerade aus Respekt vor dieser „Weltmacht“. Denn es könnte ja sein, dass die Rettung wirklich von oben kommt. Nur vielleicht nicht mehr in Form eines herabstrahlenden Lichtes als Sinnbild für den Geist eines absolut-allmächtigen Gottes, den bereits dessen Stellvertreter auf Erden für sich und seine Gläubigen in Anspruch genommen hat. Aber eben auch nicht als Sinnbild für eine angenommene und daher geforderte autonome menschliche Vernunft, die sich so einfach mit Hilfe moralischer Apelle aus ihrer ‚selbstverschuldeten Unwissenheit’ befreien könnte. Sondern als Lichtzeichen nur, dessen sinnliche Wahrnehmung uns an die Angebundenheit all unserer Fähigkeiten, also gewiss auch unserer – nunmehr jedoch klar begrenzten – Vernunft, an unseren Körper oder „Leib“ erinnert, der – nach allem, was wir derzeit wissen – wahrscheinlich nicht in einem selbstherrlichen göttlichen Schöpfungsakt entstanden ist…