Leserartikel-Blog

SECHZIG-JAHRES-FEIER DER GÖPPINGER MARKTAPOTHEKE (Mit Kalender)

Dieter Schlesak

SECHZIG-JAHRES-FEIER DER GÖPPINGER MARKTAPOTHEKE (Mit Kalender)
Feier der „zivilen“ Nachkriegsapotheke des Auschwitzapothekers Dr. Victor Capesius

Auschwitz? Auschwitzapotheker? Capesius? Nie gehört! Sind wir schon in der Zukunft angekommen? Die „Neue Württembergische Zeitung“ in Göppingen feiert. Sie feiert das sechzigjährige Bestehen, der „Marktapotheke“ in Göppingen, sie hat sogar einen Kalender herausgegeben, in dem die Markt-Apotheke schön abgebildet und gefeiert wird: 60 Jahre Auschwitzapotheker: Apotheke in Göppingen, danach. Und Jubelfest. Und das auch noch mit „Göppinger. In den Goldenen Fünfziger. Die Guten Taten“. Es ist nicht zu glauben! Diese Apotheke wurde vom Auschwitzapotheker, der das Zyklon B verwahrte und „ausgab“ selbst an der Ermordung von Zehntausenden von Menschen beteiligt war, gegründet. Und wie es im Prozess heißt, mit dem von ihm geraubten Gold, das von den herausgerissenen Zähnen der Ermordeten stammte, aufgebaut. Er hat sogar noch zusätzlich einen „Schönheitssalon“ in Reutlingen „gegründet“, soviel Gold hatte er aus Auschwitz mitgebracht, das nach der Gründung der Marktapotheke, noch Gold für die Schönheit, pardon, den „Schönheitssalon“ übrig blieb! Wann wird dieser nun gefeiert?
Ich habe die Dokumente dazu in meinem Dokumentarroman „Capesius, der Auschwitzapotheker“ (Dietz, Bonn, 2006), veröffentlicht. Da ich vorher gründlich recheriert hatte! In „Capesius, der Auschwitzapotheker“ ist die Urteilsbegründung, auch was das „Gold“ betrifft, abgedruckt.

„Die NWZ sieht keinen Zusammenhang zwischen der Gründung der Apotheke und ihrem Gründer“, schrieb mir Werner Renz vom Fritz-Bauer-Institut Frankfurt, wo die Prozessakten des Auschwitz-Prozesses aufbewahrt werden. Hier der Brief des Chefredakteurs der NWZ Göppingen, ein Ort, der Kenner aufhorchen lässt, an das Fritz-Bauer-.Institut: „

Victor Capesius, der Gründer der „Marktapotheke“ wurde im Auschwitzprozess als Auschwitzapotheker zu neun Jahren Haft verurteilt, die er auch abgesessen hat.
Mit ihm und seiner Frau, habe ich in der Marktapotheke im Jahre 1976 und 1978 ein durchaus „historisch“ zu nennendes Gespräch über seine Tätigkeit als Auschwitz-Apotheker geführt. Es ist im Roman „Capesius, der Auschwitzapotheker“ zu großen Teilen abgedruckt. Es gibt aber seine Stimme, das in der gefeierten Marktapotheke zu Göppingen geführt wurde, also auch als Marktapotheken-Gespräch bezeichnet werden kann, durchaus authentisch also in „ seiner“ Apotheke, auf CD und hörbar und lässt sich auch beim Fritz-Bauer-Institut (Werner Renz), wo es archiviert ist, bestellen.
In diesem Marktapotheken-Gespräch heißt es unter anderem:

CAPESIUS (in Göppingen): „Ja, aber es sind 200 000 oder 250 000 gleich ins Gas gegangen, die haben nichts zu essen bekommen. Und an jedem Zug waren zwei Waggon Lebensmittel angehängt, die hat man dem Lager zur Verfügung gestellt. Man hat sie nicht für die deutsche Bevölkerung freigemacht, wie man das hier so schön im Prozess sagen wollte. Zwei Waggon waren voll mit Lebensmittel, da war die ungarische Regierung dafür verantwortlich, das musste voll gestopft sein: Ein Waggon mit Speckseiten (Siebenbürgischer Speck!) Ja, die kamen ja alle aus Siebenbürgen. Und halbe Schweine geräuchert. Oder dann waren Bohnen und Erbsen in Säcken, ebenfalls, der Waggon bis oben voll.“
„Und sie haben das dann auch bekommen, die Häftlinge?“
CAPESIUS: „Ja, ja.“
FRAU FRITZI CAPESIUS: „Aber das war doch zu wenig!“
CAPESIUS: „Nein, für die die gearbeitet haben, war es nicht zu wenig, denn die haben 2000 Kalorien bekommen, und haben sich noch manches beschaffen können. Denn wenn die irgendwo in der Erde oder bei den Arbeiten etwas gefunden haben, was man noch verscheuern konnte, dann haben sie es nach außen verscheuert. Und der Bäcker, der Weißgebäck, der hat gegen Gold und Diamanten denen Brot gegeben noch und noch.“
„Ein richtiger Schwarzmarkt.“
CAPESIUS: „Na, sicher.“