Leserartikel-Blog

Medizinische Forschung im Dienst „der guten Sache“ wird zur Farce

Kürzlich sah ich im Fernsehen ein Interview mit Professor Dr. Holger Reinicke, Kardiologe am Uniklinikum Münster. Er berichtet von der erfreulichen Tatsache, dass in Deutschland die Anzahl der Herzinfarkt Patienten signifikant gesunken sei. Als Grund dafür sah er die Einführung des Rauchverbotes in Gaststätten und an Arbeitsplätzen. Ich war beeindruckt und wollte das ganze mal genauer nachlesen. Erstaunlicherweise fand ich von ihm keine Daten oder Veröffentlichungen dazu. Beim zweiten Hören des Interviews im Internet bekam ich dann mit, dass sich Herrn Professor Reinickes Beobachtung rückläufiger Patientenzahlen auf seine kardiologische Abteilung der Uniklinik Münster bezieht. Den Zusammenhang mit Rauchverboten fand ich dann erst mal erstaunlich, denn für rückläufige Patientenzahlen ließen sich auch andere Gründe vorstellen.
Aber Herr Professor Reinicke erklärte sofort, die gleiche Beobachtung hätten schon viele andere Ärzte nach der Einführung von Rauchverboten gemacht.
Neugierig wollte ich das mit den Erfahrungen anderer Ärzte genauer wissen und habe im Internet recherchiert. Dort findet man viele Artikel zu Thema Passivrauchen und Herzinfarkt.
Die Ergebnisse sind echt beeindruckend: In hunderten von Presseartikeln wird berichtet, dass sofort nach der Einführung von Rauchverboten die Herzinfarkte um 15% bis 40% gesunken sei. In vielen Zeitungen und Magazinen gerne und an erster Stelle zitiert fällt dabei eine Studie aus der Schweiz, genauer gesagt dem Schweizer Kanton Graubünden, auf, bei der sogar festgestellt wird, dass die Touristen, die Graubünden besuchen, seit dem Rauchverbot seltener Herzprobleme haben. Ein Nichtraucher, der, statt einmal die Woche in ein verrauchtes deutsches Lokal zu gehen, sein Bier in rauchfreien Graubündener Restaurants zu sich nimmt, ist plötzlich gesünder!
Nach langem Suchen fand ich dann auch das Original der wissenschaftlichen Arbeit von Herrn Professor Piero Bonetti aus Chur (10). Was dabei auffiel war, dass auch er, ähnlich wie Professor Reinicke aus Münster, nur die Anzahl seiner eigenen Patienten zählte und dabei ab März 2008 – der Einführung des Rauchverbotes für die Gastronomie im Kanton Graubünden - einen signifikanten Rückgang ermittelte.
Als ich mir die Zahlen genauer anschaute, hat sich dann aber das Wunder mit Spontanheilung der Touristen relativiert. Die Statistik bezieht sich nur auf 50 Fälle (im Vergleich zu 65 Fällen im Vorjahr). Das ist leider eine recht magere Zahl für harte wissenschaftliche Fakten. Außerdem hatte er nicht berücksichtigt, dass für diesen Rückgang auch andere Gründe vorliegen könnten. Eine kurze Suche im Internet genügte um herauszufinden, dass die Anzahl der Touristen in Graubünden auf Grund der Wirtschaftskriese seit Mitte 2008 zurückgegangen war (6). Damit ließe sich wohl auch erklären, warum die Graubündener selbst seltener ins Krankenhaus mussten: Weniger Touristen bedeutet weniger Stress für die vielen Graubündner, die im Tourismus beschäftigt sind.

Dazu kommt, dass der Rückgang der Patienten im Kantonsspital Graubünden von 168 auf 134 nicht allzu signifikant ist, vor allem wenn man weiß, dass witterungsbedingt die Anzahl der Patienten mit Herzproblemen um bis zu 50% variieren kann (7). Einen generellen Trend für den Kanton Graubünden aus den Daten eines einzigen Krankenhauses abzuleiten ist zudem mehr als gewagt. Für verlässliche Aussagen hätte Professor Bonetti seine 20 Kollegen aus den anderen Krankenhäusern im Kanton fragen können. Aber es ging wohl auch nicht wirklich um eine wissenschaftlich fundierte Arbeit, sondern – wie er selbst sagt - mehr darum „die Öffentlichkeit zu informieren“. Und auch er verweist wie Professor Reinicke entschuldigend auf die vielen weiteren wissenschaftlichen Studien, die zum gleichen Ergebnis kamen.

Obwohl ich kein Mediziner (sondern nur Physiker) bin, habe ich mir also die Mühe gemacht diese so oft erwähnten wissenschaftlichen Studien zu suchen und selbst nachzulesen. Und ich bin fündig geworden: Ein Krankenhaus in Helena/Montana/USA stellte 2007 eine Reduktion der Fälle von Herzerkrankungen von 16% im ersten halben Jahr nach Inkrafttreten des Rauchverbotes in ihrer Stadt die Gefährlichkeit des Passivrauchens (5). Die Studie beruhte auf 24 Fällen im Vergleich zu 40 im Vorjahr mit einer Kontrollgruppe von 18 Fällen. Was dann im Datenteil zu sehen war, die Verfasser der Studie aber nicht veranlasste Ihre Einschätzung zu ändern, war, dass die Anzahl der Infarkte trotz bestehenden Rauchverbotes im Folgejahr wieder auf 38 stieg.
Eine Studie aus Pablo/Colorado die eine Reduktion der Infarktrate um -30% postulierte, musste nachträglich wegen Fehlern auf -16% mit einer Statistischen Breite von -20% bis +10% korrigiert werden (12).
Eine Studie in Glasgow/Schottland bei der immerhin 9 Krankenhäuser mit 2600 Patienten teilnahmen, fand eine Reduktion der Herzerkrankungen von über 20% nach dem Verbot von Zigaretten in der Gastronomie und am Arbeitsplatz(9). Leider musste man feststellen, dass diese hohen Raten vor allem bei Männern über 65 und Frauen über 55 Jahren (?!, diese komische Gruppeneinteilung steht so in der Studie) auftraten. Nicht unbedingt die typischen Kneipengänger und ein Zusammenhang zum Rauchverbot am Arbeitsplatz ist auch schwer abzuleiten. Bei jüngeren lag die Reduktion lediglich bei 7-9%, kaum mehr als in England (4%), wo es aber zu dieser Zeit noch kein Rauchverbot gab. Bei der Gruppe der Frauen unter 55 Jahren, die noch nie vorher geraucht haben, nahm die Anzahl der Herzinfarkte sogar um 9% zu. Trotzdem rechnete man die Ergebnisse auf ganz England hoch und kam auf 3000 Nichtraucher, denen durch ein generelles Rauchverbot das Leben gerettet würde.
In Piemont kam man in einer Studie mit 900 Patienten zu dem Ergebnis, dass bei den unter 60 jährigen beim Vergleich der Monate Oktober bis November und Februar bis Juni (vor und nach dem Rauchverbot) es zu einer Reduktion von der Herzinfarkte um 11% kam(8). Bei über 60jährigen war keine Änderung festzustellen. Liest man dann die Studie, wirkt die Schlussfolgerung, dass Passiv Rauchen schädlich sei, wirklich abenteuerlich an.
Zum ersten hatte man den Monat Januar einfach vernachlässigt. Als Grund wurde „Übergangszeit“ genannt. Trotzdem ist so was sehr unsauber. Schaut man sich die rohen Zahlen an, könnte man aber auch zu ganz anderen Ergebnissen kommen:
1. Die Gesamtzahl der Herztoten nahm nach Einführung des Rauchverbotes nicht ab sondern um 2% zu.
2. Teilt man die Gruppe der unter 65 Jährigen noch mal auf im Männer und Frauen sieht man, das die Rate bei Frauen um 24% bei Männern aber nur um 7% abgenommen hat. Die Erklärung hierfür ist einfach und wird auch mitgeliefert: Frauen haben in Italien 2005 erheblich weniger geraucht.
3. Vergleicht man 2005 mit 2003 und nicht mit 2004 wird es ganz finster. Auch in der Gruppe unter 65 Jährigen nimmt nun die Herzinfarkt Rate nur noch um 1% ab. Zum Vergleich ist in Deutschland ohne Rauchverbot 2004 die Rate der Herzinfarkt Toten unter 65 um 5% (3) gesunken.
Wenn diese Studie irgendetwas sagt, dann dass das Rauchen gefährlich ist. Das wissen wir schon lange. Wie konnten die Editoren des angesehenen „European Heard Journal“ aus Oxford das durchgehen lassen. Trotzdem wird diese Studie weiter zitiert und als Beleg für die Gefahren des Passiv Rauchens angeführt.

Die Liste der Studien, die ich gelesen habe, ließe sich noch endlos fortsetzen aber sie haben vieles gemeinsam: Es sind immer kleine Studien, die eine geringe und nicht statistisch repräsentative Auswahl von Patienten eines oder weniger Krankenhäuser beinhalteten. Viele hatten erstaunliche Einschränkungen, bezüglich der untersuchten Patientengruppe. Alle Studien wurden immer kurz nach Inkrafttreten eines Rauchverbotes erstellt. Immer wurde nur ein kurzer Zeitraum berücksichtigt. Und immer kamen sensationelle Ergebnissen heraus, mit denen dann an die Presse gegangen wurde.
In frühen amerikanischen Studien wurde meist noch vermerkt, dass das Ergebnis mit einer großen Unsicherheit behaftet ist. Später wurde das weggelassen. Es gab ja so viele Studien, die zum gleichen Ergebnis kamen und auf die man verwies.

Die Ergebnisse waren zum Teil so verwunderlich, dass man gänzlich neue Theorien zur Erklärung der Gesundung durch das Rauchverbot aufstellen musste. So war man früher (und durch viele experimentelle Studien erhärtet) überzeugt, dass das Infarktrisiko mit der Menge konsumierter Zigaretten steigt. Beim Passiv Rauchen soll das anders sein. Weil sich die neuen Passiv-Rauch-Studien nicht anders erklären ließen, wurde ein nicht-linearer Effekt postuliert, d.h. es wird geschlossen, das schon durch kleinste Mengen eingeatmeten Tabakrauch eine hohes kardiovasculäres Risiko entsteht.

So weit so gut: doch wenn man dann noch weiter recherchiert ( sich also bei Google auch die 5. oder 6. Seite anschaut) stößt man plötzlich auf Informationen, die sich ganz anders anhören (13). Nicht alle, die die Anzahl der Herzinfarktpatienten nach Einführung eines Rauchverbotes gezählt haben, hatten das Glück, sinkende Fallzahlen zu erhalten. Die entsprechenden Ergebnisse wurden jedoch von führenden Magazinen nicht angenommen oder von Kollegen zerrissen.
Man hat den Eindruck, viele dieser Untersuchen sind wohl auch in der Schublade verschwunden.
Wenn ausschließlich die Ergebnisse veröffentlicht werden, die „das gewünschte Ergebnis“ brachten, sagt auch die Menge der Studien gar nichts mehr aus.

Und es gibt eine Studie die ist grundsätzlich anders:
James E Enstrom, University of California, und Geoffrey C Kabat, State University of New York, führten eine wirklich große epidemiologische Untersuchung zum Thema Passiv-Rauchen durch (1). Basis waren Daten von 118000 Patienten aus Californien, die an einer Langzeitstudie über 39 Jahre der American Cancer Society (gewiss unverdächtig als Tabak-Lobbyist) teilgenommen hatten. Das sind eigentlich die Fallzahlen und Methoden, auf die medizinische Wissenschaftler normalerweise ihre fundierten Aussagen stützen.
Und jetzt das erstaunliche: Es wurde keine Korrellation zwischen Passiv-Rauchen und kardiovasculären Erkrankungen festgestellt. Diese Studie wurde im weltweit führenden Britsh Medical Journal vorgestellt (1), von den Editoren gründlich geprüft und nachgerechnet. Jeder echte Wissenschaftler müsste begeistert sein, dass da mal jemand fundiert gearbeitet hat.
Was jedoch passierte war, dass diese Studie sofort heftig attackiert und als „von der Tabakindustrie“ gesponsert diffamiert wurde. Ich habe mir die viele Seiten umfassende Internet-Diskussion mit duzenden von unsachlichen und beleidigenden Beschimpfungen durchgelesen („Betrug“, „gefälscht“, „verdammte Lügen“). Von den wirklich ernsthaften Anmerkungen blieb keine von den Autoren unbeantwortet (2). Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass keine der von mir gelesenen Tabak-kritischen Studien Enstrom und Kabat zitierten. Selbst mal angenommen, die Tabakindustrie hätte gesponsort, müsste man ja jetzt nachweisen, wie sie das Ergebniss manipuliert hat. Von der Fundiertheit kam keine der von mir gelesenen anderen Studien an diese Ausarbeitung auch nur annähernd heran.

Um doch noch zu einer eigenen Einschätzung zu kommen, habe mir dann einfach mal die Sterbetafeln vom Deutschen statistischen Bundesamt (3) und der britische health Statistic angesehen und dort folgendes festgestellt:
Die Anzahl der Sterbefälle durch Herzinfarkte in Deutschland lag 2008 bei 56775. Seit 2002 nimmt die Anzahl durchschnittlich um 1,6% jährlich ab. 2007 war der Rückgang besonders hoch und lag über 3,5%. Im Jahr der Rauchverbote in Deutschland (2008) war der Rückgang eher durchschnittlich (1,75%).
Das gleiche gilt für Großbrittanien. Dort gingen die Herzinfarkt Tote seit 1990 jedes Jahr zwischen 4 und 8 Prozent zurück. Besonders „gut“ waren die Jahre 2004 bis 2006 mit 6,5-8,5%. Dagegen waren 2007 und 2008 - die Jahre nach Einführung des Rauchverbotes - mit nur 5% eher durchschnittlich.
Diesen Zahlen werden vom Staat erhoben, es wird nichts interpretiert oder verheimlicht und nur diesen vertraue ich. Jeder kann sie nachlesen.

Und diese Zahlen sagen, dass etwas mit den Passiv-Rauchen Studien nicht stimmt.
Der medizinische Mainstream hat für mich beim Thema Passiv-Rauchen seine wissenschaftliche Reputation komplett verloren.
Nicht genehme Ergebnisse werden unter den Tisch gekehrt, diffamiert und ignoriert. Selbst die schlechtesten und - mit Verlaub Herr Professor Bonetti, Sie können das besser – absolut unwissenschaftlichen Studien werden zitiert und unhinterfragt übernommen. Ich denke, wenn ein Arzt zu einer solchen Studie eine kritische Anmerkung macht, wird sofort unterstellt, er sei von der Tabakindustrie gesponsort. Und deshalb traut sich das keiner und sei die Studie auch noch so schlecht.
Hier liegt im besten Fall schlechte wissenschaftliche Arbeit vor, auf jeden Fall unkritischer Opportunismus. Wer böses denkt, könnte einen weltweiten Betrug vermuten.

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass ich hier keineswegs für das Rauchen werben möchte. Rauchen ist gesundheitsschädlich und erhöht die Gefahr an Krebs, Herzinfarkt oder anderen Krankheiten zu sterben. Jeder der raucht, sollte sich genau überlegen, ob er nicht besser aufhört.
Beim Passiv-Rauchen gilt jedoch meines Dafürhaltens die alte Regel des Parazelsus, dass die Dosis das Gift macht. In Anwesenheit von Kindern in einem geschlossenen Raum zu Rauchen halte ich für schändlich, wenn andere essen ist Rauchen unhöflich. Wird in einem Raum geraucht, sollte man gut lüften. Alles Andere ist Hysterie.

Es ist Aufgabe der Ärzte, Kranke zu heilen und ihnen auch gute Ratschläge zu geben. Über die Medien Einfluss auf die Politik zu nehmen, um die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen, gehört meiner Ansicht nicht zu den ärztlichen Aufgaben (und schon gar nicht, wenn die Allgemeinheit sie für ihre Arbeit bezahlt). Wenn man dabei auch noch alles, was man über saubere Wissenschaftliche Forschung gelernt hat, vergisst.

Und zuletzt: Falls weiterhin in der Kardiologie in Münster die Patienten ausbleiben, sollte sich Professor Reinicke wohl eine bessere Ausrede ausdenken – sonst merkt noch jemand was.

Quellennachweis:
1 Enstrom Studie: http://www.bmj.com/cgi/co...
2 Enstrom Studie Diskussion: http://www.bmj.com/cgi/el...
3 Todes-Ursachen in D 2002-2007: https://www-ec.destatis.d...
4 Todes-Ursachen in D 2008: http://www.internisten-im...
5 Schottland Studie: http://content.nejm.org/c...
6 Rückgang Torismus in Graubünden: http://www.gr.ch/DE/insti...
7 Wetter und Herzinfarkt: http://www.chirurgie-port...
8 Piemont Studie: http://eurheartj.oxfordjo...
9 Helena Studie: http://www.bmj.com/cgi/co...
10 Graubünden Studie: http://www.smw.ch/docs/Pd...
11 Gesundheitsstatistik UK: http://www.statistics.gov...
12 Studie Pablo: http://content.onlinejacc...
13 Studien mit gegenteiligem Ergebnis: http://www.nber.org/paper... http://www.scribd.com/doc...