Leserartikel-Blog

Außenpolitik und das Heidelberger Manifest von 1981

Die meisten Reflexionen über den grassierenden Fremdenhass beschränken sich auf historische Analogien kultureller oder religiöser Fragen. Nun ist aber eine innenpolitische Reflexion außenpolitischer Kriege und Konflikte etwas ganz Normales. Das muss man bedenken, um nicht – wie so viele Journalisten – von einem drohenden Untergang unserer Nation zu urteilen. Das „Heidelberger Manifest“ von 1981 einiger deutscher Professoren gegen eine „Überfremdung“ des „Deutschtums“ durch Asiaten (!), sollte uns eine Warnung sein und daran erinnern, dass die Fremdendebatte gar nicht so neu ist, noch jemals erschlafft ist. Es ist ein Appell an die Vernunft und das historische Verständnis der einflussreichen und allzu oft selbstgerechten Medienmenschen.

Wenn wir seit ca. 20 Jahren – und verstärkt seit 10 Jahren – Kriege und Konflikte mit muslimischen Staaten austragen, müssen wir davon ausgehen, dass wir im besonderen Maße empfindlich auf alles Muslimische reagieren. Man kann etwas, das täglich in unsere Medien strömt, nämlich Berichte über Armut, Verfall und Tod in Afghanistan, Pakistan, Sudan oder Irak, Iran, nicht ohne den Impact betrachten, den solche Nachrichten – über einen Zeitraum von sage und schreibe 10 Jahren! – auf unsere Wertschätzung, -schöpfung und –beurteilung gewinnen. Vergessen sind die Errungenschaften der Türkei im 20. Jh. Es war die Türken, welche wir die südliche Flanke der NATO zu verdanken haben. Nur Dank der Türken konnte in frühen Jahren die Abschreckungsgefahr von Atombomben aufrecht erhalten werden. Frühe nukleare Pershing-Raketen hatten nämlich gerademal eine Reichweite von 700-800 km; und Atombomben werden mit Bombern befördert. Bis heute ist die Türkei einer der wichtigsten militärischen Partner der USA, zurecht. Und das ist einer der Gründe, warum die Türkei als Einparteidemokratie so lange bestehen konnte. Ganz ähnlich erging es im übrigen Japan, unserem wichtigster Militärbündnispartner in Asien, der in die 90er Jahre hinein ein Einparteiensystem bleiben konnte. Will sagen: Zur Zeit argumentieren wir ahistorisch und lassen uns von der augenblicklichen politischen Hysterie gegen Moslems anstecken. Ein Jörg Lau lässt sich gar darüber aus, dass er den Sarrazin am besten verstanden hat, verhehlend, dass Sarrazin – in allem, das nicht makroökonomisch ist – eher bedenklich und naiv erscheint. Von seinem mangelnden historischen und naturwissenschaftlichen Wissen schrieben bereits andere.

Natürlich wollen uns viele, die ihre Vernunft oder ihren Verstand überschätzen, weismachen, dass sie über muslimische Fremde immer schon so gedacht haben oder dass sie, wie der Fußballfan, der uns erklären möchte, dass er in der Tiefe seines Herzens bereits mit vier Jahren für Hansa Rostock war – oder der Schriftsteller, der uns Märchen von seinen ersten Gedichten mit drei Jahren erzählt -, dass ihre Ansichten nicht vorübergehend und affektiert sind, sich etwa in einen größeren gesellschaftlichen Kontext winden, sondern dass ihre Betrachtungen unabhängig und „Hand und Fuß“ haben, weil sie „ewiglich“ sind, weil dem Einfluss doch immer etwas Billiges anhängt. Aber ganz so kommen, mit Blick auf die Gesellschaft, Ansichten über ganze Nationen oder Gesellschaften nicht zustande.

Ich denke also, wir können und dürfen uns nicht wundern, wenn nach Jahren der schlechten Berichte über Moslems, plötzlich viele Menschen – auch hier, in dieser Zeitung oder in den Foren dieser Zeitung – so schreiben, als habe man erst jetzt erkannt, wie „Fremde“ sind oder, als habe man über Moslems nie wie jetzt geredet. Dieser Satz hat einen wahren Kern, denn wirklich: wir haben noch nie so schamlos schlecht über einen Gutteil der Weltbevölkerung gesprochen. Zeitgleich vergessen diese Menschen aber – oder sie wissen es einfach nicht -, dass Fremdendebatten bei uns so alt wie dieses Land sind.

Man denke an das „Heidelberger Manifest“ von 1981. Damals schreiben recht angesehene deutsche Professoren Dinge wie:

• „Der Begriff 'Volk' läßt sich heute naturwissenschaftlich definieren: Völker sind (kybernetisch und biologisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch weitergegeben werden. Dabei sind auch die nicht körperlichen Eigenschaften eingeschlossen, die genauso vererbt werden, wie die körperlichen (die Milieu-Theorie ist wissenschaftlich falsch).“

• „Unser Problem sind nicht die Gastarbeiter schlechthin, sondern ihr asiatischer Anteil. (...) Wenn man das Spezialproblem Süditalien ausklammert, so kann man feststellen, daß die aus dem europäischen Raum zu uns kommenden Gastarbeiterfamilien nach ihrer Fertilität, ihrem kulturellen, soziologischen und religiösen Kontext Aussicht auf Akkulturation bieten (...). Auf die Asiaten trifft all das nicht zu.“

• „Mit großer Sorge beobachten wir die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von vielen Millionen von Ausländern und ihren Familien, die Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums. (...) Völker sind (biologisch und kybernetisch) lebende Systeme höherer Ordnung mit voneinander verschiedenen Systemeigenschaften, die genetisch und durch Traditionen weitergegeben werden. Die Integration großer Massen nichtdeutscher Ausländer ist daher bei gleichzeitiger Erhaltung unseres Volkes nicht möglich und führt zu den bekannten ethnischen Katastrophen multikultureller Gesellschaften. Jedes Volk, auch das deutsche Volk, hat ein Naturrecht auf Erhaltung seiner Identität und Eigenart in seinem Wohngebiet. Die Achtung vor anderen Völkern gebietet ihre Erhaltung, nicht aber ihre Einschmelzung („Germanisierung“).“

Ich gebe hier nur die Passagen wieder, die ich in Wikipedia auf die Schnelle finden konnte. Für die Recherche in meinen eigenen Notizen, weil ich vor langer Zeit einen Beitrag zu jenem „Manifest“ schrieb, möchte ich am frühen Sonntagmorgen keine Zeit finden. Das sei mir bitte verziehen. Aber ich verbürge mich für die Richtigkeit der Zitate, zumindest dessen Sinngehalt.

1981 wurde das Manifest als zurecht reaktionär, rechtsextrem und falsch kritisiert. Ältere Leser mögen sich vielleicht erinnern. Eingedenk der heutigen Debatten, können wir schließlich erkennen, dass die Debatte um die „Asiaten“ aus dem öffentlichen Fokus verschwunden ist. Aber man muss, so kurz nach dem Vietnamkrieg und den anderen Konflikten in Asien, vielleicht bedenken, welchen Bezug die Deutschen zu Asien hatten. Der Islam war noch kein Problem. Die islamische Revolution stand uns noch bevor. Es gab keinen kitschigen Kultur-Clash. Der Islam war chic. In USA gab es regelrecht einen Boom des islamischen Glaubens, vielleicht nicht zuletzt wegen des iranischen Königreiches oder der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die im Islam eine neue Alternative zur Religion der Unterdrücker, des Christentums fand. Und als wir anfingen gegen Moslems Krieg zu führen, immerhin hat der Iran, nach der islamischen Revolution, über Nacht den Kontakt zum Westen abgebrochen, ferner fast 10 Jahre den Irak bekriegt, den wir unterstützt und später erobert haben, also wir einige muslimische Staaten – aus geopolitischen Gründen – zu unseren Feinden erklärt haben, wissen viele meiner Mitbürger auf einmal, wie das mit den Moslems abgeht. Das kann nicht richtig sein. Es ist zu affektiert. Zu einseitig. Zu unhistorisch, schnellschüssig.

Wichtig festzustellen ist also, um nicht allzu stark abzuschweifen,

• dass die „Fremdendebatte“ bereits älter ist und rotiert,

• dass wir sehr wohl die aktuelle Außenpolitik innenpolitisch reflektieren,

• dass Fremdenhasse zuweilen in außenpolitischen Handlungen mündet.

Der letzte Satz ist notwendig wichtig. Denn wir, die unsere Verfassung vielleicht über das Interesse Einzelner und Verängstigter stellen wollen, damit von dieser Republik noch in 50 Jahren etwas übrig ist, müssen uns der unangenehmen Frage stellen, wohin Fremdenhass in der Vergangenheit geführt hat. Fremdenhass schürt bisweilen außenpolitische Handlungen, etwa Konflikte oder Kriege. Man kann „Auren“ oder „Mythen“ über Völker nicht einfach privatisieren. Und wir dürfen nie vergessen, dass viele große Konflikte mit dem Hass gegen eine bestimmte Nation oder ein bestimmtes Volk begonnen haben. So hat, als historisches Beispiel, Bismarck im 19. Jh. den Hass gegen Franzosen geschürt, damit sich das Deutsche Reich auf dessen Schulterblättern und Blut erst erheben konnte.

Ich glaube nicht, dass die Menschen – und hier denke ich vor allem an den Leser, Zuschauer, meine Nachbarn - es böse meinen. Aber manches wissen sie nicht. Sie hören Dinge, adaptieren sie, nehmen sie an, als wären es ihre – und verteidigen sie gegen Nachbarn. Das ist gut und richtig, und so läuft die Gesellschaft.

Umso wichtiger ist die Position der Wissenschaftler und Journalisten. Und vor allem ihnen werfe ich Schludrigkeit und Halbwissen vor. Denn nur sie können, auf Grund der Reichweite ihrer Texte und Aussagen, Märchen und Mythen entlarven. Mich überrascht, dass sich ausgerechnet so wenige Wissenschaftler an den aktuellen Debatten beteiligen. Allerdings kann man am ersten Zitat erkennen, was passiert, wenn der Wissenschaftler einer bestimmten Denkrichtung (Kybernetik) sich dazu anmaßt die Gesellschaft zu analysieren. Dann entstehen Aussagen wie „die Milieu-Theorie ist wissenschaftlich falsch“, obwohl viele heutige Professoren das recht gut widerlegen könnten; im übrigen vertritt Sarrazin, möglicherweise allzu kybernetisch beeinflusst, eine ähnliche Milieu-Theorie. Das heißt, eigentlich müssten sich mehr Wissenschaftler beteiligen. Und eigentlich sollten Journalisten klüger als ihre stampfenden Leser sein, andernfalls brauchen wir die Journalisten nicht.