Leserartikel-Blog

Sexueller Mißbrauch | Eine Frage der Macht

"Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht." Dies ist nicht nur eine Definition, die jeder Sozialwissenschaftler während des Studiums lernt, sondern wohl auch eines der häufigsten Zitate des Gelehrten Max Weber, der vor allem durch seine soziologischen Schriften zu Macht und Herrschaft bekannt wurde.

In diesen Tagen, wird aber wenig über Max Weber nachgedacht, sondern von Berlin bis München über die möglichst frühzeitige, präventive Therapie von Pädophilen. Und das ist gut. Denn wo sich Phantasien zu krankhaften Begierden versteigern, ist individuelle Hilfe angezeigt. Für den aktuellen Mißbrauchsskandal ist dieser Aspekt aber eher als willkommene Ablenkung zu verstehen.

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Bisher haben sich die Verantwortlichen in der Kirche, aber auch in Schulen und Vereinen - ja sogar in der eigenen Familie, damit von ihrer Schuld frei gesprochen, sie hätten nichts mitbekommen, der Täter sei ein Einzeltäter. Gerne haben, vor allem Mütter, Lehrer, Vorstände, Priester - die Mitverantwortlichen - darüber hinweggesehen, dass Mißbrauch ein gedeihliches Umfeld braucht. Ein Umfeld des Wegschauens, des Vertuschens, des Leugnens, des Ausblendens, der Angst, der Gewalt.

Nicht ohne Grund sprechen deshalb die Menschen, die sich in der Jugendarbeit in dem Feld engagieren von sexueller Gewalt. In der aktuellen Mißbrauchsdebatte geht es nämlich nicht um Sexphantasien von Einzeltätern, sondern um Machtsysteme, die diese unbewusst fördern, hilflos unterstützen und bewußt decken: Um die Kirche, Schulen, Vereine oder die Familie. Der sexuelle Mißbrauch ist - um mit Max Weber zu sprechen - die schlimmste Art, um in einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Darum ist es wichtig, den Blick auf die zugrunde liegenden Machtstrukturen zu lenken.

Dies wird die große Herausforderung für Politik und Gesellschaft: Einzelne Täter können sich weder gegen Therapie noch Strafe wehren. Heißen diese vielleicht sogar willkommen. Anders die umgebenden Strukturen, die Machtsysteme nach innen und außen sind. Wenig Politiker haben die Courage, sich kritisch mit Bischöfen, dem Sportvereinsvorsitzenden oder anderen wichtigen Lobbygruppen anzulegen. Aber auch normale Bürger verspüren wenig Lust, sich in Vereinen gegen sexuelle Gewalt zu engagieren. Die Beharrlichkeit der Strukturen ist beachtlich.

Sexueller Mißbrauch ist Gewalt in Machtstrukturen und kein Sex. Deshalb ist die Frage nach sexueller Gewalt nicht nur, aber zu aller erst, eine Frage nach der Macht. Nur Antworten, die hierauf gegeben werden, haben Aussicht auf Erfolg.