Leserartikel-Blog

Islam mit europäischem Gesicht - eine Rezension

Das Buch: Benjamin Idriz, Stephan Leimgruber, Stefan Jakob Wimmer(Hgg.): Islam mit europäischem Gesicht. Perspektiven und Impulse, Butzon und Bercker, Kevelaer 2010

Angesichts der gegenwärtigen Debatten um eine christlich-jüdische Leitkultur und das vermeintliche Scheitern von Multikulti, ist das hier anzuzeigende Buch unbedingt zu empfehlen und ein Muss für alle, die kompetent mitreden wollen. Es begibt sich auf die Suche nach Konturen und Eigenschaften eines Islam in Europa und nimmt dabei seinen Ausgangspunkt beim bosnischen Islam, der auf dem Balkan gewachsen ist und eine lange Geschichte des Miteinanders von Muslimen, Juden und Christen, sowohl unter dem Vorzeichen der osmanischen als auch der österreichischen Herrschaft, kennt. Mit der „Deklaration europäischer Muslime“, die 2005 von Mustafa Ceric, dem Grossmufti der bosnischen Muslime, als Reaktion auf die Terroranschläge in New York, Madrid und London verfasst wurde, macht das Buch einen eminent wichtigen Text einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und bietet eine katholische, eine evangelische und eine islamische Reaktion darauf. Zukunftsperspektiven werden am Beispiel einer oberbayrischen islamischen Gemeinde, anhand des islamischen Religionsunterrichts und mit Überlegungen zur Zukunft des Islam in Europa aus deutscher muslimischer Perspektive aufgezeigt.
Schon das Geleitwort von Michael Schmunk (von 2006-2008 deutscher Botschafter in Sarajewo)setzt wichtige Akzente. Er zitiert Wolfgang Schäuble, der anlässlich der Deutschen Islam-Konferenz vom 25.6.2009 gesagt hat: „In den vergangenen drei Jahren haben wir das Verhältnis von Staat und Muslimen in Deutschland grundlegend verändert und einen Prozess der Integration auf den Weg gebracht. Die Konferenz setzt ein deutliches Zeichen, dass Muslime in Deutschland angekommen und aufgenommen und damit Teil Deutschlands geworden sind.“ Was hat sich verändert, wenn nur 15 Monate später der deutsche Bundespräsident für nahezu die gleiche Aussage heftigst kritisiert und die christlich-jüdische Leitkultur mit antiislamischer Stossrichtung beschworen wird? Schmunk weist auch auf einen wichtigen Unterschied hin: es geht um den Islam in Europa und nicht um einen Euro-Islam, wie es schliesslich auch keinen Europrotestantismus oder Eurokatholizismus gibt, weil es sich um universale Religionen handelt, die aber in unterschiedlichen Strömungen und unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten gelebt werden.
Im ersten Teil betonen die Autoren, dass Islam und Europa kein Gegensatz ist. Stefan Jakob Wimmer erinnert daran, dass die EU nicht Europa ist. So ist Istanbul die grösste europäische Stadt, Russland hat in absoluten Zahlen die meisten Muslime in Europa, beim Islam in Europa ist nicht nur an Migranten, sondern auch an die maurischen Einflüsse in Spanien und eben nicht zuletzt an die osmanischen Einflüsse auf dem Balkan zu denken. So existiert in Bosnien, was häufig vergessen wird, ein europäischer Islam, der nicht durch Zuwanderung entstanden ist. Sarajewo war beispielsweise schon multireligiös geprägt, als das christliche Mitteleuropa im Augsburger Religionsfrieden das Prinzip „cuius regio, eius religio“ als bedeutenden Fortschritt feierte, obwohl es den andersgläubigen Untertanen lediglich die Konversion oder die Auswanderung offenliess. Stephan Leimgruber stellt die besondere Situation der Muslime in Österreich dar, wo es z.B. schon seit 1982/83 islamischen Religionsunterricht gibt. Hansjörg Schmid erläutert Geschichte, Organisation und Sozialethik des bosnischen Islam. Schon seit 1878 wurde hier die Unterordnung des weltlichen Rechts unter die Scharia aufgehoben, was ja von Islamkritikern häufig als unmöglich bezeichnet wird. Es gibt also Traditionen, nach denen Islam und demokratischer Rechtsstaat vereinbar sind! Ausserdem kennt der bosnische Islam eine islamische Einheitsvertretung und eine akademische Theologie - auch das Forderungen, die oft an die Muslime gerichtet werden.
Der zweite Teil bietet eine deutsche Übersetzung der „Deklaration europäischer Muslime“. Diese wendet sich zunächst an die EU. Ceric bezeichnet das Gebiet Europas als „Haus des (Gesellschafts-)Vertrags (mit Berufung auf Rawls)und anerkennt vorbehaltlos Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, persönliche Freiheit und Glaubensfreiheit. Damit entgeht er dem Dualismus von „Haus des Islam“ und „Haus des Krieges“. Dann wendet er sich an die in Europa lebenden Muslime und fordert sie auf, nach Wissen zu streben und der Bevölkerung Europas ein neues, universales Bild des Islam zu zeigen und nicht primär nationale und ethnische Färbungen. Der dritte Teil wendet sich kritisch an die muslimische Welt und fordert eine umfassende Führung und ein glaubwürdiges Eintreten für Friedenund Sicherheit in der Welt. Aus katholischer Perspektive würdigt Lothar Bily die Deklaration als wertvollen Beitrag zum christlich-islamischen Dialog und betont, dass sie am Scheideweg zwischen Euro-Islam und Ghetto-Islam in die richtige Richtung weise, aber auch zeige, wie weit der Weg der Muslime in die Moderne noch sein dürfte. Aus evangelischer Sicht weist Rainer Oechslen darauf hin, dass die Betonung der jüdisch-christlichen Tradition Europas oft missbraucht wird zur Ausgrenzung des Islam aus der europäischen Kultur, was die Bedeutung des Islam in Spanien und Sizilien, die autochthone muslimische Bevölkerung im Südosten Europas und die muslimische Diaspora der letzten Jahrzehnte ignoriere. Auch er würdigt die Deklaration positiv, weist aber auch auf kritische Punkte hin. So sieht er eine problematische Nähe zu Denkfiguren eines konservativen Luthertums (Zwei-Reiche-Lehre) und kritisiert die Vorstellung von natürlichen Ordnungen insbesondere im Familienbild der Deklaration. Es dürfe beispielsweise kein Zurück hinter den mühsam errungenen neuen Umgang des Protestantismus mit der Homosexualität geben. Und er betont den Vorrang der kulturellen Einwurzelung vor der Frage einer Repräsentanz des Islam in Europa. Aus islamischer Perspektive unterstreicht Aziz Hasanovic das Ziel einer einheitlichen Islamischen Gemeinschaft, die legitim den Regierungen gegenübertreten könne. Er betont die Notwendigkeit der Bildung und stellt den notwendigen Entwicklungsprozess unter die Formel: Assimilation nein, Integration ja.
Den dritten Teil eröffnet ein Gespräch mit der Vizedirektorin des islamischen Forums Penzberg, Gönül Yerli. Beeindruckend schildert sie den Weg zur Gründung des Forums in einer oberbayrischen Kleinstadt, den wichtigen Stellenwert der deutschen Sprache im Alltag der Gemeinschaft aus verschiedenen Nationalitäten und die emotionalen Erfahrungen im Kontakt mit den vielen Besucherinnen und Besuchern des Zentrums. Ein beeindruckendes Beispiel gelungener Integration. Stephan Leimgruber plädiert für einen bekenntnisorientierten und informierenden islamischen Religionsunterricht an Schulen als wichtige Integrationshilfe und stellt Lehrmittel und Ausbildungsgänge kurz vor. Unbedingt lesenswert sind die Überlegungen von Benjamin Idriz zur Zukunft der Muslime in Europa. Er betont, dass alle grossen europäischen Religionen eingewandert sind und orientalische Wurzeln haben. Er sieht eine neue Generation europäischer Muslime heranwachsen, die die Kulturen verlinkt und Islam und Moderne verbindet. Er sieht für die europäischen Muslime künftig drei Säulen: Loyalität gegenüber dem Land, Partizipation durch Dialog und eine vernünftige Gläubigkeit. Implizit kritisiert er auch Ceric’s „Haus des Vertrags“, was immer noch einem Denken in den Kategorien „wir“ und „die Anderen“ entspreche, statt die Welt als gemeinsames Erbe zu verstehen, wie dies dem Koran entspreche. Aus religiösen Gründen seien die Grundwerte des deutschen Grundgesetzes vollständig zu bejahen und zu verteidigen. Im Dialog sollen sich Muslime als verantwortungsvolle Teilhaber an der Gesellschaft erweisen. Und es gelte, die Religion mit dem Verstand zu versöhnen. Er kritisiert scharf, dass in der Frömmigkeit vieler Muslime von heute nicht das Wissen im Vordergrund stehe, sondern das Nachahmen. Auch plädiert er für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Frau im Islam“. Für die Institutionalisierung des Islam in Deutschland entwickelt er ein Modell, das die Aufspaltung in zahllose ethnisch geprägte Verbände überwinden und den Status einer anerkannten Religionsgemeinschaft ermöglichen würde. Sein eindrückliches Fazit: Der Islam sei in Europa integriert, „wenn die europäischen Muslime europäische Werte als ihre eigenen akzeptieren und sich selbst aktiv für den Erhalt dieser Werte einsetzen, wenn Europa die Existenz und die Zugehörigkeit des Islams verinnerlicht und die Institutionalisierung dieser Religion als organisierte religiöse Gemeinschaft verwirklich ist“.
Die Einwände gegen die Überlegungen in diesem Band liegen auf der Hand: Ist es legitim, den Blick so auf die bosnischen Muslime zu fokussieren? Wie lassen sich die Schwierigkeiten mit islamistischen, fundamentalistischen Gruppierungen lösen? Werden hier intolerante Tendenzen im Islam zu stark ausgeblendet? Werden die Chancen eines europäischen Islam, wie ihn insbesondere Benjamin Idriz vor Augen führt, nicht überbewertet? Ist die ethnische Aufspaltung des Islam in der Diaspora nicht unüberwindbar, weil gerade das Moment der ethnischen Beheimatung für Migrantinnen und Migranten ein grosses Gewicht hat? Ist es denkbar, dass europäische Muslime in absehbarer Zeit mehrheitlich Frauenemanzipation und Toleranz gegenüber Homosexualität akzeptieren? Dem ist aber entgegenzuhalten, dass der Islam zu Europa gehört, historisch und mehr noch in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität. Deshalb kann es einzig darum gehen, ob es gelingt, gemeinsam mit den Muslimen in Europa tragfähige Modelle zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, unter Bejahung grundlegender europäischer Werte ihren Glauben zu praktizieren und ihren Beitrag zur Entwicklung der europäischen Gesellschaften zu leisten. Nur so gibt es auch glaubwürdige Alternativen zu den Identitätsangeboten islamistischer Gruppen. Die tendenzielle Ausgrenzung einer ganzen Religion stärkt lediglich den Islamismus und löst kein einziges Problem.
Ich kann den Band „Islam mit europäischem Gesicht“ von Benjamin Idriz, Stephan Leimgruber und Stefan Jakob Wimmer nur wärmstens empfehlen.

Bei diesem Text handelt es sich um die ausführliche Fassung einer Rezension, die in der "Reformierten Presse", der Wochenzeitung der reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz erscheinen wird.