Leserartikel-Blog

Das sogenannte Gottes-Modul

Wahrscheinlich im vierten vorchristlichen Jahrhundert schrieb Hippokrates von Kos, der berühmteste Arzt des Altertums, seine Abhandlung "Über die Heilige Krankheit". Mit der "Heiligen Krankheit" war die Epilepsie, die Fallsucht, gemeint. Der Titel seiner Abhandlung war sicher polemisch gemeint. 
Es war Hippokrates und den Vertretern seiner Schule nicht verborgen geblieben, dass manchen Epileptikern typische psychische und charakterliche Veränderungen gemeinsam waren. Frömmelnde Religiosität, devot-pathetische Überschwänglichkeit, Egozentrizität, Perseveration, Brutalität und Neigung zu Eigensinn waren für die von ihnen beobachtete epileptische Wesensänderung kennzeichnend.
Das Wort "Epilepsie" entstammt etymologisch dem altgriechischen Substantiv "epilepsis", was so viel wie "der Anfall, der Übergriff" bedeutet.
Epilepsie bezeichnet ein Krankheitsbild, das durch mindestens zwei wiederholt spontan aufgetretene Krampfanfälle gekennzeichnet ist, die nicht durch eine vorausgehende erkennbare Ursache hervorgerufen wurden.
Epilepsien sind eine Funktionsstörung des Gehirns, bei der spontane, unkontrollierte Entladungen von Neuronengruppen einen Krampfanfall auslösen. Geht der Anfall von einem Krankheitsherd aus und beschränkt sich nur auf eine Gehirnhälfte, so spricht man von einem "fokalen" Anfall. Sind beide Gehirnhälften betroffen, spricht man vonn einem generalisierten Krankheitsgeschehen.      
Man kann heute wohl ohne zu übertreiben behaupten: Keine Erkrankung hat die Geschichte der Menschheit mehr beeinflusst als die Epilepsie.
Die Heilige Krankheit machte u.a. Moses zum Gesetzesgeber Israels. Sie machte Saulus zum Paulus und half somit, das Christentum zu begründen. Mohammed verdankte ihr den Koran. Wie war das möglich?
"Gott ist tot." Dieser Satz machte den Philosophen Friedrich Nietzsche berühmt - bewahrheitet hat er sich allerdings nicht. 
Religion ist ein weltweit verbreitetes Phänomen. Sie begegnet uns in allen Kulturkreisen. "Viele Eigenschaften machen uns menschlich, aber keine ist rätselhafter als die Religion."  Dieser Satz stammt von Vilayanur Ramachandran, einem Neurologen von der University of California in San Diego.
Ramachandran weiß, wovon er redet. Er ist der Entdecker des sogenannten "Gottes-Moduls".
Ramachandran hatte bemerkt, dass insbesondere Patienten mit einer speziellen Form von Epilepsie, die vom Schläfenlappen des Gehirns ihren Ausgang nimmt, ausgeprägte religiöse Gefühle entwickelten. Dieser medizinische Sachverhalt wurde von Ramachandran dahingehend interpretiert, das ein bestimmtes Areal des Schläfenlappens als morphologisches Substrat für religiöses Empfinden angesehen werden konnte. (Natürlich wird nicht jeder Patient mit Temporallappenepilepsie religiös!)
Eine Temporallappenepilepsie ist ein Epilepsiesyndrom, das meist schon bei Jugendlichen einsetzt und durch vom Schläfenlappen ausgehende epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Sie ist die häufigste Epilepsieform im Erwachsenenalter. Fast alle Betroffenen haben fokale Anfälle mit Bewusstseinsstörungen, weshalb diese früher auch als Temporallappenanfälle bezeichnet wurden.
Der Temporal- oder Schläfenlappen ist einer der vier Lappen des Großhirns und macht dessen unten und seitlich gelegenen Anteil aus. Der Schläfenlappen enthält die primäre Hörrinde sowie wichtige Strukturen für die Sprachrezeption und das Gedächtnis.
Von besonderer Bedeutung ist die anatomische Nähe des Temporallappens zum limbischen System. Das limbische System ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Es ist insbesondere auch für die Ausschüttung von Endorphinen verantwortlich.   
Das limbische System enthält multiple Erregungskreise. Es schließt Strukturen im Zentrum des zur Mitte hin gelegenen Gehirnbereiches ein und erstreckt sich nach unten und zur Seite hin bis in die Schläfenlappen. Es umfaßt kortikale und subkortikale Strukturen.
Temporallappenepilepsie und Epilepsie des limbischen Systems können durch die beschriebene anatomische Nähe vergesellschaftet sein. 
Lassen wir nun Ramachandran im Zusammenhang mit einer "Herdepilepsie" im limbischen System selbst zu Wort kommen: Liegt der Herd jedoch im limbischen System, dann sind die auffälligsten Symptome emotionaler Natur. Die Patienten berichten, ihre Gefühle stünden "in Flammen", und schildern eine Palette von höchster Ekstase bis zur tiefsten Verzweiflung, ein Gefühl bevorstehenden Unheils oder auch Anwandlungen von äußerster Wut und heftigstem Schrecken. (...) Doch am bemerkenswertesten sind die Patienten, die tief bewegende spirituelle Erlebnisse haben, unter anderem das Gefühl einer göttlichen Gegenwart und direkter Kommunikation mit Gott. Für sie ist alles mit kosmischer Bedeutung erfüllt. Sie sagen zum Beispiel: "Jetzt weiss ich, was das alles soll. Das ist der Augenblick, auf den ich mein Leben lang gewartet habe. Plötzlich ergibt alles einen Sinn." Oder: "Endlich habe ich Einblick in das wahre Wesen des Kosmos." (...) Die Anfälle und Erscheinungen dauern im Allgemeinen nur wenige Sekunden. Doch diese kurzen Schläfenlappenstürme sind manchmal in der Lage, die Persönlichkeit des Patienten dauerhaft zu verändern. 
Michael Persinger, ein Neuropsychologe von der Laurentian University in Kanada, hält auf Grund der geschilderten Sachverhalte Gott für ein Artefakt des Gehirns. Durch transkranielle Magnetstimulation erzeugte er bei Probanden das Gefühl der Präsenz einer "höheren Wirklichkeit". (Es gelang aber bisher nicht, die Ergebnisse seiner Versuche zu wiederholen.)
Die Neurotheologie kann man als Neurophysiologie religiöser Erfahrung auffassen. Erstmals betritt die Wissenschaft den religiösen Bereich und versucht religiöse Erfahrungen naturwissenschaftlich zu ergründen.