Leserartikel-Blog

Freibadsaison – in Kabul

Wie auch Roma, „die Ewige“ und Lisboa, „die Schoene mit den traurigen Gesaengen“ ist Kabul, vielleicht koennte man sagen– „die Vergessen im Staub Daliegende“ – auf sieben Huegeln gebaut. Sieben Huegel, die sich etwa 30 bis 60 Meter ueber das Stadtniveau von ca. 1800m erheben. Einer dieser Huegel, im Norden der heutigen, das ganze Tal zersiedelnden Stadt ist der Bibi Mahroun-Huegel. Ein strategisch enorm wichtiger Punkt. Von dem Huegel hat man einen phantastischen Blick ueber die im Norden der Stadt gelegenen „windigen Ebenen“,die Shamali plains, die sowjetischen Plattenbauzeilen des Viertels Macrorayon 1 im Osten und die Altstadt im Sueden.
Die Bedeutung dieses Ortes wussten auch die Sowjets zu schaetzen. Im Gegensatz zu den anderen Huegeln ist der Ort nicht durch eine Festung besetzt. So erbauten sie dort oben ein Schwimmbad mit 10m-Sprungturm. Ein 50-m Betonbecken, das aber wohl nur anfaenglich ueberhaupt einmal mit Wasser befuellt war. In Anbetracht der ohnehin schwierigen – das heisst - nicht vorhandenen kommunalen Wasserversorgung in der Stadt war das Heraufpumpen des Wassers auf den Huegel ein unueberwindliches Hindernis.
Wie viele andere Orte hier auch erzaehlt dieser Pool und der Sprungturm duestere Geschichten von Krieg, Mord und Zerstoerung. Sowohl die Sowjets, als auch spaeter die Taliban sollen den Sprungturm fuer Exekutionen genutzt haben. Wahrscheinlich war der Fall des beschossenen Koerpers 14 Meter tiefer auf den Grund des leeren Pools und das entsprechende Geraeusch des den Leib zerschmetternden Aufpralls fuer die Exekuteure von wesentlich groesserem Lustgewinn begleitet. Auch die Dramaturgie selber, die die gottlosen Faschisten der Taliban bei aehnlichen Inszenierungen waehlten- etwa die Steinigungen im Gazni-Stadion – sollten letztlich ihre Wirkung auf das einzuschuechternde Volk nicht verfehlen. Bis heute nicht.
Umso groesser war unser Erstaunen, als wir dort hochgingen und der Sprungbereich bereits mit Wasser befuellt war. Neben zwei sowjetischen Schuetzenpanzerwracks in Sichtweite von Pool und Sprungturm hatten uns bereits aufgeregte Jungen empfangen, die uns aufforderten, doch auch ein Bad zu nehmen. Am Rand des Betonbeckens angekommen kamen uns noch mehr nur mit nassen Shorts bekleidete Jungen – teilweise bibbernd vor Kaelte entgegen. Natuerlich – ein Bademeister bei uns haette die Haende ueber’m Kopf zusammengeschlagen – die Jungs shamponierten sich und sprangen dann vom Rand in den 2, 50 Meter tief befuellten Teil des Beckens unter dem Sprungturm. Die hinauf zu diesem fuehrenden Leitern – die hier ueblichen Bambusleitern, ziemlich steil angestellt, ohne Sicherung. Der gerade befuellte Sprungbereich schien bald die Wasserqualitaet des Kabul Rivers in der nach unten offenen Skala zu erreichen.
Und doch: wer auch immer dafuer gesorgt hat, dass dort Wasser zur Befuellung dieses Beckens den Berg hinauf gepumpt wird – er hat eine grossartige Tat vollbracht. Nach Unesco- Schaetzungen von 2004 lebten damals ca. 60.000 Strassenkinder in Kabul. Heute werden es noch viel mehr sein. Viele Kriegswaisen, aber auch Kinder, die die pure oekonomische Not ihrer Eltern zum Betteln, Schuheputzen oder aehnlichen Taetigkeiten zwingt. Kinder, wie man sie ueberall in den wachsenden Metropolen der sogenannten dritten Welt findet. Kinder, deren Existenz durch den allgegenwaertigen Ueberlebenskampf in einem seit mehr als zwei Generationen bankrotten und seit mehr als einer Generation in Krieg und permanentem Besatzungs- und Bedrohungszustand befindlichen Land den meisten Menschen eher eine Last als eine Freude ist.
Fuer diese Kinder – aber auch fuer die Vielen, die in ihren Familien mit wenig mehr als Nichts zum Leben aufwachsen und die vielleicht gar zur Schule gehen ist solch ein schmutziges Becken ein Segen. Ein Segen, der vielleicht auch dazu verhelfen kann, den Fluch, der auf einem solchen Ort liegt langsam zu beseitigen. Natuerlich fehlte dort oben ein wesentliches Element, das ein Freibad bei uns ausmacht – gerade eben fuer Kids im Grundschulalter – die Maedchen. Jene zu diesem Zeitpunkt noch verhassten Wesen, von denen man sich immer unbedingt abgrenzen muss – denen man aber auch als kleiner Mann irgendwie trotzdem staendig zu gefallen sucht – nur – ja nicht zu auffaellig.
Aber – wenige Meter weiter nordwestlich auf der abgeflachten Huegelkuppe stand eine elegant gekleidete Dame mit ihrem Mann – die Kinder – drei Toechter und zwei Soehne spielten einige Meter dahinter Fussball. Und – die Maedels setzten ihren Bruedern ganz schoen zu. Die hier kaum vorhandene Mittelschicht – Basis einer jeglichen demokratischen Gesellschaft hat ihren Platz hier zwar immer etwas Abseits vom Geschehen. Letztlich sind es aber diese Leute, die auch darauf bauen, dass ihre Toechter irgendwann einmal mit ihren Soehnen in einem Becken schwimmen koennen.