Leserartikel-Blog

Krieg und Bevoelkerungswachstum

Es war vor wenigen Tagen, dass ich um die Mittagszeit noch eine Begehung hatte und also das allgemeine Mittagessen der Ingenieursabteilung hier verpasste. Normalerweise sitzen dann ca. 20 -25 Maenner in jenem ca. 12 Quadratmeter grossen Raum um die mittig auf dem Boden ausgebreiteten Wachstuchdecken und verzehren Reis mit Hammel oder Kartoffeln mit Sauce, Fruehlingszwiebeln, Rettich, Fladenbrot und gruene Chilis. Dazu gibt’s Wasser – fuer die Kollegen aus dem Westen Mineralwasser. Neben den Kissen an den Raumraendern ist der hiesige Kanonenofen – der Bachari – das einzige Interieur in dieser kargen Baustellenkantine.
An diesem Tage dann waren nur noch die wichtigsten Ingenieure in diesem Raum – sozusagen das Triumvirat, das sich auf das Mittagsgebet vorbereitete und noch einige Internas klaeren wollte. Irgendwie kamen wir ins Gespraech ueber Kinder – THE ENGINEER – der Boss der Bosse wusste ja bereits, dass dieser deutsche Engineersaib eine Tochter hatte. Laechelnd erzaehlte er von seinen sechs Kindern – vier Soehne und zwei Toechter.
Und er stellte dem westlichen Architekten die Kinderzahlen der anderen vor – einer hatte neun Soehne und eine Tochter – zu vorletzt geboren, die Arme. Aber – wer weiss – vielleicht auch die Henne im Korb. Der aelteste unserer Junior-Architekten hat gar 18 Kinder – mit einer Frau. Ein unglaublich schuechterner, introvertierter Mensch.
Ein anderer – jener, der die Neotalibs so fuerchtete und sein ganzes Leben in Kabul verbracht hatte – erzaehlte verschaemt auf mein Nachfragen, dass er sehr spaet geheiratet habe und “nur” drei Toechter habe. Ein herzensguter Kerl und sehr netter Kollege. Alles andere als ein chauvinistischer Macho.
Als das Gespraech zum Boss – THE ENGINEER zurueckkehrte und dieser mein unglaeubiges Erstaunen vernahm sagte er mit seinem beruehmten Augenzwinkern : “ It’s because of the war. We needed to produce.”- “ Es ist wegen dem Krieg. Wir mussten ja produzieren.” Ein Zwinkern, das ernster war als sonst und in diesem Falle keinen Widerspruch zuliess. Zu Recht.
“Mein” Junior-Architect indes hat zwei Toechter und einen Sohn. Seine Frau arbeitet als Lehrerin und half ihm auch nach achtjaehrigem Exil im Iran, wo er von 1994 bis 2002 als Maler arbeitete durch ihre Arbeit, sein spaetes Studium zu finanzieren. Eine Biographie mit bisweilen geradezu westlich anmutenden Zuegen.

Diskussionen ueber Geburtenkontrolle und die “grosse Bedrohung” des Bevoelkerungswachstums fuer die Species Mensch auf unserem blauen Planeten werden allzu haeufig ideologisch – im Sinne des “Clash of Civilisations” gefuehrt. Wie so oft bemueht sich kaum einer darum, die Ursachen fuer das grosse Bevoelkerungswachstum im Sueden zu erklaeren. Wir, der zivilisierte Norden – wir haben weniger Kinder – aber – der nicht zivilisierte Sueden - die ueberschwemmen den Planeten mit ihren Kinderscharen – die Feudalgesellschaften des unterentwickelten Suedens muessen also von unseren Konzepten in die Schranken gewiesen werden – so klingt es teilweise durch innerhalb dieser ideologisch selbstgerechten Argumentationsstraenge. Ich behaupte einmal: Kaum einer dieser Ideologen hat jemals mit einem Vater oder einer Mutter einer vielkoepfigen Familie gesprochen und sich bemueht, dessen oder deren Gedanken nachzuvollziehen.
Die Menschen werden so lediglich als Hinterweltler degradiert – im neokolonialistischen Sinne des Nord-Sued-Konfliktes.

Neben der Nicht-Duldung von Widerspruch konnte man im Zwinkern des Bosses – von THE ENGINEER durchaus auch eine gewissen Scham erkennen. Er, der als einziger auch im Westen - im UK und Kontinentaleuropa im Zuge seiner Fuehrungsposition hier gereist war – er weiss sehr wohl um die vermeintliche Rueckstaendigkeit dieses Systems in den Augen des Westens.

Dennoch – auch in Europa - insbesondere in Deutschland sind Krieg und Zerstoerung – von menschlichen Lebenslaeufen wie von den Zeugnissen derselben gerade einmal zwei Generationen her. Wahrlich keine lange Zeit. Wie kommt es, dass viele der jetzt dort lebenden Menschen kaum noch eine Ahnung davon haben, wie das Leben in einer Grossfamilie – also im kollektiven Verbund mit anderen, die man manchmal mehr, manchmal weniger liebt – oder hasst – organisiert ist ? Liegt es daran, dass man die Leiden – zwangslaeufig damit aber auch einen grossen Teil der Freuden der Vorgaengergeneration fuer sich ausklammert – aber damit auch zwangslaeufig jenen Teil des Gedaechtnisses, der diese Art von Erfahrung speichert und somit auch nachvollziehbar macht immer mehr minimiert – bis man irgendwann voellig fassungs- und verstaendnislos solchen Phaenomenen – letztlich solchen Lebensentwuerfen gegenuebersteht – so, als waeren die beschriebenen Menschen Ausserirdische ?
Ist es nicht eher so, dass unsere Grosseltern noch in der Grossfamilie mit haeufig mindestens vier bis acht Kindern aufgewachsen sind und – unsere Eltern haben ja auch meist mehr Geschwister – wir mehr Tanten und Onkel. Wie kommt es, dass dieses Wissen um den kollektiven Ueberlebensgeist so schnell verschuettet wird ?
Liegt es am Verdraengen von Leid und Elend – verursacht durch Krieg, Ausbeutung, Pluenderung, Krankheit - dass scheinbar unser Bewusstsein fuer Verhaltensweisen, die von Angst und Leid und Elend massgeblich gesteuert sind und westlichen Lebensentwuerfen entgegenstehen scheinbar gaenzlich verloren ist ? Liegt es also am Verschliessen der Augen vor den Lebensrealitaeten anderer, die wir allzu haeufig denn auch als Bedrohung empfinden ?
Was indes koennte eine demokratische, auf Ausgleich bedachte Friedenspolitik gegenueber dem Sueden sein – und – was koennte diese bewirken ?
Eines ist gewiss -Sicherheit ist moeglich – wenn Menschen eben nicht nur als Spielball und Kanonenfutter behandelt werden. Hier wie sonstwo auch - denn– letztlich ist die Ursache fuer das stetige starke Wachstum in manchen schwarzafrikanischen Gesellschaften die Geissel AIDS – und – das chinesische aufoktroyierte Ein-Kind-Modell ist so sicher auch nicht unbedingt zukunftsfaehig.
Eine wirkliche Reduktion des Bevoelkerungswachstums kann nur durch die entsprechende Vertrauensbildung geschehen, die es immer mehr Menschen ermoeglicht, ein menschenwuerdiges Leben zu bestreiten ohne sich dabei versklaven zu muessen. Ein globales Grundeinkommen – und das entsprechende grundlegende Menschenrecht darauf sind dabei hier wie dort essentiell. Die faire Bewertung von Arbeit und die entsprechende Honorierung guter Leistung gehoert gleichfalls zu diesem Themenkomplex. Die Bestrafung von Ausbeutung und menschenunwuerdiger Behandlung des Arbeitnehmers durch den Arbeitgeber selbstverstaendlich auch. All solche Massnahmen gebuendelt koennen den Menschen die Sicherheit geben, die sie benoetigen, um etwas aufzubauen – eine eigene bescheidene Identitaet. Wuerde der reiche Norden also Menschenrechtspolitik in diesem Sinne bestreiten, koennte man das Problem der Ueberbevoelkerung sicher im Laufe von ein bis zwei Generationen einer Loesung zufuehren. Alleine der politische Wille dafuer ist entscheidend.

Eine andere Vita hier in meinem Umkreis bestaetigt indes die Worte von THE ENGINEER: the best boy – jener Junge – bei uns wuerde man sagen – jener Jugendliche, der die Logistik der Kueche und Verpflegung hier fuer Arbeiter und Ingenieure leitet – ein immer strahlender, immer laechelnder, freundlich gruessender aufgeweckter Junge – besser - Jugendlicher – er lebt alleine mit seinem Vater in unserem Viertel hier in der Altstadt von Kabul, in dem wir arbeiten – seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder leben nicht mehr.
„Because of the war“ – „wegen des Krieges“- sagt er, als wir zu einem Laden im Sueden der Altstadt durch das Bazaargewusel hindurch eilen und - einen Moment lang verschwindet das freundliche Laecheln aus seinem Gesicht und eine leise Traurigkeit legt sich fuer einen unmerklichen Moment um seine Mundwinkel.