Leserartikel-Blog

Kabul, ein Wintermaerchen – nach den Anschlaegen

zwar waren die Anschlaege vom Mittwoch, dem 11.02.hier nicht zu verachten - aber – eine solche Aktion war lange erwartet worden und - sie ist trotz der vielen zu bedauernden Toten recht glimpflich abgelaufen. Die hiesige Polizei, die sonst immer wieder gescholten wird und wahrscheinlich, das Missverhaeltnis zwischen Lohn und Risiko betrachtend einen der am miesesten bezahlten Jobs der Welt hat - sie hat recht gut und schnell reagiert und letztlich auch verhindert, dass die Talibs in die Ministerien eindringen konnten. Auch ISAF Truppen sollen zugegen gewesen sein.
Wir sind am fruehen Nachmittag unter Umgehung der Innenstadt zu unserem Guest House zurueckgefahren.

Also - herzliche Gruesse an alle hier - die Anschlaege vom Mittwoch waren zwar nicht weit von unserer Baustelle entfernt - Luftlinie ca. 100 Meter zu einigen Ministerien- aber - die Meldungen in der Presse klingen immer ueberall ganz anders als das, was man so vor Ort erlebt. Die Tiefenschaerfe von Aufnahmen, die dann vor Ort geschossen werden und entsprechend mit solchen Headlinern versehen werden wie „Kabul in Angst“ - fett gedruckt darunter dann – „ 26 Menschen starben, die Bürger sind in Panik.“ ist doch in Zeiten, in denen man seinen Augen nicht mehr trauen darf sehr begrenzt. Die Panik mag auf den unmittelbaren Tatzusammenhang - Zeit und Ort des Anschlags – die erste halbe Stunde nach der ersten Detonation, den ersten Schuessen im Umkreis von vielleicht hundert Metern – mit unmittelbarer Sichtbeziehung zum Tatort hin betrachtet richtig beobachtet sein - begruendet und tatsaechlich vorhanden gewesen muss sie dabei aber noch lange nicht. Als flaechendeckendes, anhaltendes Phaenomen – wie es die Aussage impliziert: „...die Bürger sind in Panik.“ war sie ganz sicher nicht vorhanden.

Natuerlich war die Stimmung mittags bei uns auf der nahe gelegenen Baustelle ziemlich gedrueckt. Es war lange ruhig hier - einer unserer afghanischen Ingenieure, der sein Leben lang in Kabul war - andere Kollegen waren zwei und mehr Jahre - zumeist waehrend der Herrschaft der Taliban in Iran, Pakistan oder Aserbaidschan - der Gute, sonst sehr Witzige und Gespraechige jedenfalls konnte nichts essen. Die Talibs erreichen damit leider im Hinblick auf die Wahlen im Herbst auch eine Demoralisierung und Verzweiflung der Aufrechten in der Zivilbevoelkerung und – wachsenden Unmut an Karsai und der Regierung. Es waere vermessen, beiden Denkrichtungen ihre Begruendung abzusprechen.
Wie schon gesagt – fast alle, die ich hier gesprochen habe, waren ein oder zwei Jahre weg, als die Talibs sich etablierten und ihr Terrorregime errichteten. Besagter hier gebliebener Ingenieur jedoch berichtete, wie er von den Taliban misshandelt wurde – auf die Frage nach seinem Beruf und seine Aussage, er sei Ingenieur zog ihm einer der selbst ernannten „Gotteskrieger“ den Gewehrkolben ueber den Schaedel. Bei den Worten: „Wenn die wiederkommen, dann bringen die mich um!“ – da flackerte einen kurzen Moment besagte Panik in den Augen des Kollegen auf – eine Panik, die dann aber sofort in das Lamento des um sein Leben Betrogenen ueberging. Das Lamento dessen, der dreissig Jahre an diesem Ort ausgehalten hat – diesen Ort, den er doch liebt, an dem auch seine Kinder geboren sind, an dem er geheiratet hat, an den er trotz allem – auch in Erinnerung an unbeschwertere Zeiten in Kindheit und Jugend doch immer noch glaubt. Denn – letztlich ist es bekanntlich die Hoffnung, die zuletzt stirbt. Hier wie ueberall.

Die vielen Bauarbeiter hier indes – sie hatten ohnehin – auch in der schlimmsten Phase der Taliban-Herrschaft wohl kaum eine Chance, woanders hin zu gehen. Kaum einer auch von diesen will die Talibs zurueck haben.
Nur einige Ewig Gestrige. Aber - deren Erfolg steht und faellt auch mit dem NATO-Strategiewechsel und Erfolgen des Westens - und der Regierung hier. Er steht und faellt mit der Bereitschaft „des Westens“, auf die Menschen hier zuzugehen und endlich einmal den alleine nationalstaatlichen Ansatz bei der Herangehensweise an diesen 30-jaehrigen Krieg und das darin wohnende scheinbar ewige Konfliktpotential hier ueber Bord zu werfen.

Eine der wichtigsten Synthesen aus Zahra Breshnas Dissertation „Das historische Zentrum von Kabul, Afghanistan – Grundlagenermittlung fuer eine Strategie der Wiederbelebung“ lautet : „ ...Der Masterplan (Planungsmodell der Moderne) generell entspricht einer zentralistisch, deterministischen Planung mit hierarchisch-autoritaeren Strukturen, die technokratisch ohne Bezug auf die Besonderheiten (Kultur und Tradition) des Ortes und der Bevoelkerung hypothetisch und letztendlich illusionaer vorgeht. Dadurch sind bei der Entwicklung der Staedte die Identitaetsmerkmale der Orte verschwunden, weil in der Moderne (als eine ewige Gegenwart ) das Alte durch das Neue und vermeintlich Bessere zu ersetzen ist. Das Neue wird dabei durch staendige Wiederholunmg des Prozesses selbst zur Vergangenheit und somit Teil einer neuen Tradition. (a.a.O., S. 164, Universitaetsverlag Karlsruhe 2007, ISBN: 978-3-8664-104-0 )
Wenn man das so liest und das Gebaren des „freien Westens“ bisher dort – insbesondere unter dem Vorzeichen des Huntington’schen „Clash of Civilisations“ ansieht, dann sind die NeoCons eigentlich die direkten Nachfolger der Sowjets. Genauso einfaeltig, jegliche Komplexitaet ausklammernd und ignorierend und – mit allen Mitteln alles, was dem determinierten Unilateralismus zuwiderlaeuft an dem einen Ort propagandistisch ausgrenzend – an dem anderen Ort eben mit Waffen bekaempfend.

Aber – vielleicht ist das eine Staerke des amerikanischen Systems gegenueber „good old Europe“: die Faehigkeit zum radikalen Wechsel. Die groesste Staerke, die aber natuerlich – insbesondere bei Betrachtung der letzten acht Jahre – ganz besonders nach 9/11 auch zur groessten Schwaeche wird. In dieser speziellen Situation jedoch koennte sie auch wieder zur groessten Staerke werden. Unsere Hauptsponsoren hier kommen ergo auch aus den US und natuerlich dem UK – Team Canada ist selbstverstaendlich auch dabei, japanische Industrielle, Scheichs aus den Emiraten auch. Nur aus „Old Europe“ ist keiner dabei – Frankreich, Italien und Deutschland glaenzen einmal mehr durch inhaltliche Abwesenheit.
Vielleicht ist doch ein Kern Wahrheit in Rumsfeld’s Spaltkeil in „Old“ und „New Europe“ – zumal, wenn man die NeoCons als „geistige Erben“ der Sowjetideologen betrachtet. Aber – wie war das noch mit dem zu spaet kommen und der Bestrafung durch das Leben ?
Lady Macbeth hat das auch erst zu spaet gemerkt – als der Wachtraum des Dagger-Monologes schon Wahrheit geworden war. When shall they three then meet again – in thunder, lightning or in rain ?
Bad government style eben. Will it be sand, will it be dust – will there be rocks – will there be water – or will there be snow, where they get trapped in ? Or – will it be fire ? Welches Element wird letztlich die Laokoon-Gruppe von „Old Europe“ gefangen nehmen ? Oder – welche Schlange wird ihnen mit hypnotisch kullernden Augen zufluestern: „Trust in me – vertraue mir – fait confiance a moi – fidarti di me !“
That might be the questions – um es mit Hamlet zu sagen.

Am Abend des Mittwochs, des Tages der Anschlaege hier gab es natuerlich verstaerkte Strassenkontrollen in Kabul - aber - das war ja auch nicht anders zu erwarten. Am folgenden Morgen waren Leute von uns auch schon wieder im Ministry for Education.
Die Stimmung ist natuerlich etwas angespannter - als einer unserer afghanischen Kollegen am Donnerstag angerufen wurde und von einer erneuten Detonation in der Innenstadt berichtete war gleich wieder leise Aufregung zu verspueren - wir haben dann aber direkt die Message bekommen, dass es sich um eine kontrollierte Sprengung handelte - vielleicht eine Landmine, die bei Bauarbeiten gefunden wurde.

Donnerstag Mittag dann begann es zu schneien. Erst Regen, dann immer mehr Schnee. Freitagmorgen war alles weiss. Ueberall begannen die Menschen die Flachdaecher von den inzwischen mehr als zwanzig Zentimeter zu befreien. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ist der Schnee besonders schwer und nass und die ueberwiegend in Lehmbauweise erstellten Bauten insbesondere an den Berghaengen rund um Kabul, aber auch „downtown“selbst sind nicht fuer groessere Schneelasten ausgelegt. Ein Haus benoetigt eben Pflege – es ist wie der darin wohnende Mensch etwas, das man achtsam behandeln muss – das Haus ist wie der Partner, der Freund jemand, der einem die gute Behandlung mit Wohlbehagen und Schutz und - Geborgenheit zurueckgibt.

Es schneit weiter – auch am Freitag, dem muslimischen Sonntag. Der weisse Hund hier im Hof scheint ganz irritiert. Der Blick aus den orangebraunen Augen ist noch waermer als sonst.
Heute, Samstagmorgen ist der Himmel klar – die kalte Winterluft laesst den Blick weit hinaus ueber das Tal hinueber zum wieder schneebedeckten Hindukusch streifen. Der Smog der Dieselaggregate, der Spritfresser auf den Schlaglochpisten und der saegemehlbefeuerten Bacharis – der hiesigen „Kanonenoefen“- hat sich noch nicht als undurchdringbarer Tschador, der hellblauen Burka mit dem vergitterten Blickfenster gleich ueber die Stadt gelegt.
Kabul, ein Wintermaerchen.