Leserartikel-Blog

DARWIN-Jahr: HARMONIA-Polymorphismus: Vielgestaltigkeit & Variabilität in Form/Zeichnung/Farbe bei Marienkäfern

Eins ist nun SICHER: "In Deutschland gibt es HARMONIA!“ – das Asiatische Marienkäferchen. Als NEOZOEN (Einzahl: Neozoon Mehrzahl: Neozoa eingedeutscht Neozoen aus dem Griechischen mit der Bedeutung "Neutier") bezeichnet man eine Tierart wie „HARMONIA axyridis“, den in Mittelhessen Anfang Oktober 2009 (07.10.) massenhaft gesichteten MARIENKÄFER, der von Menschen in deutsche Gebiete verbracht worden ist und sich hier mittlerweile fest etabliert hat.

Drei Kriterien müssen erfüllt sein, um von einer Neozoe zu sprechen: (1) direkte oder indirekte Einführung durch Menschen; (2) nach 1492 und (3) sich selbst reproduzierende Populationen die ohne menschliche Hilfe auskommen. Der Handhabbarkeit halber werden hier 3 Generationen oder 25 Jahre als Hilfskriterium verwendet. Tierarten, die vor 1492 eingeführt wurden, werden gesondert betrachtet. Die Wissenschaft, die sich mit Neozoa beschäftigt, heißt INVASIONS-Biologie. (1)

Überholte Legenden-Weisheit

Die Bezeichnung „Marienkäfer“ stammt aus einer Zeit, als man noch zu Gott betete, wenn die Ernte von Blattläusen befallen war. An Maria Himmelfahrt dann, so geht die Legende, kamen die hübschen Tierchen vom Himmel auf die Erde und vernichteten die Schädlinge. Von da an nannten die Menschen sie "Marienkäfer", nach der Mutter Gottes.
Dass die Marienkäfer momentan im Oktober in Mittel-Hessen in regelrechten Scharen auftreten, widerspricht der Legenden-„Weisheit“:

Da noch häufig die Sonne bei warm-schwülen Südwinden schien, sammelten sich die vermeintlichen "Glücksbringer" an warmen Orten wie hellen Hauswänden und an der Fensterscheibe, um Energie zu tanken. Das Auftreten von riesigen Marienkäfer-Grüppchen war jetzt für viele sehr ungewöhnlich. Noch vor drei Jahren wurde der schöne 7-Punkt-Marienkäfer als Nützling zum "Insekt des Jahres" gewählt. Nun spricht man immer häufiger von "schädlichen" Marienkäfern. Gemeint sind dabei NICHT unsere heimischen Marienkäfer, die ja pflanzenfressende Arten wie die Blattlaus vertilgen. Sie sind uns natürlich weiterhin gerade im integrierten Pflanzenschutz sehr willkommen.

Niemand dachte vor Jahren jedoch, er würde Gutes tun, indem er eine asiatische Marienkäfer-Art bei uns einführte. Diese bedrängt heute die einheimischen Käfer, da sie sich sehr schnell reproduziert und neben Schädlingen auch Marienkäferlarven frisst. Nunmehr droht eine Gefahr:

http://www.giessener-zeit...

Weltweit gibt es 4000 Marienkäfer-Arten! Gefragt wurde ich: „Stimmt es eigentlich, dass 1 Punkt = 1 Jahr alt auf den Flügeln der Marienkäfer bedeutet? – NEIN, das ist ein Märchen. Die Zahl der Flecken ist charakteristisch für eine Art. Der Siebenpunkt-Marienkäfer (Coccinélla septempunctata) ist mit roten Flügeldecken und den insgesamt 7 schwarzen Flecken, (wie seine grauvioletten Larve) ein eifriger und nützlicher Vertilger der Blattläuse. Unter Laub oder ähnlichen geschützten Stellen überwintern die Käfer. Die FORM der 7 Flecken ist hier allein variabel; gering ist die Farben-Variabilität.

Innerhalb vieler Marienkäfer-Spezies gibt es zahlreiche Varianten: z. B. den Rotpunkt-Marienkäfer (Chilócorus renipustulátus) mit schwarzer Grundfärbung und rötlichen Flecken sowie einem mehr gerundeten Körperumriss; eine bei uns nicht häufige Art.

Interessant ist die Polymorphie (Vielgestaltigkeit) der äußerst variablen Art des Zweipunkt-Marienkäfers (Adalia bipunctata): mit glänzend roten Flügeldecken und je 1 schwarzen Punkt (Halsschild schwarz-weiß gefleckt) oder aber auch schwarz mit roten Punkten (2x2, schwarzes Halsschild; Grundtyp in der Färbung variierend). Diese Art überwintert häufig in Gebäuden.

Dass es z.B. zitronengelbe 22-Punkt-Marienkäfer gibt (Thea 22-punctata) mit schwarzen Punkten (frisst Mehltaupilze) und einen Augen-Marienkäfer (Anatis ocellata) mit roten Flügeldecken und je 10 weiß gesäumten Flecken, sei hier nebenbei erwähnt; abgebildet sind die Arten in „Der große Kosmosnaturführer“ von Wilfried STICHANN (Stuttgart 1996; S. 417).

Gerade aber der Asiatische Marienkäfer mit dem HARMONIE-Namen (nicht im Kosmos-Naturführer erwähnt) – in Mittelhessen momentan als „Spuk“ an warmem Tag (7.10.) eingewandert - ist ein klassisches Beispiel für extreme VARIABILITÄT. Meine zufällig aufgesammelten und fotografierten HARMONIAs-„Gladenbachiensis“-Exemplare belegen dies eindringlich. (Siehe Links – Bilder von mir ebenda.)

Zu meinen HARMONIAs-Fotografien fragte man mich auch: „Warum leuchten die Augen so unheimlich weiß?“ – vergleiche dazu auch unser Siebenpunkt-Marienkäferchen mit weißen "Schein-Augen". Dabei meinte man die hellen Flecken auf dem Halsschild. Die wirklichen Augen aber sind dunkel und kleiner. Sie befinden sich weiter innen darunter und vorne. Dass die beiden weißen Flecke auf den ersten Blick wirklich für große Augen gehalten werden, hat eine Bedeutung: z.B. für einen Vogel, den die „Scheinaugen“ möglicherweise abschrecken. So kann der Käfer eher NICHT vom Fressfeind gefressen werden.

Zur Abschreckung gibt es im Tierreich ja viele Beispiele für "Nachahmer"; siehe mehr dazu im WEB: Thema Mimikry & Mimese. Beispielsweise geschieht Signal-Fälschung so: Durch Mimikry bewirkt die nachahmende Art (weiße Marienkäfer-Flecken) die Täuschung eines Signal-Empfängers (des Individuums der dritten Art: einer Vogelart) durch ein nachgeahmtes, gleichsam „gefälschtes“ Signal, das für den Signal-Empfänger eine bestimmte Bedeutung hat.

Zu MIMIKRY siehe weiterführend http://de.wikipedia.org/w...

Vom Nützling zum Schädling Marienkäfer aus Fernost

Unter diesem Titel hat Michael SCHLAG in der F.A.S. am 05.05.2008 einen langen Artikel verfasst:

Irritiert hatte man das Institut für Phytopathologie der Universität Gießen aufgesucht, wo der vermeintliche Glücksbringer schnell entlarvt wurde: 19 schwarze Punkte auf den roten Flügeln und das schwarze "M" auf seinem weißen Halsschild wiesen ihn eindeutig als einen Vertreter der asiatischen Käferart Harmonia axyridis aus.

Der Vetter aus Fernost sei „etwas größer als der beliebte heimische 7-Punkte-Marienkäfer und verfügt über eine erstaunliche Formenvielfalt“ ist in der FAZ zu lesen. Anders als sein europäischer Verwandter sei er wenig wählerisch, was seine Nahrung betrifft: Blattläuse, Blattflöhe, Gallenläuse und Schildläuse fresse HARMONIA. Und genau aus diesem Grund wurde er schon 1916 aus seiner asiatischen Heimat zum Zwecke der biologischen Schädlingsbekämpfung in die Vereinigten Staaten exportiert. Nach Europa kam er nicht etwa als blinder Passagier, sondern wurde ganz bewusst eingeführt. Zum ersten Mal 1982 nach Südfrankreich, dann nach Belgien und in die Niederlande. Von dort gelangte er schließlich über den Versand-Handel auch nach Deutschland, wo er unter Gärtnern als biologische Alternative zum Chemikalien-Einsatz in der Gewächshaus-Kultur gilt.

Das Sat.1 Regionalmagazin Rheinland-Pfalz / Hessen sah schwarz-rot in Hessen: Da Scharen von asiatischen Marienkäfern derzeit Fassaden bevölkerten drehte man einen sehenswert-informativen und schönen Film, befragte Experten und filmte schon 2008 die interessanten Krabbeltiere im und am Haus; Ritze zum Eindringen an Türen und Fenstern werden anschaulich mit den „Plagegeistern“ gezeigt:

http://www.1730live.de/se...

"Der asiatische Marienkäfer zeigt ganz eindeutig die Tendenz, einheimische Arten zu verdrängen", sagte der Entomologe Andreas VILCINSCAS vom Institut für angewandte Zoologie der Uni Gießen. Im SAT 1 – Video ist der Entomologe zu sehen. Die erste frei lebende Population von Harmonia axyridis ist erst 1988 in Louisiana entdeckt worden war. Doch innerhalb weniger Jahre gelang es ihr, sich von dort aus bis nach Florida und Kanada auszubreiten. In Europa dauerte es weniger lange: 15 Jahre nach der Einfuhr fand sich der asiatische Marienkäfer 1997 bereits im belgischen Freiland. Um die Jahrtausendwende herum trat er dann erstmals im Rhein-Main-Gebiet und in Hamburg auf.

Als man ihn als Nützling rief, habe man die ökologische Potenz des asiatischen Marienkäfers wohl eindeutig unterschätzt, meint Andreas Vilcinskas von der Universität Gießen. Das System des biologischen Pflanzenschutzes, einem Schädling seinen natürlichen Feind an die Fersen zu heften, sieht er deshalb zwar nicht gleich in Frage gestellt, aber garantiert folgenlos sei die Methode eben auch nicht.

Anpassungsfähig wie bei der Quartierssuche sei der asiatische Marienkäfer bei der Wahl seiner Wirtspflanzen, ist in der FAZ zu lesen. Ursprünglich sei er ein typischer Baumbewohner gewesen. Nun trete er in Deutschland mittlerweile auch an Obst, Gemüse, Getreide und Zierpflanzen auf.

Harmonia axyridis sei nicht einmal auf eine bestimmte Körperfarbe oder -zeichnung festgelegt: „Er kann durchaus dem 7- oder dem 4-Punkte-Marienkäfer ähneln, seine Punkte können aber auch größer ausfallen, bis er fast durchgängig schwarz aussieht. Manchmal treten die schwarzen Punkte ganz in den Hintergrund, er erscheint dann hell orange.“

Die einzelnen FARB-Variationen seien dabei nicht genetisch festgelegt (!), sondern eine ANPASSUNG an die Umgebungs-Temperatur. Dies fand Michael MAJERUS von der University of Cambridge heraus. Welche Farbe das erwachsene Tier annimmt, wird durch die Bedingungen festgelegt, unter welchen es heranwächst: Je niedriger die Temperatur am Ende des Larvenstadiums liegt, umso dunkler färbt sich die Puppe. Das sei aus naheliegenden Gründen von Vorteil: „Die dunkle Farbe absorbiert mehr Wärme und erlaubt eine schnellere Entwicklung.“

Darüber, dass Weinbauern beobachteten, wie sich HARMONIA über ihre Trauben hermachte, wie Geschmacksrichter auf Wein-Prämierungen bei etwa fünf Prozent der Proben einen seltsamen Geschmack festgestellt haben ("ranzige Erdnuss", "gekochter Spinat") berichtet die F.A.S. Und: Das Julius-Kühn-Institut, die ehemalige Biologische Bundesanstalt, informiert in einem Informationsblatt hierzu.
Mehr siehe hierzu in
http://www.faz.net/s/Rub8...

Anmerkung

(1) QUELLE: http://www.eichhoernchen-...

AUGEN auf bei uns:

Das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) war ursprünglich nur in Nordamerika beheimatet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es in England, Irland und Südafrika eingeführt. In Großbritannien gab es einen großen Konkurrenzkampf zwischen dem Grauhörnchen und den damals dort heimischen Eichhörnchen, denn Lebensraum und Lebensweise der Arten waren gleich.

Allerdings setzte sich die überlegenere Art, das Grauhörnchen, durch und hat das Eichhörnchen im größten Teil Großbritanniens verdrängt.

Hoffentlich passiert dies nicht in der BRD!