Leserartikel-Blog

Die Macht der Zäune

Jeder Gartenbesitzer weiß: Zäune, Mauern oder zumindest hohe Hecken, am besten mit natürlichem Dornenbesatz, sind so schön praktisch. Sie schützen vor Eindringlingen, seien dies nun Menschen oder Tiere. Sie sind wie der schmuse-weiche Pullover um das eigene Gut: Alles meins! Innen behaglich, nach außen den kalten Wind abweisend. Auch Zoobesucher wissen um diese Vorteile. Ein paar Gitterstäbe oder ein Wassergraben lassen den Blick auf das Raubtier mit den langen Zähnen gleich viel entspannter genießen. Inzwischen üben sich noch viel mehr Menschen in dieser Erkenntnis, ohne es zu bemerken. Sie sitzen wohlfeil vor dem Fernseher und grölen über den eine Frau suchenden Bauern oder rufen vorwitzig dem Kandidaten bei Jauch die richtige Antwort zu. Der Bildschirm schützt sie, obwohl er oftmals so nett spiegelt.

Zäune haben auch als politisches Instrument eine lange Tradition. Den Chinesen gönnen wir ein Weltwunder, aber ihr heutiges Abschotten sehen wir nicht so gern. Die Berliner Mauer teilte entzwei, was sonst nur eins gewesen wäre. Auch auf dem Wasser wollte man Zäune errichten, mehrfach zwischen England und dem Festland oder rund um Cuba. Manchmal halfen die Einrichtungen nicht, das bemerkten nicht nur die Franzosen an ihrer Maginot-Linie. Manchmal verrosteten sie einfach wie der eiserne Vorhang. Der Wassergraben schützte den Burgfürsten. Oder war es ein selbst gewähltes Gefängnis wie Luthers Wartburg? Ein Gefängnis hat immer Mauern oder Zäune. Drinnen sollen die Kriminellen, die Pädophilen, die Terroristen oder die Juden gehalten werden. Manchmal wollen die Insassen auch fern der Freiheit sein, lassen wie einen Garten rings um ihre Residenz in Heiligendamm oder dem Reichstag nur eine friedliche Natur zu.

Der Blick ist verwehrt, der freie Gang ohnehin - doch beiderseits, das wäre zu betonen! Ein Zaun ist stets eine inszenierte Machtdemonstration, doch auch der Mächtige sperrt sich damit ein. Was außen und was innen ist, ist manchmal schwer, manchmal sogar unmöglich zu benennen. So wirkt die Macht des Zaunes zurück auf den Eingrenzenden. Er sagt leichthin, das eine sei draußen, das andere willkommen. Doch wenn der Zaun einmal steht, dann ist es auch für ihn ein Hindernis. Er täuscht sich darüber nur manchmal allzu gerne. Und weil auch der freie Blick verhindert ist, urteilt er über manchen Zaun anders, obwohl er dem seinen entspricht.

Wen schützt der Bauzaun um Stuttgarts Bahnhofsneubau? Damit Unbedarfte nicht versehentlich die Baustelle betreten oder weil Unstimmige sie nicht betreten sollen? Wer kann nicht zu seinen politischen Vertretern, der Böse oder der Bürger? Worin liegt der Unterschied zwischen dem Einsperren der Kommunisten durch die Nazis, der japanischen US-Bürger zum amerikanischen Kriegseintritt und der Verdächtigen in Guantanamo? Oder soll der Zaun verhindern, dass jemand Unterschiede ausmacht, vielleicht auch nur darüber nachdenkt?

Zäune brauchen nicht sehr hoch zu sein, nicht einmal materiell. Der Verdacht auf bestimmte Verbindungen genügte zur McCarthy-Ära, dass Menschen ausgesperrt wurden, ebenso wie beim deutschen Extremistenbeschluss. Wer heute nicht konsumgeil und karriere-orientiert ist, der ist irgend wie anders. Und chancenlos. Ein Stopp-Schild sollte manche davon abhalten, zu weit zu surfen. Es nicht durch den Zaun sehen zu können, ist als wäre es nicht da. Zwischen Arm und Reich, in Deutschland erst am Beginn, gibt es diese Zuordnung weltweit schon länger; eine Favela trägt ihren Namen, weil das Arrangement eine Abgrenzung enthält. Notfalls sind Mauern die bessere Wahl.

Die deutsche Mauer und die chinesische sind Vorläufer, so oder so, für die Grenzzäune zwischen USA und Mexiko, sichtbares Relikt einer Dominanz auch in der NAFTA, zwischen Nord- und Südkorea als Linie auf dem Papier, zwischen Europa und Afrika per Namen. Die Gepflogenheiten der Diplomatie sind Mauern, die von wikileaks in Frage gestellt wurden. Doch auch hier gibt es installierte Selbstschussanlagen. Der Wutbürger in Stuttgart und vor Gorleben erlebt lebenden Mauerersatz mit Schutzhelmen, aber was wird hier getrennt? Die Antwort ist nie einfach. China wegen seiner rücksichtslosen Industriepolititik anzuklagen, die Bauern entrechtet und entwurzelt, bei Staudammprojekten und neuen Chemie-Anlagen, aber daheim eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken gegen den mehrheitlichen Willen der Menschen durch die politische Führung zu erleben?

Die großen Revolutionen waren stets mit einem Einreißen von Mauern verbunden. 1989 ist im Gedächtnis. Die französische Revolution zerstörte den Wall zwischen Adel und Volk, die Aufklärung die Vorstellung eines Menschen zweiter Ordnung. Japans Aufstieg und nun der chinesische begann mit einer Öffnung im Grenzwall, hinter dem man sich selbst genug war. Wir feiern nicht nur diese, sondern auch die wissenschaftlichen Revolutionen, die stets mittels eines neuen Weges eine Mauer der begrenzten Möglichkeiten niederriss. Der erste Mensch am Südpol, auf dem Mount Everest, im All oder auf dem Mond sind Markenzeichen, gerade weil sie bislang gültige Limits überwanden. Für jeden Fortschritt, für jedes Lernen ist eine Offenheit erforderlich.

Wir sollten Zäune und Mauern keine Macht erteilen. Alles lehrt uns nur, dass sie schädliche Folgen haben. Wer glaubt, ein Zaun wäre eine Lösung, der hat schon kapituliert. Der Zaun mag irgend wann überwunden werden, doch das Problem, für das er angeblich eine Lösung war, besteht noch. Nur in einem ersten, kurzen Eindruck nach dem Bau der Mauer scheint alles bestens, so friedlich und scheinbar rein. Das ist die eigentliche Macht, das Böse der Zäune! Sie preisen durch ihren kurzen Triumpf, wie gut sie doch wären. Später mag sich dies ändern, aber dann sind sie längst ein gewohnter Anblick. Doch dieser scheinbare Sieg für den Moment lässt Manchen darüber nachdenken, ob sie nicht auch praktisch an anderer Stelle wären. Wenn er Flüchtlinge abhält und Triebtäter wegsperrt, warum dann nicht auch neugierige Blicke durch Passanten, den Lärm spielender Kinder, die unwillkommenen Meinungen und Ansichten, die Anderen und alles, was irgend wie stört?

Und am Schluss hat jeder seine Parzelle mit dem netten Eigenheim darauf, als erste gespeicherte Nummer auf dem Handy die eines Anwalts oder der Polizei, damit man rasch eingreifen kann, wenn trotzdem irgend etwas Fieses, Häßliches, Garstiges über den Wall dringt. Die Macht der Zäune ist groß. Deutschland hat heute die höchste Rate an Nachbarschaftsstreits in seiner Geschichte. Wer sich eine Hand vor Mund und Augen hält, der ist nicht mehr in der Lage zu reden oder Wahrheiten zu erkennen. Zivilisatorisch ja, da haben Zäune oft zu einem Aufstieg geführt, erst einmal. Aber menschlich und als unsere Errungenschaft sollte man Mauern verdammen, denn die Fähigkeit zu Kommunikation und Verständnis ist es, was uns wirklich erhoben hat.

Ein Zaun ist immer ein Ausruf: Ich hier, du da! Er trennt nicht nur, sondern verschärft den Unterschied noch. Er sagt beiderseits seiner Grenzziehung, dass man anders wäre als die dahinter. Christen gegen Moslems, Linke gegen Rechte, Jung gegen Alt, Schwarz gegen Weiß. Das ist nicht das, was wir unseren Kindern lehren wollten! Das ist auch nicht das, was uns gut bekommt. Denn wir leben nicht mehr jeder für sich auf einem heimeligen, eigenen Grund. Wir sind Menschen einer Welt. Aber vielleicht sind wir auch nur Opfer der Zäune. Sie preisen sich so fein an, dass wir vergessen, wir brauchen auch die Freiheit. Wir brauchen auch das Erdöl aus arabischen Ländern, die Billigware aus Fernost, die Lebensmittel von der ganzen Welt, die Absatzmärkte und die Urlaubsorte. Wie die Luft zum Atmen.

Die lacht nur über unsere Beschränkungen und weht, ganz unabhängig von Mauern und anderen Grenzmarkierungen, uns ein wenig Vulkanstaub zu.