Leserartikel-Blog

Frauenquoten und ihre unbeabsichtigten Effekte...

Liebe Leserin,

lieber Leser,

stellen Sie sich einmal vor, sie haben 4 Kinder, und zwar 2 Mädchen (nennen wir sie Anna und Hannah) und 2 Jungen (Mirco und Marco).

Eines Abends wollen sie diesen etwas besonders Leckeres servieren, und anstelle der sonst üblichen Butterbrote mit Käse und Schinken backen Sie Ihnen eine Pizza.

Diese teilen sie in 4 Teile, so dass jedes Kind ein Stück bekommt.

3 Ihrer Kinder sind auch sofort begeistert und beißen in ihre Stücke hinein.

Nur Anna lehnt ab – sie mag keine Pizza – Pizza sei Ihr generell zu salzig und zu scharf. Sie bestimmen daher, dass das übrigbleibende Pizzastück in den Kühlschrank kommt und später auf alle Interessierten verteilt wird, während Anna mit Vergnügen ein paar Käse- und Schinkenschnitten isst.

Hannah (ein ungewöhnlich frühreifes Mädchen) protestiert dagegen: Die derzeitige Pizza-Zuteilung benachteilige ganz eindeutig Mädchen. Denn obwohl der Mädchenanteil unter den Kindern bei 50% läge (2 Mädchen contra 2 Jungen) bekämen die Jungen zusammengenommen 2 Stücke Pizza, während auf die Mädchen insgesamt lediglich 1 Stück Pizza entfiele (nur Hannah bekommt ja eines).

Sie zeigen Verständnis für diese Argumentation und teilen Hannah nicht nur eines, sondern 2 Stücke Pizza zu. Somit gehen 50% der Pizza an die Mädchen und 50% an die Jungen. Ohne Zweifel eine gerechte Lösung!

Oder etwa nicht?? ;-)

Falls Sie, liebe Leserin und lieber Leser, von der Gerechtigkeit dieser Lösung vielleicht nicht so ganz überzeugt sind, so sei erwähnt, dass es in der derzeitigen Öffentlichkeit ein Pendant dazu gibt: Gemeint ist die Diskussion über Frauenquoten!

Hier argumentieren nämlich die Befürworter ähnlich wie Hannah und ihre Eltern: Sie nehmen als Messlatte offenkundig den Frauenanteil in der Gesellschaft (ca. 50% - wie oben in der fiktiven Familie). Ein deutlich unter 50% liegender Frauenanteil in einem bestimmten gesellschaftlichen Bereich (z.B. ein Unternehmens- oder Parteivorstand) ist daher nach dieser Lesart eindeutig auf diskriminierende gesellschaftliche Mechanismen zurückzuführen.

Das ist jedoch zu kurz gedacht, denn es ist durchaus auch möglich, dass schlicht weniger Frauen als Männer an bestimmten Positionen interessiert sind - genauso, wie in unserem Pizza-Beispiel weniger Mädchen als Jungen an einem Pizzastück interessiert waren, trotz 50% Mädchenanteil unter den Kindern – und ein unterdurchschnittlicher Frauenanteil auch hierin begründet liegt.

Ein Beispiel, an dem sich die hier aufgestellte These markant belegen lässt, ist die jüngst von der CSU aufgestellte Frauenquote von (mindestens) 40%. Diese wurde mit dem Ziel aufgestellt, Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen, was in dem Sinne verstanden wurde „die Frauen“ müssten bei Parteiämtern zumindest annähernd gleichstark repräsentiert sein wie „die Männer“.
Tatsächlich hat die CSU jedoch nur knapp 19% weibliche Mitglieder. Der geringe Frauenanteil in CSU-Gremien ist damit zumindest teilweise schlicht mangelndem weiblichem Interesse an einer CSU-Mitgliedschaft geschuldet. Die 40%-Quote aber führt unter diesen Umständen dazu, dass eine weibliche Kandidatin - (gleiche "Kandidaturwilligkeit" von Männern und Frauen vorausgesetzt) - knapp. 3 mal so große Chancen hat, an ein Amt zu kommen, wie ein männlicher Kandidat.

Mit Gleichberechtigung von Frauen und Männern hat dies in Wahrheit wenig zu tun, und das Ziel der Quote, Chancengerechtigkeit herzustellen wurde im Falle der CSU eindeutig verfehlt.

Indes ist der hier dargelegte Sachverhalt noch kein Argument gegen die Frauenquote an sich. Sofern man sie aufstellt, müsste man sie aber an den tatsächlichen, im konkreten Fall gegebenen - Geschlechterverhältnissen ausrichten. Um wieder das CSU-Beispiel herauszugreifen: Geht man von den Parteimitgliedern (mit ihren 19% Frauen) aus, so wäre derzeit - vom Gesichtspunkt der Chancengleichheit aus betrachtet - eine Quote gerechtfertigt, die sicherstellt, dass der Frauenanteil an den Parteiämtern nicht eklatant von diesen 19% abweicht. Möglich wäre eine starre 19%-Quote (die sehr unflexibel wäre!) oder z. B. eine Mindestfrauenquote von 16%, so dass die 19% in Grenzen unter- aber auch überschritten werden dürfen.
Sollte sich das Geschlechterverhältnis in der CSU zukünftig zugunsten der Frauen verändern, so müsste solch eine Quote natürlich den aktuellen Mitgliederverhältnissen angepasst - also entsprechend höher gesetzt werden!

Noch besser wäre es allerdings, das Kandidaturverhalten für Parteiämter als Meßlatte zu nehmen, da ja die einzelne Kandidatin für ein Parteiamt dieselbe Chance haben sollte wie der einzelne Kandidat - und das Geschlechterverhältnis bei den Kandidat(inn)en sich durchaus vom Geschlechterverhältnis bei den Mitgliedern unterscheiden kann (sowohl nach oben als auch nach unten): Zu messen wäre dann, wie viel Prozent unter den Kandidat(inn)en für bestimmte Parteiämter weiblichen bzw. männlichen Geschlechts sind - und danach die Quote auszurichten.

Auch existierende - und geforderte - Frauenquoten in anderen gesellschaftlichen Bereichen wären einmal in dieser Hinsicht zu beleuchten. Nehmen wir die jüngst geforderte (und von Kanzlerin Merkel verworfene) Frauenquote in Führungsgremien der Wirtschaft: Was, wenn weniger „männliche Netzwerke“ und voreingenommene Personalchefs der Grund für den geringen Frauenanteil in diesen Gremien darstellen, sondern (auch) die Tatsache, dass sich weniger Frauen als Männer für eine Spitzenposition interessieren? (vgl., hierzu auch folgendes Interview mit der kanadischen Psychologin Susan Pinker http://www.faz.net/s/RubC... ) Auch in anderen Bereichen (und zwar schon in der Wahl ganz banaler Freizeitaktivitäten) gibt es schließlich unterschiedliche Präferenzen bei Männern und Frauen. Kann man wirklich ausschließen, dass das Interesse an einer Spitzenposition in einem Unternehmen bei Frauen und Männern nicht auch unterschiedlich ausgeprägt sein sollte? Das Phänomen der „Goldröcke“ in Norwegen – wo sich seit Einführung einer 40%-Frauenquote ein Kreis von ca. 70 Managerinnen rund 300 Aufsichtsratmandate teilt - scheint zumindest ein Indiz für die Richtigkeit dieser Hypothese zu sein. – offensichtlich hat man Schwierigkeiten, Kandidatinnen zu finden.

Nun kann es natürlich sein, dass ein geringes Interesse von Frauen an bestimmten lebensrelevanten Entscheidungen (z. B. an einem Ingenieurstudium oder – wie gemutmaßt – dem Anstreben einer Chefposition) auch in gesellschaftlichen (und unbewusst verinnerlichten) Prägungen und Vorurteilen begründet liegt. Um auf das Pizza-Beispiel zurückzukommen: Anna hat in der Schule so oft gehört, dass Pizza „nichts für Mädchen sei“, dass sie es schließlich selber zu glauben begann, das Vorurteil zu ihrer eigenen Position gemacht hat und deshalb die Pizza ablehnt. In diesem Fall nutzt Anna die von den Eltern aufgestellte „Pizza-Frauenquote“ aber auch nichts. Denn zwar bekommen „die Mädchen“ im obigen Beispiel genauso wie „die Jungen“ 2 Stücke Pizza, doch das nutzt nur Hannah (die die doppelte Portion für sich kassiert) nicht aber der eigentlich „betroffenen“ Anna. Auf ein Unternehmen übertragen hieße das: Einer Frau, die eine Spitzenstellung in einem Unternehmen ablehnt, weil sie - wie wir einmal unterstellen wollen - durch in der Gesellschaft grassierende Vorurteile eingeschüchtert wurde und sich deshalb eine Chefposition nicht zutraut, nutzt eine Frauenquote für Spitzenposten schlicht nichts. Denn diese kann ja per se nur für ihre Kolleginnen gelten, die einer Spitzenposition aufgeschlossen sind. Sie – und nicht die ablehnende Mitarbeiterin – streichen den aus der Quote erwachsenden Vorteil für sich ein – genauso, wie Hannah (und nicht Anna) das zweite Stück Pizza für sich einstrich!

Insgesamt gilt es also, bei der Festlegung von Frauenquoten keinen abstrakten Prinzipien zu folgen, sondern genau hinzuschauen und die Geschlechterverhältnisse „vor Ort“, im konkret vorliegenden Fall anzusehen. Denn das Ziel einer Frauenquote kann es doch nicht sein, dass - unabhängig vom Verhältnis bei den Bewerbern - „die Frauen“ annähernd so viele Ämter bzw. Posten bekommen wie „die Männer“ sondern dass die einzelne Frau und der einzelne Mann bei der Vergabe von Ämtern oder Posten jeweils die gleichen Chancen hat und weder die ersteren noch die letzteren benachteiligt werden. Die aktuelle Diskussion verläuft jedoch in der Regel in den Bahnen von „Die Frauen“ vs. „Die Männer“, verwechselt also die Kollektivebene mit der Individualebene und produziert damit zwangsläufig Ungerechtigkeiten. Auch im obigen Familienbeispiel wurde auf der Ebene von „Die Jungen“ vs. „Die Mädchen“ argumentiert. Dies führte – wie wir sahen - faktisch zu Ungerechtigkeiten bei der abendlichen Pizzazuteilung. Bei der Diskussion um Frauenquoten in Parteien und Unternehmen wird oft derselbe Denkfehler gemacht, nur dass es hier nicht um die Verteilung von Pizza, sondern um die Verteilung von Chancen geht! So argumentiert man zur Zeit am eigentlichen Ziel einer Gleichstellungspolitik vorbei.