Rudolf Nurejev - Ein Nachruf
Wenige Tänzer prägten das 20. Jahrhundert so intensiv und setzten Maßstäbe, an denen sich auch nachfolgende Generationen messen lassen sollten. In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war es der legendäre Tänzer Vaclav Nijinsky, der in der Compagnie von Serge Dhiaghilew die europäischen Bühnen eroberte. Sein künstlerischer Ausdruck, der vollendete Stil und die kraftvollen Sprünge werden noch heute bewundert. Einen Nachfolger fand er in dem aus Sibirien stammenden Rudol'f Kametovitch Nureev, der unter dem Künstlernamen Nurejev Weltgeltung erlangte.Es gab keine bedeutende Ballettbühne der Welt, auf der er nicht auftrat. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, zwischen 1963 bis 1973, die sich über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren spannte, gab er mehr als 250 Aufführungen jährlich. Nurejev tanzte in Filmen und bei Fernsehübertragungen. Er choreografierte Ballettabende, studierte die legendären russichen Choreografien des 19. Jahrhunderts in Westeuropa und Amerika ein und präsentierte Ballettgalas am Broadway. Sein Repertoire umfasste mehr als ein einhundert Rollen. Als er 1993 in Paris im Alter von 54 Jahren an den Folgen von Aids starb, wurde bekannt, dass er während der letzten zehn Jahre seines Lebens trotz seiner Krankheit mit bewundernswerter Energie aufgetreten war.Nurejev galt trotz seines Talents als umstritten, denn er präsentierte nicht Tanz in Hochkultur, sondern vor allem sich selbst - und zwar als Kunstwerk. Er galt als schöner Mann mit exotischer Austrahlung, sensibel und intelligent zugleich. Wie kein anderer Tänzer vor und nach ihm galt er als Sexsymbol, als die maskuline Verkörperung von Kraft und Grazie. Seine Sprünge übertrafen alles bis dahin da gewesene, seine tänzerische Virtuousität, mit der er die Musik quasi körperlich aufnahm, bestach durch eine unübertroffene Grandezza. Bisweilen löste sich sein charismatischer Tanz aus der vorgegeben Choreografie und wurde zur reinen Vorführung von atemberaubenden Sprüngen und Drehungen, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrissen.Rudolf Nurejev wurde am 17. März 1938 geboren. Er wuchs in Ufa auf, der Hauptstadt der sowjetischen Provinz Bashkir. In der Schule lernte er als junger Pionier einige Volkstänze und sah am Opernhaus zu Ufa mit sieben Jahren zum ersten Mal ein Ballett: Der Gesang der Schwäne. Bis zum Alter von siebzehn Jahren trainierte er mit Lehrern seiner Heimatstadt. Eine Talentsucherin verschaffte ihm ein Stipendium an der bekannten Leningrader Ballettschule Vaganova. Er erhielt Unterricht von Aleksandr Pushkin. Bereits während seiner Ausbildung war er in der Hauptrolle von neun verschiedenen Tanzabenden im Ballett des berühmten Kirov-Theaters zu sehen, darunter als Prinz in "Der Nussknacker" und als Albrecht in "Giselle". Nach seinem Abschluss wurde er sofort als Mitglied verpflichtet und gab 1958 sein offizielles Debüt in "Laurencia", das zur Legende wurde. Kritiker und Publikum sahen in dem jungen Tänzer den legitimen Nachfolger der legendären russischen Balletttänzer und ihr neues Idol.Als das Kriov-Ballett 1961 in Paris gastierte, stand Nurejev zunächst nicht auf der Liste der Mitwirkenden. Die sowjetischen Behörden befürchteten eine Abwanderung in den Westen. Nur auf Druck der französcihen Veranstalter wurde er auf die Gastspielreise mitgenommen. Nach Vorstellungen in Paris sollte London die nächste Etappe sein. Nurejev nutzte die Wartezeit auf dem Pariser Flughafen, um zu flüchten. Er bat in Frankreich um politisches Asyl, das ihm auch prompt gewärt wurde. Dadurch ging sein Wunsch in Erfüllung, seine Kunst der ganzen Welt zu schenken und nicht hinter dem eisernen Vorhang der Gefangene eines engstirnigen politischen Systems zu sein.Innerhalb weniger Wochen wurde Rudolf Nurejev durch seine Auftritte in Paris in "Dornröschen" zum Liebling des Publikums. Bereits im Oktober 1961 begann in Chicago ein Triumphzug durch die Vereinigten Staaten. In New York gewann er den Brooklyn Music Award. Anschließend trat Nurejev zum ersten Mal mit seiner wohl berühmtesten Partnerin auf: die englische Primaballerina Margot Fonteyn. Sein Debüt mit dem Royal Ballet erfolgte 1962 und führte zu einer Verpflichtung als ständiger Gast. Zu seinen Partnerinnen gehörten Nadia Nerina, Merle Park, Antoinette Sibley und Monica Mason und immer wieder Margo Fonteyn. Zum größten Erfolg des legendären Tanzpaars gehörte 1963 das Ballett "Marguerite and Armand" in der klassischen Choreografie von Frederick Ashton. Fonteyn war am Ende ihrer Karriere angelangt und gab hingebungsvoll die Rolle der Kamliendame, der auch Guiseppe Verdie in seiner Oper "La traviata" ein Denkmal gesetzt hatte. Rudolf Nurejev als Armand wurde wie ein gamouröse Filmstar präsentiert und zeigte seine unübertroffene Tanzkunst.Als inoffizieller Ballettmeister von Covent Garden studierte Nurejev zahlreiche Einlagen für klassische Ballette in der traditionellen Tanzsprache ein. Die berühmtesten Choreografen wie George Balanchine, Tatjana Gsovsky und Maurice Bejart entwarfen Ballette für ihn. Aber Nurejev legte vor allem Wert darauf, in den Klassikern des Repertoires zu glänzen. So wurde er allmählich zum gefeierten Stern in Ballettgalas auf der ganzen Welt. In Deutschland trat er erstmals 1962 bei einer Ballettgala in Stuttgart auf. Sein Wirken umfasste nicht nur Auftritte beim klassichen Ballett, sondern er war auch auf anderen Gebieten erfolgreich. So rekonstruierte er die Choreografie von "Schwanensee" in der originalen Einstudierung von Marius Petipa und führte sie 1964 an der Wiener Staatsoper auf. "Don Quixote" wurde 1976 unter seiner Leitung verfilmt. Nurejevs Leben stand 1972 im Mittelpunkt des "I am a Dancer", nachdem er bereits 1962 seine Autobiografie "Nurejev" veröffentlicht hatte. 1976 spielte Nurejev in dem Spielfilm "Valentino" des englischen Regisseurs Ken Russel die Rolle des berühmten Stummfilmstars Rudolph Valentino; 1983 wirkte er an der Seite von Nastassja Kinski und Harvel Keitel in James Tobacks Melodram "Exposed" mit; mit dem Musical "The King and I" von Richard Rodgers unternahm er 1989 eine Tournee durch die Vereinigten Staaten.1983 wurde Nurejev zum künstlerischen Direktor der Pariser Opera ernannt. Sein Wirken gab ihm die Gelegenheit, junge Talente zu fördern und das traditionsbewusste Pariser Ballett der modernen Choreografien von Merce Cunningham, William Forstyhe und David Parsons zu öffnen.184 wurde ihm eröffnet, dass er HIV-positiv sei. Er behielt die Krankheit zunächst für sich und setzte seine Tätigkeit als Ballettdirektor, Choreograf und Tänzer fort. 1991 übernahm er bei den Festspielen in Verona in einer getanzten Fassung der Novelle "Tod in Venedig" nach Thomas Mann zum letzten Mal eine neue Rolle auf der Bühne. Sein künstlerisches Vermächtnis sollte eine Neueinstudierung des Balletts "La Bayadere" sein, die 1992 an der Pariser Opera herauskam. Nach der Premiere nahm der geschächte Nurejev im Rollstuhl sitzend die französische Medaille der Ehrenlegion entgegen.Rudolf Nurejev starb am 6. Januar 1993. Die Kontroverse über den exaltierten Lebensstil des mehrfachen Multiomillionärs, der sich aus den kulturfernsten und ärmlichsten Verhältnissen hochgearbeitet hatte, verstummte nach seinem Tod. Heute gilt Nurejev als einer der großen Impulsegeber des Balletts im vergangenen Jahrhundert.Sein Schaffen wird defininitv auch kommende Generationen von Choreografen und Tänzern beeinflussen.
Nurejev ist meiner Meinung nach viel zu schnell in Vergessenheit geraten. Ich finde es bedauerlich, aber ein wirklich toller Kommentar!pytho
@ pytho, schließe mich gern ihrem Kommentar an.
vielen Dank!
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