Leserartikel-Blog

Der 51. Bundesstaat der USA

Gestern Abend lese ich bei ZEIT.de, dass der Tatverdächtige von Detroit, Umar Faruk Abdulmutallab, in Kontakt mit einem radikal-islamischen Prediger namens Anwar Al-Awlaki gestanden haben soll, welchen die Sicherheitsbehörden bereits seit Jahren im Visir haben und der auch mit dem Amokläufer auf dem texanischen Militärstützpunkt Ford Hood in Verbindung gebracht wird. Dieser Mann wurde in den USA geboren und "predigte bis 2002 in einer Moschee im Norden des US-Bundesstaates Nord-Virginia". WOW! Time Out! Es gibt keinen Bundesstaat "Nord-Virginia".

Ein kleiner Fehler entdeckt die Welt.

Die Moschee stand wohl im Norden des Bundesstaates Virginia. Zumindest kann ich hier West-Virginia ausschliessen. Ein kleiner Fehler, den man sehr gut überlesen könnte. Mach' ich aber nicht. Ich erinne mich an den Teilnehmer Desmodur, dem das Wort "Christmette" spanisch vorkam. Ich google also "US-Bundesstaat Nord-Virginia" und finde den Artikel mit eben dieser falschen Ortsangabe bei diversen Online-Medien. Auch in diesen Redaktionen war nicht EINER, der den Fehler entdeckt und korrigiert. Statt dessen wird er mit allen anderen Informationen teilweise Wort für Wort übernommen und unters Volk gebracht.

www.weser-kurier.de/
www.zeit.de/politik/
www.focus.de/
www.westfaelische-nachric...
nachrichten.aol.de/
morgenpost.de/
www.wnoz.de/
www.welt.de
www.n-tv.de/politik/
www.faz.de
www.süddeutsche.de

Wer schreibt diese Artikel und kennt sich so wenig aus?

Es sitzt irgendwo eine Person, die sich zwar in Sachen USA nicht wirklich auskennt, dafür aber eine ganze Armada von Redaktionen mit Artikeln versorgt und so ihr Einkommen sichert. Aber für was bekommen die Mitarbeiter von der ZEIT ihr Geld? Für StrgA, StrgC und StrgV? Ich suche nach einem Namen, finde ein "(c) Yahya Arhab/dpa". Herr Arhab hat das Bild zum Bericht geschossen, der Text kommt von der dpa.

Stell' Dich nicht so an!

Grenzenloses Vertrauen in die dpa nenne ich das. Und die Liste ist nicht vollständig. Welt, FAZ, n-tv und süddeutsche.de habe ich manuell durchsuchen müssen, weil Google die Schlagwörter nicht fand. BILD und Express (die Bildzeitung für das Rheinland) habe ich mir geschenkt.

Was aber stört mich jetzt an diesem kleinen Fehler? Die Schaffung des 51. Bundesstaates ansich ist mir egal. Aber ich frage mich hier, was sonst noch alles an Fehlern in Artikeln schlummern. Welche Fakten sind falsch oder unvollständig wiedergegeben? Die Tragweite dieser Artikel in Bezug auf Information und Meinungsbildung ist enorm. Es geht hier um Sachverhalte die unsere Sicherheit betreffen und möglicher Weise sogar Einfluß auf unsere Politiker haben.

Wenn es schon nicht möglich ist, dass die Redaktionen Journalisten beschäftigen, die selbst Artikel verfassen, sollten diese Mitarbeiter doch wenigstens den Inhalt verantwortungsvoll prüfen (können).

Ich bin das genaue Gegenteil eines Verschwörungstheoretikers. Aber vor allem in Zeiten, in denen jeder im Internet nicht nur seine Meinung sondern auch Urteile und Anschuldigungen verbreiten kann, müssen wenigstens die deutschen Journalisten verantwortungsvoll arbeiten.

Mainstream Medien

Der für Verschwörungen Anfällige verliert hier das Vertrauen in die deutschen Journalisten, die einen klaren Auftrag haben. Er sucht sich andere Quellen für seinen Bedarf an Information. Es wird ihm der Eindruck vermittelt, das Fehlinformationen offenbar ungehindert ihren Weg durch alle Redaktionen machen können. Es gibt also irgendwo nur einen Menschen, der Informationen zu einem Bericht zusammenfasst und verbreitet. OK, für die dpa arbeiten etwa 1000 Journalisten, aber der Artikel, um den es hier geht, wurde nur von einer Person geschrieben.

Das Problem ist nicht die Entstehung und Verbreitung dieser Meldung. Es geht mir darum, dass relativ simple Fehler unentdeckt verbreitet werden. Die hochkomplizierten Sachverhalte sind schwerer einzuschätzen als die Anzahl der US-Bundesstaaten. Man kann also nicht nur die USA um einem Bundesstaat vergrössern, man kann dann wohl auch tiefergehende Fakten verändern. Die Redaktionen, die diese Inhalte abnicken, sind das letzte Sicherheitsnetz vor dem Endverbraucher. Plötzlich liegt es an ihm selbst zu entscheiden: gibt es einen solchen Bundesstaat? Und wenn es diesen garnicht gibt, existiert die Moschee wenigstens?

Es freuen sich da die Medien, die das Verfahren kennen und sich klar dagegen aussprechen. Sie werben damit, nicht zum Mainstream zu gehören. Wo es aber in der dpa mit rechtschaffenden Dingen vorsich gehen mag- der Mainstream selbst sorgt mit seiner schlechten Arbeit dafür, dass diese anti mainstremler zuwachs erhalten. Ohne ihr eigenes Dazutun gewinnen Sie an Glaubwürdigkeit. Bei der TAZ zum Beispiel arbeitet Frau Beate Seel. Auch sie berichtet von den Verbindungen zwischen Texas, dem Prediger aus Virginia und dem Jemen. Ich finde keinen Beweis dafür, dass sie den Fehler bemerkt hat. Vielmehr lässt sie die Ortsangaben zur Moschee weg. Aber sie macht sich die Mühe, eine Zusammenfassung zu schreiben. Im laufe Ihrer schlechten Arbeit verlieren diese angeblich unabhängigen Medien das Vertrauen ihrer neuen Kunden. Zum Beispiel durch das Einstreuen persönlicher Meinungen, wodurch ein Bericht zum Kommentar wird. Frau Seel macht das nicht. Aber es gibt Gründe, warum ich die TAZ nicht konsumiere.

Irgendwann gibt es gar keine Wahrheit mehr

Es ist nicht gesagt, dass die verlorenen Kunden dann den Weg zurück zu den sogenannten Mainstream Quellen finden. Für sie gibt es am Ende wohl gar keine Wahrheit mehr. Aber wohin dann? Das Bedürfnis an Information ist noch immer da. Da ist der nächste Schritt zu den Verschwörungstheoretikern ein kleiner. Hier werden zunächst mit ein paar Fragestellungen die offiziellen Aussagen in Frage gestellt, nachdem versichert wurde, nur "die Wahrheit" verbreiten zu wollen und sehr wohl Respekt vor den Toten eines Terroranschlages zu empfinden.

Weltweit gibt es meines Erachtens nur eine Handvoll Verschwörungstheoretiker. Vielleicht sind es 10 oder 20. Diese Leute sitzen am Schreibtisch, haben eine vorgefasste Meinung und Sammeln Indizien, die ihre Ansichten stützen. Sie Verfassen Abhandlungen, die an Menschen gerichtet sind, die noch weniger Hintergrundwissen haben als sie selbst. Diese Endverbraucher sind nicht in der Lage, unbequeme Gegenfragen zu stellen. Sie müssen das, was sie da lesen, hinnehmen.

Verschwörungen sind nicht lustig. Sie können, wenn ihnen keine Grenzen gesetzt werden, unermässlichen Schaden anrichten. Die aktiven Journalisten sind hier gefragt und müssen durch gute Arbeit die Glaubwürdigkeit ihrer Arbeitgeber stärken und jeden Tag aufs neue Beweisen.

der artikel
http://www.zeit.de/politi...