Leserartikel-Blog

Zum Fall des Musikwissenschaftlers Hans Heinrich Eggebrecht

In der aktuellen ZEIT stellt der Musikwissenschaftler und Historiker Boris von Haken Forschungsergebnisse vor, wonach Hans Heinrich Eggebrecht an Verbrechen der Nazis in der Krim beteiligt gewesen sein soll.

Dankenswerter Weise hat heute Jens Malte Fischer in der SZ versucht klarzustellen, dass es zwar für die Zugehörigkeit zur Feldgendarmarie doch für die persönliche Beteiligung bisher keine handfeste Belege gibt. Außer Zweifel steht hingegen, dass Eggebrecht nach dem Krieg versucht hat seine Vergangenheit zu vertuschen.

Ich kannte Eggebrecht nicht persönlich, habe ihn jedoch in Vorträgen erlebt. Auf mich wirkte er ungemein sympathisch, weswegen mich die Vorwürfe auch persönlich betroffen machen.

Ein wenig erinnert der Fall an die Diskussionen um Heidegger, die zufälliger Weise gerade jetzt erneut in den USA um Emmanuel Fayes Buch hochkochen. Auch Heidegger ist zweifelsohne nach dem Krieg nicht offen mit seiner Vergangenheit umgegangen und, anders als bei Eggebrecht, der eher eine Anti-Ideologe war, lassen sich selbst gewisse ideologische Berührungspunkte mit Nazideutschland nicht gänzlich von der Hand weisen.

Doch die zugegebenermaßen äußerst schwierige Frage lautet: wie schuldig haben sie sich gemacht und inwieweit darf die Frage der Schuld in die Bewertung des Werks einfließen.

Schon bei der Frage der Schuld mag man ins Grübeln kommen. Selbst den schlimmsten Fall angenommen, dass Eggebrecht aktiv an den Erschießungen beteiligt war: was darf man von einem 22jährigen, der von Kindheit an indoktriniert worden war, in der völlig verrohten Situation des Krieges, in der jedes Leben inklusive des eigenen an einem seidenen Faden hängt, erwarten? Sein Leben für eine heldenhafte aber vergebliche Geste wegzuwerfen?

Der Fall Heidegger ist weit komplizierter. Er zählte zu den Leverkühns, deren Anspruch, die Summe der Geistesgeschichte zu ziehen und gleichzeitig zu transformieren eben jenen Hang zum Totalitären hat, der ihn für die Nähe zu den Nazis so anfällig machte.

Gerade Hannah Arendt, die Heidegger bis zuletzt bewunderte und freundschaftlich zugetan war, erkannte diesen fatalen Zusammenhang zwischen seiner Größe und dem Hang zum Tyrannischen. Dass jemand wie sie, die alles Recht gehabt hätte, Heidegger samt seiner Philosophie zu verdammen, es nicht tat, sollte den selbsternannten Richtern zu denken geben.

Der Fall Eggebrecht liegt völlig anders, denn sein Denken war, vielleicht auf Grund der frühen Erfahrungen, betont unideologisch. Kaum ein anderer Musikwissenschaftler hat sich ähnlich offen auf verschiedenste Gebiete eingelassen.

Etwas unlauter finde ich daher Volker Hagedorns Art, die Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit Eggebrecht zu nutzen. Es mag zwar stimmen, dass viele Köpfe in der aktuelle Musikwissenschaft schon vor diesen Enthüllungen eher auf Distanz zu Eggebrecht gegangen waren, doch die Verknüpfung mit den aktuellen Vorwürfen erscheint mir nicht fair. Vor allem der insinuierte Vorwurf einer Nähe zur Nazi-Ideologie in seinen Büchern zu Beethoven und Mahler ist völlig absurd. Wer die Texte zu Mahler von Eggebrecht kennt, weiß, dass sie in der Summe ein enthusiastisches Plädoyer für Mahler sind, doch, und darin liegt übrigens auch die Bedeutung der Schriften Eggebrecht, immer auch ein Versuch, das Phänomen in seiner Gänze zu begreifen. In seiner Kritik an der Heterogenität 8. Sinfonie versucht er keineswegs Mahler zu diffamieren, sondern darin einen wesentlichen Charakterzug, nämlich was es mit der oft gewaltsamen Anverwandlung von fremden Texten in Mahlers Werk auf sich hat, zu beschreiben.

Die Feststellung Christoph Wolffs, Eggebrecht sei "passé" mag vielleicht für die fachinternen Diskussionen gelten, doch halte ich die Bücher von Eggebrecht nach wie vor für ungleich viel anregender und erhellender als die höchst respektablen, aber doch wissenschaftlich trockenen Bücher Wolffs.

Daher empfehle ich allen, bevor Sie sich erheben, um den Stab über Hans Heinrich Eggebrecht zu brechen, erst die zahlreichen Bücher zu lesen. Neben der "Musik im Abendland" und den Büchern über Bach, Beethoven und Mahler empfehle ich insbesondere die Gespräche mit Mathias Spahlinger, die nicht nur durch ihre Intelligenz begeistern, sondern auch klar machen dürften, dass man hier nicht mit einem verbohrten Alt-Nazi sondern einem bemerkenswert offenen und liberalem Geist zu tun hat.