Leserartikel-Blog

Die Authentizität der Fotografie

Sie lächeln uns an, die schönen Menschen, von den Hochglanzmagazinen am Zeitschriftenständer. Sie faszinieren uns, die schönen, spektakulären Landschaften im Online-Magazin. Sie begeistern uns, die ungewöhnlichen, seltenen Tieraufnahmen beim aktuellen Naturfotowettbewerb. Wenn wir doch auch nur solche Bilder machen könnten!
Doch etwas lässt uns immer öfter stutzen: Sah die Frau auf dem Titel nicht neulich in der Talkshow etwas anders aus? Hatte die Haut nicht etwas mehr Alterserscheinungen und waren die Gesichtsproportionen nicht etwas ungleichmäßiger? Der Busen schien auch nicht so üppig zu sein!
Und diese Landschaft, zufällig waren wir letzten Urlaub dort, aber da war doch ein hoher Industrieschornstein, der so gar nicht in die Landschaft passte. Jetzt ist er weg.
Und der wilde Wolf auf dem Foto ist in einer völlig unnatürlichen Situation zu sehen. Mit Blitzlicht aufgenommen durch eine Lichtschranke. Das ist ja möglich, aber die Haltung des frei lebenden Wolfs erinnert an einen dressierten Hund. Hier stimmt etwas nicht, aber die Fotos sind doch authentisch!

Sind sie nicht und waren sie auch nie. Fotos sind, von Anbeginn im 19. Jahrhundert, eine subjektive Sicht auf die Realität. Anfangs konnten aufgrund der geringen Empfindlichkeit überhaupt keine bewegten Motive aufgenommen werden, es musste alles arrangiert sein. Die Menschen saßen zu Statuen erstarrt vor der Kamera und durften nicht einmal blinzeln. Bei der Landschaftsaufnahme hatte kein Lüftchen zu wehen, Bäume und Sträucher oder der wolkenverhangene Himmel wären zu einer grauen Masse verschmolzen, farbig wurde es erst Jahrzehnte später. Die Wahl des Standpunkts, der Ausschnitt, der Moment, der Kontrast, Schwarzweiß oder Farbe, alles ist eine Entscheidung des Fotografen. Seine Intention und Suggestion (!) bestimmen die Authentizität der Fotografie unter seiner eigenen Betrachtung. Sie kann für einen anderen Betrachter genauso oder weniger authentisch sein, je nach persönlicher Erfahrung oder Erwartungshaltung. Und genau das ist das Entscheidende: die Erwartungshaltung des Betrachters und die Suggestion des Fotografen.

Fotos waren und sind nicht authentisch, aber sie sind neben dem Film die authentischste Abbildung der Wirklichkeit, die uns zur Verfügung steht. Dementsprechend erwartet der Betrachter bei offensichtlich realistischen Aufnahmen eine hohe Authentizität. Die konnte im Rahmen der schon immer möglichen Einflussnahme auf die Fotografie (s.o.) auch erfüllt werden. Hier hat sich mit der Entwicklung der digitalen Bildverarbeitung Entscheidendes verändert. Es berührt die Grundfesten der Fotografie und führt letztlich zu der Frage, ob überhaupt noch von Fotografie im Sinne des griechischen Wortursprungs photos und graphein, mit Licht zeichnen, gesprochen werden kann.
Ein digitales Bild kann eine Fotografie sein, es kann aber auch durch mehr oder weniger starke Bearbeitung im Rechner aus einer Fotografie entstanden oder sogar komplett virtuell sein. Die digitale Bearbeitung geht deutlich über die der Fotografie immanenten Beeinflussungsmöglichkeiten hinaus. Offensichtlich realistische Bilder müssen nicht mehr authentisch sein, aber der Betrachter erwartet das und der „Fotograf“ suggeriert das, es sei denn, er hat das Bild (von Foto kann hier nicht mehr gesprochen werden) entsprechend kenntlich gemacht.

Die Gesellschaft ist über die Verbreitung der Fotografie in den vergangenen 150 Jahren in allen Medien, als journalistische Form der Berichterstattung, als Dokumentation privater und öffentlicher Ereignisse zu einem zwar kritischen, aber auch vertrauensvollem Umgang in die Authentizität der Fotos geschult worden. Dieses Vertrauen in die eigene Anschauung offensichtlich realistischer Bilder ist tief greifend erschüttert. Wir können bei der Betrachtung irgendwelcher Bilder nicht mehr auf die Jahrzehnte lang erlernte Urteilskraft hinsichtlich ihrer weitestgehend wirklichkeitsgetreuen Reproduktion von Ereignissen vertrauen. Wir müssen den Umgang mit Bildern neu lernen.
Die Kunst ist hiervon eigentlich nicht berührt, denn künstlerische Fotografie musste nie authentisch sein, sie konnte es natürlich sehr wohl. Die Erwartungshaltung war und ist eine andere. Künstlerische Fotografen sind auch nachgerade bestrebt, den Grad der Authentizität ihrer Fotografien anzuzeigen.

Wenn aber ein Digitalbild nicht mehr von einer Fotografie unterschieden werden kann, bzw. das Maß der Bildbearbeitung nicht mehr deutlich ist, welche Aussage über die Realität macht dieses Bild dann? Kann es zur journalistischen Dokumentation irgend-welcher Ereignisse noch herangezogen werden? Wie kann man sich sicher sein, das keine digitale Manipulationen, die definitiv zur Verfälschung des Bildinhalts führen, vorgenommen wurden? Längst lassen sich „fotorealistische“ (sic!) Welten komplett im Rechner erstellen. Der Begriff ist schon entlarvend, er deutet doch genau auf die beabsichtigte Suggestion hin, nämlich ein Bild zu erschaffen, das die Realität zeigt, wie sie von einem Foto erwartet wird.
Wenn sich die Erwartungshaltung gegenüber dem digitalen Bild, eigentlich gegenüber aller digitalen Medien, nicht grundsätzlich ändert, kann es zu einer radikalen Verzerrung der Wahrnehmung kommen. Was ich sehe und höre darf nicht mehr länger grundsätzlich als real angenommen werden, sondern ist als virtuell anzunehmen. Erst, wenn das Bild oder die Information eine Bedeutung für mich haben, die über den reinen Unterhaltungswert hinausgeht, muss ich die Authentizität prüfen. Aber wie? Oder muss ich mich darauf verlassen können, dass der Veröffentlicher die Bilder prüft und ggf. kenntlich macht?
Auch eine nachträgliche Veränderung einmal veröffentlichter Bilder kann vom Betrachter nicht wahrgenommen werden. Wir bewegen uns zurück zu den Anfängen menschlicher Zivilisation, hin zu Geschichtenerzählern, Malern und Bildhauern. Deren Wahrheitsgehalt war ähnlich schlecht überprüfbar, wie es bei den digitalen Medien jetzt ist.

Um eins klar zustellen: Manipulation, Lüge, Fälschung hat es schon immer gegeben, nur nie war es so leicht durchzuführen und gleichzeitig so schwer zu überprüfen! Wer nicht in der Lage ist, Original und Fälschung zu erkennen, wird zum Spielball fremder Interessen ohne es zu merken.