China: Unterdrückung der Religion und kultureller Völkermord - eine Begriffsklärung
"Um eine Diskussion zum Erfolg zu führen, müssen erst einmal die Begriffe geklärt werden, nur dann klingt vernünftig, was gesagt wird." Der Satz stammt von Konfuzius, und er trifft die Lage haargenau. Was genau ist Unterdrückung der Religion, was ist Völkermord, insbesondere kultureller Völkermord?
Wir sagen zu Recht, eine Religion ist in einem Land unterdrückt, wenn wesentliche Kulthandlungen behindert werden. Beispiel Christentum: Chinesische Christen dürfen sich zu Gottesdiensten versammeln, aber nur an speziell genehmigten Orten. In einer Kirche zum Beispiel. Glockenläuten ist verboten, ebenso das Werben mit Flugblättern oder mit einem Schaukasten vor der Kirche. Das ist störend, aber es ist keine Unterdrückung. Glockenläuten ist keine wesentliche Kulthandlung. Etwas anderes wäre es, wenn Gebet und Abendmahl verboten wären. Sind sie aber nicht. Man könnte von subtiler oder schleichender Unterdrückung reden, wenn in einer Stadt das Genehmigungsverfahren für einen Kirchenbau verschleppt wird, so dass die Christen keinen Platz für eine Versammlung finden. Dann ist aber nicht die Zentralregierung verantwortlich, sondern eine einzelne Stadtverwaltung.
China verfolgt eine Politik der Geburtenkontrolle. Ehepaare dürfen nur ein bis zwei Kinder bekommen. Bei nicht genehmigter Schwangerschaft wird der Fötus zwangsweise abgetrieben. Für Christen ist Abtreibung eine große Sünde. Wenn sie zu einem Zeitpunkt ausgeführt wird, wo der Fötus lebensfähig ist, dann wird Abtreibung von Christen mit Mord gleichgesetzt. Ich glaube, dass die chinesische Regierung das hierin verborgene Konfliktpotenzial unterschätzt.
Neues Beispiel Tibetischer Buddhismus: Es ist verboten, öffentlich Bilder des Dalai Lama zu zeigen. Ob das Verbot eine wesentliche Kulthandlung trifft, weiß ich nicht. Experten für Tibetischen Buddhismus sind hier gefragt.
Wir kommen zum Völkermord. Exiltibeter machen China diesen Vorwurf. Ob zu Recht, soll hier diskutiert werden.
Die Vereinten Nationen definieren den Begriff als „eine der folgenden Handlungen, begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören":
a) das Töten von Angehörigen der Gruppe
b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung
e) die gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe
Was die Mao-Zeit betrifft, so können wir wohl eindeutig sagen, dass China sich dieser Verbrechen schuldig gemacht hat. Und was die Zeit danach betrifft, so bin ich persönlich der Ansicht, dass die Aufarbeitung der damaligen Verbrechen nicht mit der gebührenden Sorgfalt durchgeführt wurde. Über die Behandlung der Tibeter zur Mao-Zeit wissen die wenigsten Han-Chinesen Bescheid. Die meisten von ihnen reden noch heute über die Tibeter, als wenn da nie etwas passiert wäre. Sie behaupten, Tibeter würden in allen Lebensbereichen bevorzugt und stellten noch übertriebene Forderungen. Dieses Gerede empfinde ich als sehr störend.
Die wichtigste Frage ist aber, ob man heute von Völkermord sprechen kann. Besonders wenn berücksichtigt wird, dass sich Millionen Chinesen in Tibet angesidelt haben und die eigentlichen Tibeter zur Minderheit in ihrem Wohngebiet machen. Kritische Punkte sind hier die Teile c und d der UN-Definition.
Zunächst der Teil c: Tatsächlich verändern sich die Lebensbedingungen in Tibet, wenn Millionen Chinesen dort mit ihrer Industrie, Landwirtschaft und neuen Verkehrswegen siedeln. Aber um den Vorwurf des Völkermordes zu rechtfertigen, müsste die Absicht der Zerstörung nachgewiesen werden. Ich zweifle daran, dass das gelingen kann.
Zum Teil d der UN-Definition: China Familienplanungs-Politik beschränkt landesweit die Kinderzahl auf zwei. Ausnahmen gibt es für ethnische Minderheiten. Offiziell wird die Kinderzahl bei einigen Minderheiten nicht eingeschränkt. Was dagegen die Praxis ist, steht auf einem anderen Blatt. In jedem Fall gilt auch hier: Ohne Nachweis der Zerstörungsabsicht lässt sich die Geburtenkontrolle nicht für den Vorwurf des Völkermordes verwenden.
Ausblick in die Zukunft: China will und muss sich weiter demokratisieren. Das ist der einzige Weg, um die verborgenen Konflikte am Ausbrechen zu hindern. Mit der Verfassungsänderung im Jahr 2004 hat die Regierung den Grundriss für ein demokratisches China gezeichnet. Dessen Bau muss vorangehen. Besonders wichtig für die Christen: Ihre Vorstellungen sollen bei der Praxis der Geburtenkontrolle berücksichtigt werden, damit sie nicht wegen ihres Glaubens das Gesetz brechen müssen. Wichtig für die Tibeter: Die Regierung muss Aufklärungsarbeit leisten, damit die verschiedenen Ethnien Chinas lernen, verantwortungsvoll miteinander umzugehen. Im Westen, besonders in Deutschland, gibt es Leute, die dazu wertvolle Ratschläge geben können, wenn sie gefragt werden. Es ist zu hoffen, dass deren Stimmen im Lärm der China-Basher nicht untergehen.
wie z.B. in islamisch ausgerichteten Staaten aus? Könnten Sie einmal auch hierüber die Gemeinde aufklären oder läßt Ihr Kommentar darauf schließen, daß es dort ebenso Gang und gäbe, dem Glockengeläut von vorneherein Einhalt zu gebieten?Wäre dem so, würde ich es begrüßen, wenn Sie sich dafür einsetzen könnten, pro erbauter Moschee hier in diesem unserem (auch meinem) Lande, mindestens eine Kirche mit Glockengeläut im Lande des jeweiligen Imams zu erstellen. Gläubige werden sich finden lassen. Was halten Sie davon?EUropa, jede ZEIT hat seine ZEIT, nutze Deine zum Segen ALLER!
Isaac Ben Laurence Weismann
Hallo debarrasseur,
es ist mir bei dem Artikel in erster Linie um China gegangen. das Verhältnis der chinesischen Christen zu ihrer Regierung lässt sich nicht eins zu eins auf islamische Länder übertragen.
Zu Ihrer Frage: Meiner Meinung nach sind in einigen islamischen Ländern die Christen weit weniger frei bei der Religionsausübung als es die Moslems bei uns sind. Das Verhältnis zwischen den Religionsgruppen lässt sich aber nicht ohne Einbeziehung von deren Vertretern entspannen. Wir in Europa können da allenfalls als Ratgeber fungieren. Völlig falsch scheint mir der Weg z sein, bei Verhandlungen mit islamischen Vertretern die Religionsfreiheit der Moslems in Deutschland in die Waagschale zu werfen. Das könnte als Drohung missverstanden werden. Im Falle ehemals kolonisierter Länder macht es sich nicht gut, unsere vermeintliche moralische Überlegenheit zur Schau zu stellen.
Übrigens: Das islamische Gegenstück zu einer läutenden Kirchenglocke ist ein singender Muezzin mit Lautsprecher.
Hast du dazu ne Quelle@Spitzbub??? Und ich denke, seit den 90ern ziehen die das dann auch nimmer durch, falls es mal so war.Lt. wikipedia siehts so aus: http://de.wikipedia.org/w...Ansonsten interessanter Beitrag; die Frage was für ne Kultur/Religion wirklich wesentlich ist, hab ich mir so noch nie gestellt.Anbei der Verweis zu dem Antwortartikel:http://kommentare.zeit.de...
Hallo Spitzbub, gute Gedanken, richtig, aber sehr akademisch.
Ich denke nicht, dass die Bewertung der Lage in China und speziell in Tibet nur eine Sache der Definition ist. Die bestimmenden Faktoren sind die Politik (USA+?) und Kommerziale Interessen (Medien), die zu diesem Kontroversen führen. Die Vorwürfe Völkermord und Unterdrückung der Religionsfreiheit sind mehr politisch motiviert und verkaufen sich gut. Das kann man gut erkennen in der aktuellen Entwicklung. Obwohl eine ausführliche Anhörung zur Situation in China vom Sportausschuss des Bundestages vorliegte, haken einige Politiker herum, mit Behauptungen, die weniger seriös sind. Dagegen helfen nicht die besten Definitionen.
Das heißt natürlich nicht, dass ich Ihre Bemühungen verneine. Wir müssen auf allen Ebnene ernsthaft daran arbeiten, um zu mehr Objektivität kommen und zu einer vernünfitgen Lösung.
Erst einmal herzlichen Dank dafür, dass Sie sich so große
Mühe gegeben haben. Etwas was man bei
der großen Mehrzahl der Leserartikel leider nicht sagen kann. Ein paar kritische Anmerkungen sind jedoch nötig: „Was die Mao-Zeit betrifft, so können wir wohl eindeutig
sagen, dass China sich dieser Verbrechen [Völkermord] schuldig gemacht hat.“Mao ist durch seine Politik verantwortlich bzw. mitverantwortlich
für Millionen von Toten. Die beiden tödlichsten
Kapitel sind dabei „Große Sprung“ und die „Kulturrevolution“. Das erste war
eine Hungerskatastrophe als Folge einer ideologisch-verblendeten Wirtschaftspolitik,
das zweite eine Art Bürgerkrieg als Folge einer machtpolitischen
Auseinandersetzung innerhalb der KPCh. In beiden Fällen handelt sich es also
nicht um Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe
ganz oder teilweise zu zerstören. Mao selbst hat sogar häufig gegen den „Han-Chauvinismus“
gewettert. Einzig im Falle der Religionen könnte man argumentieren, dass die „Kampagne
gegen das alte Denken (Religionen, Konfuzianismus, KP-Bürokratie)“ eine Art
religiöser Völkermord gewesen sei. Das würde aber zu dem absurden Satz –
während der Kulturrevolution hat China religiösen Volkermord an China verübt - führen.
Geburtenpolitik:Alle mir bekannten Berichte sagen klar aus, dass die Gesetze
bezüglich der Minderheiten im Großen und Ganzen geachtet werden. Dass es
einzelne Fälle von gesetzwidrigem Verhalten von lokalen Behörden gibt ist
natürlich auch bekannt. Der letzte Bevölkerungszensus
zeigt, dass sich der Anteil der Minderheiten an der Gesamtbevölkerung erhöht
hat. Das es ziemlich rassistisch ist einer Volksgruppe weniger Kinder zu
erlauben als anderen steht noch auf einem anderen Blatt. Ansiedlung von Chinesen in Tibet:Freizügigkeit im eigenen Staat ist ein Menschenrecht. In
Deutschland z. B. im Art. 11 GG festgelegt. Warum sollten sich also Han oder Hui
nicht in Tibet ansiedeln?
Hallo Hugo_P,
ich verlasse mich nicht auf externe Quellen. Die sind viel zu oft interessengeleitet.Außerdem: Wer will denn irgendeinem spitzbübischen Anonymus Glauben schenken, wenn der behaupten würde, da eigene Erfahrungen zu haben? Es gibt aber eine einfache Möglichkeit: Stellen Sie sich vor, Hugo_P, Sie, ja Sie seien der Kaiser eines Volkes von 1,3 Milliarden Menschen. Was würden Sie tun, wenn Sie eine absolut erfolgreiche Geburtenkontrolle durchsetzen wollten und dazu jede Handhabe hätten?
Hallo Regionalwiss,
ich habe keine eigene Definition versucht, sondern gesagt, dass in der Mao-Zeit Kriterien für das Vorliegen von Völkermord nach UN-Definition erfüllt waren. Inwieweit Mao selbst schuldig war, lässt sich wohl nicht sicher sagen. Dass er gegen Chauvinismus war, ist kein Beweis seiner Unschuld.
Wenn Sie mich in diesem Punkt widerlegen: Von mir aus. Ich wollte dem Gerichtshof in Den Haag nicht die Arbeit abnehmen. Und ich interessiere mich vor allem für das moderne China. Da habe ich gesagt, dass der schwere Vorwurf des Völkermordes sich durch die Praxis der Geburtenplanungspolitik und ebenso durch die Ansiedlung von Millionen Chinesen in Tibet nicht erhärten lässt.
Hallo Herr und Frau Erstaunlich,
Das Akademische ist unvermeidbar, wenn es darum geht, einen so schweren Vorwurf wie den des Völkermordes zu erhärten oder zu entkräften. Dann muss man sehr akribisch arbeiten, sonst gibt es nur ein Durcheinander von Meinungen.
Welche komerziellen Interessen die Medien leiten, ist unbedingt auch eine Untersuchung wert, aber ich fürchte, ich habe in meinen Artikel auch so schon genug Informationen hineingepackt.
Du willst die Begriffe Unterdrückung und kultureller Völkermord genauer umreißen (was ich prinzipiell für sehr sinnvoll erachte); formulierst aber eine Behauptung ("Bei nicht genehmigter Schwangerschaft wird der Fötus zwangsweise abgetrieben.") als angebliche Tatsache! Es ist auch ein Unterschied, ob (früher) ein Provinzfunktionär die staatlichen Vorgaben (was Kinder angeht in zahlenmäßig negativer Hinsicht) übererfüllen wollte oder obs da ne "Doktrin" zu gab. Evtl. entwickelte das ja auch eine Eigendynamik wie die Hexenverbrennungen in Deutschland und Spanien, wo die katholischen Kirchenfunktionäre schnell merkten, daß sie da ne Lawine losgetreten hatte, die schwerlich zu stoppen war.Dazu mögest du dich bitte nochmals äußern!Ansonsten@Unterdrückung; die KPChina übt sehr wohl eine Einflußnahme aus; es wurde@Christen eine "offizielle katholische Kirche" installiert mit nicht von Rom legitimierten Bischöfen und die "wahre Kirche" unterdrückt, Pfarrer, Bischöfe eingeknastet usw. (gibt auch einen ZEIT-Artikel dazu).Ebenso werden staatstreue tibetanische Mönche unterstützt, da wird nat. auch ausgenutzt, daß der tibetische Buddhismus keineswegs homogen ist, wie hier im Westen gerne verbreitet wird/wurde. Ebenso gehts den tibetanischen "Bauerntrampeln" materiell um Längen besser als unter der Leibeigenschaft und "Dummhaltung" der Klöster. Und ich habe den Verdacht, da greift halt: "Wes' Brot ich eß-des' Lied ich sing".
Hallo Hugo_P,
Es gibt über Themen dieser Art eine Million Quellen. Zuverlässige und interessengeleitete. Ich werde hier nicht die Nr. 1000001 hinzufügen. Was ich kann ist Wertungen aussprechen, die versuchen, westliche und chinesische Vorstellungen auf einen Nenner zu bringen. Ich beteuere, dass ich ein China-Kenner bin. Aber nützt das was?
Unterdrückung ist nicht dasselbe wie Einflussnahme. Dass es letzteres gibt, und leider im Übermaß, kann ich bestätigen.
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