Leserartikel-Blog

„Der Geischt sagt Nein!“ - Eine kleine S21-Presseschau

Am 8.9.10 habe ich von einem drohenden politischen Beben geschrieben. (1) Im Stuttgarter Pressehaus hoch oben in Möhringen bebte bislang (noch) nichts. Aber offenbar hat ihnen der Wind ein Lied erzählt. Denn „Ein Sturm braut sich zusammen“ verkündete ein Kommentar auf der gestrigen Titelseite der Stuttgarter Zeitung: „Die Nervosität bei den landespolitischen Akteuren steigt von Umfrage zu Umfrage - und alle Parteien haben Grund, verstört zu sein.“ Und auf dem Online-Photo strahlt Herr Mappus fröhlich drein.(2)

Alle Parteien? Weist nicht die neueste Umfrage von Emnid den Grünen mit 27 Prozent Zustimmung jetzt den zweiten Platz hinter der CDU zu, nachdem sie im Stuttgarter Gemeinderat bereits an erster Stelle stehen? (3) Obwohl, verstörend mag die Frage sein, woher denn all das erforderliche Regierungspersonal im Falle des Falles kommen solle. Die Spitzen werden langsam knapp....

Wie dem auch sei, auf Seite 6 hat das Sturmgebraus sich in den „Wind des Wechsels“ gemausert.(4) Aber CDU-Fraktionschef Hauck bleibt gelassen. Seine eigene Glaskugel hat ihm signalisiert: „Entzauberung der Grünen hat bereits begonnen“. (5) Und von oben links strahlt Mappus wie ein Mopps. Sensationelle 35 Prozent für's mittlerweile kleine Schwarze. Da muss sich die Merkel aber warme Hosenanzüge anziehen.

Und erst recht die SPD. Nicht nur hyperventilliert S21-Drechsler mitterweile bei 21 Prozent. (6) Die Stuttgarter Zeitung wittert schon beflissen Morgenluft im „Wind des Wechsels“ und klatscht Nils Schmid per Kommentar ein „Mit voller Kraft in die Sackgasse“ an die Backe. (7) „Die Genossen geraten ins Schlingern“, hat Frau Allgöwer erkannt. „Ihr Vorschlag, in der vertrackten Situation das Volk zu befragen, schadet ihrer Glaubwürdigkeit.“

Aber klar doch, Frau Allgöwer. Geben Sie's den Umfallern! Noch ein bisschen Nazi-Keule gefällig? Wissen wir doch aus der Geschichte: Wer das Volk fragt, bekommt Hitler als Antwort. Demokratie ist verfassungswidrig, jawoll aber auch. Und dazu noch online – anders als bei Print – noch ein optimal unvorteilhaftes Photo des SPD-Chefs. Vorteil Mappus. Klar doch.

Und zum Kommentar gehört natürlich auch noch ein ordentlicher Artikel. Also, warum nicht „Ihr Vorschlag bringt der SPD viel Häme ein“. Online in Kurzfassung. (8) Stimmt zwar so nicht, dafür ist das SPD-Photo diesmal vorteilhafter. Oben rechts sehen derweil „Die Ermittler.. keine Anzeichen für Bestechlichkeit bei Exstaatssekretär Fleischer.“ Zum Ausgleich verkündet unten rechts der Innenminister: „Polizisten werden häufig angepöbelt“. Daneben beginnt die Kultusministerin „Mit gutem Mut das neue Schuljahr“. Wenigstens eine. Das ist doch schon mal ein Anfang.

Bei all dem abzusehenden Gegenwind hat die SPD schon mal vorgebaut. In tapferem Rot hat sie weiter hinten eine Anzeige gegen Artikel und Kommentar geschaltet, in der sie ihre „Volksabstimmung S21 2011“ propagiert. Und unter www.WarumSPD.de/S21 beantwortet sie eine Frage, die keiner stellt. Na ja, man sollte ihr vielleicht doch ein bisschen Zuwendung entgegen bringen. Schließlich kann es schon mal vorkommen, dass man einfach deswegen für etwas stimmt, damit der Drechsler endlich zu reden aufhört. Hauptsache sie sehen es rechtzeitig ein und schielen erst gar nicht nach einer Großen Koalition.

Auf Seite 7 schließlich passiert es. Die Stuttgarter Zeitung knickt vor der informierten Öffentlichkeit ein und vermeldet pflichtschuldigst: „Größter Kostenknaller der Eisenbahngeschichte“. Aber als grünes Zitat. Hoffentlich weiß Werbekunde Grube dies zu schätzen. (9) Und - Meine Ohren hören nicht, was das Büro Vieregg spricht - am Ende der Darstellung des Grünen-Gutachtens stellt Tanja Gönner, Verkehr, stramm klar, dass ihr Nomen keineswegs Omen ist: Mir gebbad nix! „Das sei „kein konstruktiver Beitrag“. Und außerdem sorgten die Grünen dafür, „dass die Mittel für den Ausbau der Infrastruktur in andere Länder flößen.“

Ha no, des goht fei net! Zu waas sen mir denn so reich? Schtoht doch scho in dr Bibel: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Ond mir senn schließlich Krischta, gell? Und der Grube assistiert via SWR-Radio, S21 sei doch ein „Geschenk für Stuttgart“, das hauptsächlich von anderen bezahlt werde. Wieso versteht denn das keiner. Wo bleibt denn der schwäbische Geiz? Wird Herr Grube jemals begreifen, dass er ständig an ein (Hamburger) Cliché appelliert, aber nicht an reale Stuttgarter oder Schwaben.*

Und damit es in Zukunft auch ganz gewiss wieder windstill wird im Lande, bahnt sich rechts unten auf der Seite eine machtvolle Bewegung für den Maulwurfsbahnhof an: „Laufen fürs Projekt“ will man. Donnerstags. 4,5 Kilometer. „Nicht als Demonstration..., sondern als sportliche Sympathiebekundung“. Kann ich verstehen. Man will auch bei den Befürwortern den Park genießen, solange es ihn noch gibt. Vielleicht macht Mappi Schnappi ja mit. Wäre gut fürs Gewicht – aber vielleicht schlecht fürs Strahlen?**

Nach dieser Abonnentenhäme zu nahezu vier Seiten Stuttgarter Zeitung nun zu einem erfreulicheren Beitrag eines erfreulicheren Journalisten. In der neuen ZEIT (37,2011) unternimmt Peter Kümmel unter der Überschrift, die auch ich - in Zitatform - als Titel gewählt habe, eine zweiseitige, höchst gelungene feuilletonistische Exkursion zu Stuttgart 21, auf der er die Sache aus dem Blickwinkel verschiedener örtlicher Prominenter und unterschiedlicher Örtlichkeiten parteiisch erkundet. (10)

Er beginnt – na, wo wohl? - an meinem Wohnort natürlich, wo auch die Schlaffers wohnen, die professoral im Bereich der Literatur zugange sind. Von Heinz Schlaffer nimmt er unter anderem eine teils steile, teils wohl richtige These mit, die besagt, dass sich Stuttgart im Falle eines erfolgreichen Durchdrückens von S21 als die deutsche Zukunftsstadt erweisen“ könnte, „welche ausschließlich von Wirtschaftsinteressen regiert werde. Stuttgart sei dabei, der Gegenpol zu Berlin zu werden; in Berlin sei keine Wirtschaft, aber das gute Leben; in Stuttgart könne es genau umgekehrt werden.“

Und damit ist wohl auch schon ein Teil der Emotion und Motivation bei den Befürwortern mit angesprochen, von dem auch schon Hannelore Schlaffer geschrieben hat. (11) Es ist ein elendes schwäbisches Minderwertigkeitsgefühl, von dem in besonderer Weise „Großkopfatte“ in der Stadt befallen zu sein scheinen. Man schaut ständig nach München oder Berlin, wo alles so viel irgendwasser ist. Was derweil in Stuttgart ist, nimmt man nicht wahr. Es sei denn zum Beispiel Peymann wird zu aufmüpfig. Dann muss er natürlich weg. Auch damals schon gegen den erbitterten Widerstand des Publikums.***

Das Motto könnte von Wilhelm Busch (Plisch und Plum)stammen:

„Schön ist es auch anderswo,
Und hier bin ich sowieso.«

Aber, wie schon der reiche Mister Pief, übersehen sie dabei gerne die Folgen:

„Hierbei aber stolpert er
In den Teich und sieht nichts mehr.“(12)

Nur dass der Teich in diesem Fall eine Baugrube sein dürfte.

Besonders gefallen hat mir aber Kümmels nächste Station, die neue Stadtbücherei, im Volksmund auch liebevoll „Bücherknast“ oder „Stammheim Zwo“ genannt. „Es ist unter allen neuen Bauten der Stadt vielleicht der hässlichste – ein Haus, von dem aus wir schaudernd auf den Rest des neuen Viertels schließen: Was wird das? Der erste Stein eines Innenstadtfriedhofs?“ Berechtigte Frage. Nur, dass ein Friedhof in der Regel schöner ist.

Warum solches als neues „Stadtquartier“ zu erwarten ist, erklärt bereitwillig der Fachmann für Kapitalismus, Edzard Reuter: „5oo Millionen Euro investierte die Stadt für das Gelände...Da können nur die stadtzerstörerischen Investoren etwas draufsetzen.“ Und angesichts der Art, wie die Politik in dieser Sache mit den Bürgern umgeht, wird es selbst dem Erfinder von S21, Heinz Dürr, mulmig.

Der Unternehmer als Demokrat? Nicht ungewöhnlich in Stuttgart, wie Peter O. Chotjewitz mit seinem Hinweis auf Robert Bosch belegt, der nicht nur das gleichnamige Krankenhaus spendierte (ursprünglich zur Anwendung und Erforschung der Homöopathie übrigens), sondern auch mit der Sozialistin Clara Zetkin in Kontakt stand, die in Stuttgart lebte.

Interessant auch, was der Kolumnist Joe Bauer (13) anmerkt: „Hitler war ein einziges Mal in der Stadt, dann nie wieder, man hat ihm das Mikrofon-Kabel durchtrennt mit einer Axt.“ Und Starkoch Vincent Klink schließlich antwortet auf die Frage, ob auch Politiker in sein Restaurant kämen: „Die kommen hier nicht rein. Ein Restaurant, in dem Politiker verkehren, kann nichts taugen.“

Genügend Appetitanreger für eine (spätere) Lektüre? Dann möchte ich zum Schluss kommen. Und der gehört natürlich Herrn Mappus. Mit einer breit angelegten „Informations“-Kampagne will er die Bürger „überzeugen“. Das hiesige Fernsehen hat heute Abend schon einmal damit angefangen. Verkehrsministerin Gönner durfte ex cathedra dozieren. Die Kritiker durften sich anschließend vom Moderator unterbrechen lassen.**** Geht doch. Noch 6 Monate in diesem Stil und die Landtagswahl ist „gerettet“. Ach, jetzt hab ich es doch glatt vergessen: Ein CDU-Pfarrer war auch dabei. Als Wahrheitsexperte. Und in dieser Rolle ist er selkbstverständlich voll pro. So heißt denn auch seine Initiative sinnigerweise Prosit. (14)

An der „Information“ der Bürger arbeitet auch Rose von Stein von der FDP. Getreu dem liberalen Motto, dass Eigeninitiative allemal besser sei als Staat, treibt sie ihre ganz eigene Aufklärung. Laut Kritikern soll sie unter anderem solche Erkenntnisse verbreiten: „Wissen Sie, dass Demonstranten gegen S 21 für ihr demonstrieren bezahlt werden und keine Ahnung haben worum es geht?“ (15)

Na, dann schau ich doch gleich mal nach meinen Kontoauszügen. Oder nach Rose von Steins Lieblings-Lektüren-Empfehlung: „Meine Lektüre der letzten Wochen und meine Lesetipps für Sie:
….. Bertold Auerbach: Der Tolpatsch …..“ (16)

(1) http://community.zeit.de/...
(2) http://stuttgarter-zeitun...

(3) http://www.stuttgarter-ze...

(4) http://www.stuttgarter-ze...

(5) http://www.stuttgarter-ze...

(6) http://www.stuttgarter-ze...

(7) http://www.stuttgarter-ze...

(8) http://www.stuttgarter-ze...

(9) http://www.stuttgarter-ze...

* http://www.swr.de/nachric...

** Einen ersten Eindruck von der überwältigenden Mehrheit pro S21 gibt es einstweilen hier zu bestaunen: http://www.bei-abriss-auf... und, ganz aktuell, hier: http://www.stuttgarter-ze...

(10) http://www.zeit.de/2010/3...

(11) http://www.stuttgarter-ze...

Eine Erwiderung von Heinz Dürr:

http://www.stuttgarter-ze...

Noch mehr Feuilleton

Josef-Otto Freudenreich:

http://www.fr-online.de/w...

http://www.taz.de/1/polit...

Michael Stürmer: http://www.welt.de/die-we...

Hilmar Klute:

http://www.scribd.com/doc...

Gerhard Stadelmaier:

http://www.faz.net/s/Rub1...

Post von Wagner: http://www.bild.de/BILD/n...

*** http://de.wikipedia.org/w...

(12) http://gutenberg.spiegel....
(13) http://www.stuttgarter-na...

**** Die Radioversion zum Nachhören gibt es hier: http://www1.swr.de/podcas...

Und hier die Fernsehfassung:

http://www.swr.de/nachric...

(14) http://www.stuttgarter-ze...

(15) http://www.bei-abriss-auf...

(16) http://rosevonstein.de/li...

Basisinformation:

http://de.wikipedia.org/w...

http://www.das-neue-herz-... (Befürworter)

http://www.kopfbahnhof-21... (Kritik, Alternativ-Gutachten, Alternativprojekt)

http://www.bei-abriss-auf... (Kritik, laufende Information, Pressespiegel)

Last Updated: 23.09.2010, 01:20