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Kritik der zynischen Unvernunft (2)

Eine "Revolution der gebenden Hand" fordert Peter Sloterdijk in einem Essay zur "Zukunft des Kapitalismus" in der FAZ vom 13. Juni 2009 (bitte ergoogeln!). Was er damit meint, erläutert er am Ende von 6 DIN A4-Seiten in einem einzigen Abschnitt. Dort wünscht er sich eine "sozialpsychologische Neuerfindung der 'Gesellschaft'", die "Abschaffung der Zwangssteuern" und deren Ersatz durch freiwillige "Geschenke" der Habenden "an die Allgemeinheit".

Ersetzen soll diese Neuerfindung eine "Kleptokratie des Staates", einen "Semi-Sozialismus", der "schamhaft 'Soziale Marktwirtschaft'" genannt wird und in dem der "Finanzminister..ein Robin Hood" ist, der von den Habenden nimmt und die Habenichtse bedenkt. Der Staat ist, so Sloterdijk, zu einem "geldsaugenden und geldspeienden Ungeheuer" geworden, das überdies durch "Überregulierung.. unternehmerischen Elan" ausbremst, durch "Übersteuerung ...Erfolg bestraft" und - "keynesianisch vergiftet" - durch Überschuldung der nächsten Großenteignung durch Währungsreform entgegentreibt.

Angetrieben wird solche Politik durch ein Missverständnis der Habenichtse, die fälschlicherweise annehmen, Besitz sei etwas, das ihnen gestohlen worden sei, zumindest aber ihnen zu einem größeren Teil zu stehe als die Habenden ihnen zugestehen wollen. Verfestigt habe sich diese Annahme von Rousseau über Marx bis hin zum jetzigen, allgemein rosaroten Konsens der Mehrheit zumindest in diesem Lande.

Es fehle an Respekt vor dem "bürgerlichsten der Rechte, dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums" und überdies sei an die Stelle des Grundkonflikts zwischen Kapital und Arbeit längst ein anderer Antagonismus getreten, nämlich der zwischen Finanzkapital auf der einen und Kapital & Arbeit auf der anderen Seite. Denn längst treibe nicht mehr die Gier nach Profit das Kapital an, sondern die Notwendigkeit der "Rückzahlung von Krediten".

Der zentrale Haken an dieser ganzen Argumentation scheint mir ihre Verankerung nicht in der Betrachtung von Wirklichkeit, sondern im Hinwegschweben über die Geschichte der Philosophie, wobei dann gelegentlich das eine oder andere zur Grundannahme passende Versatzstück aufgesammelt und zu einem von der Wirklichkeit separierten Mosaik zusammengesetzt wird.

Die Ursünde beging demnach Rousseau, als er sozusagen im ersten errichteten Zaun der Menschheitsgeschichte den Ur-Diebstahl erkannte, durch den das Privateigentum entstand. Diesem fehle demnach jede Legitimität und die solchermaßen Bestohlenen hätten ein legitimes Recht, Ausgleich zu fordern. Die (nachträgliche) Legitimierung durch das Rechtssystem des Staates sei eine "nachträgliche Heiligung der gewaltsamen" Inbesitznahme. Die Umverteilungspolitik des Staates, so Sloterdijks Ergänzung, wäre demnach eine Art Schadenersatz.

Wendet man sich nach solcher Analyse kurz der Wirklichkeit zu, dann stellen sich etwas andere Fragen. Laut Wikipedia sind die Wurzeln des Eigentums unbekannt und "in manchen Kulturen kennt man kein Privateigentum im heutigen Sinne. Besonders die Vorstellung, man könne Berge und Seen besitzen (Grundbesitz), ist für manche indigene Völker unverständlich und irrational."

Zumindest da also steht Rousseau nicht allein. Und die Unterscheidung zwischen Eigentum und Grundeigentum ist zentral, denn am Ende hängt von dem, was man Grundbesitz nennt, das Überleben nicht nur der Menschen ab. Wer also hierauf einen Besitztitel "erwirbt", erwirbt sich damit Macht über das (Über-)Leben anderer. Die anderen aber werden sich in die Gefährdung ihres Überlebens nicht in jedem Fall fügen. Wenn der Staat - also wir alle durch unsere gewählten Vertreter - hier für "Umverteilung" sorgt, dann geht es ihm in seiner sozialdemokratischen Variante weniger um "Heiligung" als vielmehr um Befriedung.

Diese Befriedung aber kommt in solcher Lage in erster Linie denen zugute, die besitzen. Wenn der Staat also neben der Umverteilung auch den Preis für Sicherheitsorgane in Rechnung stellt, so ist das eine logische Konsequenz. Dass er diesen Preis gestaffelt nach Zahlungsfähigkeit eintreibt, hat ebenfalls seine Logik: je mehr einer besitzt, desto wahrscheinlicher ist, dass er Schutz benötigt.

Geht man vom Grundbesitz weg und wendet sich der Industrie zu, so wird klar, dass der "Staat" die Instanz ist, die am ehesten für eine "gerechte" Ausstattung mit Infrastruktur sorgen kann. Bildung mag man dazu rechnen. Auch das hat seinen Preis und auch hier sollte es sich von selbst verstehen, dass diejenigen am meisten bezahlen,die am ehesten davon profitieren.

Es handelt sich also zumindest bei einem Teil des Geldes, das der Staat von seinen Bürgern einfordert um einen Preis für staatliche Leistungen, nicht aber um Enteignung. Und wenn Sloterdijk vom Rousseauschen "Mythos" spricht und Karl Marx da vermutlich gleich mit einrechnet, dann scheint es mir gerechtfertigt, meinerseits Sloterdijk zu unterstellen, auf einen liberalen Mythos hereingefallen zu sein, der lange nach dem Ende des Feudalismus immer noch so tut, als hätten wir keine Demokratie, sondern eine auf Demokratie geschminkte Diktatur des Proletariats, in der die "Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven" staatlich organisiert sei(Sloterdijk).

An all dem mag immer auch ein Quäntchen Wahrheit sein. Auch soll hier keineswegs Reformbedarf bestritten werden. Ich selbst habe durchaus unter Schröder selig als Parteiloser die Hartz-Gesetze gegen brüllende Sozialdemokraten verteidigt. Zur gefährlichen Legende werden Sloterdijks Thesen aber durch die pauschalierende Verallgemeinerung in parlierender Abgehobenheit. So, wie er es schreibt, könnte man es auf die verlogene FDP-Parole eindampfen, dass Leistung sich wieder lohnen müsse. Verlogen, weil offensichtlich nicht all diejenigen gemeint sind, die gerne leisten würden, aber nicht dürfen und dafür dann auch noch (hinter vorgehaltener Hand) als Sozialschmarotzer beschimpft werden, während die kostenträchtigsten Sozialschmarotzer ganz wo anders sitzen.

Und da ist dann auch noch jene Vorstellung, man müsse den Menschen nur die Möglichkeit geben, das Gute in ihren Herzen ohne staatliche Gängelung herauszulassen und die Bedürftigen würden durch Geschenke viel reicher gesegnet als es die staatliche Verschwendungs- und Korruptionsmaschinerie jemals könne.

Da scheint aus Sloterdijks Unterbewußtsein abgesunkenes Bhagwansches Gedankengut aufzusteigen, der es trefflich verstand, östliche mit westlicher Philosophie und anglo-amerikanischem Erlösungs-Kapitalismus zu vermischen. Leider habe ich das Zitat nicht mehr, das ich hier bräuchte. Eine esoterische Freundin hat mich davon bei der Trennung enteignet. Aber ein ähnliches Zitat mag die Verwandtschaft zu Sloterdijks Theorie des Schenkens ebenfalls aufzeigen:

"W o wirst du vom Bettler berührt? Fängst du an, über die wirtschaftlichen Zustände nachzudenken? Fängst du an, zu überlegen, wie man betteln gesetzlich unterbinden sollte oder wie eine sozialistische Gesellschaft geschaffen werden sollte? Dann ist für dich kein Bettler da, er ist nur ein Stück Information. Das ist ein Kopf-orientierter Mensch. Sein Herz ist nicht berührt. Er tut nichts für den Bettler, der hier und jetzt da ist - nein. Er wird etwas für den Kommunismus tun, etwas für die Zukunft, für irgendeine Utopie.....
"Der Verstand tut immer alles in der Zukunft; das Herz ist immer hier und jetzt. Ein Herz-orientierter Mensch wird jetzt etwas für diesen Bettler tun..."(Bhagwan Shree Rajneesh: Meditationstechniken, Margarethenried 1977, S.107).

Ich zitiere das nicht, um zu denunzieren, sondern um klar zu machen, wo solches Streben nach "sozialpsychologische(n) Neuerfindung(en)" hin gehört: in Therapie, Selbsterfahrung und (quasi-)religiöse Gruppen. Als Gesellschaftsentwurf taugen sie nicht. Es sind zu viele Narztisten und Psychopathen unterwegs - um stellvertretend nur einige zu nennen - , als dass dieses Experiment gelingen könnte. Man soll doch nicht so tun, als ob unsere Gesellschaften aus hohen oder niederen Motiven zu dem geworden sind, was sie aktuell sind. Sie haben sich aus historischen Erfahrungen heraus entwickelt, sind das Ergebnis von gemeinsamem Lernen aus Erfahrung.

Dies allerdings schließt ein, dass wir auch jetzt, so wir denn neue Erfahrungen machen, auch Neues zu lernen bereit sind. Eine sinnvolle Ausgangsbasis dafür wäre in meinen Augen jene funktionale Betrachtung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft wie sie Jürgen Kaube anmahnt. Keynes wäre, anders als Sloterdijk ihn missversteht, ein angesagter Autor hierbei. Denn nicht Keynes hat unsere Gesellschaften vergiftet, sondern sein Missbrauch für die Rechtfertigung von Wahlgeschenken - um es platt zu verkürzen.

"Fordern und Fördern" hielte ich dabei für eine bessere Parole als "Mehr Netto für Brutto". Auch bin ich durchaus für eine ausgewogene Balance zwischen Engagement und Regulierung.

Gesellschaften. Darüber wäre zum Schluss auch noch zu reden. Ist es nicht so, dass erst das Privateigentum das "Individuum" möglich gemacht hat, der "Zaun" mithin auch ein seelischer war, der zwischen den Einzelnen und der Gemeinschaft (oder dem Rudel) eine (zunehmende) Distanz herstellte? Wäre demnach die Entstehung des Privateigentums nicht die zweite "Erbsünde" nach der ersten, der Entstehung des Bewußtseins, die uns Probleme gebracht hat, die wir allenfalls erleiden, ausbalancieren vielleicht, aber nicht wirklich lösen können.

Paradox hierbei ist, dass die Entfaltung des sich aus der Gruppe separierenden Individuums am Ende dazu führte, dass die ursprüngliche Gruppe sich zur Weltgesellschaft erweiterte, die nunmehr als "Globalisierung" das Individuum mit neuen Zwängen wieder einzufangen droht. Schaut man auf die ärmeren Teile dieser Weltgesellschaft, so entlarvt sich die vermeintliche Abschaffung der Armut und Ungleichheit durch einen rosarot eingefärbten Kapitalismus und die angeblich an ihre Stelle getretene Ausbeutung der Ausbeuter vollends als von Wohlstandsprinzchen erzählte Mär.

Man muss sich schon etwas zusammenreißen, will man nicht der Versuchung erliegen, sich Sloterdijk vorzustellen, wie er in Poona inmitten von Gleichgestellten an seiner Selbstverwirklichung arbeitet, während draußen, vor den Toren des Ashram, die geballte Armut vor sich hin stirbt. Die Rolls Royce Sammlung des Bhagwan auf der einen, die helfende, freiwillige Armut einer Mutter Theresa auf der anderen Seite. Auch das wäre ein Bild, das einem bei Sloterdijks Essay in den Sinn kommen kann. Könnte es sein, dass Sloterdijk da ein paar blinde Flecken hat? Ich stelle die Frage, ohne damit auszuschließen, dass auch für Bhagwans Verhalten einiges sprechen könnte.

Es ist ja mittlerweile etwas abgedroschen, aber angesichts dieser Debatte vielleicht doch erinnerungswürdig, dass wir im Moment eine weltweite Finanzkrise erleben, in der Staaten bereitwillig Billionen für die Stützung maroder Banken - Privateigentum also - ausgeben, während von den 12,3 Milliarden Dollar, die für die Bekämpfung des Welthungers zugesagt wurden, erst 1 Milliarde tatsächlich geflossen ist. So jedenfalls zitiert Noam Chomsky in einem neueren Essay eine Zeitung aus Bangladesh (Crisis and Hope: Theirs and Ours.
http://www.chomsky.info/a... ).

Was den von mir in Teil 1 angesprochenen "Zeitgeist" betrifft, so verweise ich auf meinen Beitrag über Richard David Precht. Vielleicht folgt später auch noch ein dritter Teil zu diesem Beitrag(?)

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Leser-Kommentare
  1. 1. Klasse Artikel

    und bisher Null Kommentare.

    Ok, erster:

    http://de.wikipedia.org/w...

    und

    http://de.wikipedia.org/w...

    Frdl. Gruß
    Pf.

  2. 2. @ Pausenfüller/ # zu Zynische Vernunft 2

    Danke für Lob und Links.
    Und überlassen wir Lesen und Debatte dem neuen Tag. Ein ausgeruhtes Hirn ist sicher eine gute Voraussetzung dafür.
    MfG zur Nacht!

  3. 3. avec plaisir

    und gute, nachdenkliche Nacht.

    Frdl. Gruß
    Pf.

    • 07.10.2009 um 02.30 Uhr
    • j-ap
    4. Vorweg

    Na, da haben Sie ja ganz schön was zusammengetragen, seriousguy. Nach der ersten Durchsicht fallen mir spontan drei Punkte auf:

    1. Es sollte sich vielleicht jemand die Mühe machen und mal darlegen, weshalb das Privateigentum nicht irgendwann irgendwie »erfunden« wurde und seitdem einfach durchgesetzt wird, sondern daß es Gründe gab, weshalb und in welchem Umfang es sich entwickeln konnte. Es gibt nämlich, wie ich meine, in der Tat unwiderlegliche und sogar apriori-wahre Gründe dafür.

    2. Was immer wieder zu kurz kommt ist der hinter dem Gedanken des Eigentums stehende Prozeß der Zivilisation: Was Sie (und Rousseau) also eine Abzäunung nennen hat sein erstes Motiv sicherlich in dem Bedürfnis nach Konfliktlösung, denn wo immer jedermann genau sagen kann, was wem gehört und welches Recht worauf besteht, dort können Konflikte vermieden werden, und die Konfliktlösung ist ja ein Thema, das der Menschheit seit ihrem Bestehen eingeschrieben ist.

    3. Die Banken und das Hehlereigeschäft zu deren Gunsten lassen wir vorerst mal lieber beiseite, denn das, was dort geschah, hat nicht so sehr mit dem Institut des Eigentums zu tun, sondern mit einer folgerichtigen Funktion des Gewaltmonopols. Auf einem freien Markt hätten Banken schlichtweg nicht überlebt, ebensowenig die riesigen Geldvermögen, die hinter ihnen stehen; die rettende Intervention zu deren Gunsten war allerdings nur durch Staatsgewalt (i.e. Besteuerung, worunter auch Staatsverschuldung fällt, denn die ist nichts anderes als intertemporale Besteuerung) möglich.

    4. Vollständig ablehnen muß ich Ihre Theorie, wonach die Steuererhebung quasi ein nachlaufender Preisbildungsprozeß für die Bereitstellung des Gutes »Schutz« sei. Zum einen ist die Preisbildung bei vollständig monopolisierten Gütern (wie im Falle des Gutes »Schutz« durch einen Gewaltmonopolisten) per se unmöglich, zum zweiten kann man folglich auch gar nicht feststellen, welchen Preis man verlangen soll (weil man keinen feststellen kann) und zum dritten sind Kosten und Preise stets uniform. Was heißt das? Nun, kurz und knapp: Wenn Sie beim Bäcker eine Semmel kaufen, dann erfolgt die Preisbildung anhand von Angebot und Nachfrage und findet ihre unterste Schranke in den Grenzkosten der Produktion, nicht aber auf Basis des individuellen Vermögens, über das ein Kunde verfügt. Das wird sogleich einsichtig, wenn wir uns das von Ihnen vorgestellte progressive Preissystem in dr Praxis vorstellen: Dann müsste ein Bettler für die Semmel vielleicht 10 Cent bezahlen, meine Wenigkeit vielleicht 100 EUR und David Rockefeller eine Million. Sie sehen, wohin das führt?

    5. Höchst problematisch ist auch diese Formulierung: »Wenn der Staat - also wir alle durch unsere gewählten Vertreter (...)«. Abgesehen davon, daß dieses Argument nicht haltbar ist, weil es einen Begriff verwendet, den es selbst enthält, würde ich von Ihnen gerne wissen, ob Sie tatsächlich die Auffassung vertreten, daß der Staat wirklich nur ein handelnder Ausdruck des allgemeinen Willens derer, die ihm unterworfen sind, sein soll. Ist das Ihrer Meinung nach so? Und gilt dies immer und überall?

    • 07.10.2009 um 02.33 Uhr
    • j-ap
    5. Nachtrag:

    Ersetzen Sie die Formulierung »drei Punkte« (soviel waren es ursprünglich!) durch »einige Punkte« (damit ist man im Zweifel immer auf der richtigen Seite).

    Jawohl: Zeit für's Bett! Geruhsame Nacht!

    • 07.10.2009 um 09.45 Uhr
    • hardob
    6. Eingentum

    Exemplarische Beispiele:

    Man verschulde sich bis über die berühmten Ohren, um den Zipfel der Macht zu erhalten, der es einem ermöglicht ganze Völkerschaften und Kulturen legal auszuplündern. Seinen nachgeordneten Helfern und Helfershelfern kann man us dem zusammengeraubten Reichtümern danach voller Grandezza und mit Gandenerweis etwas abgeben. (Cäsa, nun ja, er hat auch nichts mitnehmen können.)

    Man verschulde sich, gerade wenn man schon über viel Eigentum vefügt, bis über die Haarspitzen und spekuliere mit undurchschaubaren Produkten und nehme bei Scheitern der Aktionen ganze Staaten in Haft, plündere die aus und mache sich in seinen schönen Ambienten weiterhin ein gutes Leben. Und klage über die "sozialdemokratischen quasi sozialistischen" Zumutung der "Zwangsbeteuerung". Weil: man wäre ja gut, wenn man es nur sein könnte, man würde ja geben, wenn man nur dürfte.

    Geben:"Es fehlt dir noch eins. Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen,.." (Luk,18,21) Das wäre Konsequenz.

    Alle anderen Verquastheiten berühren Fragen der Macht. Und um die geht es. Der Pöbel maßt sich seit 1787/1789 an, über demokratische Mitbestimmung den Großeigentümern irgendwelche "Zwänge" aufzuoktroyieren. Dann doch liebe umgekehrt nach der Sloterdijk'schen Verschwurbelung. Hat doch im Feudalismus jahrhundertelang bestens funktioniert. Gut Nacht!

  4. 7. @ j-ap/T: Zynische Unvernunft

    1/2 Ich weiß nicht, wie und warum "Eigentum" entstand und andere scheinen es auch nicht so genau zu wissen (Wikipedia). Hinter der Errichtung des "Zauns" (ich referiere da nur Sloterdijk, der seinerseits Rousseau zitiert) sehe ich durchaus zwei Möglichkeiten: Aneignung durch Gewalt und Erwerb durch "Leistung", unterscheide mich also in diesem Punkt von Rousseau.

    Ich kann mir also durchaus vorstellen, dass Eigentum auch durch das Bedürfnis entstand, sich über stagnierende Konformität zu erheben, mehr für sich herausholen zu wollen als die anderen es sich für sich vorzustellen vermögen. Insoweit könnte Eigentum nicht nur als Triebkraft für die Individualisierung, sondern auch als Motor für den "Fortschritt" angesehen werden.

    Selbst wenn man "Fortschritt" in Frage stellt (was ist dabei das rechte Maß?) und einrechnet, dass Menschen nicht per se "gut" sind, kann man aus meiner Sicht also Eigentum durchaus rechtfertigen. Ich wende mich aber vehement gegen (neo)liberale und pauschalisierende Rechtfertigungsdogmen, selbst wenn sie moralisch oder philosophisch verbrämt sind.

    3 Die Investmentbanker gehören durchaus hierher, denn die Steuermittel, mit denen ihr seitheriges Treiben therapiert und ihr künftiges Treiben abgesichert wird sind Beleg dafür, dass im "sozialdemokratischen" System zumindest
    a u c h die "Ausbeuter" mit erheblichen Wohltaten bedacht werden, das "Geldspeien" also nicht nur nach einer Seite hin funktioniert. Auf "Steuersparmöglichkeiten" aller Art wurde bereits von lyriost in Thread 1 hingewiesen.

    4 Auch der Preis, der von einem Monopol vorgegeben wird, ist ein Preis, auch wenn es eher ein Macht-, denn ein Marktpreis ist. Richtigerweise müssten staatlich eingeforderte Preise den Kosten entsprechen. Im Übrigen ist auch bei staatlich erhobenen Preisen der Einfluss des Marktes nicht von vornherein ausgeschlossen. Auch hier kann es Konkurrenz geben - selbst, wenn es nur eine "gefühlte" und/ oder indirekte wäre. Der Bürger kann durchaus vergleichen, was für Arbeit und andere Güter und Dienstleistungen auf dem freien Markt und was im staatlichen Monopolbereich bezahlt wird und daraus seine (Wahl-) Schlüsse ziehen.

    Andererseits wissen wir spätestens seit Galbraith und Werner Hofmann, dass nicht alles, was sich Marktpreis nennt auch Marktpreis ist. Gerade Hofmann hat im Bereich der Wirtschaft stark mit dem Begriff der "Macht"operiert
    (Grundelemente der Wirtschaftsgesellschaft), während Galbraith aufzuzeigen versuchte, dass es durchaus strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen "freier" Marktwirtschaft und staatlich gelenkter Verordnungswirtschaft geben kann, wenn man sich die größeren Einheiten anschaut(Wirtschaft für Staat und Gesellschaft).

    5 Ich sehe Regierung und Parlament in demokratischen Systemen in der Tat als meine Vertreter an, wenngleich sie aus nachvollziehbaren Gründen keinem imperativen Mandat unterliegen und Verbesserungen des Willensbildungsprozesses wünschenswert wären. Auch hier also: keine Pauschalisierungen.

  5. 8. @ hardob/ # Macht durch Verschuldung

    Diese Sichtweise von Kredit und "Verschuldung" ist höchst angebracht, denn Sloterdijk interpretiert dieses Phänomen einseitig als eine Art Zinsknechtschaft, über die die "Unternehmer" selbst zu Ausgebeuteten würden, darin den Arbeitnehmern gleich.

  6. 9. Die Gier nach Profit

    `Denn längst treibe nicht mehr die Gier nach Profit das Kapital an, sondern die Notwendigkeit der "Rückzahlung von Krediten".

    http://www.youtube.com/wa...

    • 07.10.2009 um 13.28 Uhr
    • j-ap
    10. Das Privateigentum

    Bleiben wir vorerst bei den Punkten 1 und 2, da Sie die explizit als Dogma bezeichnet haben, was, wie ich im folgenden zeigen werde, nicht zutrifft, und sich darüber hinaus alle andere Fragen auf der Grundlage dieser Argumentation ergeben.

    Wie ist also das Privateigentum begründbar?

    Zwei Argumente sind dazu ins Feld geführt worden:

    I.
    Das erste geht mittels eines argumentum e contrario vor. Wenn, im Gegensatz zum Prinzip der ersten oder ursprünglichen Aneignung, ein Mensch A nicht als Eigentümer seines sichtbar (demonstrierbar und intersubjektiv überprüfbar) angeeigneten Körpers und des ursprünglich (vor jedem anderen) durch ihn mittels seines Körpers angeeigneten Aufenthaltsorts auf der Erdoberfläche betrachtet wird, dann gibt es logisch nur zwei alternative Möglichkeiten:

    a) Entweder muß ein anderer, später hinzugekommener Mensch B als Eigentümer des Körpers von A anerkannt werden oder
    b) sowohl A als auch B müssen als gleichrangige, gemeinsame Besitzer aller Körper und Orte gelten.

    Die dritte denkbare Alternative, nämlich daß niemand irgendeinen Körper oder ursprünglich angeeigneten Aufenthaltsort besitzen soll, kann als unmöglich ausgeschlossen werden, denn menschliches Handeln setzt zwingendermaßen einen Körper und einen Aufenthaltsort für ihn voraus, und der Mensch kann nicht nicht handeln. Daher würde diese dritte Option das sofortige Aussterben der Menschheit bedeuten.

    Im ersten Fall wäre A auf den Rang eines Sklaven von B reduziert und der vollständigen Ausbeutung durch ihn preisgegeben. B ist der Eigentümer des Körpers von A und der von A eingenommenen Aufenthaltsorte, aber A ist nicht Eigentümer des Körpers von B und der von ihm eingenommenen Aufenthaltsorte. Unter dieser Regelung würden zwei Klassen von Menschen geschaffen: Sklaven bzw. Untermenschen wie A und Herren oder Übermenschen wie B, auf die jeweils unterschiedliches »Recht« angewendet würde. Daher muß, während diese Regelung durchaus praktisch möglich wäre, diese von Anfang an als menschliche Ethik verworfen werden: Damit nämlich eine Regel den Rang eines sittlichen Gesetzes—also einer gerechten Regel (Ethik)—erlangt, ist es notwendig, daß sie gleichermaßen und universell für alle gültig ist, und dieses Prinzip ist hier ganz offenkundig verletzt.

    Im zweiten Fall, also dem gleichen Miteigentum (Fall b) von oben) ist zumindest diese Anforderung der universellen Gültigkeit anscheinend erfüllt. Diese Alternative leidet jedoch an einem noch viel gravierenderen Mangel. Wenn Sie angenommen würde, würde die gesamte Menschheit ebenfalls sofort aussterben, denn jede Handlung einer Person setzt die Verwendung knapper Mittel voraus (mindestens des eigenen Körpers und dessen Aufenthaltsort auf der Erdoberfläche, und beide Mittel sind definitiv nicht-unendlich, also knapp). Wenn jedoch alle Güter gleichermaßen das Eigentum aller wären, dann wäre es niemandem jemals irgendwo erlaubt, irgendetwas zu tun, ohne sich zuvor der Zustimmung aller anderen Miteigentümer zu dieser Handlung zu versichern. Wie jedoch könnte jemand eine solche Zustimmung geben, wenn er nicht der ausschließliche Eigentümer seines eigenen Körpers (einschließlich der Stimmbänder) ist, vermittels dessen er diese Zustimmung ausdrücken könnte? Er würde in der Tat wiederum zuerst die Zustimmung aller anderen Miteigentümer benötigen, um seine eigene Zustimmung ausdrücken zu können, und diese anderen könnten ihre Zustimmung abermals nicht geben, ohne sich zuvor der Zustimmung aller anderen zu vergewissern usw.usf., ad infinitum, unendlicher Regreß.

    Somit bleibt nur die erste Alternative, das Prinzip der ursprünglichen Aneignung auf Basis des Selbsteigentums (und damit die Behauptung) übrig. — q.e.d.

    II.
    Das zweite große Argument, das zu derselben Schlußfolgerung wie das soeben vorgetragene gelangt, hat die Form eines Unmöglichkeitstheorems und ist sehr deutlich an das Argumentations-Apriori der Diskursethik (genauer: Karl-Otto Apel) angelehnt und ist darüber hinaus sogar noch strenger als das erste. Dieses Theorem geht von einer logischen Rekonstruktion der notwendigen Bedingungen (Bedingungen der Möglichkeit nach Kant) ethischer Probleme und einer exakten Definition und Darstellung des Zwecks der Ethik aus.

    Damit ethische Probleme in Bezug auf Handlungen überhaupt entstehen, muß ein Konflikt zwischen mindestens zwei separaten und unabhängigen Individuen existieren (oder zumindest möglich sein), und ein Konflikt wiederum kann nur im Hinblick auf knappe Mittel (bzw. »ökonomische Güter«) auftauchen. Ein Konflikt ist weder möglich in Bezug auf im Überfluß vorhandene sog. »freie« Güter wie etwa die Luft zum Atmen noch in Bezug auf knappe, aber prinzipiell nicht aneignungsfähige Güter wie beispielsweise die Sonneneinstrahlung oder Wolken (d.h. die Bedingungen statt der Mittel menschlicher Handlungen). Konflikt ist nur möglich über aneignungsfähige, d.h. kontrollierbare Mittel wie etwa ein Stück Land, einen Apfelbaum oder eine Höhle, die in einer spezifischen räumlich-zeitlichen Beziehung zu ihren Bedingungen (eben die schon exemplarisch genannte Sonneneinstrahlung oder Bewölkung) stehen.

    Daher ist es die Aufgabe der Ethik, Regeln bezüglich der richtigen und der unrichtigen Verwendung knapper Mittel vorzuschlagen. Das heißt, Ethik beschäftigt sich mit der Zuordnung von Rechten der ausschließlichen Kontrolle knapper Güter (i.e. Eigentumsrechte), um Konflikte auszuschließen oder aufzulösen.

    Konflikte allein allerdings sind zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für ethische Probleme, denn man kann zB auch mit einem Gorilla oder einem Elefanten in Konflikt geraten, jedoch entstehen daraus keine ethischen Probleme. Gorillas und Elefanten stellen allenfalls ein technisches Problem dar: Nur wenn beide Konfliktparteien in der Lage sind, Vorschläge auszutauschen, d.h. zu argumentieren, kann man vom Vorliegen eines ethischen Problems überhaupt sprechen. Das bedeutet, nur wenn der Gorilla oder der Elefant im Prinzip in ihrem konfliktträchtigen Verhalten einhalten und ein »ja« oder »nein« zum Ausdruck bringen können, d.h. ein Argument präsentieren können, würde man ihnen eine Antwort schuldig sein.

    Auf Basis dieser Erkenntnis kann niemand bestreiten, ohne sich in performative Widersprüche zu verstricken, daß die gemeinsame Rationalität, die in der Fähigkeit zum Ausdruck kommt, Argumente auszutauschen, eine notwendige Bedingung für das Vorliegen eines ethischen Problems darstellt, weil eben dieses Bestreiten wiederum in Gestalt eines Arguments erfolgen müßte. Selbst ein ethischer Relativist, der die Existenz ethischer Probleme zwar zugibt, aber bestreitet, daß es eine gültige Antwort darauf gibt, kann die Gültigkeit dieser Aussage nicht bestreiten (deshalb heißt sie ja auch Apriori der Argumentation), denn alles, was zu einer Argumentation selbst vorausgesetzt werden muß, kann argumentativ nicht bestritten werden.

    Darüber hinaus gibt es nicht nur wie soeben gezeigt logische, sondern auch praktische Voraussetzungen der Argumentation: Argumentation besteht nicht nur freischwebenden Aussagen, sondern involviert stets mindestens zwei Streiter, einen Proponenten und einen Opponenten, d.h. Argumentation ist immer eine Unterkategorie menschlichen Handelns. Sowohl Proponent als auch Opponent müssen wiederum jeder für sich die Geltung der ausschließlichen Kontrolle (d.h. des Eigentums) über ihre jeweiligen Körper (Gehirn, Stimmbänder etc.) und ihre derzeitigen Aufenthaltsorte bejahen, sonst wären Aussagen per se unmöglich und damit auch jedes denkbare Argument hinfällig.

    Und schließlich: Wenn die Anerkennung des Prinzips ursprünglicher Aneignung von Körpern und ihren Aufenthaltsorten als Voraussetzung akzeptiert ist, dann ist es unmöglich, eine argumentative Rechtfertigung eines anderen ethischen Prinzips vorzutragen, ohne sich schon durch den Vortrag selbst in offensichtlichen Widerspruch zu verwickeln. — q.e.d.

    Das sind in der Tat zwei sehr stichhaltige Argumente, weshalb es die Institution des Privateigentums überhaupt gibt. Nicht zur Sprache kamen hier andere Begründungsversuche, zB die auf Basis des kritischen Rationalismus (der zum selben Ergebnis kommt) oder auch kultursoziologische (die nahelegen, daß in Gesellschaften, die kein Privateigentum kennen, auch keine Entwicklung zur Zivilisation stattfinden kann, wobei der Begriff der Zivilisation aus meiner Sicht reichlich problematisch, weil nicht exakt definierbar ist). Daneben gibt es noch religiöse Letztbegründungen (Luis de Molina und die Schule von Salamanca habe ich letztens erst wieder bemüht), die allerdings dann in der Tat dann Dogmen wären, d.h. nicht-wertfreie, nicht intersubjektiv überprüfbare, nicht falsifizierbare Aussagen enthalten.

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