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Zum guten Ton und Taktgefühl

Am 19. Juli vor 140 Jahren wurde sie geboren. Die Frau, die keinen größeren und innigeren Wunsch hatte als zu singen. Singe, wem Gesang gegeben. Demzufolge hätte sie nicht singen sollen. Da diese Frau samt ihrer Lebensgeschichte derart einmalig ist, macht es wenig Sinn, wie die Katze um den heißen Brei um ihren Namen zu schleichen.
Natürlich handelt es sich um Florence Foster Jenkins. Und noch viel weniger Sinn macht es, diese Frau und ihre Stimme zu verspotten. Dies wurde zu Genüge getan. Nein, da werde ich sicher nicht mit einstimmen obgleich ich zugebe, dass auch ich lachte, als ich ihre Schallplatte einst hörte.
Schon als Kind äußerte sie den Wunsch Gesang zu studieren, was ihr Vater jedoch nicht zu finanzieren willens war. Nach der Scheidung ihrer kurzen Ehe schloß sie sich den Suffragetten an. Nein, es handelt sich nicht etwa um eine Vereinigung von jenen, die dem Alkohol frönen, sondern um eine Gruppe Frauenrechtlerinnen. Doch auch hier gelang es ihr nicht den unbändigen Wunsch eine große Opernsängerin zu werden zu verdrängen.
Erst das Vermögen, welches ihr Vater ihr nach seinem Tode hinterließ, ermöglichte ihr, sich ihrer Gesangskarriere zu widmen. Sie war oder wurde die schlechteste Sängerin aller Zeiten und ebenso bekannt wie die besten. Sie wählte sich ihr Publikum selber aus und sang einmal jährlich im Ritz-Charlton-Hotel in New York. Ich glaube, es waren die Spötter, die dafür sorgten, dass der öffentliche Druck derart groß wurde, dass Florence Foster Jenkins diesem nach gab und einem Konzert in der Carnegie Hall zustimmte. Innerhalb weniger Tage war dieses Konzert ausverkauft und die Karten wurden auf dem Schwarzmarkt zu höchsten Preisen gehandelt.
Wie schmerzhaft muss es für die damals bereits 76jährige gewesen sein, vor einem Publikum, welches sich vor Lachen bog, zu singen und die spöttischen Kritiken im Anschluß an das Konzert zu lesen und zu ertragen. Denn sie war von ihren Sangeskünsten überzeugt. Um die Einmaligkeit ihrer Stimme wusste sie wohl. Nicht jedoch um die Gründe dafür.
Die Reaktionen der Presse und des Publikums waren in der Tat vernichtend denn Florence Foster Jenkins starb einen Monat nach diesem legendären Konzert.
 „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“
(Grabinschrift der Florence Foster Jenkins)
Der Amerikaner Stephen Temperley, er ist ein Dramatiker, brachte 2004 ein Zwei-Personen-Stück mit dem Titel „Eine Phantasie über das Leben der Florence Foster Jenkins“ heraus. Im Renaissance-Theater in Berlin wird derzeit dieses Stück als deutsche Erstaufführung erfolgreich aufgeführt. Die Rolle der Foster Jenkins wird von Désirée Nick gespielt und man sagt, sie spiele diese außerordentlich gut und sänge die Arien perfekt falsch.
Zum guten Ton gehört nicht eine Gesangsausbildung sondern in erster Linie Respekt und Takt der nicht nur der Musik vorbehalten sein sollte.
 
 
 
 
 
 
 
 
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Leser-Kommentare
    • 18.07.2008 um 08.33 Uhr
    • Rahab
    1. eine wirklich

    bewundernswerte und bewunderungswürdige frau! und eine sehr einfühlsame darstellung! dankeschön!

    • 18.07.2008 um 09.12 Uhr
    • hagego
    2. Eine schöne Story - in der richtigen Ton

    - @SchmittsKatze -

    Wunderbar!

    Eine ergreifende Geschichte. Eine Oper! Und immer auch die Wahrheit. Das Leben schreibt halt doch die besten Geschichten.

    Wenn jetzt Wowis Freundin, Désirée Nick-Nack, das Leben der Florence Foster-Jenkins in Gesang umsetzt, so wird schwer erkennbar sein, ob hier absichtlich (ein Vergnügen) oder doch unabsichtlich der Ton verfehlt wird.

    Ihr Ton, SchmittsKatze, trifft immer ins Schwarze. Auch lange nach Schellacks Zeiten!

    • 18.07.2008 um 10.26 Uhr
    • rabin
    3. Nur im Duo getoppt

    Die grossen Künste der Foster Jenkins wurden durch ein Duett noch gesteigert.Was gibt es Schöneres aus gemeinsames Falsch-Singen ? Die falschen Töne aufeinander abstimmen, oder auch aus dem Takt sein, und die Gemeinsamkeit nicht finden.Jeder singt für die sich falsch.Das sind schwierige Entscheidungen.Dem Begleiter gebührt- dies nebenbei-allergrössten Respekt.     Sich flexibel anpassen und dann wie spielen ? Richtig, um die Sängerin blosszustellen oder falsch, damit es alle merken.Ja, immer wenn ich ihre Performance höre, gehen einem viele Fragen durch den Kopf.

    • 18.07.2008 um 12.51 Uhr
    • Anonym
    4. gemeinhin sagte man dem genie

    gemeinhin sagte man dem genie nach, das etwas "dämonisches"  in ihm einwohnte, das zu sonderleistungen erst die befähigung erteile. in dem von ihnen erinnerten falle, liebe SchittsKatze, war das "dämonische" dieses mal auf seiten des publikums bzw. der konzertemacher. welchen frust dies arme jenkins wohl erfahren haben musste

    • 18.07.2008 um 15.37 Uhr
    • rabin
    5. Konkurrenz-Los

    Wer hätte je mit falschen Tönen und sehr unbestimmten Rhythmus einen solchen Erfolg gehabt ?Wer die beste Sängerin ist, kann nicht festgestellt werdenaberes gibt nur EINE Florence F.J.

  1. 6. Citizen Cane

    erinnert sich jemand an den Film? Das Anliegen des Citizen Cane ist
    die Wahrheit zu schreiben. Als Cane DER Medienmogul (gespielt von Orson
    Welles) und nebenbei sehr reich geworden ist, weil er allmählich den
    Zugang zur Wahrheit verloren hat, verliebt er sich in eine etwas
    peinliche Frau, für die Florence Foster Jenkins das Vorbild abgegeben
    haben könnte.Auch sie kann nicht singen, will es aber partout
    durchsetzen. (Ich kann mir nebenbei auch bei Jenkins nicht vorstellen,
    daß niemand ihr vorsichtig gesagt hat, wie es um ihren Gesang
    stand.) Ein alter Freund warnt ihn, wie Freunde es müssen. Was nützt mir
    ein
    Feund, der zu allem nickt, was ich sage? Das kann mein Schatten besser.
    Aber Cane wirft ihn raus. Er finanziert ihr ein Gesangsstudium, bei
    dem, ich glaube, die besten Lehrer gnadenlos verschlissen und mit Geld
    abgefunden werden. Schließlich ihr Auftritt: Als sich herausstellt, daß
    niemand sie engagieren will, mietet Cane ihr für den großen Auftritt
    einen Ort, vergleichbar mit der Carnegie Hall. Als es sich
    herumspricht, ist die Vorstellung sofort ausgebucht, aus ähnlichen
    Gründen wie bei Florence. Die feine Gesellschaft summend wie ein
    spottgeladener Bienenschwarm: sensationslüstern. Die Aufführung
    grausam: Ich glaube, zuletzt sitzt ganz allein nur noch Citizen Cane
    im Zuschauerraum, zerpflückt grimmig das Programmheft und hört
    angestrengt zu, während die anderen schon längst prustend oder
    türenschlagend vor den falschen Tönen geflohen sind. Aber er findet zur
    Wahrheit zurück, und in der letzten Einstellung zu dieser Episode sieht
    man ihn eine vernichtende Kritik schreiben. 

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