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Leserbrief zum Artikel ,,Warum streiken?“ vom 19.11.2009

Ihr Leitartikel der Ruprik ,,Chancen – Schule, Hochschule, Beruf“ vom 19.11. stößt bei mir auf Verwunderung. Sie betiteln das Gespräch zwischen Frau Wintermantel, HRK-Präsidentin, und zwei Studierenden aus Heidelberg mit,,Warum streiken?“. Bezug nimmt diese Frage auf die seit letzter Woche stattfindenden Demonstrationen und Besetzungen von Bildungseinrichtungen im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks. Angefangen in Heidelberg am 3.11. mit der ersten deutschen Besetzung von universitären Gebäuden, in diesem Falle eines Hörsaals, breiteten sich die Besetzungen bis jetzt bundesweit auf über 60 Universitäten sowie einige Schulen aus. Die vereinzelten polizeilichen Räumungen hatten teilweise eine erneute Besetzung zu Folge, wie etwa in Tübingen.

Im Streitgespräch, welches sich größtenteils mit nur zwei der Punkte der Forderungen der BildungsstreikaktivistInnen beschäftigt, nämlich der Verbesserung der Umsetzung des Bologna-Prozesses, diskutieren zwei Studierende, welche natürlich von diesem Prozess betroffen sind, sich jedoch nicht am Bildungsstreik aktiv beteiligen. Auch gehören sie nicht zu der Gruppe der Studierenden, die den Hörsaal ihrer Uni, in ihrem Falle die Universität Heidelberg, seit fast drei Wochen besetzen. Im Untertitel erfährt der/die LeserIn die politische Richtung der beiden Studierenden, Juso bzw. Christdemokrat, womit eine persönliche Einteilung der/s LeserIn eventuell erleichtert werden soll.

Nicht zu Wort kommen in Ihrem Artikel diejenigen, um die es sich handelt beim ,,streiken“: eben jene Studierende, Schüler und Schülerinnen, Azubis und alle anderen Beteiligten, welche die sich nun in allen Medien wiederspiegelnde Bildungsdebatte zu verantworten haben: AktivistInnen des Bildungsstreiks, Demonstrierende in allen deutschen Städten und BesetzerInnen der Bildungseinrichtungen. Dass deren Forderungen an die verantwortlichen AkteurInnen des Bildungssystems auch über die Verbesserung des Bachelor/Master-Systems hinausgehen, dass nicht nur eine Ökonomisierung der Bildungseinrichtungen kritisiert wird, sondern auch eine umfassende Demokratisierung und ein Abbau hierarchischer Strukturen ebendieser gefordert wird, dass die Forderungen nach gerechter Bildung alle Bildungseinrichtungen umfassen, darauf wird im Gespräch der beiden Studierenden mit Frau Wintermantel nicht eingegangen.
Jedoch würde ein, wenn auch nur kurzer, Einblick in das Selbstverständnis des Bildungsstreiks, der sich als ein soziales Bündnis, als eine gesamtgesellschaftliche Protestbewegung versteht, erste Aufschlüsse über den Zusammenhang von Bildungsstreik-Forderungen und den aktuellen Besetzungen geben. Denn gerade weil die AktivistInnen bildungspolitische und damit verbundene gesamtgesellschaftliche Veränderungen antstreben, sind sie auf Medien und Öffentlichkeitund angewiesen, um sich Gehör zu verschaffen. Auch verstehen sie einen gesamtgesellschaftlichen bildungspolitischen Diskurs als erklärtes Ziel des Bildungsstreiks.
Als eine von vielen Formen des Protests wird die Besetzung von Hörsälen angewendet, aktuell an über 60 Universitäten in der Bundesrepublik. Dies trägt zum oben erwähnten Ziel einer bildungspolitischen Diskursbildung bei.
Die mediale Berichterstattung sollte diese Chance nutzen, um die Beweggründe der Besetzer, von alltäglichen Mitteln des Protests wie etwa Demonstrationen auf andere Protestformen überzugehen, zu erläutern, und um deren Forderungen abermals der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Notwendig dafür wäre es, ein Gespräch mit BesetzerInnen zu führen und somit die eigentlichen ProtagonistInnen reden zu lassen. Dass diese wohl detailliert über die Besetzungen berichten und mit VertreterInnen aus Bildungspolitik u. ä. diskutieren können, steht außer Frage.
Die BesetzerInnen an allen Hochschulen gelangen über basisdemokratisch gehaltene Plena zu Entscheidungen und lehnen Hierarchien bei Entscheidungsprozessen ab. Ein Streitgespräch im Themenspektrum der besetzten Hörsäle im Rahmen des Bildungsstreiks darzustellen, ohne die BesetzerInnen miteinzubeziehen, verfehlt gänzlich das Anliegen derselben. Ein wirklicher bildungspolitischer Diskurs kann nur zustande kommen, wenn verschiedene Meinungen öffentlich zugelassen und wiedergegeben werden und darausfolgend die Chance eines Eintritts in einen offenen Dialog beginnen kann.

Eine Darstellung der Besetzungen als friedliches Mittel des Protests, das Aufzeigen ihrer Organisationsstruktur und ihrer inhaltlichen Arbeitsweise kann zu diesem gewünschten Diskurs beitragen.

Jessica,
Studierende im 6. Fachsemester an der Universität Heidelberg

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Leser-Kommentare
    • 23.11.2009 um 16.16 Uhr
    • outis
    1. Jaja,

    diese basisdemokratischen Plena habe ich noch gut in Erinnerung, wo die üblichen Verdächtigen von Referat"Keine Macht für niemand" die Agenten des Kapitals in Form von RCDSlern niederschreien. Dann werden ein paar überzogene Forderungen aufgestellt, die repressionsfreie Gesellschaft beschlossen und den 98% der Studenten, die an keiner Vollversammlung teilgenommen haben werden basisdemokratisch die Hörsääle blockiert.
    Gab's vor zehn Jahren schon, und nach fünf Minuten Vollversammlung war mir klar, dass wir so kein einziges Buch mehr in der Bibliothek haben werden. Meine kurze Phase als Bildungsaktivist.

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