Leserartikel-Blog

Der reale Gott

Die Wissenden sind nicht neugierig.
Anatole France

Vielleicht wird Sie verwundern zu hören, dass Gott nachweislich existiert, dass es recht simpel ist, das zu zeigen, und zwar in einer Form, die selbst Naturwissenschaftler überzeugt, sogar solche, die einem beinharten Atheismus anhängen. Nur wird dieser Beweis, vermutlich und ironischerweise, auf den erbitterten Widerstand fast aller Theologen treffen.

Das Experiment kann in jeder zeitgemäß ausgestatteten Klinik durchgeführt werden, etwa so: Ein, nach eigenem Bekunden, tiefgläubiger Mensch legt sich in die Röhre eines Computertomographen, der Versuchsleiter ruft ihm ›Gott‹ zu, und seine sekundierenden Ärzte schießen ein Foto von Gott, wie der sich regt, wenn nur sein Name gerufen wird.

Halten Sie das bitte nicht für einen blasphemischen Witz. Man kann mit dem Verfahren sogar die Heuchler ausfiltern. Gott ist eine neuronale Realität, keineswegs eine wahnhafte Fiktion. Der Scanner beweist das, allen Dualisten zum Trotz. Wer fest an Gott glaubt, wer immer wieder über seinen Glauben redet, wer mit Gott redet und über ihn, der hat Gott in sich. Auch das ist keine ironische Sophisterei. Zu bezweifeln ist zwar, dass es mit Hilfe des Tomographen möglich sein wird, eine scharf umgrenzte Struktur zu lokalisieren wie etwa einen Tumor. Aber nehmen wir um des Gedanken willens einmal an, eine solche Struktur zeigte sich tatsächlich. Ein geübter Neurochirurg könnte sie entfernen; und wenn er es täte, was hätte das für Folgen?

Wenn Sie es wären, die oder der sich diesem Eingriff unterzogen hätte, gäbe es für Sie keinen Gott mehr. Nicht der Hauch einer Erinnerung wäre noch da. In Sachen Gott wären Sie wieder ein unschuldiges, unwissendes Kind, das glauben müsste, was vermeintliche Autoritäten auf diesem Gebiet ihm erzählten.

Sagen wir, Sie verfügten über reiche Lebenserfahrung und einen kritischen Kopf. Dann klängen Ihnen die Erzählungen von Gott höchst fragwürdig. Insbesondere fänden Sie es wohl äußerst suspekt, dass Ihnen bezüglich des nun wieder neuen Sachverhaltes Denkverbote auferlegt würden. Zum Beispiel dürften Sie nicht fragen, wie man über Gott etwas wissen kann. Fragten Sie nach den Wissensquellen der Gott-Sachverständigen, würde man Ihnen sagen: ›Schauen Sie, wir haben hier diese heiligen Bücher! Da steht alles.‹ Sie läsen darin und zweifelten schnell an deren Beweiskraft. Um wenigstens ein Quäntchen Seriosität ringende Theologen geständen Ihnen schließlich demutsvoll verkrampft ein, dass sie tatsächlich nichts in Händen halten, was nach unseren Maßstäben gerichtsverwertbar wäre, weder von oder über Jesus von Nazareth noch von oder über Gott und den Heiligen Geist. Es gibt kein Schriftgut von ihnen. Es gibt keine vertrauenswürdigen Zeugen, die ihre Finger heben könnten, um zu beeiden: ›Ja, das hat er gesagt. Das habe ich gehört.‹ Es gab sie auch nie und dennoch Literatur über das Dreigestirn, dass ein Güterzug nicht reicht, sie wegzuschaffen. Was, außer ›Hosianna! Hosianna! Hosianna!‹, kann da drin stehen?

Das Buch Hiob sei »Eines der schönsten Bücher nicht nur der Bibel, sondern der Weltliteratur«. Doch der Gott des Hiob ist ein zynischer Zocker. Ihm wird zwar Allmacht und Allwissenheit zugeschrieben, dennoch lässt er sich auf eine Wette mit Sohn Satan ein, der dem frommen Hiob alles nehmen darf, von seinen Kindern, die wie Vieh erschlagen werden, über seine Knechte, seinen Besitz, seine Gesundheit bis hin zum sehr hoch geschätzten Ruf, nur damit zum Schluss herauskommt, dass Hiob trotz aller vom allgütigen Gott genehmigten Grausamkeiten ein aufrechter und gottesfürchtiger Mann geblieben ist. Wozu, wenn Gott es vorher schon gewusst hat?

In der kritischen Auseinandersetzung über solche Fragen dämmerte Ihnen recht bald, dass wohl nicht die Bücher an sich so heilig sind als vielmehr das, was die amtlichen Exegeten über sie sagen. Ein Blick in die Geschichte bestätigte Ihnen, dass Zweifel an deren Auslegung üble Folgen zeitigten: vom Büßerhemd mit gelbem Kreuz, das den Zweifler monatelang dem Spott und der Verachtung der Frommen und Gläubigen aussetzte, über jahrelangen Galeerendienst bis hin zum Tod auf dem Scheiterhaufen, wobei es eine Gnade war, wenn der Frevler vor seiner Verbrennung erdrosselt wurde.

Wenn Ihnen nun danach wäre, einen Grundkurs des Glaubens zu machen, vielleicht nur vorsichtshalber, träfen Sie womöglich auf folgende Worte: »So wäre es ja vielleicht — wer vermag das genau zu wissen — auch denkbar, dass die Menschheit in einem kollektiven Tod bei biologischem und technisch-rationalem Fortbestand stirbt und sich zurückverwandelt in einen Termitenstaat unerhört findiger Tiere. [...] Aber eigentlich existiert ein Mensch nur als Mensch, wo er wenigstens als Frage, wenigstens als verneinende und verneinte Frage ›Gott‹ sagt.«

Die Dehumanisierung, wie hier für die ›Gott-losen‹ suggeriert, schließt nicht nur alle Buddhisten ein, die seit zweitausendfünfhundert Jahren ohne Kreuzzüge, Inquisitionstribunale und Verbrennung vermeintlicher Ketzer friedfertig ihren Weg gehen, sondern Dehumanisierung ist immer der vorletzte Schritt auf dem kurzen Weg, den Andersdenkenden, den Fremden, den Gefürchteten zuerst klein und hässlich zu reden, so die natürliche Hemmschwelle zur Gewalt gegen ihn zu senken, damit schließlich das Insekt erschlagen, vergast oder verbrannt werden kann. Ohne Skrupel! Was zählt schon ein Insektenleben!

Papst Leo XIII. an alle Gläubigen: »Er [Giordano Bruno] hat weder irgendwelche wissenschaftlichen Leistungen aufzuweisen noch hat er sich irgendwelche Verdienste um die Förderung des öffentlichen Lebens erworben. Seine Handlungsweise war unaufrichtig, verlogen und vollkommen selbstsüchtig, intolerant gegen jede gegenteilige Meinung, ausgesprochen bösartig und voll von einer die Wahrheit verzerrenden Lobhudelei.«

Das war 1889 anlässlich der Aufstellung des Bruno-Denkmals auf dem Campo dei fiori, wo Bruno am 17. Februar 1600 bei lebendigem Leib verbrannt worden war. Dem Papst konnte nicht entgangen sein, dass Bruno in entscheidenden Punkten seiner Kosmologie recht gehabt hatte. Und was waren Brunos Bücher anderes als der öffentliche und verzweifelte Versuch, seine Mitmenschen aus der Finsternis eines dogmatisch zementierten Irrglaubens herauszuführen? Doch unbeirrt jedweder wissenschaftlicher Erkenntnis verteidigte Papst Leo XIII. die katholische Privatwahrheit seiner Vorgänger. Dienten seine Worte einem anderen Zweck, als die Verbrechen der Inquisition als eine der Menschheit erwiesene Gnade zu rechtfertigen? Er soll ein »glänzender Diplomat« gewesen sein.

Man kann auch die gottlosen Termiten nicht als singuläre Entgleisung eines vereinzelten religiösen Wirrkopfes verstehen, denn »Der Autor hat in der langen Geschichte dieses Werkes seit 1964 vielfältige Hilfe erfahren.« Geschrieben im Juni 1976. Das Gespenst eines »Termitenstaates« schreckte also nicht nur ihn und war offenbar wohlreflektiert: »Dieses Buch geht daher von der Überzeugung aus und sucht diese durch sich selbst zu erhärten, daß es zwischen einem einfachen Katechismusglauben einerseits und dem Durchgang durch alle genannten — und manche anderen — Wissenschaften andererseits doch eine Rechtfertigung des christlichen Glaubens in intellektueller Redlichkeit gibt: eben auf der Ebene, die wir die ›erste Reflexionsstufe‹ genannt haben.«

Der das geschrieben hat, war ein hochgeschätzter und weithin geachteter Kirchenlehrer und als solcher eine theologische Autorität für die Rechtfertigung des christlichen Glaubens in intellektueller Redlichkeit.

Alles längst vergeben! Johannes Paul hat sich dafür entschuldigt. Kommt nicht wieder vor. Wir blicken hoffnungsfroh nach vorn.

Gut. Aber das grundsätzliche Problem ist mit der päpstlichen Entschuldigung nicht aus der Welt: die Tatsache nämlich, dass, wer immer sich im Besitz einer von Gott geoffenbarten Wahrheit wähnt, einfach nicht mehr irren kann. Er gehört zur Kaste der Unfehlbaren, die notgedrungen alles als unglaubwürdig brandmarken und bekämpfen — missionieren — muss, was ihrem Glauben tatsächlich oder vermeintlich widerspricht, oder, wo die Kraft zum Widerstand fehlt, sich in eine pseudo-schizophrene Geisteshaltung flüchtet: Der Irrtum bricht immer erst dann, tragischerweise und schicksalhaft, über die Situation herein, nachdem die an sich richtigen Entscheidungen getroffen worden sind.

Was wären die Voraussetzungen echter Unfehlbarkeit? An erster Stelle zweifellos eine ideale neuronale Maschinerie. Man kann sich das vielleicht so klar machen: Was nützt ein fehlerfreies Programm, wenn die Hardware Aussetzer zeigt? Im Begriff einer idealen Denkmaschine liegt ihre fehlerfreie Arbeit. Bei technischen Systemen bedeutet das, dass die Maschine so funktioniert, wie ihr Konstrukteur vorgegeben hat. Das kann relativ leicht überprüft werden, da es einen Plan gibt, gegen den das Verhalten der Maschine abgeglichen werden kann. Für das Hirn gibt es keinen Konstruktionsplan. Eine dem technischen Bereich analoge Überprüfung auf korrekte Funktionsweise seiner Schaltkreise ist deswegen nicht möglich. Es ist unbekannt, wie neuronale Schaltkreise schalten müssten, damit ein bestimmtes Ergebnis erzielt wird.

Die Analogie ist hier längst schon zusammengebrochen. Die neuronalen Schaltkreise sind an keinem Reißbrett entstanden oder das Werk genialer Algorithmen. Sie sind ein Produkt des Zufalls, der sich evolutionär gewachsener Strukturen bemächtigt hat. Daher läßt sich auch nicht entscheiden, ob sie korrekt schalten oder nicht. Die fehlerfreie Funktion der neuronalen Maschinerie kann nicht eingefordert werden. Von niemandem!

Schieben wir diese technisch-logischen Probleme beiseite. Sagen wir, wer eifrig Theologie studiert und immer schon viel gebetet hat, kommt in den Genuss einer solchen neuronalen Maschine, zumindest und spätestens dann, wenn er zum Papst gewählt wird, denn bescheidener- aber paradoxerweise wird ja nur ihm Unfehlbarkeit attestiert. Woher aber hat der Papst Informationen über die Offenbarungssituation, die sein Urteil unfehlbar machen? Stehen ihm andere Informationsquellen zur Verfügung als dem Rest der Menschheit?

Wenn die Antwort ›Ja‹ lautet, dann sollte er seine Quellen offenlegen, damit wir anderen künftig wenigstens in dieser Hinsicht ebenfalls unfehlbar richtige Aussagen tun können und die leidige Diskussion über die korrekte Interpretation von Gottes Willen positiv und endgültig zugunsten der katholischen Kirche entschieden werden kann. Das ärgerliche Problem des sich seit seiner Entstehung in folkloristische Beliebigkeit zerfransenden Protestantismus wäre damit ebenfalls obsolet.

Wenn die Antwort ›Nein‹ lautet, dann ist nicht klar, wie ein fehlbarer Mensch, und habe er in seinem Leben auch noch so viel gebetet, trotz unvollständiger Information unfehlbar richtige Aussagen machen kann über eine Situation, die dem Vernehmen nach im unergründlichen Dunkel ferner mythischer Zeitalter liegen soll. Die fehlende Information kann auch nicht herbeigeglaubt werden. Wäre das möglich, könnte man Woche für Woche den Haupttreffer im Lotto landen.

Rational ist wessen Unfehlbarkeit auch immer nicht begründbar. Man kann sie mit Verweis auf zwei notwendige, aber der Sache nach stets fehlende Voraussetzungen bestreiten.

Nun könnte eine um Seriosität bemühte Theologie Unfehlbarkeit durch ›sinnhafte und logisch konsistente‹ Aussagen ersetzen. Doch in Sachen Logik vertreten theologische Kreise einen profunden Agnostizismus. Worte eines habilitierten Theologen: »Ob der Satz, es gebe die Wahrheit, wahr ist, können Sie nur unter Voraussetzung der Wahrheit entscheiden. Auf dieser Ebene würden Theologen den Gottesbegriff ansetzen, wenn sie sagen, Gott ist die Wahrheit. Er ist dann das, was ich nicht mehr mit den Alternativen wahr und falsch untersuchen kann, weil es diese Kriterien erst generiert.«

Gott, der Wahrheitsgenerator. Kann man den noch dem verhärmten Mütterchen vermitteln, das nach einem strapaziösen, entbehrungsreichen Leben wenigstens auf ein warmes, wohlwollendes Lächeln des Allmächtigen hofft?

»Gott ist die Wahrheit« ist kein wahrheitsfähiger Satz. Und niemand kann erklären, was damit eigentlich gemeint ist. Bestenfalls Bekenntnischarakter kann man ihm zusprechen. Doch auch das innigste Bekenntnis zu Gott kann elementare Logik nicht ersetzen. Sie ist die weiße Magie, durch die Sprache sinnhaltig und verständlich wird. Wer will, dass sein Gott ernst genommen wird, erreicht das am ehesten durch sachlich fundierte und logisch korrekte Aussagen. Wenn die nicht möglich sind, sollte er's mit Wittgenstein halten: Wovon man nicht reden kann, soll man schweigen.

Dass Theologen sich damit schwer tun, ist kein Zufall. Ist doch ihr Herz voller Gottesfurcht und liebender Lobpreisung für den allmächtigen Vater, voll jener prickelnden Hass-Liebe, die aus der Kindheit nachhallt. Vielleicht deswegen können Theologen nicht ernsthaft der Frage nachgehen, wodurch ihr Gott in diese Welt gekommen ist. Ein Theologe muss sie für falsch gestellt oder gar für absurd halten. Absurd wird sie jedoch nur, weil sein Denken auf Axiomen gründet, die er nicht mehr hinterfragen will oder gar nicht hinterfragen kann: Keine Fragen, keine Erkenntnis. Seine Gottesfurcht drückt sich durch Geräusche aus, die wie Sprache klingen, tatsächlich aber keinerlei Information über intersubjektiv zugängliche Sachverhalte tragen, sondern bestenfalls als Speicherabzug seiner auf ›Gott‹ geeichten neuronalen Netze gedeutet werden können. Die Glaubenskongregation, so er katholisch ist, steckt ihm den Rahmen ab, innerhalb dessen solcherart theologische Sprachspiele stattfinden dürfen. Protestantisch geprägte Sprachzentren genießen eine weit größere Autonomie.

Welchen Sinn hat das ganze? — Man kann sich so seine Lebensangst vertreiben. Und gleichzeitig der Welt offenbaren, dass man auf der richtigen Seite steht, auf der des Allmächtigen nämlich. Sollte nicht schon dieses Bekenntnis allein, vertreten im rechten Habitus, allen schlichten Geistern den gebührenden Respekt abnötigen? Das Spektrum der Darstellung reicht weit: vom frömmelnden Gutmenschen, dessen Differenzierungsvermögen das eines Grundschülers kaum überschreitet, bis hin zum philosophisch aufgeblasenen Herrenmenschen, der seinen verkappten Rassismus wie einen Orden trägt. Und immer geht es darum, vom Allmächtigen für die vollbrachten Großtaten geliebt zu werden. In Ewigkeit, amen!

Hierher gehört die Dehumanisierung Andersdenkender ebenso wie der primitive Reflex, ihn genau jener Vergehen zu beschuldigen, die auf dem eigenen Konto stehen.

Auch das Buch Hiob hat hier seinen Platz. Es ist ein Lehrstück in Zynismus, aber unsere Theologie schwärmt »Eines der schönsten Bücher nicht nur der Bibel, sondern der Weltliteratur«.

Warum? — Setzt ein Mensch so unbeirrbar auf Gott, wie Hiob das tut, kann man ihm schlicht alles zumuten. Er wird es tragen, vielleicht ein wenig murren wie einst sein mythisches Vorbild, aber er wird es tragen. Gibt es einen idealeren Untertan?

Friedrich der Große an seinen Staatsminister von Zedlitz: »daß die Schulmeister auf dem Lande die Religion und die Moral den jungen Leuthen lehren, ist recht gut, und müssen sie davon nicht abgehen, damit die Leute bei ihrer Religion hübsch bleiben und nicht zur katholischen übergehen, denn die evangelische Religion ist die beste und weit besser als die katholische; darum müssen sich die Schulmeister Mühe geben, daß die Leute Attachement zur Religion behalten und sie soweit bringen, daß sie nicht stehlen und morden ... sonst ist es auf dem platten Lande genug, wenn sie ein bisgen Lesen und Schreiben lernen; wissen sie aber zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretärs und so was werden; deshalb muß man aufn platten Lande den Unterricht der Leute so einrichten, daß sie das Notwendige was zu ihrem Wissen nötig ist lernen, aber nach der Art, daß die Leute nicht aus den Dörfern weglaufen, sondern hübsch dableiben ...«

Wahrscheinlich erklärt das ..., warum an staatlichen Hochschulen auch heute noch Theologie gelehrt wird: Damals brauchte man viel braves gläubiges Landvolk, heute viel braves gläubiges Konsumvolk und noch immer wenige denkende Sekretärs und so was.

Das Reden von Gott hat seine Wurzeln im Altertum, in einem sehr naiven Weltbild. Es fehlte die Ethik. Es fehlte die Logik. Es fehlte die kritische Reflexion und vieles andere mehr. Überfordert von der unermesslichen Vielgestaltigkeit der Natur um Erklärungen für all die Fülle ringend, vergeblich Zuflucht vor Willkür und Grausamkeiten aller Art suchend, verzweifelt auf ein besseres Leben hoffend, irgendwann, irgendwo, schufen Menschen übermächtige anthropomorphe Gewalten, an deren Wirklichkeit sie dann glaubten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Theologie zwanghaft darum kreist, diesen atavistischen Schöpfungsakt irgendwie in unsere Zeit hineinzuretten: »Gott ist die Wahrheit.«

Gott will erlernt werden, wie Rechnen oder Geigen. Je rechtzeitiger man damit beginnt und je ernsthafter man sich darin übt, desto virtuoser ist nachher das Können. Dass es eine wohlfeile Eitelkeit ist, sich ein unbeirrbares Wissen von Gott zuzusprechen, das einzig auf Texten gründet, deren Quellen dubios sind und deren Auslegung dogmatisch eingeengt und logisch falsch ist, muss man einstweilen beiseite drängen. Dass im Namen Gottes immer schon unvorstellbar viel geheuchelt und ein haarsträubender Unsinn verzapft wurde, dass Verbrechen verübt wurden, die an Menschenverachtung nur selten überboten worden sind, hat nicht verhindert, dass wir es ins 21. Jahrhundert geschafft haben. Warum sollte es nicht nochmal zweitausend Jahre gut gehen?

Weil zweitausend Jahre Indoktrination mit christlicher Lehre weder Auschwitz noch Hiroshima verhindert haben. Im Gegenteil! Wo es Gläubige gibt gleich welcher Couleur, da gibt es auch Ungläubige. Und die muss man bekehren oder totschlagen, sonst kann man nicht in Frieden leben.

Jener intellektuell redliche Kirchenlehrer, der sich vor dem »Termitenstaat« der Gottlosen fürchtete, und der mit seinem aus einer bodenlosen Ignoranz gegenüber tatsächlicher wissenschaftlicher Redlichkeit quellenden Glauben, was denn ein Mensch sei und was nicht, Hunderte, wenn nicht gar Tausende junger naiver Menschen für die Verkündung des Wortes Gottes geprägt hat, hatte zweifellos nicht begriffen, wodurch Auschwitz möglich geworden war. Kompensatorisch hob ihn dafür seine maßlose priesterliche Arroganz in den Kreis der Auserwählten empor, in den Kreis jener, die sich im Besitz unumstößlicher Wahrheiten wähnen; Wahrheiten allerdings, die ihn dieser Welt weit entrückten, die ihn, den oft und gerne zitierten »homo religiosus«, nur mehr verächtlich auf uns »unerhört findige Tiere« herabblicken ließen und die ihn hinderten zu sehen, dass es immer und überall die Gläubigen sind, die nach den Schalmeien der Rattenfänger tanzen und Flachhirne auf den Schild heben, auf dass die ihre apokalyptischen Reiter aussenden gegen alles Böse in der Welt, was immer sie darunter verstehen und wo immer sie es vermuten. Soll so unsere Zukunft aussehen?

Die Religion hat ihre Zeit gehabt. Sie war nicht gut. Menschen können denken. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sie daran zu hindern. — Gleich um welcher Hirngespinste willen!