Leserartikel-Blog

Aufruf zur Reform der deutschen Schulbildung

Wenn man etwas reformieren will, sollte man in einer gründlichen Bestandsaufnahme zunächst einmal überschaubar machen, was sozusagen `anliegt´.
Das Schulsystem in diesem Fall ist in seiner Gesamtheit allerdings nicht zu überschauen, in seiner Verwaltung, in der Ausbildung von Lehrern, in der Unterrichtsqualität an den Sculen etc. sowie in allen sich daraus ergebenen Konsequenzen hinsichtlich z.B. von Chancengleichheit, Durchlässigkeit etc.pp....

Hier will ich jetzt zunächst versuchen, den Verwaltungsapparat von Schule und Bildung mal ein wenig zu durchleuchten....
Da kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass es ein `Deutsches Schulsytem´ im eigentlichen Sinne gar nicht gibt, obwohl sich ja der Staat dazu verpflichtet, die Bildung seiner Nachwuchsgenerationen zu fördern. Später mehr dazu.

Ich will zunächst zwei `geflügelte´ Begriffe in Sachen Bildung zu Rate ziehen: `Bildungschancen´ und `Chancengleichheit´.

Zunächst einmal unterscheiden sich die `Bildungschancen´ durch die Verwaltungsbürokratie unserer Bundesländer ganz erheblich und zwar für alle Lehrer (!) von ihrer Ausbildung über das Referendariat bis hin zu den Vorgaben, Verordnungen, Verfügungen - oder wie das alles heißen soll - kurz: alle Vorschriften für die Durchführung ihres Unterrichts, wobei letzteres dann durch die jeweiligen Schulleiter mehr oder weniger in die Tat umgesetzt werden muss.

Nach Studium, das ich hier nicht einbeziehen will, muss ein Lehrer sich in seiner zweiten Ausbildungsphase im sog. `Referendariat´ erst einmal bewähren bei zahlreichen Unterrichtsbesuchen, in Seminaren etc., seine Leistungen werden überprüft und mit einer Abschlussprüfung zusammenfassend bewertet. Nun müsste man eigentlich davon ausgehen, dass zumindest im selben Bundesland in etwa einheitliche Leistungsmaßstäbe – von der pädagogischen Orientierung ganz zu schweigen - für diese Ausbildungsphase angelegt werden.

Ganz und gar nicht! Schminken wir uns das mal schnell wieder ab! Es kann unterschiedlicher kaum sein, was einen Referendar erwartet, je nachdem in welchem `Seminarort´ er welcher `Schulaufsicht´ unterstellt ist, und das wäre im Vergleich zweier Seminarorte leicht zu belegen.
Bleibt nur festzustellen, dass die Bildungschancen eines (schwachen) Schülers einer Grundschule in Niedersachsen im Wesentlichen davon abhängt, an welcher Schule er unterrichtet wird. Und genau so geht es auch jedem Lehrer bei der Ausbildung angefangen.
Wie bzw. ob das in anderen Bundesländern geregelt wird, weiß keiner so genau, zumal das den Gesamtzusammenhang über Maßen komplizieren würde.

Zusammenfassend stellt sich hier die Frage, worin ganz konkret auf diese Beispiele bezogen der entscheidende Anteil eines `Deutschen Schulsystems´ besteht.... Gibt es ihn überhaupt oder erschöpft er sich in Unverbindlichkeit? Ziellosigkeit? Orientierungslosigkeit? Unentschlossenheit? Resignation? Oder gar Angst?...

Aber irgendein Mitwirken muss es vom Staat doch geben, wenn von einem `Deutschen Schulsystem´ die Rede ist....suchen wir mal danach.

Nach aktuellem Stand stoße ich zunächst auf "Das Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder der….(Hrsg.)" mit der Ausgabe "Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland 2008" - Auszug -, Bonn 2009.
Unter "2.2 Laufende Debatten und zukünftige Entwicklungen" finden sich die Unterpunkte "Föderalismusreform" und
"Umstellung auf eine ergebnisorientierte Steuerung des Bildungssystems".
Da wird wie folgt reglementiert:
In Bezug auf "Föderalismusreform" müsse die "Beziehung zwischen Bund und Ländern neu geregelt", "Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit verbessert" werden (vgl. S.32).
Unter "Umstellung auf eine ergebnisorientierte Steuerung" heißt es:
"Im SCHULBEREICH ist mit der Einführung nationaler Bildungsstandards und der Einrichtung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ein Paradigmenwechsel im Sinne einer ergebnisorientierten Steuerung des Bildungssystems eingeleitet worden. Zur systematischen Verknüpfung der einzelnen Maßnahmen zur Beobachtung und Weiterentwicklung von Bildungsprozessen hat die Kultusministerkonferenz eine Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring (-) beschlossen, die vier miteinander verbundene Bereiche umfasst: internationale Schulleistungsuntersuchungen, die zentrale Überprüfung des Erreichens der Bildungsstandards im Ländervergleich, Vergleichsarbeiten zur landesweiten Überprüfung der Leistungsfähigkeit einzelner Schulen und die gemeinsame Bildungsberichterstattung von Bund und Ländern" (S.33).
Im weiteren Verlauf zur Schulentwicklung tauchen Begriffe auf wie "Qualitätsentwicklung bzw. –sicherung", "Reformmaßnahmen", "Akkreditierung und Evaluation" etc., Begriffe, die schwer zu fassen sind, und die ich teilweise selbst nicht verstehe.

Unter Punkt "Qualifizierungsinitiative" wird auf die "D r e s d n e r E r k l ä r u n g" Aufstieg durch Bildung, einem "gemeinsamen Ziel- und Maßnahmenkatalog von Bund und Länder" verwiesen, der sich auf alle Bildungsbereiche bezieht:

"Qualifizierungsinitiative
Angesichts des demographischen Wandels und mit Blick auf den sich abzeichnenden Fachkräftebedarf bedarf es in den kommenden Jahren großer Anstrengungen zur Weiterentwicklung des deutschen Bildungssystems. Dies betrifft insbesondere die Schnittstellen von frühkindlicher Bildung, Schule, Ausbildung und Hochschule.
Vor diesem Hintergrund haben sich Bund und Länder in der D r e s d n e r E r k l ä r u n g Aufstieg durch Bildung....(Die Qualifizierungsinitiative für Deutschland vom Oktober 2008) auf einen gemeinsamen Ziel- und Maßnahmenkatalog verständigt, der sich auf alle Bildungsbereiche von der frühkindlichen Bildung bis zur Weiterbildung im Beruf bezieht..." (ebenda S.31).

Werden sich in dieser `Dresdner Erklärung Aufstieg durch Bildung´ irgendwelche Hinweise finden, die die Zuständigkeit unseres Staates `inhaltlich v e r b i n d l i ch´ transparenter machen?

Die Dresdner Erklärung zur Qualifizierungsinitiative wird durch ein Vorwort des Vorsitzenden der Konferenz der Regierungschefs der Länder den Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen Herrn Stanislaw Tillich eröffnet (Dresden, 22. Oktober 2008).
Den ersten Satz im Vorwort unterstreiche ich ausdrücklich:
"Bildung ist der Schlüssel für die Zukunft unseres Landes." Und wie geht es weiter?

Man mag es glauben oder nicht, mit einem "Qualifizierungs g i p f e l". Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten hätten hier am 22. Oktober 2008 "das gemeinsame Anliegen" dokumentiert.... "Chancengerechtigkeit - individuelle Förderung - Leistungsorientierung bilden hierbei einen Dreiklang." "Die Ausgangslage und die Bedürfnisse in den Ländern sind in der Bildungspolitik unterschiedlich. Deshalb können auch nur die jeweiligen Landesregierungen auf die regionalen Gegebenheiten und Bedürfnisse angemessen Antworten geben." "(Die Frage, inwieweit Bildungsangebote im vorschulischen Bereich und beim Erststudium staatlicherseits gebührenfrei anzubieten sind, wird unterschiedlich beantwortet... Bildung steht in gesamtstaatlicher Verantwortung."

(Der Vollständigkeit halber füge ich nach meinem Artikel einen link hinzu, unter dem sich jeder über die `Leitsätze´ der Qualifizierungsinitiative im Detail informieren kann.

Kommen wir nun auf die "Föderalismusreform I" der Kultusministerkonferenz von 2009 zurück, so heißt es dort:
"Für die Gesetzgebung und Verwaltung im Bildungswesen liegt der ganz überwiegende Teil der Kompetenzen bei den Ländern (vgl. Kapitel 2.3.. Dies gilt insbesondere für das Schulwesen…."

Das bedeutet doch, dass jedes Bundesland für sich Gesetze für die Bildung unserer Kinder macht und diese auch verwaltet, während der Staat dafür Verantwortung trägt.

So geht das aber nicht Vater Staat, da würd ich doch mal nachsehen, was bei der Gesetzgebung deiner Länder an der Basis so alles dabei herauskommt. Da helfen auch die schönsten Formulierungen bis hin zum Qualifizierungsgipfel nichts.
Wie z.B. ist es zu rechtfertigen, dass Lehrerkollegien durch frag- bzw. unwürdige sog. Schulinspektionen in NDS. derart (auch psychisch) belastet werden, dass ihnen allesamt die Nerven blank liegen? Wäre es nicht angemessener, sich stattdessen mit einer kollegialen Beratung einzubringen.

Hier ist der Staat zumindest unter Vorgabe einer Orientierung in den Grundwerten (!), eines Menschenbildes (!), als Kontrollinstanz verpflichtet, so etwas zu unterbinden! Davon bei allem Lesen meiner Recherchen aber leider keine einzige Spur!!

Ich verzichte auf weitere Beispiele unsinniger wie überflüssiger Verordnungen und Verfügungen, die den Schulalltag erschweren und ganz besonders die Schulleiter sehr belasten, weil ich den Artikel nach dem ganzen Wirrwarr endlich zum Ende bringen will.

Und außerdem:
Es weiß doch jeder Handwerker, der einen Betrieb führt, dass er an Gesetze gebunden ist und für eine ordentliche Arbeit seiner Angestellten sorgen muss und wenn er darüber keine Kontrolle hat, können Arbeitsmoral sowie die Qualität der Arbeit so sehr darunter leiden, dass Aufträge ausbleiben. Schon ein Schwarzes Schaf in seiner Belegschaft kann den Betrieb in Verruf bringen.

Ich will jede weitere Kommentierung dieses Artikels dem Leser selbst überlassen. Sollte er zu lang geraten sein, lesen sie ihn wiederholt durch.
Ich weiß, dass Lehrer diesem Korsett bürokratischer Verwaltung inzwischen ganz gut standhalten und würde mir Kritik zu meinem Artikel wünschen.
Die Schüler braucht man nicht zu fragen, die merken nämlich alles und stören lieber.
Vielen Dank!
Pete J. Probe
Link `Dresdner Erklärung zur Qualifizierungsinitiative´:
http://www.bmbf.de/pubRD/...